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Der Club der toten Dichter


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826-850 von 6983 Diskussionsbeiträgen
Veröffentlicht am 02.08.2012 17:23:43 GMT+02:00
Jo, gestern was über Trakl gelesen. Düster. Baudelaire fiel mir dabei ein:

Der Albatros
Oft kommt es dass das schiffsvolk zum vergnügen
Die albatros - die grossen vögel - fängt
Die sorglos folgen wenn auf seinen zügen
Das schiff sich durch die schlimmen klippen zwängt.

Kaum sind sie unten auf des deckes gängen
Als sie - die herrn im azur - ungeschickt
Die grossen weissen flügel traurig hängen
Und an der seite schleifen wie geknickt.

Der sonst so flink ist nun der matte steife.
Der lüfte könig duldet spott und schmach:
Der eine neckt ihn mit der tabakspfeife
Ein andrer ahmt den flug des armen nach.

Der dichter ist wie jener fürst der wolke -
Er haust im sturm - er lacht dem bogenstrang.
Doch hindern drunten zwischen frechem volke
Die riesenhaften flügel ihn am gang.

Charles Baudelaire übersetzt von Stefan George

Veröffentlicht am 02.08.2012 20:39:03 GMT+02:00
blümchen meint:
Friedrich Schiff (1908-1968), österreichischer Maler, lebte ab 1930 in Shanghai und wurde dort der berühmteste lebende Maler. Er malte alles, was ihm vor die Augen kam - Straßenszenen, Hochzeits- und Begräbnisbräuche, Pekingoper, Altwarensammlerinnen, Blumenmädchen etc.

Miss Shanghai

Me no worry, me no care!
Me go marry millionaire!
If he die - me no cry!
Me go marry other guy!

Aus: Maskee. A Shanghai Sketchbook
„Maskee" bedeutet übrigens im Huang-Chinesisch "Never mind!"

Veröffentlicht am 02.08.2012 21:40:31 GMT+02:00
Ute B. meint:
Das Ende vom Lied ...

Ich säh Dich gern noch einmal, wie vor Jahren
zum erstenmal. - Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh Dich gern noch einmal wie vorher,
als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hörte Dich gern noch einmal wieder fragen,
wie jung ich sei ... was ich des abends tu -
und später dann im kaumgeborenen "Du"
mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt -
und wieder weinen, wenn Du mich betrübst,
die viel zu oft geweinten dummen Tränen.

Das alles ist vorbei. .. Es ist zum Lachen!
Bist Du ein anderer oder liegts an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zweien dafür.
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder Deine Briefe lesen,
die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: "Gewesen!"

Mascha Kaléko

Veröffentlicht am 02.08.2012 22:10:54 GMT+02:00
blümchen meint:
Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl ich, wird mein Auge heller;
schon versucht ein Stern zu funkeln,
und die Grillen wispern schneller

Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten.
Plötzlich stehst du überwältigt.

Richard Dehmel (1863-1920)

Veröffentlicht am 02.08.2012 22:14:12 GMT+02:00
blümchen meint:
Richard Dehmel, den Frank Wedekind als größten deutschen Dichter seiner Zeit bezeichnete, stilisiert in seinen Gedichten Sexualität und Eros zu einer die bürgerlichen Konventionen sprengenden Kraft, und er wurde wegen der „Verletzung religiöser und sittlicher Gefühle stark" kritisiert.

Viele Komponisten - von Richard Strauss bis zu Kurt Weill - vertonten seine Gedichte, wie z.B. auch Schönberg, der von folgendem Gedicht zu seinem berühmten Streichsextett angeregt wurde:

