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Bruno Walter und Otto Klemperer


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1-25 von 253 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 11.04.2009 09:57:54 GMT+02:00
Thomas Koller meint:
Hallo,

die beiden großen Dirigenten Bruno Walter und Otto Klemperer werden meist in einem Atemzug genannt. Dies ist auch bei Arturo Toscanini und Wilhelm Furtwängler der Fall. Woran liegt das eigentlich?
Über beide habe ich viel gelesen, aber wenig gehört. Von Walter habe ich nicht eine einzige CD und von Klemperer nur die Sinfonie Nr.2 von Mahler, die ist genial.
Meine Frage an alle: Welche Einspielungen dieser Dirigenten sind empfehlenswert?

Frohe Ostern!

Thomas Koller

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.04.2009 18:05:51 GMT+02:00
Michael Kraus meint:
Hallo,

hier einige weitere Tipps zu m.E. herausrragenden Einspielungen der beiden:

Otto Klemperer
----------------------
> Beethoven - Fidelio (Ludwig, Vickers, 2+3/1962) *** sicher eine Referenz
> Brahms - Ein Deutsches Requiem (Schwarzkopf, Fischer-Dieskau) *** sicher eine Referenz
> Bruckner - 7. Sinfonie (Philharmonia O., 11/1960)
> Mahler - Das Lied von der Erde (Wunderlich, Ludwig, Philharmonia) *** sicher eine Referenz
> Mahler - 9. Sinfonie (Philharmonia)

Bruno Walter
---------------------
> Mahler - Das Lied von der Erde (Patzak, Ferrier) *** sicher eine Referenz
> Mahler - 9. Sinfonie (Columbia SO)
> Mozart - Don Giovanni (Pinza, Met 7.3.1942) *** sicher eine Referenz
> Wagner - Die Walküre, 1. Akt (Lehmann, Melchior, List) *** sicher eine Referenz

Gruß Michael

Veröffentlicht am 11.04.2009 22:31:48 GMT+02:00
Berthold Paul meint:
[Die meisten Kunden meinen, dass dieser Beitrag nicht zur Diskussion gehört. Beitrag dennoch anzeigen. Alle nicht nützlichen Einträge anzeigen.]

Veröffentlicht am 12.04.2009 09:38:38 GMT+02:00
Thomas Koller meint:
Hallo,

das hört sich nun so an, als wären Bruno Walter und Otto Klemperer musikalische Laien gewesen. Wie gesagt, von Klemperer kenne ich die Sinfonie Nr. 2 von Mahler mit dem Philharmonia Orchestra und von Walter habe ich mir gestern Das Lied von der Erde gekauft. Da ich die Aufnahme mit Ferrier bestellen hätte müssen, nahm ich die Einspielung mit Miller und Häfliger. Beide Dirigenten konnten mich mehr überzeugen als alle heute aktiven Interpreten.
Das Lied von der Erde hat bei Walter eine geradzu erschütternde Wirkung im "Abschied". Ich denke, sowohl Walter als auch Klemperer konnten von den persönlichen Begegnungen mit Gustav Mahler profitieren, während die Generationen danach auf die Parituren angewiesen waren bzw. sind.

Frohe Ostern!

Thomas

Veröffentlicht am 12.04.2009 12:04:37 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 21.07.2009 09:57:59 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.04.2009 15:34:27 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.04.2009 15:34:49 GMT+02:00
Thomas Koller meint:
Es freut mich, dass Sie eine moderne Ausbildung nicht unbedingt für besser halten. In den meisten Fachrichtungen werden die Studenten nämlich zu Fachidioten. Das habe ich selbst erfahren müssen. Ich wusste gar nicht, dass sich Klemperer auch für russische und französische Musik interessiert hat.

