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Dieser Held, heißt Giambattista Bodoni, ist von Beruf Antiquar und muss nach einem Schlaganfall lernen, ohne einen Teil seiner Erinnerungen auszukommen. Zwar weiß er noch sehr genau, was er einst aus der Bibel und über das klassische Altertum gelernt hat, aber sein Enkelkind ist ihm völlig fremd, und er könnte auch nicht sagen, ob er mit seiner hübschen Assistentin einmal eine Affäre hatte. Ich wusste alles über Alexander den Großen, aber nichts über meinen kleinen Alessandro, sinniert er.
Also begibt er sich im Haus seiner Großeltern, das sich in der norditalienischen Provinz befindet, auf Spurensuche. Alte Bücher, Comic-Hefte, Schallplatten, Fotografien und vieles mehr helfen ihm, sich Stück für Stück in die Vergangenheit zurückzuhangeln. Und mit jedem Fragment, das er sich unter großen Mühen zurückerobert, muss er erkennen, wie sehr der Erwachsene Bodoni von den Vorlieben des kleinen Giambattista geprägt wurde, wie sehr dem Fluss seiner Bildung ein Strom aus scheinbar Trivialem unterliegt.
Nicht zufällig wurde Bodoni zur selben Zeit geboren wie sein Autor: In Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana erkundet Umberto Eco seine eigenen Wurzeln. Im Vorfeld des Romans hat er monatelang nach Erinnerungsstücken aus seiner Kindheit gefahndet, sei es in seinen eigenen Archiven oder bei Sammlern und im Internet. Somit ist sein Roman als Dokument einer bestimmten Zeit gleichermaßen subjektiv wie repräsentativ. Eco-Freunde werden den versierten Historiker ebenso wieder finden wie den verspielten Sprachwissenschaftler. Akademischer Ernst und überbordende Fabulierfreude machen aus diesem Buch ein Leseerlebnis ersten Ranges. Wie immer bei Eco geht es eher langsam los, aber alsbald packt es Autor wie Leser, und die durchwachten Nächte sind vorprogrammiert. --Hannes Riffel
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
67 von 74 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Riesengewinn oder Riesenfrust,
Von Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen (#1 HALL OF FAME REZENSENT) (TOP 50 REZENSENT) (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana (Illustrierter Roman) (Gebundene Ausgabe)
Da bin ich aber mal gespannt, wie die Fangemeinde von Umberto Eco auf den neuen Roman reagieren wird. „Anspruchsvoll, wie immer", meinte der Buchhändler auf meine Frage, was er denn vom jüngsten Werk des italienischen Tausendsassas meine. Auf mein Insistieren, was er damit sagen wolle, gab er flugs zu, nur so drin geschmökert zu haben. Tja, das reicht bei Eco natürlich nicht. Der 72jährige Zeichenforscher von Bologna verlangt von seinen Studenten und Lesern viel. Aber er gibt auch viel. Diesmal einige faszinierende Lehrstunden über unser Gehirn, unsere Erinnerungen, unsere Konstruktion von Wirklichkeit.Gespannt bin ich auf die Leserreaktionen, weil mein positives Urteil auf einem besonderen biografischen Hintergrund basiert. Ich war acht Jahre in Italien, kenne die Schauplätze, die Sprache, die Geschichte, viele der abgebildeten Dokumente, hatte ein faszinierendes Treffen mit dem Autor in Rom und befasse mich seit 17 Jahren intensiv mit Neurologie. Und meine Tochter hatte ebenfalls ein äusserst eingeschränkten autobiografisches Gedächtnis. Eco landete bei mir deshalb im Zentrum meiner Erinnerungen und Interessen. Und dennoch bin ich der Meinung, dass dies nicht sein bester Roman ist. Ich stiess auf absolute Highlights, die mich vom Hocker rissen, bzw. aus dem Bett hochschnellen liessen. Und dann dachte ich auch immer wieder, dass es Eco diesmal weniger gelungen ist, eine literarische Symphonie zu komponieren. Nicht die kleinen neurologischen Ungereimtheiten störten mich, sondern einzelnen