Verklärte Nacht

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
der Mond läuft mit, sie schaun hinein.
Der Mond läuft über hohe Eichen,
kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
in das die schwarzen Zacken reichen.
Die Stimme eines Weibes spricht:
Ich trag ein Kind, und nit von dir,
ich geh in Sünde neben dir.
Ich hab mich schwer an mir vergangen;
ich glaubte nicht mehr an ein Glück
und hatte doch ein schwer Verlangen
nach Lebensfrucht, nach Mutterglück
und Pflicht - da hab ich mich erfrecht,
da ließ ich schaudernd mein Geschlecht
von einem fremden Mann umfangen
und hab mich noch dafür gesegnet.
Nun hat das Leben sich gerächt,
nun bin ich dir, o dir begegnet.
Sie geht mit ungelenkem Schritt,
sie schaut empor, der Mond läuft mit;
ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.
Die Stimme eines Mannes spricht:
Das Kind, das du empfangen hast,
sei deiner Seele keine Last,
o sieh, wie klar das Weltall schimmert!
Es ist ein Glanz um Alles her,
du treibst mit mir auf kaltem Meer,
doch eine eigne Wärme flimmert
von dir in mich, von mir in dich;
die wird das fremde Kind verklären,
du wirst es mir, von mir gebären,
du hast den Glanz in mich gebracht,
du hast mich selbst zum Kind gemacht.
Er fasst sie um die starken Hüften,
ihr Atem mischt sich in den Lüften,
zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

Richard Dehmel (1863-1920)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 02.08.2012 22:46:53 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 02.08.2012 22:48:14 GMT+02:00
Sinaida meint:
Blümchen, der Goethe-Cocktail - äh, ich meine die Goethe-Quintessenzen - sind ja großartig! - Ich habe mich sehr damit vergnügt...

Jetzt noch ein kleines Gedicht zur Nacht (nicht von Johann Wolfgang):

Bitte

Weil' auf mir, du dunkles Auge,
Übe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!

Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Dass du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für.

1832
Nikolaus Lenau

Veröffentlicht am 02.08.2012 23:38:29 GMT+02:00
Ute B. meint:
Wie mag's einem glücken...

Wie mag's einem glücken,
Erfolge zu pflücken?
Hier, unter der Blume,
der Fahrplan zum Ruhme:
Wenn dein erster Akt klar ist,
wenn der zweite Akt wahr ist,
wenn der dritte nicht krank ist,
wenn der letzte nicht lang ist,-
wenn die Reden voll Witz sind,
wenn die Antworten spitz sind,
wenn die Menschen voll Mark sind,
wenn die Aktschlüsse stark sind,
wenn die Sprache gewürzt ist,
wenn der Knoten geschürzt ist,
wenn die Handlung recht bunt ist,
wenn die Lösung gesund ist,
wenn das Spiel voller Glut ist,
wenn die Hörer nicht wild sind,
wenn die Kritiker mild sind, -
wenn im kräft'gen Vereine
du Freunde zur Hand hast
und - vor allem das Eine -
mehr Glück als Verstand hast:
dann brauchst, um zu gelten,
du eins nur am End',
doch das Eine ist selten...
man nennt es Talent.

Oskar Blumenthal
(1852 bis 1917)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.08.2012 06:48:51 GMT+02:00
Sinaida meint:
... und das meint der Theaterdirektor dazu:

Und seht nur hin, für wen Ihr schreibt!
Wenn diesen Langeweile treibt,
Kommt jener satt vom übertischten Mahle,
Und, was das Allerschlimmste bleibt,
Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.
Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,
Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt;
Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten
Und spielen ohne Gage mit.
Was träumet Ihr auf Eurer Dichterhöhe?
Was macht ein volles Haus Euch froh?
Beseht die Gönner in der Nähe!
Halb sind sie kalt, halb sind sie roh.
Der, nach dem Schauspiel, hofft ein Kartenspiel,
Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen.
Was plagt ihr armen Toren viel,
Zu solchem Zweck, die holden Musen?
Ich sag Euch, gebt nur mehr und immer, immer mehr,
So könnt Ihr Euch vom Ziele nie verirren
Sucht nur die Menschen zu verwirren,
Sie zu befriedigen, ist schwer--

Faust - Vorspiel auf dem Theater
Johann Wolfgang von Goethe

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.08.2012 09:21:00 GMT+02:00
blümchen meint:
Hier ein Guten-Morgen-Cocktail:

Schiller Quintessenz

Fern von Madrid, auf seines Daches Zinnen,
In seiner Kaiserpracht saß König Franz.
Wie wird mir? brüllt er mit vergnügten Sinnen;
Was ist das Leben ohne Liebesglanz?
Der Helm ist mein! Das ist das Los des Schönen
In seines Nichts durchbohrendem Gefühl;
Und will der Lorbeer hier sich nicht gewöhnen -
Platz! Platz! 0 unglücksel'ges Flötenspiel!

