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Karl Böhm - Glanz und Abgrund


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1-25 von 238 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 26.07.2009 21:21:41 GMT+02:00
Ein hier noch nicht besprochener großer Dirigent ist Karl Böhm (1894 - 1981), dessen Aufnahmen auch heute 28 Jahre nach seinem Tod präsent sind; mir fallen spontan seine Zauberflöte und sein Requiem sein.

Welche seiner Aufnahmen besitzen ihrer Meinung nach Referenzcharakter ?

War er ein Gegenspieler, ein Rivale von Karajan?

Wie denken Sie über seine Nazi-Vergangenheit? Kann man ihm das verzeihen?

Ich freue mich auf Ihre Meinungen!
Mit freundlichen Grüßen

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 26.07.2009 23:35:33 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 26.07.2009 23:37:58 GMT+02:00
K.H. Friedgen meint:
Hallo Herr Busch,
Karl Böhm war einer der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Leider ist er - im Gegensatz zu Karajan - sehr schnell aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden. Bei der DGG, seiner langjährigen Stammfirma, kursierte der Satz: Einen Tag nach Böhms Tod war Böhm tot. Warum - das ist nicht nachzuvollziehen.
Böhm war ein großartiger Mozart-Dirigent, er galt zu seinen Lebzeiten als "Mozart-Papst", und auch seine Wagner-Aufnahmen waren u.a. hochgerühmt (besonders sein Bayreuther TRISTAN von 1966).
Referenzcharakter (für mich):
Zauberflöte (1964, DGG, mit Fritz Wunderlich)
Le nozze di Figaro (1967, DGG, mit Janowitz, Fischer-Dieskau)
Schubert: Die 9 Symphonien (DGG)
Brahms: 2. Klavierkonzert (mit Wilhelm Backhaus, Decca)
Bruckner: Symphonien Nr. 4 (Decca) und Nr. 7-8 (DGG)
Mozart: Symphonien, Konzerte u.a. (DGG)
Ein Gegenspieler von Karajan? Wurde oft gesagt, und es gab zweifellos Rivalitäten, aber "Gegenspieler" trifft nicht den Kern, obwohl beide in vielen Teile das gleiche Repertoire einspielten. Doch Böhm konnte (z.B. bei den Beethoven-Symphonien) nie auch nur entfernt an Karajans Umsatzzahlen heranreichen, obwohl sein Beethoven-Zyklus von 1969/70 hochkarätig war.
"Nazi-Vergangenheit? Kann man ihm das verzeihen?" Böhm war höchstens ein Mitläufer, hat sich nie politisch engagiert. Mit seiner großbürgerlichen Erziehung war er wie viele seiner Zeitgenossen "großdeutsch" eingestellt, das hat aber mit Nazismus nichts zu tun. Die meisten Österreicher waren nach dem 1. Weltkrieg anschlußfreudig.
Für mich ist diese Frage für Böhm nicht virulent. Dann könnte man auch fragen:
Wie denken Sie über die Sowjet-Vergangenheit von Svjatoslav Richter und Emil Gilels. Beide waren Stalin-Preisträger, aber deshalb waren sie nicht zwangsläufig auch überzeugte Kommunisten. Man sollte solche Dinge bei der Beurteilung von Künstlern nicht hochspielen. Wo soll man da anfangen, und wo enden?

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2009 00:18:27 GMT+02:00
T. BERGMANN meint:
Hallo Herr Friedgen,

die Eroica mit den Berlinern würde ich auch als Referenz bezeichnen. Auch das Konzert für 2 Klaviere mit Gilels und seiner Tochter finde ich klasse.
Ihren Einwand mit Gilels und Richter finde ich in Ordnung. Theo Adam und Peter Schreier(in meiner Familie der "Schreihals genannt) wurden von der DDR - Führung auch hofiert und benutzt.
Auch wenn es nicht zum Thema gehört, aber dies möchte ich Ihnen, da ich Ihre Mail nicht habe, auf diesem Wege sagen: Ich hatte unter anderem an Fronleichnam wie auch an Palmsonntag und am Triduum sacrum die Gelegenheit, sie in der tridentinischen Form zu erleben. Ein wirklich großartiges Erlebnis. Der Introitus zu Fronleichnam habe ich mir, da Sie ihn mal erwähnten, wegen Ihnen mir besonders angehört. Wirklich sehr schön.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2009 00:20:32 GMT+02:00
T. BERGMANN meint:
Wieso fragen Sie, ob man seine Vergangenheit ihm verzeihen kann? Hat Karl Böhm Ihnen etwas schlimmes angetan? Oder jemand anderem? Er hatte das Pech, in dieser Zeit zu leben.

