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Der Club der toten Dichter

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1001-1025 von 1000 Diskussionsbeiträgen
Veröffentlicht am 09.08.2012 13:27:47 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
So Ihr Lieben, 1000 Beiträge in so kurzer Zeit, das finde ich beachtlich, dachte ich doch zu Beginn, dieser Thread würde nicht laufen.

Hesse hinterließ bekanntlich ein umfangreiches Werk, welches ich gerade stückweise erkunde. Ute kam mir mit der Beschreibung des Kastanienbaumes zuvor, den wollte ich auch posten. Eine der schönsten Prosabeschreibungen eines Baumes, die mir bislang vor die Augen kamen. Gleichwohl ich nicht alle Ansichten Hesses teile, so ist doch sein ganzes Werk sehr lesenswert. Im folgenden Zitat teile ich seine Ansicht:

Es führen über die Erde Strassen und Wege viel,
Aber alle haben dasselbe Ziel,
Du kannst reiten und fahren, zu zweien und zu dreien...
Den letzten Schritt musst du gehen allein.

Drum ist kein Wissen, noch Können so gut,
Als daß man alles Schwere Alleine tut.

Veröffentlicht am 09.08.2012 17:18:21 GMT+02:00
Ute B. meint:
R. - Das waren dann zwei Seelen und ein Gedanke, meine Liebe ;-)
Ich finde, dass wir sehr stolz auf unsere Aktivität sein können - also dann, auf die nächsten 1.000 Gedichte ...

Weiße Wolken

O Schau, sie schweben wieder
Wie leise Melodien
Vergessener schöner Lieder
Am blauen Himmel hin!

Kein Herz kann sie verstehen,
Dem nicht auf langer Fahrt
Ein wissen von allem wehen
Und Freuden des Wanderns ward.

Ich liebe die Weißen Losen
Wie Sonne , Meer und Wind,
Weil sie der Heimatlosen
Schwestern und Engel sind.

Hermann Hesse

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.08.2012 18:46:32 GMT+02:00
blümchen meint:
... dabei wollte ich eigentlich vorschlagen, dass du als Club-Gründerin das Wort zum Tausendsten sprichst - aber vor lauter (schriftlichem) Quasseln habe ich den Übergang versäumt!

Kleiner Knabe

Hat man mich gestraft,
Halt ich meinen Mund,
Weine mich in Schlaf,
Wache auf gesund.

Hat man mich gestraft,
Heißt man mich den Kleinen,
Will ich nicht mehr weinen,
Lache mich in Schlaf.

Große Leute sterben,
Onkel, Großpapa,
Aber ich, ich bleibe
Immer, immer da.

Hermann Hesse

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.08.2012 19:01:28 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 09.08.2012 19:08:51 GMT+02:00
Sinaida meint:
Ich hatte den gleichen Gedanken - und deshalb gerade noch rechtzeitig abgebremst! -
Also, klopfen wir uns gegenseitig auf die Schulter und stricken weiter an unserem Thread, der wirklich Spaß macht. Nett fände ich es auch, wenn sich noch ein paar Mitstricker finden würden...

Jetzt aber noch ein Hesse - mein letzter für heute:

Spätsommer

Noch schenkt der späte Sommer Tag um Tag
Voll süßer Wärme. Über Blumendolden
Schwebt da und dort mit müdem Flügelschlag
Ein Schmetterling und funkelt sammetgolden.

Die Abende und Morgen atmen feucht
Von dünnen Nebeln, deren Naß noch lau.
Vom Maulbeerbaum mit plötzlichem Geleucht
Weht gelb und groß ein Blatt ins sanfte Blau.

Eidechse rastet auf besonntem Stein,
Im Blätterschatten Trauben sich verstecken.
Bezaubert scheint die Welt, gebannt zu sein
In Schlaf, in Traum, und warnt dich, sie zu wecken.

So wiegt sich manchmal viele Takte lang
Musik, zu goldener Ewigkeit erstarrt,
Bis sie erwachend sich dem Bann entrang
Zurück zu Werdemut und Gegenwart.

Wir Alten stehen erntend am Spalier
Und wärmen uns die sommerbraunen Hände.
Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende,
Noch hält und schmeichelt uns das Heut und Hier.

Hermann Hesse

Veröffentlicht am 09.08.2012 20:33:55 GMT+02:00
blümchen meint:
... und mein letzter Spanier für heute:

Variación

Die Stille in der Luft
unter dem Ast des Echos.

Die Stille im Wasser
unter dem Laub der Sterne.

Die Stille deines Mundes
im Dickicht der Küsse.

Federico García Lorca (1898-1936)
Übersetzung: Johannes Beilharz

Wo ist eigentlich Mitstrickerin Breumel??

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.08.2012 20:37:06 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 09.08.2012 20:38:01 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Jawohl, auf die hoffentlich nächsten interessanten 1000 Beiträge!