Leicht beieinander wohnen die Gedanken.
Du hast's erreicht, Oktavio! spricht Zeus.
So fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken,
Denn nur die Liebe ist der Liebe Preis.
Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder,
0 Königin, das Leben ist doch schön!
Das aber denkt ganz wie ein Seifensieder:
Max, bleibe bei mir! bleib, der Mohr kann gehn!

Blendwerk der Hölle, du bist blaß, Luise!
Was ist der langen Rede kurzer Sinn?
Ein Augenblick gelebt im Paradiese,
Das ist die Stelle, wo ich sterblich bin.
Und sieh, er zählt die Häupter seiner Lieben,
Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an:
Kurz ist der Schmerz, das Phlegma ist geblieben,
Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.

Es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken,
Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit;
Spät kommt ihr, doch ihr kommt, den Leu zu wecken,
Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit.
Der Lebende hat Recht, den Leib zu malen;
Wer wagt es, was die innre Stimme spricht?
Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen!
Unsinn, du siegst, und Minna kennt mich nicht!

Edwin Bormann (1851-1912)
sächsischer Mundartdichter

Veröffentlicht am 03.08.2012 09:25:23 GMT+02:00
blümchen meint:
Und noch ein bisschen Literaturgeschichte:

Steiner

Kafka sprach zu Rudolf Steiner:
"Von euch Jungs versteht mich keiner!"
Darauf sagte Steiner: "Franz,
ich versteh dich voll und ganz!"
Steiner sprach zu Hermann Hesse:
"Nenn mir sieben Alpenpässe!"
Darauf sagte Hesse: "Steiner,
sag mal, reicht denn nicht auch einer?"
Steiner sprach zu Thomas Mann:
"Zieh mal dieses Leibchen an!"
Darauf sagte Mann zu Steiner:
"Hast du's nicht 'ne Nummer kleiner?"
Rilke sprach zu Rudolf Steiner:
"Keiner ist so klein wie meiner!"
Tröstend meinte Steiner: "Rainer,
meiner ist noch etwas kleiner!"
Beckmann sprach zu Rudolf Steiner:
"Wird mein Bild nicht immer feiner?"
Darauf knurrte Steiner: "Beckmann,
wisch den Unfug lieber weg, Mann!"

Robert Gernhardt (1937-2006)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.08.2012 09:47:13 GMT+02:00
blümchen meint:
Ja, sehr düster - aber kein Wunder bei einer solchen Biographie ... Auch seine Schwester beging Selbstmord - sie erschoss sich 3 Jahre nach seinem Tod.
Selbst die Raben sind bei ihm mürrisch:

Die Raben

Über den schwarzen Winkel hasten
Am Mittag die Raben mit hartem Schrei.
Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei
Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.

O wie sie die braune Stille stören,
In der ein Acker sich verzückt,
Wie ein Weib, das schwere Ahnung berückt,
Und manchmal kann man sie keifen hören

Um ein Aas, das sie irgendwo wittern,
Und plötzlich richten nach Nord sie den Flug
Und schwinden wie ein Leichenzug
In Lüften, die von Wollust zittern.

Georg Trakl (1887-1914)

Veröffentlicht am 03.08.2012 13:58:44 GMT+02:00
Ute B. meint:
Gute Stunde

Erdbeeren glühen im Garten.
Der Duft ist süß und voll,
Mir ist, ich müsste warten,
Dass durch den grünen Garten
Bald meine Mutter kommen soll.
Mir ist, ich bin ein Knabe
Und alles war geträumt,
Wie vertan,versäumt,
Verspielt, verloren habe.
Noch liegt der Gartenfrieden,
Die reiche Welt vor mir,
Gehöret alles mir
Benommen bleib ich stehen
Und wage keinen Schritt,
Dass nicht die Düfte verwehen
Und meine gute Stunde mit.