Veröffentlicht am 27.07.2009 06:14:20 GMT+02:00
Ich bin zwar weder ein Böhm-Fan, noch ein Böhm-Gegner aber wenn es um seine Rolle in der Zeit der NS-Diktatur geht, war er wohl auch nicht harmloser oder schlimmer als Karajan, Furtwängler, Knappertsbusch oder Kraus. Diese Dirigenten gehörten alle zur kulturellen Stütze des Regimes und daher haben sie alle mehr oder weniger "Dreck am Stecken".
Der französische Musikjournalist Remy Louis, der u. a. für das französische Klassikmagazin Diapason arbeitet, hat nachgewiesen, dass Böhm weder in den Akten der Reichsmusikkammer, noch im NSDAP-Mitgliedsarchiv als Parteimitglied geführt wurde. Somit gibt es keine Anhaltspunkte bzw. Beweise dafür, dass er in der Partei war.
Böhm war halt ein Mitläufer und auch ein Profiteur, indem er Nachfolger für den emigrierten Fritz Busch an der Dresdner Semperoper wurde. Immerhin hatte er dort 1935 die Dresdner Erstaufführung von Paul Hindemiths Oper "Mathis der Maler" dirigiert.

Ich selbst besitze nur 2 Böhm-Aufnahmen:
Eine langweilige Aufnahme von Tschaikowskys 5. Sinfonie mit dem LSO (DG) und die legendäre Gesamtaufnahme von Wagners "Tristan und Isolde" als Live-Mitschnitt von den Bayreuther-Festspielen (Philips/DG). Auf ähnlich hohem Niveau ist nur noch Carlos Kleibers "Tristan" Gesamtaufnahme (DG).

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2009 18:58:52 GMT+02:00
K.H. Friedgen meint:
Hallo Herr Dilchert,
wenn Sie eine gute Tschaikowsky-Aufnahme von Böhm (der hatte diesen Komponisten sicher nicht in seinem Kernrepertoire) möchten, dann empfehle ich Ihnen die Sechste. Der hat Böhm sogar nach meinem Empfinden noch neue Aspekte abgewinnen können. Wahrlich ein Kunststück!
Ansonsten muss ich - mit Verlaub - sagen, dass ich das ständige Herumreiten auf der NSDAP-Vergangenheit von Künstlern ziemlich nervig finde. Ich denke, wir sollten froh sein, dass wir in der damaligen Zeit nicht gelebt haben und unseren Weg machen mussten. Wer weiß, wie wir gehandelt hätten! Ich finde es aber falsch, immer wieder diese alten Geschichten aufzuwärmen. Schließlich haben Böhm, Karajan, Furtwängler u.a. ja kein KZ geleitet! Sie wollten Musik machen, und sie brauchten dazu wohl auch ihren heimischen Kulturboden.
Bei Clemens Krauss und Tiana Lemnitz wäre NS-Kritik vielleicht eher angebracht, das waren echt überzeugte Nazis. Und trotzdem hat Krauss der jüdischen Sängerin Hilde Gueden zur Flucht nach Italien verholfen, als Goebbels auf ihre Herkunft aufmerksam geworden war. Auch das sollte nicht vergessen werden.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2009 19:06:47 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 11.04.2012 20:52:29 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2009 19:49:55 GMT+02:00
Hallo Herr Friedgen,
danke für den Hinweis auf Böhms Interpretation von Tschaikowskys 6. Sinfonie. Allerdings habe ich diese Aufnahme weder hier bei amazon, noch bei iTunes gefunden. Bei welchem Label, mit welchem Orchester und aus welchem Jahr stammt denn diese Aufnahme ?
Vielleicht können Sie mir darüber eine Info geben. Im voraus schon mal vielen Dank.
Gruß