Sinaida, ich habe mir auch Bernarda Albas Haus bestellt, das m u s s t e ich einfach. Leider gibt es den Film nicht auf DVD :-((

Veröffentlicht am 09.08.2012 20:52:54 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Zur Feier des Tages und weil es - noch - zum Sommerwetter paßt, hier noch eine Ballade

Friedrich von Schiller, 1803

Fischerknabe:
Es lächelt der See, er ladet zum Bade,
Der Knabe schlief ein am grünen Gestade,
Da hört er ein Klingen,
Wie Flöten so süß,
Wie Stimmen der Engel
Im Paradies.
Und wie er erwachet in seliger Lust,
Da spülen die Wasser ihm um die Brust,
Und es ruft aus den Tiefen:
Lieb Knabe, bist mein!
Ich locke den Schläfer,
Ich zieh ihn herein.

2. Hirte:
Ihr Matten lebt wohl,
Ihr sonnigen Weiden!
Der Senne muß scheiden,
Der Sommer ist hin.
Wir fahren zu Berg, wir kommen wieder,
Wenn der Kuckuck ruft, wenn erwachen die Lieder,
Wenn mit Blumen die Erde sich kleidet neu,
Wenn die Brünnlein fließen im lieblichen Mai.
Ihr Matten lebt wohl,
Ihr sonnigen Weiden!
Der Senne muß scheiden,
Der Sommer ist hin.
3. Alpenjäger:
Es donnern die Höhen, es zittert der Steg,
Nicht grauet dem Schützen auf schwindlichtem Weg,
Er schreitet verwegen
Auf Feldern von Eis,
Da pranget kein Frühling,
Da grünet kein Reis;
Und unter den Füßen ein neblichtes Meer,
Erkennt er die Städte der Menschen nicht mehr,
Durch den Riß nur der Wolken
Erblickt er die Welt,
Tief unter den Wassern
Das grünende Feld.

4. Jägerliedchen:
Mit dem Pfeil, dem Bogen
Durch Gebirg und Tal
Kommt der Schütz gezogen
Früh am Morgenstrahl.
Wie im Reich der Lüfie
König ist der Weih,
Durch Gebirg und Klüfte
Herrscht der Schütze frei.
Ihm gehört das Weite,
Was sein Pfeil erreicht,
Das ist seine Beute,
Was da fleugt und kreucht.
5. Barmherzige Brüder:
Rasch tritt der Tod den Menschen an,
Es ist ihm keine Frist gegeben,
Es stürzt ihn mitten in der Bahn,
Es reißt ihn fort vom vollen Leben,
Bereitet oder nicht, zu gehen,
Er muß vor seinen Richter stehen!
Lob sei dem Herrn und Dank gebracht,
Der über diesem Haus gewacht,
Mit seinen heiligen Scharen
Uns gnädig wollte bewahren.
Wohl mancher schloß die Augen schwer
Und öffnet sie dem Licht nicht mehr,
Drum freue sich, wer neu belebt
Den frischen Blick zur Sonn erhebt!
Er muß vor seinen Richter stehen!

Aus Wilhelm Tell

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.08.2012 21:49:13 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 10.08.2012 07:19:59 GMT+02:00
Sinaida meint:
Ja, leider Gnoss, ich bedauere es auch, dass es den alten TV-Film von "Bernarda Albas Haus" nicht auf DVD gibt (ich habe ihn selbst schon gesucht) - er wäre es wirklich wert! Franz Peter Wirth hat in den 60er Jahren ein paar herausragende Literaturverfilmungen ins Fernsehen gebracht. Auch an einen "Hamlet" mit einem - damals - vorzüglichen Maximilian Schell erinnere ich mich...

Jetzt aber wirklich mein ALLERLETZTES Hesse-Gedicht für heute:

Beim Schlafengehen

Nun der Tag mich müd gemacht,
Soll mein sehnliches Verlangen
Freundlich die gestirnte Nacht
Wie ein müdes Kind empfangen.

Hände, lasst von allem Tun,
Stirn, vergiss du alles Denken,
Alle meine Sinne nun
Wollen sich in Schlummer senken.

Und die Seele unbewacht
Will in freien Flügen schweben,
Um im Zauberkreis der Nacht
Tief und tausendfach zu leben.

Hermann Hesse

Gute Nacht für heute!

P. S. Morgen werde ich unterwegs sein - ich gehe mit meiner Freundin Mascha in eine Ausstellung. Wohin wir gehen? - Schaut mal hier:
http://www.galerie-stihl-waiblingen.de/2010-2.html

Veröffentlicht am 09.08.2012 21:51:03 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 09.08.2012 21:51:27 GMT+02:00
Ute B. meint:
Dorfabend

Vor den blanken Fenstern glühen
Blumen farbig in den Töpfen,
Hinterm Fenster dämmrig blühen
Mädchen mit gewundenen Zöpfen.


Überm Kirchdach schießen Schwalben
Schnell wie Blitze hin geschwungen,
Glocken rufen allenthalben,
Abend hat den Tag bezwungen.

