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Schuberts Winterreise


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51-75 von 135 Diskussionsbeiträgen
Veröffentlicht am 28.11.2010 09:38:56 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.11.2010 09:42:44 GMT+01:00
reviewsvoice meint:
Hallo Herr Kaiser,

genau so ist es richtig. Die Winterreise wurde von Schubert für Tenor geschrieben. Gleichwohl haben alle Stimmlagen oder besser alle Stimmen dann ihre künstlerische Relevanz, wenn sie etwas vermitteln und dem Hörer andere Perspektiven ermöglichen. Die Freiheit des Interpreten ist unbestreitbar und gegen den problematischen, weil oft falsch verstandenen und komplexen Begriff der Werktreue zu verteidigen, solange die Auseinandersetzung glaubhaft ist. Neben dem inhaltlichen Bezug ist es vor allem eine Frage der Wirkung. Ihre Ausführungen zur Aufnahme von Frau Schäfer machen das gut deutlich.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.11.2010 09:57:38 GMT+01:00
Hallo Herr „reviewsvoice“,

für Ihre Stellungnahme danke ich Ihnen und bitte Sie, es zu entschuldigen, dass ich meinen Beitrag wieder gelöscht habe. Ich war mir unschlüssig, ob ich nochmals in dieser Weise auf die Einzelheiten eingehen soll. Aufgrund Ihrer zutreffenden und griffigen Wertung sehe ich
von weiteren Darlegungen ab.

Viele Grüße

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.11.2010 14:28:48 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.11.2010 15:59:45 GMT+01:00
Isolina Mart meint:
Einen schönen 1. Advent allerseits!

Wir sollten auch den Dichter der "Winterreise" Wilhelm Müller (1794-1827) nicht unerwähnt lassen. Erst durch seine schaurig-schönen traurigen Worte des Gedichtezyklus hat er Schubert zu seiner wundervollen Musik inspiriert. Ich bin der Meinung,bei allen Liedern,die ja vertonte Gedichte sind,hat der Dichter einen grossen Anteil am Gesamtwerk. Auch mancher Oper hätte ein besseres Libretto gut getan.

Es existieren auch verschiedene rein intrumentale Versionen der "Winterreise". Fassungen für Streichquartett oder solche,die die Singstimme durch ein Instrument ersetzen.
Ich habe noch keine gehört,-kennt jemand von Ihnen eine empfehlenswerte Aufnahme und kann sie auch ein wenig erklären?

Viele Grüsse
I.M.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.11.2010 15:48:49 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 29.01.2014 10:58:04 GMT+01:00]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.11.2010 17:59:28 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 28.11.2010 18:06:29 GMT+01:00
Liebe Frau Mart,

am negativen Beispiel der Einspielung mit Christian Elsner (Gesang) und dem Henschel Quartett (CPO) kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass eine Version nur mit Streichquartett überzeugt. Was bei dem Klavier eher kernig und ausdrucksstark klingt, wirkt beim Streichquartett eher fahl und matt. Die Liebhaber dieser Instrumentengattung werden das natürlich anders sehen. Gegen die Art der Interpretation von Christian Elsner habe ich hingegen keine Einwände. Trotz des scheinbaren Widerspruches gefällt mir gleichwohl die Aufnahme mit Scot Weir (lyrischer Tenor) und dem Folkwang Gitarren Duo (Sig) ausgezeichnet, aber nur aufgrund der ausgezeichneten Interpretation durch den Sänger und der Begleitfunktion der Gitarren. Das Klingen der Gitarren lässt der Stimme mehr Raum. Die Interpretation klingt flüssiger und erzählender als mit dem sicherlich charakterstarken Klavierklang. Eine Solointerpretation nur mit Gitarre würde mir auf Dauer sicher auch nicht gefallen. Weiterhin hat Karl Kammerlader sowohl für „hohe Stimme“ als auch für „tiefe Stimme“ den Klavierpart eingespielt, sehr überzeugende Aufnahmen, wer dies mag (MuP). Ferner habe ich eine Aufnahme für Saxophon und Klavier festgestellt, und zwar mit Yuri Honing am Saxophon und Nora Milder am Klaiver (JIM). Honing ist ein bekannter Jazzmusiker der Niederlande. Diese Aufnahme gefällt mir am wenigsten. Das Saxophon wirkt irgendwie düster und behäbig. Es tut mir leid, so wenig Positives berichten zu können. Aber das kann vielleicht auch bei der Orientierung helfen.