Hermann Hesse

Veröffentlicht am 03.08.2012 14:05:47 GMT+02:00
Ute B. meint:
Robinson findet Freitag

Er blieb, da er mich sah, erschrocken stehn,
Ich stand, der ihn erblickte, Stein, verblieben
In der Gebärde: himmlischem Vergehn.
O Menschen-Wohlgestalt! O Glück, zu lieben
Im Blick Verwandtes: Auge, Lippe, Knie,
Ein Ohr wie meines, Füße, fünfgespalten,
Und Hände, ganz vertraute Form, wie die
Sich breitend jetzt, der Schritt, nun aufzuhalten
Länger nicht mehr und dort erwidert, scheu...
Antwort jetzt meinem Ruf. O süß Getön
Von Stimme! Schuf mir zum Gespielen neu
Spiegelnd mich Einsamkeit?
Bin ich so schön?!

Maria Luise Weissmann, 1923
(1899 bis 1929)

Veröffentlicht am 03.08.2012 16:32:30 GMT+02:00
blümchen meint:
Ute: Ich finde diese Gedichte auch unglaublich - z.B. „Freitag findet seinen Vater" ... Und die letzten beiden Zeilen bei diesem hier:

Robinson füttert sein Lamm
Hier sind nicht Städte mehr, die rufen: bau!
Nicht Wein auch, der betörte: komm und schlürfe!
Kein Trug der Sehnsucht um die fremde Frau
Und keiner Tat, daß sie mein Tun bedürfe.
Hier fand sich wieder weit versprengtes Sein
Kristallen, inselhaft, ein klar Gefüge
Aus mir und mir, ersehnt. Und doch zu rein,
Daß es der Ungeweihte reinlich trüge:

Er fing ein Lamm im Weidenkäfig ein
Und pflegt es, zärtliche, geliebte Lüge.

Maria Luise Weissmann (1899-1929)
Aus der Sammlung „Robinson"

Veröffentlicht am 03.08.2012 17:49:03 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Hier noch ein Nachtrag zum gestrigen Balladenwahn:

Gorm Grymme

König Gorm herrscht über Dänemark,
Er herrscht' die dreißig Jahr,
Sein Sinn ist fest, seine Hand ist stark,
Weiß worden ist nur sein Haar,
Weiß worden sind nur seine buschigen Brau'n,
Die machten manchen stumm;
Im Grimme liebt er dreinzuschaun, –
Gorm Grymme heißt er drum.

Und die Jarls 1) kamen zum Fest des Jul 2),
Gorm Grymme sitzt im Saal,
Und neben ihm sitzt, auf beinernem Stuhl,
Thyra Danebod, sein Gemahl;
Sie reichen einander still die Hand
Und blicken sich an zugleich,
Ein Lächeln in beider Augen stand, –
Gorm Grymme, was macht dich so weich?

Den Saal hinunter, in offner Hall,
Da fliegt es wie Locken im Wind,
Jung-Harald spielt mit dem Federball,
Jung-Harald, ihr einziges Kind,
Sein Wuchs ist schlank, blond ist sein Haar,
Blau-golden ist sein Kleid,
Jung-Harald ist heut fünfzehn Jahr,
Und sie lieben ihn allbeid.

Sie lieben ihn beid; eine Ahnung bang
Kommt über die Königin,
Gorm Grymme aber, den Saal entlang
Auf Jung-Harald deutet er hin,
Und er hebt sich zum Sprechen, – sein Mantel rot
Gleitet nieder auf den Grund:
»Wer je mir spräche, 'er ist tot',
Der müsste sterben zur Stund.«

Und Monde gehn. Es schmolz der Schnee,
Der Sommer kam zu Gast,
Dreihundert Schiffe fahren in See,
Jung-Harald steht am Mast,
Er steht am Mast, er singt ein Lied,
Bis sich's im Winde brach,
Das letzte Segel, es schwand, es schied, –
Gorm Grymme schaut ihm nach.