Eh wir nun zu Bette gehen,
Mit dem Traum den Tag vertauschen,
Laß uns noch am Fenster stehen
Und dem großen Frieden lauschen.

Hermann Hesse

Ich wünsche eine GUTE NACHT !

Veröffentlicht am 10.08.2012 07:32:58 GMT+02:00
Sinaida meint:
Am 10. August 1500 sichtete der portugiesische Seefahrer Diogo Dias als erster Europäer Madagaskar und nannte die Insel nach dem Namenstag des Laurentius von Rom São Lorenço. Später erschien die Insel auch als Santa Apolonia auf portugiesischen Karten sowie als France occidentale und île Dauphine, bevor sie den Namen „Madagaskar" erhielt.

Der Herr der Insel

Die fischer überliefern dass im süden
Auf einer insel reich an zimmt und öl
Und edlen steinen die im sande glitzern
Ein vogel war der wenn am boden fussend
Mit seinem schnabel hoher stämme krone
Zerpflücken konnte · wenn er seine flügel
Gefärbt wie mit dem saft der Tyrer-schnecke
Zu schwerem niedrem flug erhoben: habe
Er einer dunklen wolke gleichgesehn.

Des tages sei er im gehölz verschwunden ·
Des abends aber an den strand gekommen ·
Im kühlen windeshauch von salz und tang
Die süsse stimme hebend dass delfine
Die freunde des gesanges näher schwammen
Im meer voll goldner federn goldner funken.

So habe er seit urbeginn gelebt ·
Gescheiterte nur hätten ihn erblickt.
Denn als zum erstenmal die weissen segel
Der menschen sich mit günstigem geleit
Dem eiland zugedreht sei er zum hügel
Die ganze teure stätte zu beschaun gestiegen ·
Verbreitet habe er die grossen schwingen
Verscheidend in gedämpften schmerzeslauten.

Stefan George (1868 - 1933)

Kennt ihr noch mehr Gedichte, in denen eine Insel besungen wird?

Veröffentlicht am 10.08.2012 07:38:00 GMT+02:00
Ute B. meint:
Die Insel

Nordsee
I

Die nächste Flut verwischt den Weg im Watt,
und alles wird auf allen Seiten gleich;
die kleine Insel aber draußen hat
die Augen zu; verwirrend kreist der Deich

um ihre Wohner, die in einen Schlaf
geboren werden, drin sie viele Welten
verwechseln, schweigend; denn sie reden selten,
und jeder Satz ist wie ein Epitaph

für etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,
das unerklärt zu ihnen kommt und bleibt.
Und so ist alles was ihr Blick beschreibt

von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,
zu Großes, Rücksichtsloses, Hergesandtes,
das ihre Einsamkeit noch übertreibt.

II

Als läge er in einem Krater-Kreise
auf einem Mond: ist jeder Hof umdämmt,
und drin die Gärten sind auf gleicher Weise
gekleidet und wie Waisen gleich gekämmt

von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht
und tagelang sie bange macht mit Toden.
Dann sitzt man in den Häusern drin und sieht
in schiefen Spiegeln was auf den Kommoden

Seltsames steht. Und einer von den Söhnen
tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen
Aus der Harmonika wie Weinen weich;

so hörte ers in einem fremden Hafen -.
Und draußen formt sich eines von den Schafen
ganz groß, fast drohend auf dem Außendeich.

III

Nah ist nur Innres; alles andre fern.
Und dieses Innere gedrängt und täglich
mit allem überfüllt und ganz unsäglich.
Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern
welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstört
in seinem unbewußten Furchtbarsein,
so daß er, unerhellt und überhört,
allein

das mit dies alles doch ein Ende nehme
dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn
versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan
der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.

Rainer Maria Rilke

Veröffentlicht am 10.08.2012 07:40:57 GMT+02:00
Ute B. meint:
Die Inseln

Unrast trieb und Abenteuer
Dies verwegne Herz umher -
Jetzt, die müde Hand am Steuer,
Gleit' ich durch gesänftigt Meer;
Such' ich, wo in mittaghellen
Stunden, eh' der Tag sich neigt,
Aus dem Gischt der weißen Wellen
Eine Insel hold entsteigt.
Von der Märkte Lärm geschieden,
In die weiße Bucht geschmiegt,
Träum' ich, daß der Erde Frieden
Still auf diesem Eiland liegt ...
Isola bella!

Heilig Kunstwerk wuchs die Insel
Aus des Friedensgottes Hand;
Keiner Raubsucht roh Gewinsel
Heult zu ihrem Klippenrand.
Friede strömte allerwegen
Durch gesegnetes Gebiet -
Der Erobrer senkt den Degen,
Wenn er ihren Hafen sieht.
Sanft, wie der Madonna Brüste,
Wölbt sie sich im Glorienschein -
Meine Sehnsucht träumt: sie müßte
Meinen Enkeln Mutter sein ...
Isola madre!