Thomas

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 12.04.2009 17:07:00 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 12.04.2009 17:14:32 GMT+02:00
gemi-b meint:
technokratischer schwachsinn - audio-visuell korrumpiert und mal so drauflosgeplappert, ohne zu wissen, wovon - bedarf keiner ernsthaften diskussion derer, die die diff. qualitäten von klemperer und walter zu schätzen w i s s e n.
leider sind deren umfangreiche editionen aus den katalogen verschwunden und nur noch teilweise erhältlich oder in neuen kompilationen.
aber über i-tunes, sony, jpc und amazon im netz kommt man schon weiter.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 13.04.2009 00:37:07 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 13.04.2009 01:45:59 GMT+02:00
Ungeheuer meint:
@Berthold Paul: Vergötterung von Interpreten ist abzulehnen, genauso wie das verpeilte, geradezu herablassende Fortschrittsdenken Ihrerseits. Sicher, im Lichte der historischen Aufführungspraxis erscheinen viele Lesarten überholt, und doch: Vieles bleibt, wenn auch ihre Aufnahmen Toscanini, Walter und Klemperer nicht unbedingt auf dem Höhepunkt ihres Könnens darstellen. Kleiber ist generell unterrepräsentiert. In jedem Fall ist ihr Beitrag Herrn Koller in keinster Weise hilfreich und damit fehl am Platz.

Zu den Empfehlungen:
Generell ist zu sagen dass Walter und Klemperer Ende der Fünfziger einschneidende gesundheitliche Probleme hatten (bei Klemperer wars ein Feuerunfall, bei Walter ein Herzinfarkt) weshalb die meisten ihrer 60er-Stereo-Aufnahmen nicht and die aus den 50ern heranreichen. Meine noch nicht erwähnten Favoriten sind:

>Bruckner – Sinfonie Nr. 7 & Gluck – Iphigénie en Aulide Overture (Walter / New York Philharmonic Orchestra, Liveaufnahme / 1954 / Testament)
Trotz Monoklang ausgezeichnet durchhörbar, klangschön und geräumig. Sehr zügige Tempi (I: 17:33 – II. 16:59 – III. 8:43 – IV. 11:50) die nie nie gehetzt wirken (außer im Scherzo, aber das muss dämonisch klingen), Bruckner ohne Weihrauch und elefantös plärrende Blechchöre – und ohne das von Nikitsch dazugedichtete Gebimmel und Gepauke im langsamen Satz. Zusammen mit Harnoncourts Einspielung meine persönliche Referenz.

>Brahms – Sinfonien Nr. 1 - 4, Haydn-Variationen, Alt-Rhapsodie, Akademische Festouvertüre & Tragische Overtüre (Klemperer / Ludwig / Philharmonia Orchestra, 1954 - 1958 / EMI Classics)
Bis auf die Variationen alle in Stereo, ziemlich schlank im Klang, herrlich vibratofreies Spiel in den Holzbläsern, antiphonische Sitzordnung, in Punkto Durchführbarkeit vielen gefeierten späteren Aufnahmen überlegen. Klemperers Tempi sind stet, weder gehetzt noch langsam, vollkommen effektfrei leuchtet er die Struktur aus: Die verschiedenen Stimmen greifen ineinander wie in kaum einer anderen Aufnahme, immer bleibt diese Innenspannung aufrecht - das ist würdevoller, menschlicher, ehrlicher Brahms, ganz ohne übertriebenen Pathos. Als Gesamteinspielung für mich unerreicht.

>Beethoven: Sinfonie Nr. 3 & Leonore Overtüre Nr. 3, Brahms: Sinfonie Nr. 4, Mozart: Sinfonie Nr. 29 (Klemperer / Royal Danish Orchestra, Liveaufnahmen / 1954 / 1957 / Testament)
Beides Liveaufnahmen in sehr gutem Mono, besser noch als bei Walter – und beide viel feuriger, schneller als Klemperers Studioaufnahmen dieser Werke, mit Abstand seine beste – weil 'schnellste', der erste Satz dauert 'nur' 15:09 ohne Expositionswiederholung – Aufnahme der Eroica, meines Erachtens die beste langsame Eroica. Durchhörbar, gnadenlos streng mit schroffen Akzenten und immenser Innenspannung. Das perfekte Gegenstück zu den feurigen Interpretation von Leibowitz oder Scherchen. Leider mitterweile recht schwer zu bekommen.