Zeichnungen der Figuren, die Verteilung der Schwerpunkte, die Einsätze der verschiedenen Instrumente, Aussetzer des Dirigenten. Und trotz dieser Misstöne, empfehle ich das Buch aus Überzeugung. Denn Vergleichbares gibt es nicht, wenn man den Proust schon gelesen hat. Anspruchsvoll? Ja, aber anders als seine bisherigen Bücher. Die Leser brauchen kein enzyklopädisches Wissen, kein Fremdwörterbuch und dank der hervorragenden Übersetzungen auch kein Italienischvokabular. Aber man muss sich auf die Bilder einlassen, den schönen Schmöker hie und da zur Seite legen und Raum für eigene Erinnerungen schaffen. Dann tauchen Struwwelpeter, Fix & Fox und all die Helden unserer Kindheit auf. Was hat uns geprägt? Und weshalb wohl? Welche realen und fiktiven Figuren setzen uns in Angst und Schrecken oder gaben uns Zuversicht, das Leben zu meistern? Wo würden wir unsere Geschichte suchen, wenn unsere Erinnerungen plötzlich ausgewischt würden? Welchen Traumbildern jagen wir nach, und weshalb? Wer mit dieser Lesehaltung Ecos neues Buch angeht, wird es keine Sekunde lang bereuen, sich auf diese Reise eingelassen zu haben. Das ist selbstverständlich eine andere Route als Unterhaltung pur. Aber Eco ist ein toller Guide. Dass er nun mal 72 Jahre zählt, seinen Schatz in Italien, im Faschismus und in seiner Medienkultur gesammelt hat, ist seine Geschichte. Nehmen wir doch die Einladung an, unsere eigene zu entdecken. Es macht Spass und führt uns an Orte, die wir schon längst vergessen haben. Dass uns dies manchmal auch traurig stimmt, ist kein Grund zur Leseverweigerung. Wer nach der Lektüre mehr Frust als Lust verspürt, hat wohl einen anderen Zugang zu seinem Selbstbild als Umberto Eco. Dafür kann der Autor aber nichts. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
34 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Was macht die Individualität eines Menschen aus?,
Von Helga König - Alle meine Rezensionen ansehen (#1 HALL OF FAME REZENSENT) (TOP 10 REZENSENT) (REAL NAME)
Rezension bezieht sich auf: Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana (Illustrierter Roman) (Gebundene Ausgabe)
Der Ich-Erzähler in Umberto Ecos jüngstem Roman ist eine sechzigjähriger, hochgebildeter Antiquar, der , aus dem Koma erwachend, feststellen muss, dass er Teile seines Gedächtnisses verloren hat. All das, was ihn vordem in irgendeiner Weise emotional berührt hat - seine Frau, seine Kinder, seine Freunde, seine Herkunft- ist nun aus seinem Erinnerungsvermögen ausgeblendet. Die Welt erschließt sich ihm jetzt nur noch rein intellektuell. Auf Anraten seiner Ehefrau, einer Psychologin, besucht er das Haus seines Großvaters. Dort nämlich hat er seine Kindheit verbracht. Der Antiquar stöbert in alten Kinderbüchern, und Comic- Heften , sieht sich zudem Blechdosen, Zigarettenschachteln sowie andere Gebrauchsgegenstände aus früheren Tagen an und lauscht dazu den Schlagern von Vorgestern. Auf diese Weise hofft er, sein Gedächtnis zu stimulieren. Er liest in seinen Schulbüchern faschistische Texte, analysiert Illustriertenartikel und Werbeplakate aus der " Duce-Zeit" und fragt sich, inwiefern diese Texte und Bilder Einfluss auf sein Denken gehabt haben mochten. Ecos Protagonist sucht und gräbt nach. Ob er allerdings findet, wonach er forscht - möglicherweise handelt es sich hierbei gar um eine alte Jugendliebe - erfährt der Leser erst, nachdem er sich viele Stunden hindurch an dem umfangreichen Quellenstudium des Antiquars beteiligt hat.. ...Eco verdeutlicht in diesem Buch, wie sehr der Mensch in seiner Entwicklung nicht nur durch Interaktion mit anderen Menschen, sondern auch durch Bilder, Musik und geschriebene Worte geprägt und schließlich zu dem wird, was er ist. Ein hochinteressanter, experimenteller Roman, der zum Nachdenken anregt! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Eco experimentiert ... erfolgreich?,