Rudolf Presber
(1868 - 1935)

Veröffentlicht am 10.08.2012 07:43:21 GMT+02:00
Ute B. meint:
Elegie eines Schiffbrüchigen auf den Tod seines Hundes auf einer wüsten Insel

Ach, so war noch dieser Schlag dem blutenden Herzen
Von dem grausen Geschick zu meiner Folter bestimmt!
Mir, dem schon ein Heer von Schmerzen den Busen durchwühlet,
Reißt seine mordende Hand auch noch den Treuen hinweg!
Ach, nun ist er dahin! - Mein Retter, mein Bruder, mein alles!
Der mir durchs stürmische Meer, der mir durch Wüsten gefolgt,
Wo aus dem gähnenden Schlund der Wogen der Tod uns entgegen-
Blickt, vom gefletschten Zahn schrecklicher Tiger uns droht. -
Als der heulende Sturm das Schiff von Welle zu Welle
Warf, und von Felsen zu Fels, donnernd die Woge sich brach,

Als das sonst mutige Volk, nun zagend, bebend, betend,
Dem erhabnen Neptun heilige Opfer versprach,
...

Den 24ten Juni 1804

Franz Grillparzer
(1791 bis 1872)

Veröffentlicht am 10.08.2012 08:43:35 GMT+02:00
Donata Davis meint:
Ich kenn nur das Lied

" Wir lagen vor Madagaskar " ;-)
Sorry - bin heute so witzig .... endlich Wochenende *uff*

LG & ein traumhaftes WE - D.

Veröffentlicht am 10.08.2012 08:50:35 GMT+02:00
blümchen meint:
Robinson nimmt Abschied von der Insel

Nun lehrst du mich das Letzte: lehrst zu gehn -
O schwerer Abschied! - kleine Insel, Land,
Das mir erwuchs: ich küsse deinen Strand.
In dich gebettet, in dir zu bestehn
Wie sehnt ich mich! Wir waren eins geworden
In langer Liebe: Meine Seele strich
Rauschend durch deine Wälder, stürzte sich
Brausend in deine Flüsse, sang in Worten
Tief aus dir atmend auf. O Reich, verliehen
Mir, ins Verwandte tief verwandt zu reichen:
O Leib aus Erde, Wasser, Salz, Gestein!
Und nun Verbleichen, abendliches Weichen
In das Gewesene - o daß uns kein
Verweilen ward! Daß Ewigkeit uns nur,
Verwandelten, ein schmales Teil mag sein;
Dem ewig Gehenden ewige Spur.

Maria Luise Weissmann (1899-1929)
Aus der Sammlung „Robinson" (1924)

Veröffentlicht am 10.08.2012 08:56:43 GMT+02:00
blümchen meint:
Und hier noch eine eher imaginäre Insel:

Rettende Insel

Wenn Parteien sich und Massen
Sichtbar und geräuschvoll hassen,
Klingt das mir wie Meeresrauschen.
Und dann mag ich henkelltrocken
Still auf einer Insel hocken,
Die mich zusehn läßt und lauschen.

Nicht, daß ich dann etwa schürfe
Oder was dazwischen würfe
Oder schlichten wollte, nein,
Nein, ich weiß, das muß so sein.
Und ich dehne mich und schlürfe
Eingefangnen Sonnenschein.

Wechselnd laut und wieder leise
Rauscht das Meer in weitem Kreise
Mir vertraute Melodie.
Wo blind oder falsch gestempelt
Mißklang sich an Mißklang rempelt,
Windelt neue Harmonie.

Und dann schwimmt - fast ist es schade -
Noch ein Mensch an mein Gestade,
Sucht an meiner Pulle Halt.
Aus ist die Robinsonade,
Denn nach Insulanersitte
Sag ich unwillkürlich: »Bitte!«
Und ein zweiter Pfropfen knallt.

Und wir trinken. Es gesellen
Andre sich dazu. Die Wellen
Glätten sich. Der Haß zerstiebt.
Bis zuletzt in süßer Ruhe
Niemand noch was in die Schuhe
Andrer schiebt,
Und sich alles gegenseitig
Eingehenkellt ganz unstreitig
Duldet, gern hat oder liebt.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.08.2012 09:13:04 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 10.08.2012 10:40:25 GMT+02:00
Sinaida meint:
Donata, das ist mir auch als Erstes eingefallen, als ich auf dem Kalender die Notiz über Madagaskar gelesen habe! Und ich habe mir überlegt, soll ich ... soll ich nicht...

Aber ich glaube, ich folge lieber Odysseus nach diesem

Ithaka

Brichst du auf gen Ithaka,
wünsch dir eine lange Fahrt,
voller Abenteuer und Erkenntnisse.
Die Lästrygonen und Zyklopen,
den zornigen Poseidon fürchte nicht,
solcherlei wirst du auf deiner Fahrt nie finden,
wenn dein Denken hochgespannt, wenn edle
Regung deinen Geist und Körper anrührt.
Den Lästrygonen und Zyklopen,
dem wütenden Poseidon wirst du nicht begegnen,
falls du sie nicht in deiner Seele mit dir trägst,
falls deine Seele sie nicht vor dir aufbaut.