Und wieder Monde. Grau-Herbstestag
Liegt über Sund und Meer,
Drei Schiffe mit mattem Ruderschlag
Rudern heimwärts drüber her;
Schwarz hängen die Wimpel; auf Brömsebro-Moor
Jung-Harald liegt im Blut, –
Wer bringt die Kunde vor Königs Ohr?
Keiner hat den Mut.

Thyra Danebod schreitet hinab an den Sund,
Sie hatte die Segel gesehn;
Sie spricht: »Und bangt sich euer Mund,
Ich meld ihm, was geschehn.«
Ab legt sie ihr rotes Korallengeschmeid
Und die Gemme 3) von Opal,
Sie kleidet sich in ein schwarzes Kleid
Und tritt in Hall und Saal.

In Hall und Saal. An Pfeiler und Wand
Goldteppiche ziehen sich hin,
Schwarze Teppiche nun mit eigener Hand
Hängt drüber die Königin,
Und sie zündet zwölf Kerzen, ihr flackernd Licht,
Es gab einen trüben Schein,
Und sie legt ein Gewebe, schwarz und dicht,
Auf den Stuhl von Elfenbein.

Ein tritt Gorm Grymme. Es zittert sein Gang,
Er schreitet wie im Traum,
Er starrt die schwarze Hall entlang,
Die Lichter, er sieht sie kaum,
Er spricht: »Es weht wie Schwüle hier,
Ich will an Meer und Strand,
Reich meinen rotgoldenen Mantel mir
Und reiche mir deine Hand.«

Sie gab ihm um einen Mantel dicht,
der war nicht golden, nicht rot,
Gorm Grymme sprach: »Was niemand spricht,
Ich sprech es: Er ist tot.«
Er setzte sich nieder, wo er stand,
ein Windstoß fuhr durchs Haus,
die Königin hielt des Königs Hand,
die Lichter loschen aus.

Theodor Fontane
(Erstdruck 1872)

Veröffentlicht am 03.08.2012 18:15:10 GMT+02:00
Ute B. meint:
Diese Ballade kann ich noch heute auswendig ;-)

Belsazar

Die Mitternacht zog näher schon;
In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloss,
Da flackert's, da lärmt des Königs Tross.

Dort oben in dem Königssaal
Belsazar hielt sein Königsmahl.

Die Knechte saßen in schimmernden Reihn
Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;
So klang es dem störrigen Könige recht.

Des Königs Wangen leuchten Glut;
Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.

Und blindlings reißt der Mut ihn fort;
Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.

Und er brüstet sich frech, und lästert wild;
Der Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

Der König rief mit stolzem Blick;
Der Diener eilt und kehrt zurück.

Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;
Das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund
Und rufet laut mit schäumendem Mund:

"Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn -
Ich bin der König von Babylon!"

Doch kaum das grause Wort verklang,
Dem König ward's heimlich im Busen bang.

Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.

Und sieh! und sieh! an weißer Wand
Da kam's hervor wie Menschenhand;

Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.

Der König stieren Blicks da saß,
Mit schlotternden Knien und totenblass.

Die Knechtenschar saß kalt durchgraut
Und saß gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.

Heinrich Heine

Veröffentlicht am 03.08.2012 18:25:59 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 03.08.2012 18:26:36 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Auch diese trug meine Mutter häufig vor:

Friedrich von Schiller

Der Taucher

„Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf ich hinab,
verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.“

Der König spricht es und wirft von der Höh
Der Klippe, die schroff und steil
Hinaushängt in die unendliche See,
Den Becher in der Charybde Geheul.
„Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?“

Und die Ritter, die Knappen um ihn her
Vernehmens und schweigen still,
Sehen hinab in das wilde Meer,
Und keiner den Becher gewinnen will.
Und der König zum drittenmal wieder fraget:
„Ist keiner, der sich hinunter waget?“

Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,
Und ein Edelknecht, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
Und alle die Männer umher und Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

Und wie er tritt an des Felsen Hang
Und blickt in den Schlund hinab,
Die Wasser, die sie hinunterschlang,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
Und schwarz aus dem weißen Schaum
Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
Grundlos' als gings in den Höllenraum,
Und reißend sieht man die brandenden Wogen
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,
Der Jüngling sich Gott befiehlt,
Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,
Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer
Schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.