Grüße aus Wien

PS.: Das die Stereoaufnahme vom "Lied von der Erde" kann mit der Patzak/Ferrier-Aufnahme nicht mithalten, auch wenn es besser klingt: Die ältere ist viel dramatischer.

Veröffentlicht am 14.04.2009 12:10:27 GMT+02:00
Daniel Andres meint:
Walter und Klemperer hatten natürlich schon eine gründliche Ausbildung, als Dirigenten vor allem eine praktische (learning by doing), was auch heute noch die beste Schule ist.
Von Klemperer liebe ich die Mahler-Aufnahmen, die Tempi sind perfekt und alles hat eine Ruhe und doch enorme Spannung...
Bruno Walter ist bei Brahms grossartig, alles durchgehört und klar.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 14.04.2009 16:24:08 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 14.04.2009 21:29:22 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 14.04.2009 16:42:22 GMT+02:00
Thomas Koller meint:
Also ich bin inzwischen von den beiden Aufnahmen (Das Lied von der Erde mit Bruno Walter sowie die Auferstehungssinfonie mit Otto Klemperer) so begeistert, dass ich mir noch ein paar CDs von diesen beiden Künstlern zulegen werde. Von Walter habe ich die Sinfonie Nr.1 von Mahler ins Auge gefasst und von Klemperer die 9. Sinfonie, von der ich schon die Anfangstakte im Internet gehört habe.

Thomas

Veröffentlicht am 15.04.2009 20:39:06 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.04.2009 08:36:04 GMT+02:00
Bruckners 4. mit Otto Klemperer/POL haben in meiner damaligen Stammkneipe bereits Mitte der 60er meine "Saufbrüder" aus vorhangverdeckten Dual-Boxen um die Ohren gesaust bekommen. Auch heute erwische ich mich dabei, mit welch einer Hochspannung ich diese Aufnahme erneut -und zum unzähligstenmale- auf den Plattenteller lege. Immer wieder diese Sehnsucht nach Klemperers Bruckner-Einspielungen - und dann stets aufs neue diese (meine) innere Begeisterung für jede Sekunde, jeden Augenblick seiner fesselnden Interpretationen. Dasselbe bei Bruckners 5. , dasselbe bei Bruckners 6. und...und...und

Veröffentlicht am 16.04.2009 02:12:49 GMT+02:00
IP meint:
Nicht vergessen: Klemperer hat eine der schönsten Zauberflöten aufgenommen. Ich mag sehr seine Aufnahme von Mendelssohn 3 mit dem Bayrischen Rundfunk, kommt mit einer ebenso schönen Schubert 8.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.04.2009 15:00:18 GMT+02:00
Lieber Karl Brocksieper! Ihr Beitrag hat mir sehr gefallen! Was muß das für eine herrliche Kneipe gewesen sein, wo Bruckner gespielt wurde! Hier noch ein paar Empfehlungen zu Klemperer, diesem Riesen unter den Dirigenten des 20. Jahrhunderts: Mathäuspassion, H-Moll-Messe, Messias, Zauberflöte, Giovanni, dann absolut einzigartig: Die Iphigenien-Ouvertüre von Gluck und die Dreigroschenmusik von Weill. Dann noch die späten Mozart-Sinfonien und die Haydn-Sinfonien, auch wenn Klemperer nicht die beste Ausgabe benutzt hat.

Veröffentlicht am 16.04.2009 21:29:59 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 21.05.2009 00:39:59 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 16.04.2009 21:29:59 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 21.05.2009 00:40:28 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 17.04.2009 16:06:48 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.04.2009 19:02:16 GMT+02:00
Zu Bruno Walter fällt mir ein, dass er ja einer Generation angehört hat, die Gustav Mahler noch selbst erlebt hat. So dürften seine Mahler-Deutungen besonders interessant sein.

Ich habe mal Beethovens Neunte unter Walter gehört, eine Aufnahme, die mir sehr gut gefallen hat. Es war eine Sendung im Radio, die viele Einspielungen dieses Werkes miteinander verglich.

Klanglich sind die Aufnahmen aus den späten 50er-Jahren noch akzeptabel, aber alles, was älter ist, ist historisch interessant, aber kann heute einfach nicht mehr zufrieden stellen - klanglich wohlgemerkt.