Wünsch dir eine lange Fahrt.
Der Sommermorgen möchten viele sein,
da du, mit welcher Freude und Zufriedenheit!
In nie zuvor gesehene Häfen einfährst;
Halte ein bei Handelsplätzen der Phönizier
Und erwirb die schönen Waren,
Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz
Und erregende Essenzen aller Art,
so reichlich du vermagst, erregende Essenzen,
besuche viele Städte in Ägypten,
damit du von den Eingeweihten lernst und wieder lernst.

Immer halte Ithaka im Sinn.
Dort anzukommen ist dir vorbestimmt.
Doch beeile nur nicht deine Reise.
Besser ist, sie dauere viele Jahre;
Und alt geworden lege auf der Insel an,
reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,
und hoffe nicht, dass Ithaka dir Reichtum gäbe.

Ithaka gab dir die schöne Reise.
Du wärest ohne es nicht auf die Fahrt gegangen.
Nun hat es dir nicht mehr zu geben.

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, Ithaka betrog dich nicht.
So weise, wie du wurdest, in solchem Maße erfahren,
wirst du ohnedies verstanden haben, was die Ithakas bedeuten.

Konstantin Kavafis (1863 - 1933)

Auf dieses Gedicht bin ich per Zufall gestoßen, es hat mich regelrecht angesprungen! Ich glaube, ich muss mich mal mit Kavafis näher beschäftigen...

Veröffentlicht am 10.08.2012 09:17:04 GMT+02:00
Donata Davis meint:
Wunderschönes Gedicht Sinaida

Es wurde ja für eine Auto Werbung mal "zweckentfremdet" -
mir schien das wie Perlen vor die Säue werfen.

Veröffentlicht am 10.08.2012 16:04:25 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Von Kindesbeinen an liebte ich das Meer (wuchs an der Nordsee auf) und Geschichten darüber: Inselgeschichten, Seefahrergeschichten (der junge Hornblower) und Geschichten vom Meer. Es gibt nicht nur Inselgedichte, sondern zahlreiche Gedichte über das Meer:


Der Mensch und das Meer
Gedicht von Charles Baudelaire

Du freier Mensch, du liebst das Meer voll Kraft,
Dein Spiegel ist's. In seiner Wellen Mauer,
Die hoch sich türmt, wogt deiner Seele Schauer,
In dir und ihm der gleiche Abgrund klafft.

Du liebst es, zu versinken in dein Bild,
Mit Aug' und Armen willst du es umfassen,
Der eignen Seele Sturm verrinnen lassen
In seinem Klageschrei, unzähmbar wild.

Ihr beide seid von heimlich finstrer Art.
Wer taucht, o Mensch, in deine letzten Tiefen,
Wer kennt die Perlen, die verborgen schliefen,
Die Schätze, die das neidische Meer bewahrt?

Und doch bekämpft ihr euch ohn' Unterlass
Jahrtausende in mitleidlosem Streiten,
Denn ihr liebt Blut und Tod und Grausamkeiten,
O wilde Ringer, ewiger Bruderhass!

Charles Baudelaire

Veröffentlicht am 10.08.2012 16:07:56 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Das Meer

Hast du nie das Meer gesehen,
Freund, so warst du noch nicht weit;
Irdisch bleiben Thal und Höhen,
Meer ist Bild der Ewigkeit.

Hoch vom Felsenstrande schaute
Ich ins Wasserreich hinaus;
Stand die ganze Nacht; es graute
Mir wie vor des Todes Graus.

Als das Morgenroth erglühte,
Nahm ich freudig einen Kahn,
Ich empfahl mich Gottes Güte
Und betrat die tiefe Bahn.

Könnt' ich fahren ohne Ende
Ueber weiten Meeresschooß!
Nimmer fühlt' ich Gottes Hände
Mir so nah, sein Werk so groß.

Heinrich Bone 1813 - 1893

Veröffentlicht am 10.08.2012 16:11:43 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Die Glocke im Meer
Gedicht von Richard Dehmel

Ballade

Ein Fischer hatte zwei kluge Jungen,
hat ihnen oft ein Lied vorgesungen:
Es treibt eine Wunderglocke im Meer,
es freut ein gläubig Herze sehr,
das Glockenspiel zu hören.

Der eine sprach zu dem andern Sohn:
Der alte Mann verkindet schon.
Was singt er das dumme Lied immerfort;
ich hab manchen Sturm gehört an Bord,
noch nie eine Wunderglocke.

Der andre sprach: Wir sind noch jung,
er singt aus tiefer Erinnerung.
Ich glaube, man muß viel Fahrten bestehn,
um dem großen Meer auf den Grund zu sehn;
dann hört man es auch wohl läuten.

Und als der Vater gestorben war,
fuhren sie weg mit braunblondem Haar.
Und als sie sich grauhaarig wiedertrafen,
dachten sie eines Abends im Hafen
an die Wunderglocke.