Und stille wirds über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
„Hochherziger Jüngling, fahre wohl!“
Und hohler und hohler hört mans heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

Und wärfst du die Krone selber hinein
Und sprächst: wer mir bringt die Kron,
Er soll sie tragen und König sein -
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
Was die heulende Tiefe da unten verhehle,
Das erzählt keine lebende glückliche Seele.

Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefaßt,
Schoß gäh in die Tiefe hinab,
Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast
Hervor aus dem alles verschlingenden Grab. –
Und heller und heller, wie Sturmes Sausen,
Hört mans näher und immer näher brausen.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß
Da hebet sichs schwanenweiß,
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
Und er ists, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

Und atmete lang und atmete tief
Und begrüßte das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
„Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle
Hat der Brave gerettet die lebende Seele.“

Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,
Zu des Königs Füßen er sinkt,
Den Becher reicht er ihm kniend dar,
Und der König der lieblichen Tochter winkt,
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,
Und der Jüngling sich also zum König wandte:

„Lang lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht!
Da unten aber ists fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

Es riß mich hinunter blitzesschnell –
Da stürzt' mir aus felsigtem Schacht
Wildflutend entgegen ein reißender Quell:
Mich packte des Doppelstroms wütende Macht,
Und wie einen Kreisel mit schwindelndem Drehen
Trieb michs um, ich konnte nicht widerstehen.

Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief
In der höchsten schrecklichen Not,
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff;
Das erfaßt ich behend und entrann dem Tod –
Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.

Denn unter mir lags noch, bergetief:
In purpurner Finsternis da,
Und obs hier dem Ohre gleich ewig schlief:
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wie's von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt' in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachligte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Und da hing ich und wars mir mit Grausen bewußt
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der gräßlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

Und schaudernd dacht ich, da krochs heran,
Regte hundert Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir -in des Schreckens Wahn
Laß ich los der Koralle umklammerten Zweig;
Gleich faßt mich der Strudel mit rasendem Toben,
Doch es war mir zum Heil, er riß mich nach oben.“

Der König darob sich verwundert schier
Und spricht: „Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelstein,
Versuchst du's noch einmal und bringst mir Kunde,
Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde.“

Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
„Laßt, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
So mögen die Ritter den Knappen beschämen.“

Drauf der König greift nach dem Becher schnell,
In den Strudel ihn schleudert hinein:
„Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
Und sollst sie als Ehegemahl heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.“

Da ergreifts ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Und sieht sie erbleichen und sinken hin -
Da treibts ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündigt der donnernde Schall -
Da bückt sichs hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.

Veröffentlicht am 03.08.2012 18:34:36 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Ferdinand Freiligrath schätze ich hauptsächlich als Übersetzer, aber er dichtete auch:

O Lieb, solang du lieben kannst!

O lieb, solang du lieben kannst!
O lieb, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Und sorge, daß dein Herze glüht
Und Liebe hegt und Liebe trägt,
Solang ihm noch ein ander Herz
In Liebe warm entgegenschlägt!

Und wer dir seine Brust erschließt,
O tu ihm, was du kannst, zulieb!
Und mach ihm jede Stunde froh,
Und mach ihm keine Stunde trüb!

Und hüte deine Zunge wohl,
Bald ist ein böses Wort gesagt!
O Gott, es war nicht bös gemeint, -
Der andre aber geht und klagt.

O lieb, solang du lieben kannst!
O lieb, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Dann kniest du nieder an der Gruft
Und birgst die Augen, trüb und naß,
- Sie sehn den andern nimmermehr -
Ins lange, feuchte Kirchhofsgras.

Und sprichst: O schau auf mich herab,
Der hier an deinem Grabe weint!
Vergib, daß ich gekränkt dich hab!
O Gott, es war nicht bös gemeint!