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2009 21:30:08 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 27.07.2009 21:31:53 GMT+02:00
K.H. Friedgen meint:
Hallo Herr Dilchert,
Böhms Tschaikowsky-"Pathétique" erschien 1980 unter der Best.-Nr. 2531212 bei Deutsche Grammophon, es spielte das London Symphony Orchestra. Die Aufnahme ist m.W. nie auf CD überspielt worden. Der 5. wurde diese Ehre wohl zuteil, weil sie bereits digital aufgenommen wurde, obwohl sie musikalisch nicht an Böhms Sechste heranreicht. Ich habe diese 6. allerdings viele Jahre nicht mehr gehört, so dass ich keinen eigenen Höreindruck vermitteln kann, und deshalb gebe ich Ihnen eine alte Kritik aus HiFiStereophonie von Alfred Beaujean wieder (in Auszügen): ".... die späte und überraschende Hinwendung des alten Mozart-Papstes zu Tschaikowsky, den er vermutlich jahrelang nicht mehr dirigiert hat, ließ ihn mit einer Unbefangenheit und Frische an diese als abgegriffen geltende Musik herangehen, die zu erstaunlichen Resultaten führte. Kurzum: Die Darstellung dieser Sechsten ist eine Glanzleistung an zupackender Energie, Deutlichkeit der Strukturen, Unmittelbarkeit des Zugriffs, saft- und kraftvoller Modellierung der Kantilenen. ...eine ausgesprochen männliche Interpretation, die in manchem Betracht den 'klassischen' Swetlanow- und Markevitch-Darstellungen nahesteht. Ich gestehe, das vielgeschundene Stück lange nicht mehr mit solcher Spannung angehört zu haben wie von dieser Aufnahme."
Beaujean war ein sehr kritischer Mensch, und wenn vor seinen Ohren eine Aufnahme "Gnade fand", dann musste sie schon außerordentlich sein. Ich habe Böhms Version auf LP, doch im Moment nicht greifbar, da ich aus Platzgründen viele Platten in Kartons packen musste, um Raum für CDs zu schaffen. Es könnte sein, dass die Aufnahme eines Tages in Japan neu erscheint, wie Zahlreiches aus den alten DGG-Katalogen. Böhm hat seinerzeit die Tschaikowsky-Symphonien Nr. 4, 5 und 6 mit dem LSO eingespielt, nur die Fünfte (als letzte) digital, und diese erschien vor Jahren in der "Galleria"-Reihe. Die beiden anderen verschwanden in der Versenkung. Mehr kann ich Ihnen leider nicht dazu sagen.
Beste Grüße
K.H.F.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2009 21:52:57 GMT+02:00
Hallo Herr Friedgen,
danke für die Info. Gerade habe ich auf der Homepage der Deutschen Grammophon gesehen, dass Böhms Aufnahme von Tschaikowskys Sinfonien Nr. 4 - 6 als Download zur Verfügung steht:

http://www2.deutschegrammophon.com/cat/result?SearchString=&ART_ID=BOHKA&COMP_ID=TCHPE&ALBUM_TYPE=&IN_XXSERIES=&javascript=1&x=22&y=9

Da ich seine Lesart der 5. Sinfonie bereits kenne, werde ich mir mal die 4. und die 6. Sinfonie zu Gemüte führen. Vielleicht kann ich Herrn Beaujeans Meinung teilen.

Ebenfalls beste Grüße

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2009 22:12:32 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 28.07.2009 07:57:08 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2009 22:38:13 GMT+02:00
K.H. Friedgen meint:
Hi haydnfan,
danke! Sie haben mich nicht enttäuscht!!!
ich finde es immer wieder Klasse, wie Sie losdonnern können und wie es Sie einen Teufel schert, was der haydnfan irgendwann mal gesagt oder geschrieben hat!
Wann wird der gute Keilberth jetzt heiliggesprochen???