Wer aber kennt Bruno Walters Einspielung der "Unvollendeten" von Schubert mit dem New York Philharmonic Orchestra von 1958 ? DAS ist für mich die einsame Referenzaufnahme, die beste und einzige in dieser Form. Ich kenne keine neuere Aufnahme, die an diese Interpretation herankommt!
Wann hört man den ersten Satz so dramatisch, eindringlich und schnörkellos (11:00 Min.) und den zweiten so elegisch, in schierer Endlosigkeit verklingend (13:56 Min.) ?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.04.2009 22:51:31 GMT+02:00
Zu Bruno Walters Mahler-Aufnahmen finde ich keinen rechten Zugang, weil sie auf mich bei aller Hochschätzung gegenüber dieser Dirigentenpersönlichkeit doch ein wenig zu antiquarisch daherkommen. Seine Bruckner-und Dvorak-Einspielungen sind dagegen richtige Ohrenschmäuse mit dem herrlich aufspielenden Columbia SO. Und die plastische, ungemein körperhafte Klangtechnik unterliegt hier sogar einer gewissen Suchtgefahr und deklassiert damit so manche zwar moderne, aber im Vergleich hierzu langweilende Digitalaufnahme.

Veröffentlicht am 19.04.2009 14:59:37 GMT+02:00
Auf die Eingangsfrage ist bisher noch keiner so recht eingegangen. Bruno Walter (Schlesinger) und Otto Klemperer hatten beide eine enge persönliche Beziehung zu Gustav Mahler, der als ihr "Spiritus rector" bezeichnet werden kann und der sehr großen Einfluss auf ihre weitere musikalische Entwicklung hatte. Beide verbindet ihre jüdische Herkunft und das Schicksal des Exils während des "3.Reiches". Während Bruno Walter zunächst nach Österreich emigrierte, ehe er "anschlussbedingt" 1938 in die USA ging, wurde Klemperer bereits 1933 Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra (bis 1939). Während Bruno Walter auch nach dem Krieg in Amerika blieb und die dortige Staatsbürgerschaft annahm, kehrte Klemperer 1947 nach Europa zurück (Budapest 1947-50). Ab 1954 dirigierte er auf Betreiben von Walter Legge das Philharmonia Orchestra London, dessen Chefdirigent auf Lebenszeit er 1959 wurde. Bruno Walter leitete von 1947-49 die New Yorker Philharmoniker. 1957 wurde für ihn das Columbia Symphony Orchestra gegründet. Beide zählten in den 50er und 60er Jahren zu den wichtigsten Schallplattendirigenten, Bruno Walter galt als großer Mozart-Interpret, Klemperer als überragender Sachwalter Beethovens. Insbesondere seine legendären Aufnahmen der "Eroica" begründeten diesen Ruf. Beide setzten sich zeitlebens für Gustav Mahlers Werke ein. Klemperer bezeichnete einmal Bruno Walter als "Moralist", sich selbst hingegen als "Immoralist". Die lässt gewisse Rückschlüsse auf ihre Interpretationsweise zu.
Furtwängler und Toscanini waren zwar Antipoden, sie waren jedoch die beiden berühmtesten Dirigenten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, weshalb sie bis heute häufig in einem Atemzug genannt werden.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.04.2009 19:31:06 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 30.04.2009 19:35:30 GMT+02:00
Guten Abend.
Ich habe lange gezögert, mich hier in diese Debatte einzuschalten, weil tatsächlich Otto Klemperer und Bruno Walter solche unangreifbare Größen sind, dass sie - darin gebe ich haydnfan recht - eigentlich keiner Diskussion und erst recht keiner Lobeshymnen mehr bedürfen. Aber der überaus provokative Eintrag von Berthold Paul wurmt mich schon seit Tagen, und ich meine, dass eine Erwiderung unbedingt fällig ist.