Er aber sieht und hört dich nicht,
Kommt nicht, daß du ihn froh umfängst;
Der Mund, der oft dich küßte, spricht
Nie wieder: Ich vergab dir längst!

Er tat’s, vergab dir lange schon,
Doch manche heiße Träne fiel
Um dich und um dein herbes Wort -
Doch still - er ruht, er ist am Ziel!

O lieb, solang du lieben kannst!
O lieb, solang du lieben magst!
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo du an Gräbern stehst und klagst!

Ferdinand Freiligrath, 1849

Veröffentlicht am 03.08.2012 18:43:30 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Das kann nicht schaden:

Ein bisschen mehr Freude

Ein bisschen mehr Freude und weniger Streit,
ein bisschen mehr Güte und weniger Neid,
ein bisschen mehr Liebe und weniger Haß,
ein bisschen mehr Wahrheit, das wär doch was!

Statt soviel Unrast ein bisschen Ruh,
Statt immer nur ich bisschen mehr du,
statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut
und Kraft zum Handeln, das wäre gut.

Kein Trübsal und Dunkel, ein bisschen mehr Licht,
kein quälend Verlangen, ein froher Verzicht,
und viel mehr Blumen, solange es geht,
nicht erst auf Gräbern, denn da blühn sie zu spät.

Peter Rosegger

Veröffentlicht am 03.08.2012 18:52:50 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Arthur Rimbaud erlebte einen Sommerabend so:

Ausbruch der Sinne

In sommerlicher Abendstunde geh ich meinen Weg;
Zerstochen von Grannen, zertret ich das Gras:
Mein Bein spürt die Kälte, von Träumen bewegt,
Lass ich den Wind mein bloßes Haupt baden.

Ich halte den Mund, denn mein Kopf ist so leer:
Doch ewige Liebe beseelt meine Spur;
Und wie ein Zigeuner, der sich verzehrt
Nach Frauen, durchstreif ich voll Glück die Natur.

März 1870

Veröffentlicht am 03.08.2012 19:55:22 GMT+02:00
Sinaida meint:
Blümchen, danke für den Schiller-Cocktail - der hat mich heute früh für einen etwas hektischen Tag richtig aufgemuntert, zusammen mit der Unfug-Literaturgeschichte!

Dafür werde ich mir jetzt Baudelaires Eulen zum Vorbild nehmen:

Die Eulen

Geschirmt von schwarzen Eibenbäumen,
Sitzt stumm der Eulen Schwarm gereiht,
Wie fremde Götzen grauer Zeit
Ihr rotes Auge glüht. Sie träumen.

So halten sie sich regungslos,
Bis zu der Stunde still verbleibend,
Da schrägen Sonnenstrahl vertreibend
Die Nacht sich breitet; schwarz und groß.

Dem Weisen lehrt die Ruhgebärde,
Daß er mit Recht auf dieser Erde
Lärm und Bewegung fürchten mag.

Den Menschen, den ein Nichts erregte,
Trifft stets der Strafe harter Schlag,
Daß er vom Platze sich bewegte.

Charles Baudelaire
(1821-1867)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.08.2012 20:03:38 GMT+02:00
blümchen meint:
Über diesen Dichter gibt es kaum Informationen im Netz, außer, dass er in Riga geboren wurde und auf einer Orientreise tödlich verunglückte. Auch er zeigt Phantasie bei der Beschreibung des Tagesausklanges

Die weiße Schlange

Auf meines Teppichs bunten Stickereien
lag eine Schlange glatt und weiss und prächtig
und lauschte zischend meinen Schmeicheleien
und dehnte sich und funkelte allmächtig.

Da küsst' ich schnell den schönsten ihrer Ringe,
den mittelsten, mit köstlichem Smaragd,
und hielt dann wieder mit gezückter Klinge
am bunten Teppich Schlangenschlummerwacht.

Bis endlich dann der Tag der weibgehasste
aus meines Fensters hohem Bogen wich
und auch der Teppich sanft in grau verblasste
und Heimliches um alle Dinge schlich.