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 27.07.2009 23:10:04 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 28.07.2009 07:57:46 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 28.07.2009 00:35:41 GMT+02:00
Ungeheuer meint:
Ich schätze Böhm als Strauss-, (gnadenlos analytischen) Bruckner- und (überaus flott-dramatischen) Wagnerdirigenten.

Als Mozartinterpret und Mensch kann ich ihm jedoch gar nichts abgewinnen. Böhm war verrufen als gnadenloser Orchesterschinder (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu recht), sein Mozart klang immer altbacken und steif für mich - rhythmisch klebt Böhm geradezu an der Partitur - es fehlt der Schwung, der Verve - die langsamen, undifferenzierten Tempi helfen der Musik auch wenig. Da waren (Erich) Kleiber, Fricsay, Busch, Markevitch, Maag, Davis und andere schon viel weiter. Auch heutige HIP-Einspielungen sind meist viel graziöser und lebendiger - meines Empfindens nach.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.07.2009 10:47:42 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.07.2009 10:49:30 GMT+02:00
Böhm verstand sein Kapellmeisterhandwerk, ohne Zweifel. Alles wurde sehr korrekt, manchmal knochentrocken, dargeboten. Wen wundert's, schließlich war er auch Dr.jur., nicht wenige sahen in ihm den typischen Musikbeamten. "Objektiv" ist vielleicht das richtige Wort, um seine Interpretationen zu charakterisieren. In den Proben konnte er mit seiner Pingeligkeit die Musiker zur Weißglut treiben, darin war er das Gegenteil z.B. von Bruno Walter. Was sich bei ihm jedoch selten einstellte, war eine besondere Atmosphäre, die sich jedoch nicht durch akribischen Probenfanatismus beschwören lässt. Trotz allem gelangen ihm einige wenige Aufnahmen, die wohl Bestand haben werden. Keineswegs die Mozart-Sinfonien (abgesehen von KV 385), die Schubert-Sinfonien, die Wiener Zyklen mit Beethoven und Brahms, sondern eher Beethovens Missa mit den Berliner Philharmonikern aus dem Jahre 1955, Bruckners 4., Elektra von Strauss, Cosi fan tutte (schon erwähnt, ich bevorzuge die Decca-Aufnahme), Tristan und Isolde und der Bayreuther Ring von 1967 (von der DGG aufgenommen, dann Philips verkauft, als HvK seinen Salzburger Oster-Ring herausbrachte, die Rangfolge ist nicht zu übersehen), Wozzeck und von Mozart: die Sinfonia Concertante für 4 Bläser KV 297b, beide Aufnahmen (BPh und WPh).
@ K.H. Friedgen: Es gibt noch eine weitere Tschaikowsky-Veröffentlichung mit Böhm, die 4. mit der Tschechischen Philharmonie bei Orfeo, ein Salzburg-Konzert aus dem Jahr 1971. Ich habe mir die DCD allerdings aus einem anderen Grund gekauft, auf CD 1 spielt Gilels das 5. Klavierkonzert und zusätzlich gibt es einen fast halbstündigen Probenmitschnitt des 2. und 3. Satzes!

Herzliche Grüße
B.Stremmel

Veröffentlicht am 28.07.2009 13:02:55 GMT+02:00
Lieber Herr Friedgen, lieber Herr Dilchert, lieber Herr Bergmann,

gestatten Sie mir noch einige Anmerkungen zur leidigen Nazi-Vergangenheit diverser Künstler, ohne dass "darauf herumgeritten werden soll".
Dirigenten, insbesondere große Dirigenten, zu denen Furtwängler, Karajan etc. und auch Karl Böhm gerne gezählt werden, haben als Künstler und Prominente nicht nur bei der Interpretation eine hohe moralische Verantwortung. Dass Sie oft auch nur Profiteure und Mitläufer sind, ist bekannt und soll weder hochgespielt, noch bestritten oder beschönigt werden. Ich war unangenehm überrascht über den Artikel bei Wikipedia, der Böhms Einstellung und sein Verhalten in jener Zeit darstellt. Ich bin froh, dass ich nicht in dieser Zeit gelebt und weiß somit auch nicht, wie ich mich in jener Zeit verhalten hätte, aber das entschuldigt karrierebewusstes Mitläufertum immer noch nicht. Ich möchte an jener Stelle exemplarisch auf Günter Wand verweisen, der mit seiner Haltung gezeigt hat, dass es durchaus möglich war, eine saubere und konsequente Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus einzunehmen. Allerdings musste man dann Rückschläge in der Karriereleiter hinnehmen.