Der eine sprach, verdrossen und alt:
Ich kenne das Meer und seine Gewalt,
ich hab mich zuschanden auf ihm geplagt,
hab auch manchen Gewinn erjagt,
läuten hört ich es niemals.

Der andre sprach und lächelte jung:
Ich gewann mir nichts als Erinnerung.
Es treibt eine Wunderglocke im Meer,
es freut ein gläubig Herze sehr,
das Glockenspiel zu hören.

Richard Dehmel, 1913

Veröffentlicht am 10.08.2012 16:14:39 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Ausblick aufs Meer

Wellen kommen und ziehn
ihren unendlichen Weg.
Einsam auf einsamen Steg
Bannt mich ihr ewiges Fliehn.

Nichts wo die Sehnsucht sich ruht.
Mast nicht noch Segel zu sehn.
Nur auf unsterblichen Zehn
regt sich die endlose Flut.

Leise sinkt es hinab:
Kaum noch sich selber verwandt
flüchtet mein Herz sich vom Land
weit in das tanzende Grab.

Stürze, sink ich ihm nach?
Wellen, hebt es im Schoß.
Meer, o Meer, du bist groß.
Sei ihm ein gnädig Gemach.

Einmal noch reckt sich’s empor
wie in der Ferne ein Haupt.
Und dann steh ich beraubt
Vor dem unendlichen Tor.

Reigen auf Reigen versinkt.
Wasser verlassen den Strand.
In ein unsichtbares Land
hab ich ihm Abschied gewinkt.

Rudolf G. Binding 1867-1938

Veröffentlicht am 10.08.2012 16:17:13 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 10.08.2012 16:27:18 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Sturm am Meer muss man erlebt haben, dann kann man sich dies bildlich vorstellen:

Sturm am Meer

Sturm! –

Über des Meeres
Weißsprühenden Gischt
Rollt der Wolken
Schwarzes Meer.
Befreit
Aus der Tiefen nächtigem Grab,
Miterstandene Genossen
Ziehen heulend sie empor.
Wie flatternder Schnee
Vor dem Rauschen des Windes,
Stieben die Möwen
Sandumpfiffen über die Insel . . .

Sturm! –
Hörst du seinen Gesang? –

Wie er die Welt, die widerstrebende,
Schon erfasst,
Wie sie zitternd jetzt,
Jetzt in Wahnsinnstaumel
Einstimmt in sein brausendes Lied . . .

Sturm! –

Was bebst in rascheren Schlägen auch du,
Klopfendes Herz?
Den Weg zu dir
Findet nicht der Kampf der Elemente,
Denn deine Welt trägst du in dir,
Was kümmert’s dich? . . .

Sturm! –
Hörst du seinen Gesang? –

„Zum Kampfe herbei,
Ihr lange verbannten
Sturmestrabanten –
Lande hinwegzuschwemmen,
Habt ihr vollbracht
In einer Nacht –
Sie wollen euch hemmen
Mit Mauern und Dämmen!

„Glaubt ihr, weil ihr uns bekämpft,
Menschen, seid ihr frei?
Den Elementen
Seid ihr entsprungen:
Unser Wesen
Hat euch gezeugt!

„Was euer Köpfchen
Grübelnd erdacht,
Was ihr in zierliche
Regeln gebracht,
Wird zum niedlichen
Netze gewebt,
Das der Sonne
Leuchten belebt,
Drin in der Sonne
Jegliches Tröpfchen
Funkelt und prangt,
Drin ihr manierlich
Fliegen und Grillen fangt,
Draus euch der Sonne
Tausendfältiges
Ebenbild sprüht –
Bis euch des Sturmes
Jauchzen durchzieht,
Und zu Fetzen
Zerrissen entschwebt,
Was euer Weisheit
Spinne gewebt!

„Hör es, Erdenwurm:
Dein Sinnen, Fragen,
Minnen, Wagen,
Wollen, Streben,
Denken, Leben,
Dein Leben
Lenkt der Sturm! – –

„Was sich zu schwächlichem Sein entrang
Euren Schoß, Elemente,
Singt, dass es euch nicht bezwang,
Auf zum Firmamente!
Kämpft!
Bis die Erde befreit
Von kleinlichem Leben!
Kämpft, bis das Morgenrot
Auflacht über dem Tod!“

Sturm! –
Hörst du seinen Gesang? –

Ferdinand Ernst Albert Avenarius 1856-1923

Veröffentlicht am 10.08.2012 16:17:21 GMT+02:00
Ute B. meint:
Das Meer ist stolz...

Das Meer ist stolz auf seinen Schaum der Wogenbrüste;
Wie hoch die Sonne kommt: wer wagt noch zu verzagen?
Aus Alabaster wolkt sie himmlische Gerüste;
Zeus donnert durch, Apollo gleißt auf leisem Wagen.

Dem kühnen Gott, als Jüngling, glüh mein Laut ins Blaue,
Dem holden Delier, mit den goldgeschirrten Rossen:
Sei leicht, du Schwung, zu rhythmenreichem Silbenbaue,
Bleib Glas, mein Sang, wenn sich ein Tag in dich ergossen!