Was er da von sich gibt, zeugt für mich von nicht zu überbietender Ignoranz und Arroganz, und die von ihm angeführten "Heiterkeitsausbrüche" stellen sich eher bei seinem Beitrag ein. "Eine Ausbildung nach heutigen Maßstäben hatte keiner genossen ..." Ha, Ha, Ha!
Nennen Sie doch einmal einen dieser "Universalkünstler" beim Namen, die heute diesen beiden Großen das Wasser reichen können! Nein, dümmer gehts nimmer!!
Beginnen wir einmal mit Otto Klemperers eindrucksvoller Diskus-Hinterlassenschaft und beschränken uns auf seine Londoner Jahre von 1954-1972. Natürlich sind seine Aufnahmen unterschiedlich ausgefallen, bei dieser Fülle auch kein Wunder. Schließlich lag ihm nicht jedes aufgenommene Werk gleichermaßen, und auch er hatte vielleicht zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht immer seinen allerbesten Tag. Trotzdem gibt es (für mich) keine einzige Aufnahme von ihm, die ich entbehrenswert oder gar als schlecht bezeichnen könnte. Damit wäre von mir die Eingangsfrage von Thomas Koller beantwortet, was Klemperer betrifft: Alle!
Bach: Matthäus-Passion, H-moll-Messe, Brandenburgische Konzerte - einmalig und unwiederbringlich, besonders die Chorwerke (welch glanzvolle Solisten!), wenn auch nichts für Originalklang-Fetischisten.
Beethoven: Alle Symphonien, die Klavierkonzerte und die Chorfantasie (mit Barenboim), die Ouvertüren, Bühnenmusiken zu "Prometheus" und "Egmont" (mit Birgit Nilsson), Große Fuge op. 133.
Zu den Symphonien: Mir scheinen die Mono-Versionen der 3., 5. und 7. insgesamt schlüssiger, insbesondere die Fünfte klingt in der neueren Stereo-Version ein wenig behäbig und lässt etwas Drive vermissen, aber auch sie ist den meisten der späteren Konkurrenzaufnahmen vorzuziehen.
Seine Beethoven-Auslegungen sind jedenfalls sämtlich für die Ewigkeit gedacht.
Violinkonzert: nicht allererste Wahl, was aber mehr am Solisten (Menuhin) als am Dirigenten zu liegen scheint. Unter Furtwängler und Silvestri war Menuhin deutlich besser (auch deutlich jünger!)
Dann FIDELIO (mit der wunderbaren Christa Ludwig) und MISSA: bis heute unübertroffene Interpretationen mit Modellcharakter, was insbesondere für die Missa Solemnis gilt, die ich so bezwingend niemals mehr gehört habe.
Brahms: Alle Symphonien, Violinkonzert (mit Oistrach und dem Orcheste National Paris), Deutsches Requiem (mit Schwarzkopf und Fischer-Dieskau), ergreifend und erschütternd zugleich, die Ouvertüren und - leider noch mono - die Haydn-Variationen. Dazu die Alt-Rhapsodie mit Christa Ludwig. Sämtlich gehören sie in den CD-Olymp!
Berlioz: Symphonie fantastique, atmet den Geist einer großartigen Sternstunde und ist mit keiner anderen Version zu vergleichen.
Bruckner: 4.-7. und 9. Symphonie (ich besitze nur die 4., 6. und 7., die 5. und 9. kenne ich nur aus dem Rundfunk, und das ist lange her), ein Bruckner ohne falsches Weihepathos, aber von großartiger Geschlossenheit und einzigartiger Wucht.
Dvorak: 9. Symphonie "aus der Neuen Welt", Mahler-nah, aber von einem unüberbietbaren Ernst und Liebe zum Detail getragen.
Gluck: Ouvertüre "Iphigenie in Aulis" (zu Recht hochgelobt!)