Gleichwohl ist für mich Mozarts Requiem unter Karl Böhm (WP, DGG) mit großem Atem, höchster Anteilnahme und hervorragenden Solisten eine absolute Referenzaufnahme dieses Werks. Böhms Zauberflöte mit Wunderlich und Crass ist ebenfalls eine außergewöhnliche Aufnahme, die m. E. nie
mehr so erreicht wurde. Auf Böhms Pathétique bin ich neugierig geworden.
Auch die Aufnahme seiner 9. Symphonie von Beethoven sollte Beachtung finden, kurz vor seinem Tod 1981 entstanden u.a. mit Norman, Domingo und äußerst breiten Tempi. Ein echter Böhm.

Eine Frage noch: Warum war Böhm "einen Tag nach seinem Tod" tot? Liegt es an seinem begrenzten Repertoire, in dem doch so einige Komponisten fehlen?

Mit freundlichen Grüßen

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.07.2009 17:45:25 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.07.2009 17:46:01 GMT+02:00
Hallo Herr Busch,
ehrlich gesagt hätte ich in meinem Beitrag gar nichts über Böhms Haltung in der NS-Zeit geschrieben, wenn Sie das in Ihrem Eingangsbeitrag nicht selber angesprochen hätten. Klar hätte man sich fragen können, warum er nicht emigrierte oder warum hat er sich zumindest nicht vergleichbar wie Günter Wand verhalten aber das ist müssig darüber nachzudenken.
Für Künstler ist es schwer, in einem totalitären, diktatorischen Staat leben und arbeiten zu müssen. Die haben dann nur die Möglicheiten zu emigrieren, mitzulaufen oder sie sind selbst überzeugte Regime-Anhänger und werden zu Vorzeigekünstlern propagandiert.
Ein wesentlich schlimmerer Fall ist die Pianistin Elly Ney aber das ist ein Kapitel für sich.
Im übirigen bin ich auch froh, in der damaligen Zeit nicht gelebt zu haben und ich masse mir nicht an, indem ich behaupte, wie ich mich verhalten hätte, denn aus heutiger Sicht kann man das leicht sagen.

Warum Böhm "einen Tag nach seinem Tod tot war"? Vielleicht liegts an seinem begrenzten Repertoire. Da er bei dem "Gelblabel" unter Vertrag war, hatte er da schon starke Konkurrenz mit Karajan und Bernstein. Auch andere damalige zeitgenössische Dirigenten wie z. B. Solti, Klemperer, Ansermet bedienten größtenteils das gleiche Repertoire und noch Werke darüber hinaus und diese Dirigenten haben doch irgendwie mehr Ausstrahlung als Böhm, der auf mich ehrlich gesagt auch wie ein "Musikbeamter" wirkt. Daher habe ich auch nur 2 Aufnahmen von Böhm. Böhm stand und steht wohl immer noch im Schatten anderer Dirigenten.
Viele Grüße

