Texte wie Charles Lewinskys "Ein ganz gewöhnlicher Jude" vorzutragen, das verlangt gleichermaßen sehr viel Mut, Empathie und Können. Ben Becker verleiht diesem schwierigen Text Leben und Gestalt. Das ganze Unternehmen gleicht vom ersten bis zum letzten Atemzug einem Gang über knirschendes Eis -- und er meistert seine hoch anspruchsvolle Aufgabe mit äußerster Bravour!
Schon der Titel verfängt. Selbstverständlich ist das ein Widerspruch in sich. Jude zu sein ist immer ungewöhnlich, vor allem in Deutschland. Es sei nur daran erinnert, dass in unseren Breiten noch Elche mit Keulen erlegt wurden, als im Mittelmeerraum schon Juden die Thora studierten. Auch die Literatur wird hier zu Lande nie mehr sein, was sie vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der bleiernen Zeit der Restauration einmal war.
Wenn nun in den Besprechungen zu diesem Hörbuch die geschliffenen Sotissen des Protagonisten Emanuel Goldfarbs kritisiert werden, dann sollte einmal bedacht werden, dass es um einen Brief und seine Entstehung geht. Einen wohlüberlegten Brief mithin, um ein Zusammentreffen abzusagen, das weit über die Akteure und ihre eigene Geschichte hinausreicht. Ich finde Goldfarbs Überlegungen gar nicht selbstgefällig. Im Gegenteil! Es sind viel mehr die Gedanken eines Menschen, der gelernt hat, dass Magneten, die nicht mehr abstoßen, auch nicht mehr anziehen.
Ben Becker kommt wie ich aus Bremen und wir sind etwa gleich alt. Von daher wüsste ich sehr gern, ob er Günter Husters Zimmertheater mit seinen unvergesslichen Szenischen Lesungen noch kennen gelernt hat oder Otmar Leists beliebte Schreibwerkstatt. Einfach großartig, dass diese Stadt ein solches Talent hervorgebracht hat!