Ich blick empor: erschau den Gott, beim Flug zum Siege;
Befreundet still gewahrt er traumgewohntes Auge:
Geräuschlos sei, wenn deine Seele himmelnd fliege,
Befrei vom Schwindel dich, wo sie zur Stiege tauge!

Apollo kommt, sei du im Norden oder Osten:
Entstrahlt er dir, so bleibt uns doch mein eignes Hoffen;
Der Tag bringt Schlacht - nach Morden rasch der Waffen Rosten -
Wir wollen ihn, steht auch der Sternentempel offen!

Die Seele mag nicht sterben, muß sich freudig weiten,
Da Hellas' See um Marmor-Inseln strahlend brandet;
Mit warmer Hand will dich der Tag in Braus geleiten,
Du brachtest eigne Rast: da sieh, du bist gelandet!

Um unsre Ruhe nur darf Flut als Glut erjubeln.
Auf heller Klippe steh, Apollo ernst zum Gruße!
Umschwärmt, laß deinen Kranz von Tunfischen vertrubeln:
Der Gott gibt Gold. So oft. Verschenk dich gutem Kusse!

In Frommheit laß den Leib mit Salben sacht begolden!
Wie hold, o Mensch, soeben dir geschieht - vom Gotte.
Um deine Lenden, merk, frohlocken Sonnendolden!
Blauäugelt, horch, die Nymphe dort, zum Wort der Grotte?

Die Tropfen wohl erzählen bloß vom Eiland Wunder.
Apollo hat das Kind an goldner Brust gehalten,
- So lang und sanft - dann wurden seine Stunden wunder
Und bluteten dahin, bis sie wie Traum entwallten.

Hephaistos, hilf mir nach der Sehnsucht Erde,
Verleib dich uns: bist Blut, in mir bleib jung;
Zum Schwingenritt, gegen Poseidons Pferde,
Ermächtige mich du, bei Bändigung!
Wir stürmen steil Boreas' hurtiger Herde,
Die Meerzerwühlt - aus Trotz, durch Satz und Schwung -
Wo sie zergischtend aufsaust, in die Schräge:
Heul, Hirtenhund, denn keine Wucht sei träge!

Hephaistos, spann zur Arbeit Männerarme!
Aus deiner Werkstatt ist mein Dasein Flug:
Ein Glutenruf enttaktet mich dem Schwarme
Und fügt uns dem Geschehen, Zug für Zug.
Durch deinen Brodemsorg, daß Pech erwarme,
Dem Schiff entzüngle dann, an frohem Bug:
Befestig jede Fuge, Herr der Flamme,
Bleib alte Tat mit dem Achajer-Stamme!

Ein Moos, verschlammter Anker Traum vom Meere,
Verschwand; korallenfarbiges Schiff ward wach.
Zur Fahrt ummuntern uns Delphinenheere,
Sie silbern lebhaft, wie im Meer ein Bach.
Im Segel knarrt am Morgen Windes-Schwere.
Wir sternen auf: wie schwebt sichs allgemach!
Zu Hermes hörten wir im Hafen Stimmen:
Er gab uns Fracht. Ich folgte ihm: wir schwimmen.

Hephaistos' Kraft, in rostigroten Gliedern
Von Männern, stolz zur Fahrt durch mein Gedicht,
Befächert mir die Flut zu andern Liedern,
Aus Himmel oder Meer: blau im Gesicht.
Das Schiff geschmeidigt sich aus feinen Miedern,
Mit Hermes' Sendungen, als Leicht-Gewicht:
Gallionen-Weibchen, schlank auf krausen Schäumen,
Dem Schleierhemd: ich will dich lebend träumen!

Du heißt Halkyone! Den Schwung zur Stille
Erfahnde uns, auf wunderhafter Fahrt!
Im Weltei Schlummer! Ich des Schöpfers Wille!
Er schützt sein All, nach Vogels sachter Art.
Schon glüht die See, mit gläubiger Pupille,
Befächlung freundlich uns, denn Zeus gewahrt,
Geliebtes Schiff, auch dich, beim Inseln-Kränzen:
Halkyone wird nisten, Phöbos glänzen.

So viele Sonne hat uns eingeschleiert,
Daß Inseln mich, wie Wölkchen, weitumwehn.
Der Wind ist weg: wie oft ein Lied verleiert,
Gewahrt ich meines Kielschäumens Zergehn.
Doch Rhythmen straff! Apoll sei steil gefeiert,
Bewimpelt Masten, Männer: ich will stehn!
Zu Rudern greift, verzackt die Fahrt zum Sterne,
Zur Ferne Hinweh zuckt vom Herzenskerne!

O Glück als Gott, Apollo, laß geschmeidig
Mein segelndes Gedicht, sein Gischtgeschmeid,
Der Sturm-See Tempelberg, der schroff und schneidig
Das Meer zerflügelt, mit Behendigkeit
Und Kunst, umzieren - falls Kap Sunion leidig
Als Hort, Poseidons Rosse bleich versammelt
Und Nahenden die Schaumpfade verrammelt!