Veröffentlicht am 28.07.2009 20:35:43 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 28.07.2009 22:10:44 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 28.07.2009 22:18:15 GMT+02:00
[Vom Autor gelöscht am 15.08.2009 12:03:07 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 30.07.2009 19:35:51 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 30.07.2009 19:39:44 GMT+02:00
@Christian Busch: Welchem Künstler Sie was, wie, warum an Politkrempel zu "verzeihen" haben... machen Sie das doch bitte mit anderen Totalanständigen aus - und nicht in einem Forum für klassische Musik. Und wenden Sie nicht das verallgemeinernde "man" an, für sowas an kasteiendem Deutschtum - das ist ja ein "Abgrund", sonst.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.07.2009 22:24:35 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 30.07.2009 22:41:05 GMT+02:00
haydnfan meint:
Hall0 Herr Busch,Ihren Beitrag greife ich nur examplarisch heraus,----dieser "Nickelbrillenträger" hat Dirigenten like: Klemperer,Fritz Busch,Antal Dorati,Fritz Lehmann,Hans Rosbaud,Dimitri Mitropoulos,Walter,Wilhelm Furtwängler und Steinberg verdrängt,dieser Böhm mit seiner Nickelbrille,also :"he was one of the greatest german conductors!!!!!"---auf Deutsch:"Ich will kotzen"!Ich kotze Tag aus und ein!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.07.2009 09:59:43 GMT+02:00
[Von Amazon gelöscht am 06.08.2009 06:38:41 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 31.07.2009 11:50:44 GMT+02:00
[Von Amazon gelöscht am 06.08.2009 06:34:40 GMT+02:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.07.2009 11:54:47 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 31.07.2009 19:17:50 GMT+02:00
K.H. Friedgen meint:
Hallo,
eigentlich sollte man sich zum Thema gar nicht mehr äußern, aber was hier mal wieder mit Böhm getrieben wird, reizt direkt zum Widerspruch.
@haydnfan: Klemperer, Fritz Busch, William Steinberg sind aus Deutschland vertrieben worden, korrekt, aber doch nicht von Böhm! Er hat 1934 Buschs Posten in Dresden übernommen, korrekt, wenn nicht er, hätte es ein anderer getan, und er hat auch Loblieder auf das Dritte Reich gesungen (hätte er sich sparen können). Er gehörte zum sogenannten Bildungsbürgertum der 1. Hälfte des 20. Jhdts. Dieses war in Deutschland und Österreich ganz überwiegend deutschnational gesonnen. Rest-Österreich hat sich 1919, mit dem Sozialdemokraten Karl Renner an der Spitze, als Teil der deutschen Republik erklärt. Die Siegermächte haben damals den Anschluss verhindert, den Hitler dann 1938 realisiert hat. Kein Wunder, dass er bei dieser Klientel fortan als Held galt! Wäre dieser Anschluss zur Zeit der Weimarer Republik demokratisch verwirklicht worden, würde er noch heute diesseits und jenseits der Saalach vorbehaltlos bejaht, zumindestens von der überwiegenden Mehrheit. Eine inoffizielle Volksbefragung in Salzburg ergab Anfang der 1920er Jahre 92 % Ja-Stimmen für den Anschluss. Da war von Hitler und den Nazis noch keine Rede.
Und, haydnfan, wo hätte es Böhm fertiggebracht, Furtwängler zu verdrängen? Das hat ja noch nicht mal der Karajan, der Bitterböse, geschafft!
Überhaupt, wenn ich mir das Böhm-Kapitel in wikipedia ansehe, so fällt direkt ins Auge, dass über Böhms Haltung im Dritten Reich fast doppelt so viel geschrieben wird als über sein Musikschaffen in über 50 Jahren. Und auch hier im Forum spricht man fast nur von seiner Nazi-Vergangenheit. Ist das nicht lächerlich? War Böhm Leiter der Gestapo, Chef des Reichssicherheitshauptamtes oder Anführer eines SS-Sonderkommandos? Oder war er Dirigent??
Böhm mag ja in einer arisierten Villa gewohnt haben, doch war er das allein? Was soll das ewige Hochkochen dieser uralten Kamellen eigentlich???
Böhm war Musiker, und er wollte Musik machen, und das im deutschen Kulturraum, wo man seine Sprache verstand und wo sein geistiger Nährboden war. Ich frage mich oft, was Klemperer, Steinberg, Walter u.a. getan hätten, wenn man sie nicht gewaltsam vertrieben hätte? Hätten Sie nicht auch lieber weiter in Deutschland Musik gemacht, statt den steinigen Weg in die Emigration zu gehen?
