Mir fiel dieses umfangreiche Werk eher durch Zufall in die Finger. Sachlektüre zum Thema Anime und Manga sind ja eher selten, vor allem aus deutschen Landen. Umso überraschter war ich, als ich feststellte, dass es sich bei "Ga netchu - Das Manga Anime Syndrom" nicht um ein Fachbuch im engeren Sinne handelt, sondern um den wisschenschaftlichen Ausstellungskatalog zu "Anime! High Art-Pop Culture" sowie "Mangamania - Comic-Kultur in Japan 1800 bis 2008", beide diesen Sommer noch in Frankfurt a. M. (mit weiteren Ausstellungen und Veranstaltungen rund ums Thema) zu sehen.
Bei "Ga netchu" handelt es sich auch nicht um ein in sich geschlossenes Werk, es ist vielmehr eine Aufsatzsammlung, angereichert um Abbildungen der zahlreichen Ausstellungsgobjekte. Diese reichen von Original-Produktions-Cels über Holzschnitte bis hin zu Sammlerfiguren von Film- und Comic-Charakteren. Dem entsprechend reicht das Spektrum der Aufsätze vom aktuellen Status Quo der Manga- und Anime-Landschaft über historische Entwicklungen und Hintergründe, die Entwicklung/Historie einzelner Anime-Studios wie Ghibli oder Gainax, den Einfluss von Manga/Anime auf PC/Konsolenspiele et v. v. bis hin zum Ursprung der hierzulande beliebten Serien 'Heidi', 'Wickie und die starken Männer', 'Pinochio' etc. Darüber hinaus findet sich Diskurs zu Stil- und Ausdrucksformen des Manga und ihres Einflusses auf die bildende Kunst. Wenn man so will, bekommt der Leser auf rund 250 Seiten einen umfangreich bebilderten Rundumblick über die Materie, von deutschen wie japanischen Autoren gleichermaßen.
Dies ist jedoch m. E. auch der Fallstrick der Publikation - Leser ohne "Vorbildung" werden ob dieses Par-Force-Rittes und der zahlreichen, teils knapp gehaltenen Anrisse etwas verwirrt und gar überfordert sein. Auch der Schreibstil einiger Aufsätze und die logische Didaktik ist etwas... seltsam. Ebenso befremdet der mehrfache, fast schon reflexartige und verschämt wirkende Hinweis, dass Anime nicht nur pubertäre Pornographie oder "Kinderunterhaltung" ist. Ich hatte gedacht, das Genre hätte sich endlich davon emanzipiert? Warum diese Selbst-Kasteiung? Auf diese Weise gelingt gute PR jedenfalls nicht.
Insofern hinterlässt "Ga netchu" inhaltlich einen zweispältigen Eindruck, während die Dokumentationsfunktion zur Ausstellung (Selber besucht, erst nach der Lektüre des Wälzers) sehr gelungen ist. Hierfür ein großes Lob an die Herausgeber, die die Ausstellungsdidaktik und diesen Katalog sehr gut aufeinander abgestimmt haben. Wer also die Anime-Ausstellung in Frankfurt nicht besuchen kann, der erhält mit diesem Werk eine sehr gute Entschädigung oder Alternative bzw. eine passende Ergänzung.
Als Fazit gebe ich "Ga netchu" daher insgesamt wohlwollende vier Sterne. Trotz einiger Schwächen durch das bunte Aufsatz-Sammelsurium und den stellenweise etwas schwer nachvollziehbaren Schreibfluss ist dies ein sehr gutes, ergänzendes Werk zum Thema Anime und Manga, das kompakt viele Facetten anreißt und eben die Ausstellung tatkräftig unterstützt.
Als eigenständiges Werk finde ich den Katalog jedoch ein wenig unausgegoren, auch wenn einzelne Themen/Aufsätze sicherlich wertvolle Quellen und Referenzen sind. Insofern sollte man wissen, worauf man sich mit "Ga netchu" einlässt. Eine empfehlenswerte Lektüre für den Manga/Anime-Enthusiasten per se ist es aber allemal, noch dazu zu diesem Preis und dem breiten abgedeckten Themenspektrum!