- Broschiert: 344 Seiten
- Verlag: Vorwerk 8 (2000)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3930916274
- ISBN-13: 978-3930916276
- Größe und/oder Gewicht: 21 x 14 x 3,6 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 2.088.285 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
Produktinformation
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Eine Studie über Walter Benjamin und Hermann Cohen
Mit dem Fanal des Ersten Weltkrieges vollzog sich jener «Exodus aus der Philosophie», der dem philosophischen Denken in Deutschland jenseits der Universitäten neue Gegenstände und Formen eröffnete. Dass in der so entstandenen «neuen Unübersichtlichkeit» die Signaturen der Tradition deutlich vernehmbar blieben, bezeugt das Selbstbewusstsein, mit dem die Neuerer ihren philosophischen Anspruch gegenüber der etablierten Philosophie geltend machten.
Für Walter Benjamin, der im Schweizer Exil 191719 sein Philosophiestudium zum Abschluss zu bringen gedachte, wurde die akademische Pflichtübung der Promotion unversehens zum Probierstein. Zur Entscheidung stand aber nicht etwa die Frage, ob der Student den Ansprüchen der Akademie, sondern umgekehrt, ob die Akademie den hochfliegenden Ambitionen des Promovenden genügen würde.
Seine philosophische Gedankenentwicklung, schrieb er Anfang 1918 aus Bern, sei in einem Zentrum angelangt. Zwar zwinge ihn die Erledigung des Examens, sie im derzeitigen Stadium zu belassen. Gleichwohl werde er etwaige Schwierigkeiten bei der Erledigung seines Doktors als Hinweis fassen, sich mit eigenen Gedanken zu beschäftigen. In seiner Dissertation über den «Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik», mit der er 1919 an der Universität Bern summa cum laude promoviert wurde, konnte er diese Gedanken nur höchst indirekt andeuten. Ungeteilt aber galten sie dem «Programm der kommenden Philosophie», das er bereits im Winter 1917 entworfen hatte. Ein Brief umreisst das Fundament, auf dem das Gebäude dieser künftigen Philosophie zu errichten ist: «Einzig im Sinne Kants und Platos und, wie ich glaube, im Wege der Revision und Fortbildung Kants kann die Philosophie zur Lehre oder zumindest ihr einverleibt werden.»
Gemeinsamkeiten, Grenzen
Kaum hätte es des Hinweises auf den Neukantianismus in der Schrift selbst und in den diversen Fragmenten aus ihrem Umkreis bedurft, um Hermann Cohen als Stichwortgeber dieser Konzeption greifbar werden zu lassen. Hat doch das Haupt des Marburger Neukantianismus mit seiner umstrittenen Kant-Interpretation, die zugleich historische Rekonstruktion und systematische Fortbildung Kants zu sein beansprucht, der Philosophiegeschichtsschreibung die nicht leicht zu entscheidende Frage hinterlassen, «ob durch Cohen und seine Schule Platon mehr kantianisiert oder Kant mehr platonisiert wurde».
Astrid Deuber-Mankowsky ist den Spuren nachgegangen, die die Auseinandersetzung mit Hermann Cohen in den Schriften des jungen Benjamin hinterlassen hat. Dabei sind direkte Textzeugnisse, in denen sich ein unmittelbarer Einfluss dokumentiert, eher die Ausnahme. Auch sind die Grenzen der Gemeinsamkeit, wie sie konzediert, recht eng gezogen. Zwar wird die «kommende» Philosophie für Benjamin, nicht anders als für Cohen, zunächst selbstverständlich die Gestalt des Systems haben. Andererseits kommt die Eigenständigkeit Benjamins bereits in seiner Programmschrift in der kritisch gegen Kant und den Neukantianismus gewendeten Überzeugung zum Ausdruck, dass die fällige Korrektur an dem einseitig mathematisch-mechanisch orientierten Erkenntnisbegriff einzig auf dem Wege einer Fundierung der Erkenntnis in der Sprache vorzunehmen sei.