Von brudervomweber (Remscheid, NRW) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana (Illustrierter Roman) (Gebundene Ausgabe)
Mit „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" schlägt Umberto Eco Töne an, die nicht jeden Eco-Enthusiasten begeistern dürften. Der Roman bleibt vieles von dem schuldig, was man inzwischen erwartet, wenn man ein belletristisches Buch des Italieners zur Hand nimmt. Hier gibt es keine abenteuerlichen Verstrickung in oder mit der Vergangenheit, keine sinistren Klöster, keine Schiffe am Ende der Welt, keine Weltverschwörungen. Genaugenommen gibt es nicht einmal eine wirkliche Handlung.Ecos Roman ist eine zum Teil biographische Assoziationskette, in der der Protagonist sein nach einem Schlaganfall verlorenes Gedächtnis - seine Identität - wiederzugewinnen versucht. Er faßt allmählich wieder Fuß im Alltag, ohne aber seine Erinnerungen zurückgewinnen zu können. Er lernt den Menschen, der er selbst gewesen ist, nur aus der Außensicht seiner Mitmenschen kennen. Als ihm das nicht genügt, reist er aufs Land, in das Haus, in dem er seine Kindheit und Jugend verbracht hat. Dort stöbert auf dem Dachboden herum, um die Artefakte seiner Sozialisation in den Zeiten des Zweiten Weltkriegs zu sichten und sein Selbst wiederzuentdecken. Das Manko der „Geheimnisvollen Flamme" ist, daß es ein sehr italienischer und sehr generationenspezifischer Roman ist. Oder wie der übrigens exquisite Übersetzer Burkard Kroeber in seinem kurzen Nachwort anmerkt: „In diesem Buch geht es an vielen Stellen um spezifisch italienische Befindlichkeiten, [...] wie sie charakteristisch für Italiener der Generation des Erzählers sind." Wer dieser Generation nicht angehört, wer nicht wenigstens grundlegend orientiert ist über den deutschen Nationalsozialismus, um die Parallelen im Italien des Duce zu erahnen, der dürfte mit diesem Buch wenig anfangen können. Neben der Reflektion der (bei dem vom Mittelalter Besessenen Eco muß man ja fast sagen: jüngeren) Geschichte und ihrer Spiegelung in propagandistischen und populären Medien der damaligen Zeit demonstriert Eco hier eindrucksvoll seine Sympathie für populäre Kultur und zeigt, wie diese auch die Wahrnehmung der Welt und des Lebens strukturieren und eine in ihr enthaltene euphemistische Propaganda entzaubern kann. In dieser Hinsicht ist die „Geheimnisvolle Flamme" auch stellenweise ein Kommentar auf eine Reihe von wissenschaftlichen Schriften Ecos zu diesem Thema (man nehme da etwa die Publikation „Apokalyptiker und Integrierte", in denen Eco gegen ein Schwarz-Weiß-Schema von Hochkultur und Populärkultur anschreibt, in dem mal das eine, mal das andere von den verschiedenen Parteien verdammt oder hochgejubelt wird). In der Rekapitulation der Mediengeschichte seines Protagonisten wird deutlich, wie beide Lager, Shakespeare und Beethoven auf der einen, Flash Gordon und Sandokan auf der anderen, ineinander greifen und das Individuum emanzipieren. Ecos illustrierter Roman ist ein Experiment. Er ist kein typischer Eco, wenn man darunter die düstere oder farbenfrohe Inszenierung mittelalterlicher oder rennaissancistischer Befindlichkeiten und Weltanschauungen versteht. Ich selbst bin mir noch nicht im Klaren, ob ich ihn vorerst nur gut oder vielleicht doch großartig finden soll. Vermutlich kann man ebenso plausible Gründe vorbringen, den Roman nur mittelmäßig oder sogar gänzlich mißlungen zu finden. Auch das Lesen der „Geheimnisvollen Flamme" kann man darum wohl als Experiment bezeichnen. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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