Händel: MESSIAS, für Originalklang-Freunde sicher ein Graus, aber wer hat sich mit mehr Begeisterung dieser Meisterpartitur verschrieben als Klemperer und verfügt über solche Solisten wie z.B. Schwarzkopf und Gedda? Wer lässt den Chor mit solcher Wucht und, wo es nötig ist, mit solcher Zartheit singen?
Concerto grosso op. 6 Nr. 4 (ein Unikat, es gibt sonst m.W. keine Konzertaufnahmen Klemperers von Händel)
Haydn: 8 späte Symphonien, echter Klemperer, analytisch, klar und in den Strukturen glänzend nachgezeichnet. Da spielt es keine Rolle, dass er nicht die bereinigten Partituren verwendet.
Liszt: 1. Klavierkonzert, mit Annie Fischer, eine grundsolide Einspielung mit sehr plastischem Orchesterspiel.
Mahler: 2., 4., 7. und 9. Symphonie: sämtlich Leitinterpretationen, die ihren Wert über die Zeiten behalten, insonderheit die Zweite und Vierte glänzen zusätzlich durch Elisabeth Schwarzkopfs herrlichen Gesang.
Das Lied von der Erde: mit Fritz Wunderlich u. Christa Ludwig, sehr verschieden zu Bruno Walters Versionen, aber absolut gleichwertig und unwiederholbar.
Mendelssohn: 3. und 4. Symphonie - wie aus einem Guss und in ihrem jeweiligen Habitus glänzend erfasst. "Ein Sommernachtstraum": etwas düster, aber großartig und von hoher Geschlossenheit, und eine fantastische Hebriden-Ouvertüre.
Mozart: 11 Symphonien (Nr. 25, 29, 31, 33-36, 38-41) - herrliche Alternativen zu Walters "singenden", abgeklärten Spätaufnahmen (hier zeigt Klemperer noch etwas von seiner ursprünglichen Querständigkeit und quasi revolutionären Aufmüpfigkeit, mit der er den Nazis an der Berliner Kroll-Oper so sehr auf die Nerven ging), die Kleine Nachtmusik (unter Klemperers Stabführung von beinahe symphonischem Zuschnitt), die Serenata notturna, die Maurerische Trauermusik, Adagio und Fuge c-moll, die Ouvertüren, darunter die zu "Titus" und "Entführung", das Klavierkonzert Nr. 25 (mit Barenboim) und die vier Hornkonzerte (mit Alan Civil, von "Testament" Gott sei Dank wieder aufgelegt), die Gran Partita und einige Serenaden (mit dem Philharmonia Wind Ensemble), unverwechselbar in ihrer Grundhaltung.
Dann "COSI" und "FIGARO": wunderbar, wenn auch mit diesen Tempi nicht bühnengeeignet, trotzdem unverzichtbar.
"DON GIOVANNI" mit dem herrlichen Ghiaurov in der Titelrolle: bezwingend und in ihrer Dämonie unübertroffen. Nicht alle Solisten sind top, aber für mich ist das der insgesamt schlüssigste, überzeugendste Don Giovanni. Die Aufnahme hat eine schier hypnotische Wirkung.
"ZAUBERFLÖTE": mit einmaligen Sängern (Janowitz, Gedda, Berry, Frick, Lucia Popp u.v.m.), leider ohne die Dialoge, was zu einem musikalischen Potpourri führt, in dem die berühmten drei Akkorde wie Pausenzeichen in der Luft hängen, ein unverzeihlicher Fehler, aber trotz alledem: Eine Zauberflöte für die Ewigkeit, von einer Ruhe getragen und trotzdem die heiteren Teile nicht unterbewertend, ist diese Aufnahme für mich bis heute das Nonplusultra geblieben. Beethoven-nah und doch echtester Mozart!
Schubert: 5., 8. und 9. Symphonie: echter Klemperer, nicht direkt "wienerisch", aber Schubert in jeder Note ernstnehmend und mit großartigem Orchesterspiel.
Schumann: alle Symphonien, großbogig gestaltet, mit langem Atem, wenn auch in der Zweiten und Dritten - aus Klemperers letzter Schaffenszeit - manchmal die Spannung ein wenig nachlässt. Aber: Wer konnte mit solcher Klarheit, Reinheit und - purer Schönheit den herrlichen langsamen Satz der Zweiten so vor uns erstehen lassen? Dann gibt es noch die Ouvertüren FAUST, GENOVEVA und MANFRED.