Wie Traum verwolken im Gesang Gefahren,
Schon schau ich Helena, von Flut bekraust.
Bestaunte Insel, laß dich keusch gewahren -
Ich lande nicht: bleib Name und umbraust!
Getränte Blüten - weiß ich - offenbaren,
Daß Paris' Braut vor eignem Raub gegraut:
Die Herrin Spartas weinte zu den Krumen,
Noch sprühn dem Eiland ihrer Augen Blumen.

Des Honigs Heimat Keos lobt die Sonne,
Der Aristaios, Sohn Apollos, lieb,
Seit Sirius er, bei holder Windeswonne,
Mit Hieb der Regengeißel frisch vertrieb;
Dann füllte Dionysos der Keer Tonne,
Doch auch des Pfluges guter Spender blieb -
Drum fühlst du noch der Insel Früh-Gedeihen,
Weil Götter sich des Ackerns Sorgfalt weihen.

Der Insel Kythnos Weib in goldnen Schleiern
Empfängt den Abenteurer, froh durch Stolz,
Besorgt sein Sprudelbad bei warmen Weihern,
In die Hephäst, zum Heil, sein Eisen schmolz.
Gestalten waten drin, bekreist von Reihern,
Im Haine duftet Harz von edlem Holz:
Ich will zum Dank gar leichte Weise singen,
Dann winkt im Wind das Schiff, mit weißen Schwingen.

Eumäus! schrie ich Syra zu, bei Sternen.
Doch Eos! rief der Fels: die Maid ward wach.
Ach, sie entfinsterte mit Froheit Fernen,
Wie Traumgewölk vor trautem Brautgemach.
Sie trat vor mich: "Du sollst von Sachtheit lernen:
Dein Takt erschwebe mich, als Weib, gemach,
Das rosenfingrig Knabenlocken kräuselt,
Zurückblaßt, wenn es Hast - bei euch - umsäuselt!"

O Delos, große Diamantenkrone,
Du schwebst, von meinem Zwinkerblick gewahrt,
Auf blauer Luft, erhoben oft zum Throne,
Hinweggetaucht - dann wieder nah und zart;
So glimm bei mir, dem Wogenden zum Lohne,
Ich klimm, ich schwimm zu deiner Gegenwart,
Ich kann nach meinem blendend-hehren Reifen
Mit hingedichteter Gebärde greifen!
Bei offnem Marmor-Ei, voll goldnem Wasser-
Weil seiner Klarheit ein Geschwisterpaar,
Bei sanftem Palmenschatten, als ein blasser
Ertauungshauch, emporgeschleiert war-
Zerträumt' ich Schlaf: mein jüngster Leib, ein nasser
Zuschwimmungswunsch, wo Leto einst gebar,
Bestand auf Delos, Eiland der Verzückung,
Seit früher Seele eigner Urentrückung.

Geliebte Götter, hört, als ihr entschwebtet,
Versprudelte des Kynthos Flut - euch nach!
Ein Born, den ihr durch Himmelschwung erbebtet,
Verschleppt den Nil, seit er den Fels zerbrach;
Ägypten schwellt ihn, wo ihr kindlich lebtet,
Da er zu euch, durch Meer und Mütter stach:
Du Delos, zwischen Schlummern, Fels im Lichte,
Beseelst die Gottheit unsrer Wahrgesichte!

Apollo, schlanke Mittagskunft vom Meere,
Die Palme war, vor deinem Himmel, da,
Blieb tief der Baum, voll Weltung in der Leere,
Ihr Dunkelblut erstrahlte einmal: Ja!
Seitdem bist du: ein Ich erkernt die Ehre.
Die Welt erkreist sich, durch dein Leuchten, nah!
Ein Unermüden wurde Pflicht, und lüden
Wir Sonnen uns aufs Haupt: es glückt der Süden!

Theodor Däubler
(1876 bis 1934)

Veröffentlicht am 10.08.2012 16:20:12 GMT+02:00
Ute B. meint:
Nachts auf hoher See

Nachts, wenn das Meer mich wiegt
Und bleicher Sternenglanz
Auf seinen weiten Wellen liegt,
Dann löse ich mich ganz
Von allem Tun und aller Liebe los
Und stehe still und atme bloß
Allein, allein vom Meer gewiegt,
Das still und kalt mit tausend Lichtern liegt.

Dann muss ich meiner Freunde denken
Und meinen Blick in ihre Blicke senken,
Und frage jeden still allein:
"Bist du noch mein?
Ist dir mein Leid ein Leid, mein Tod ein Tod?
Fühlst du von meiner Liebe, meiner Not
Nur einen Hauch, nur einen Widerhall?"

Und ruhig blickt und schweigt das Meer
Und lächelt: Nein.
Und nirgendwo kommt Gruß und Antwort her.

Hermann Hesse
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Erster Beitrag:  11.06.2012
Jüngster Beitrag:  12.03.2014

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