Richard Tauber, ein jüdischer Sänger, ebenfalls vertrieben, hat sich mehrmals (verbürgt!) aus dem Ausland bei den deutschen Behörden gemeldet und angeboten, wieder in Deutschland zu singen: " Ich, der Unterzeichnete Richard Tauber, Mitglied Nr. 34141 der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger, erkläre, dass ich den Zielen der nationalen Regierung des heutigen ... Deutschland volles Verständnis entgegenbringe. Ich füge mich bewusst in die nationale Bewegung ein und stelle mich und meine Kunst dem Aufbau eines neuen deutschen Theaters zur Verfügung. 25. Mai 1933. Richard Tauber." Gerichtet war dieses Schreiben an das Reichsministerium des Innern, Berlin. Der Jude Leo Blech hat noch bis Ende 1938 an der Staatsoper Berlin unter der Protektion von Hermann Göring ("Wer Jude ist, bestimme ich!") dirigiert.
Tauber war es piepegal, wer in Berlin regierte, er wollte singen, und zwar hier, weil hier seine Sprache gesprochen und seine Lieder verstanden wurden und hier seine geistige Heimat war. Und so wäre es unzähligen anderen Künstlern, jüdisch oder nicht, auch gegangen. Man hat sie nur nicht gelassen!
Aus heutiger Sicht ist leicht sagen, was man damals hätte tun oder lassen sollen. Warum wird besonders immer wieder auf den Künstlern herumgehackt? Waren denn die Millionen "Heil"-Schreier alles Musiker und Dichter, und wo waren sie auf einmal hin, nach 1945? Plötzlich waren alle von Anfang an dagegen gewesen, und nur der böse Führer hatte die schrecklichen Greueltaten ganz allein begangen. Nur ein paar Dirigenten haben ihm scheinbar dabei geholfen!
Wenn Böhm Mozart dirigiert, oder Beethoven, oder Brahms, dann kann ich das musikalisch gut oder schlecht finden, aber was hat das mit seiner - zugegeben - dubiosen Haltung in der Nazizeit zu tun? Wenn ich mir einen Klempner ins Haus hole, um einen Wasserrohrbruch zu reparieren, so frage ich, ob es ein guter Handwerker ist, und nicht, ob er Kommunist, Schwuler, Zeuge Jehovas oder Scientologe ist, und vielleicht zweimal wöchentlich einen Swinger-Club besucht. Hauptsache, er versteht sein Handwerk und macht gute Arbeit! Und so halte ich es auch mit einem Dirigenten, es sei denn, er habe persönlich sich an kriminellen Handlungen beteiligt, Synagogen angezündet, jüdische Mitbürger denunziert oder so was öffentlich gutgeheißen. Das hätte dann schon eine andere Qualität. Aber dem Führer zugejubelt? Da befand sich Böhm doch in allerbester Gesellschaft, und diese ganze Gesellschaft, ob Richter, Staatsanwälte, Beamte, Diplomaten, Offiziere, hat nach dem Krieg weiter fleißig Karriere gemacht, obwohl sie meist viel mehr Dreck am Stecken hatten als ein harmloser Mitläufer wie Böhm!
Das hier ist ein Musikforum und keine Entnazifizierungsbehörde!
Und jetzt, haydnfan, können Sie meinetwegen weiterkotzen.
Ich finde dieses typisch deutsche Gejammere und diese täglich zehnfachen Entschuldigungen zum Kotzen! Man kann und soll sich schämen für das, was damals im deutschen Namen geschehen ist, aber diese ständigen Demutsgesten verlieren ihre Wirkung und verkehren sich ins Gegenteil, wenn sie gebetsmühlenartig Tag für Tag wiederholt werden.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 31.07.2009 12:42:15 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 31.07.2009 14:14:46 GMT+02:00
Meine Güte - es scheinen mir speziell die Diskussionen zu Dirigenten zu sein, die hier immer wieder zu verbalen und inhaltlichen "Höchstleistungen" anregen...
So viel wie hier mittlerweile erbrochen wird, fange ich mir wirklich an Sorgen um die Diskutanden zu machen...
Vielleicht sollte man nicht mehr Hör-Empfehlungen geben, sondern lieber Adressen kompetenter Gastroenterologen austauschen?
Ich hatte mich auf die Lektüre interessanter Meinungen zu Böhm gefreut, aber wie immer: fast nichts als Wortklauberei und stilistisches Gemetzel.
Da gibts nur eines, um den Tag noch zu retten: Schuberts 5. mit Böhm und den Berliner Philharmonikern.
So long.
W.R.
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