Und das Schumann-Klavierkonzert, mit der Ungarin Annie Fischer, auch eine Großtat des Dirigenten und eine herausragende Leistung der Pianistin, die leider bei uns viel zu wenig bekannt geworden ist. Romantik pur!
Richard Strauss: Tondichtungen, besonders "Tod und Verklärung" und die Metarmophosen sind hervorzuheben. Auch der Schleier-Tanz aus SALOME beeindruckt sehr. Leider fehlt der Zarathustra.
Tschaikowsky: 4., 5. und 6. Symphonie - weniger tränenreich sind diese Werke wohl nie gestaltet worden. Klemperer, bestimmt kein geborener Tschaikowsky-Spezialist, nimmt sie ernst und zeigt, wie man diese Musik aufführen kann, ohne dass sie langweilig ist oder gar auf die Nerven geht.
Weber: Ouvertüren OBERON, FREISCHÜTZ und EURYANTHE sowie
Humperdinck: HÄNSEL UND GRETEL - Ouvertüre und Traumpantomime (alles Ausnahme-Interpretationen von glänzender Wirkung) und
Weill: Dreigroschenmusik, sein eigener "Merry Waltz" und einige Strauß-Walzer.
Schlußendlich Wagner: Einmalige Ouvertüren und Vorspiele zu allen seinen großen Opern aus der Zeit um 1960, die noch heute als Musterbeispiele herangezogen werden müssen, um zu zeigen, wie solche Musik aufgeführt werden muss. Und die Wesendonck-Lieder mit Christa Ludwig nicht zu vergessen! Dann ein wunderbarer HOLLÄNDER: Schade, dass es von ihm keinen TRISTAN und keine RING gibt. Immerhin: der 1. Walküre-Akt liegt vor, seine letzte Aufnahme von 1972, mit Helga Dernesch, William Cochran und Hans Sotin. Was wäre daraus geworden, wenn ihm - wie weiland Bruno Walter - Lotte Lehmann und Lauritz Melchior zur Verfügung hätten stehen können und er selbst noch auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft gestanden hätte!
Ja, ich gestehe es ganz offen: Ich bin Klemperer-Freak durch und durch, und ich würde a l l e seine Aufnahmen mit auf die vielzitierte einsame Insel, und wenn es Sinn machen würde, sogar mit ins Grab nehmen.
Klanglich, um Herrn Paul auch darin zu widerlegen, sind sie alle von bester Qualität und manch einem Digital-Hochglanzprodukt an Durchsichtigkeit und Klangauffächerung weit überlegen.
Zu Bruno Walter möchte ich nur zum Schluß bemerken, dass ich auch ihn für einen der ganz Großen halte. Leider ist der Großteil seiner besten Aufnahmen klanglich antiquiert, und seine Stereo-Aufnahmen ab 1958 in der Mehrzahl den älteren Versionen musikalisch unterlegen. Aber: Seine Mahler- und Mozart-Aufnahmen gehören ebenfalls in den CD-Olymp! Auch seine späten Brahms-Aufnahmen sind von unverwechselbarer Größe.
Mir bleibt es unverständlich, wie man solche banale, ja schlicht dumme Ausführungen über diese Künstler machen kann. Neben Furtwängler und Toscanini gehören sie - noch deutlich vor solchen Größen wie Szell, Fricsay oder Karajan - zu den größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts, und es ist doch bezeichnend, dass gerade Klemperers Aufnahmen, inzwischen zwischen 40 und 50 Jahre alt, nie aus den Katalogen verschwunden sind und in immer wieder neuen Auflagen erscheinen.
Es tut mir leid, dass meine Ausführungen so lang geworden sind, aber diese Ehrenrettung war dringend nötig!