Da legt' ich mich auf meinen Diwan nieder
und weckte noch verschwiegnes Ampellicht,
und meine Schlange ringelte die Glieder
doch auf des Teppichs Tuche war sie nicht.

Kurt Bertels (1877-1910)

Veröffentlicht am 03.08.2012 20:07:50 GMT+02:00
Sinaida meint:
Träumerei in Hellblau

Alle Landschaften haben
sich mit Blau gefüllt.
Alle Büsche und Bäume des Stromes,
der weit in den Norden schwillt.

Blaue Länder der Wolken,
weiße Segel dicht,
die Gestade des Himmels in Fernen
zergehen in Wind und Licht.

Wenn die Abende sinken
und wir schlafen ein,
gehen die Träume, die schönen,
mit leichten Füßen herein.

Zymbeln lassen sie klingen
in den Händen licht.
Manche flüstern und halten
Kerzen vor ihr Gesicht.

Georg Heym
(1887 - 1912)

Kennt ihr auch Gedichte, in denen die Farbe BLAU eine Rolle spielt? Es wäre doch ganz interessant, welche Sammlung sich daraus ergeben würde...

Veröffentlicht am 03.08.2012 20:17:00 GMT+02:00
Ute B. meint:
Die Weberstochter Johanne Juliane Schubert, geb. May, besuchte von 1784 bis 1789 eine Dorfschule.
Sie galt als »Naturdichterin« mit angeborenem Dichtertalent. Der ungenannte Herausgeber ihrer Gedichtsammlung schreibt im Vorwort: "Nicht bloß der Umstand, daß die hier gesammelten Gedichte eine Person desjenigen Geschlechts zur Verfasserin haben, welchem vielleicht eben so oft Dichtertalent angeboren ist, als dem unsrigen, sondern vielmehr der, daß die Dichterin sich selbst, ohne andern Unterricht, als den sie in ihrer Dorfschule genoß, ja ohne alle äußere Veranlassung, die ihr Genie weckte, auf diejenige Stufe erhob, auf der sie jetzt steht, giebt diesen Arbeiten eine besondre Merkwürdigkeit, und bestätiget den Erfahrungssatz: daß der Dichter geboren wird."

Der Sommerabend
An M. F., als dieselbe in Warmbrunn war

Licht ists noch am Abend-Himmelsrande
Von der Sonne sanftem Scheideblick;
Und im holden, rosigen Gewande
Glänzt uns noch ihr letzter Strahl zurück.

O des schönsten Sommerabendskühle
Wandelt sanft durch Wiesen, Flur und Hain;
Und voll süßer, zärtlicher Gefühle
Denk' ich jetzt, du Vielgeliebte! dein.

Denke dein, hier, wo im Abendhauche
Sich das Herz zu reiner Lust erhebt,
Süßer Duft vom Sommerblumenstrauche
Um des Nachtwind sanftem Flügel schwebt.

O vielleicht, von Hochgefühl durchdrungen,
Trinkst auch du jetzt Wonne der Natur;
Und, umhüllt mit Abenddämmerungen
Blumenduft auf einer stillen Flur.

Siehst einmal, entflohn dem Stadtgetümmel,
Wo so oft die stillern Freuden fliehn,
Schöner unter Gottes freiem Himmel
Um dich her des Lebens Anmuth blühn.

Oft schon folgt' im Geist ich dir zur Quelle,
Die dort warm und segenbringend fließt,
Wo Gesundheit sich mit jeder Welle
Stärkend in die kranken Nerven gießt.

O genieße, Freundin! ganz das Glücke,
Welches dir der warme Quell verspricht;
Komm gesund zu deiner Stadt zurücke;
Lebe glücklich, und - Vergiß mein nicht!

Johanne Juliane Schubert
(1776 bis 1864)

Veröffentlicht am 03.08.2012 20:23:04 GMT+02:00
R. Gnoss meint:
Zur Farbe Blau:

Eduard Mörike: Er ist's

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab' ich vernommen!
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