Wer nun erwartet hat, dass die Verfasserin sich auf die systematische Rekonstruktion dieses Einspruchs und seiner theoretischen Konsequenzen anhand der sprachphilosophischen Schriften Benjamins konzentrieren würde, sieht sich enttäuscht. Stattdessen entnimmt sie der philosophischen Programmschrift ein Stichwort, in dem die behauptete tiefere Gemeinsamkeit Benjamins und Cohens leitmotivisch Gestalt gewinnen soll. In der Frage nach der «Dignität einer Erfahrung, die vergänglich sei», rücke für Benjamin in seiner Auseinandersetzung mit dem Kritizismus ein philosophisches Motiv in den Vordergrund, das für Cohen insbesondere in seinen späten, dezidiert jüdisch geprägten Schriften von überragender Bedeutung sei. So erklärt sich der Untertitel des Buches, der «jüdische Werte», «kritische Philosophie» und «vergängliche Erfahrung» programmatisch unter den Namen Benjamins und Cohens versammelt.
Methode ist Umweg
In der Tat ist in Benjamins philosophischem Entwurf die Rede von der «Frage nach der Dignität einer Erfahrung, die vergänglich war». Während Kants Frage nach der Gewissheit der Erkenntnis bleibend sei, könne das von der Frage nach der Dignität der Erfahrung eben gerade nicht behauptet werden. Vielmehr, so lautet Benjamins entscheidender, im übrigen im «Wahlverwandtschaften»-Essay wiederholter Einwand, sei Kants Erfahrungsbegriff durchaus defizitär und eben in diesem Sinne vergänglich, nämlich: seiner Zeit verhaftet gewesen. Er entstamme der Weltanschauung der Aufklärung, die «eine der niedrigst stehenden Erfahrungen oder Anschauungen von der Welt» war, und dieser «Tatbestand der religiösen und historischen Blindheit der Aufklärung» habe auch das Denken Kants beschränkend beeinflusst. Wenn es Benjamin vor diesem Hintergrund darum geht, auf Grund der kantischen Typik die Prolegomena einer künftigen Metaphysik zu gewinnen und dabei eine «höhere Erfahrung» ins Auge zu fassen, so wird dieser metaphysische Erfahrungsbegriff womöglich auch die Erfahrung der Vergänglichkeit mit umfassen, aber wohl kaum auf sie zu reduzieren sein.
«Methode ist Umweg» hatte es schon bei Benjamin geheissen. Und so erweist es sich denn keineswegs als ein Nachteil, wenn in den textnahen Analysen der Studie Deuber-Mankowskys die Gestalt Cohens bisweilen gänzlich in den Hintergrund gerät und der Nachweis seines Einflusses auf die behandelten Texte sich auf die Behauptung beschränkt, ihre Fragestellungen seien denen Cohens ähnlich oder vergleichbar. Denn die um eine differenzierte Bestimmung der behaupteten Nähe bemühten, eindringlichen Analysen kommen jedenfalls den Texten Benjamins zugute. So enthüllt der Hölderlin-Aufsatz im Lichte der Auseinandersetzung Benjamins mit dem Ästhetizismus georgescher Prägung bisher übersehene Seiten, und besonders überzeugend fällt die abschliessende Behandlung des frühen «Dialogs über die Religiosität der Gegenwart» aus.
Seit der Veröffentlichung des Briefwechsels mit dem engagierten Zionisten Ludwig Strauss und der Erhellung seines Kontextes in der sogenannten «Kunstwart»-Debatte ist Benjamins Plädoyer für einen «Kulturzionismus» wiederholt untersucht worden. Die Figur des Literaten, der in dem Dialog diese Position vertritt, gewinnt ihre Konturen jedoch erst in der Abgrenzung gegen einen Pantheismus, als dessen philosophisches Fundament die Verfasserin den zeitgenössischen Monismus dechiffriert. Gegen den beherrschenden Einfluss dieser wissenschaftsgläubig-optimistischen Weltanschauung nicht nur auf die Vorkriegsgesellschaft, sondern auch auf die Arbeiterbewegung hatten die Kathedersozialisten im Namen Kants im Revisionismusstreit Position bezogen, so dass sich vor diesem Hintergrund die Intentionen Benjamins und Cohens einmal mehr und nicht von ungefähr berühren.
Uwe Steiner
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