Veröffentlicht am 19.04.2009 20:34:00 GMT+02:00
....und der Vollständigkeit halber packen wir, lieber Herr Friedgen, noch die hinreissende Aufnahme der Franck-Sinfonie obendrauf.

Kennen Sie oder kennt irgendjemand eine Beethoven-Missa Solemnis, die auch nur annähernd an die Klemperer-Aufnahme heranreicht ? Ich nicht!!!!!!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.04.2009 21:09:42 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 19.04.2009 21:13:36 GMT+02:00
Guten Abend Herr Brocksieper,
es ist gut, dass Sie die Franck-Aufnahme erwähnen. Ich habe sie bewusst nicht aufgeführt, weil sie nicht in meinem Besitz ist und darum auch von mir nicht beurteilt werden kann. Ich glaube Ihnen aber gerne, dass es eine hinreißende Darstellung ist, wie alles, was Klemperer aufnahm.
Es gibt auch noch u.a. eine Aufnahme einer Klemperer-Symphonie, die ich ebenfalls nicht kenne.
Beethovens MISSA unter Klemperer ist in der Tat eine Offenbarung.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 19.04.2009 23:27:42 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 19.04.2009 23:34:49 GMT+02:00
gemi-b meint:
lieber herr friedgen,

mit ihrer wie auch immer umfangreichen 'ehrenrettung' stehen sie sicher nicht allein - wie ich knapp bemerkte,
sollte kein wissender musikfreund die provokation des b.paul wirklich ernst nehmen.

nun denn, ihre umfassende klemperer-eloge soweit in ehren - wenn auch ich nicht in allem übereinstimme - aber sie erweisen m.e. bruno walter keinen adäquaten dienst, wenn sie ihn gegenüber klemperer hintanstellen:
walters brahms-einspielungen mit dem columbia-orch., sowie seine mozart-, mahler- und die schubert-aufnahmen (alle stereofon), müssen sich auch klanglich, interpretatorisch! schon gar nicht, hinter klemperer verstecken!
die früheren sind durchweg zügiger, aber mit weniger tiefenschärfe - was übrigens gleichsam für klemperer gilt!vielleicht hilft da eine relativierende hör-auffrischung!

schönen abend, gemi.

Veröffentlicht am 20.04.2009 13:58:50 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 20.04.2009 14:06:45 GMT+02:00
Und allen Klemperer-Verehrern möchte ich noch zwei Aufnahmen ans Herz legen: Die Ouvertüre zu Iphigenie in Aulis von Gluck und die Dreigroschenmusik von Weill. Die Ouvertüre klingt so, als ob sie Beethoven komponiert hätte. Und der Weill vermittelt einem das Lebensgefühl der zwanziger Jahre in Berlin auf einzigartige Weise. Zu Bruno Walter möchte ich auch noch eine Empfehlung machen. Ich möchte behaupten, daß es keine schönere Aufnahme der Pastorale gibt als die von Bruno Walter mit dem Columbia Orchestra. Ich denke, diese Musik hat, neben Mozart, seinem Wesen am ehesten entsprochen. Seine "Wutanfälle" in Proben gipfelten ja in dem Satz: "Meine Herren, ich bin noch nicht ganz glücklich!"

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 20.04.2009 14:32:44 GMT+02:00
Also: Toscanini und Furtwängler waren Zeitgenossen, mehr nicht - und sie hatten wirklich nicht viel gemeinsam. Toscanini war ein präziser Herunterratterer von Partituren, was seinerzeit etwas Besonderes war. Heute würde man seine Aufnahmen eher als seelenlos bezeichnen. Anders Furtwängler, dessen Aufnahmen heute immer noch etwas zu sagen haben (de gustibus non est disputandum, aber wir sind ja hier nicht im musikwissenschaftlichen Seminar). - Walter und Klemperer haben mehr gemeinsam: Den engen Kontakt zu Gustav Mahler, ihre jüdische Herkunft, verbunden mit dem Exilantenschicksal, beeindruckende Mahler-Aufnahmen. Ansonsten waren sie völlig unterschiedliche Typen, auch Dirigiertypen, was man an DVD-Aufnahmen sehr gut sehen kann. Von Klemperer schätze ich die Mahler-Aufnahmen sehr, auch Bruckner, während seine Beethoven-Einspielungen für meinen Geschmack zu statisch sind. Von Walter gibt es wirklich tolle Brahms-Aufnahmen, ich bin immer beeindruckt, wie er es geschafft hat, mit seiner freundlichen und geduldigen Art so viel brio aus einem Orchester herauszuholen. Auch Schubert-Aufnahmen sind sehr zu empfehlen.
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