Viele Grüße

Veröffentlicht am 28.11.2010 18:58:31 GMT+01:00
Werte Forumsteilnehmer, liebe Frau Mart,
ich möchte auf zwei weitere Bearbeitungen der "Winterreise" hinweisen: zum einen eine Bearbeitung für Drehleier und Gesang (bei "Raumklang" mit Natasa Mirkovic-DeRo Mezzosopran und Matthias Loibner an der Drehleier). Hier ist es die Atmosphäre des "Leiermann", die auf den gesamten Liederzyklus rückübertragen wurde. Man fühlt sich ein wenig an die Gesangseinlagen eines "Mittelaltermarktes" erinnert, auch der Gesangsstil der Sängerin ist von entsprechender Schlichtheit. Das Phänomenale ist immer wieder, daß Schuberts Musik trotz aller Verfremdung zu berühren vermag!
Eine sicherlich hochkarätige "Interpretation für Tenor und kleines Orchester" stammt von Hans Zender (1993). Es handelt sich dabei nicht lediglich um eine Orchesterfassung des Schubertschen Originals, sondern um eine verdeutlichende, fast schon bildhafte Quasineukomposition mit sehr eindrucksvollen Klangeffekten. Als Ergänzung einer vorhandenen Sammlung von Aufnahmen des Originals halte ich diese Version für sehr hörenswert. Sie wurde bereits mehrfach (u.a.von John Neumeier) choreographiert. Es liegen Aufnahmen mit Hans Peter Blochwitz bzw. Christoph Prégardien vor.
http://www.klassikinfo.de/Gespraech-Winterreise.910.0.html
Eine besonders intensive Aufnahme des Schubertschen Originals stammt von Peter Anders und Michael Raucheisen und entstand im Januar und März 1945 im zerbombten Berlin. Eine Aufnahme, die mich mehr als jede andere immer wieder berührt und fasziniert.
Beste Grüße

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 28.11.2010 23:32:08 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.11.2010 02:21:13 GMT+01:00
Liebe Frau Mart und andere Teilnehmer,

indem der Liedzyklus “Die Winterreise“ für vielfältige Formen der Interpretation oder wesentlichen Neugestaltung regelrecht ausgebeutet wird, werfen die erörterten Einspielungen aber auch die Frage der Grenze zwischen Kunst und Kitsch auf. Nachdem das Fass mit hochkarätigen Interpretationen förmlich übergelaufen ist, weil aus guten Gründen der Zyklus als Prüfstein angesehen wird, jeder aber quasi sein Ding machen will. Der letztgenannte Ausdruck stammt übrigens von einem genialen Geiger, der gerade als Publikumsmagnet vermarktet wird (allerdings wurde der Ausdruck nicht mit Bezug auf das Liedwerk von Schubert gebraucht). Mein Ding wäre es allerdings nicht, mir über den gesamten Zyklus hinweg die Drehleier anzuhören. Die instrumentale Musik durch Hans Zender entspricht ebenfalls nicht meinem Geschmack, weil sie weitgehend eine (impressionistische) Nachbildung der einzelnen Themen zum Gegenstand hat. Eine derartige Unterstreichung lenkt jedenfalls meinem Empfinden nach von der Größe und Tiefe der originalen Komposition ab. Die Intimität des Liedcharakters und die Fantasie des Hörers drohen auf der Strecke zu bleiben, wenn nicht heute so doch morgen. Der interessierte Käufer, dem eine andersartige Interpretation gefällt, muss sich allerdings auch fragen, ob er sich die betreffende Aufnahme auch weitere Male anhören will. Aber anderen Ansichten will ich selbstverständlich nicht vorgreifen.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 29.11.2010 17:47:45 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.11.2010 17:50:35 GMT+01:00
Isolina Mart meint:
Lieber Herr Friedgen,lieber Herr Kaiser und lieber Herr Dr. Uhlmann,-wie schön,dass Sie auch einen Beitrag geschrieben haben!

Vielen Dank für Ihre interessanten und ausführlichen Informationen! Nun werde ich überlegen,ob ich mir eine von diesen Aufnahmen bestelle und welche,oder ob ich doch bei einer originalen Einspielung mit Sänger und Klavier bleibe. Versionen gibt es ja genug,-wie Herr Kaiser richtig bemerkt,scheint die "Winterreise" ein Prüfstein für einen Sänger zu sein, und jeder möchte mindestens eine CD mit diesem Zyklus heraus bringen und seine eigene Sicht auf das Werk präsentieren.

Mit herzlichen Grüssen
I.M.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.11.2010 00:33:58 GMT+01:00
Liebe Frau Mart,
vielleicht hören Sie sich erst einmal die mit dem Prix Italia 2010 ausgezeichnete Hörspielbearbeitung der Winterreise von Werner Cee an, die am kommenden Samstag, 4.12. um 20.05 Uhr im Deutschlandfunk gesendet wird. Und anschließend zum Vergleich das réécoute des Originals bei France Musique mit Mark Padmore und Till Fellner (ein Mitschnitt von der Schubertiade Schwarzenberg vom 21.Juni). Bei letzterer finde ich vor allem die Klavierbegleitung genial!
Viele Grüße

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 30.11.2010 13:21:36 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 30.11.2010 15:31:35 GMT+01:00
Isolina Mart meint:
Lieber Herr Dr. Uhlmann,

.......vielen Dank für Ihren vielversprechenden Tipp! Am kommenden Samstagabend bin ich nicht zu Hause,deshalb wird mir diese Sendung leider entgehen. Was ist wohl unter einer "Hörspielbearbeitung der Winterreise" zu verstehen?!

Die Stimme des englischen Tenors Mark Padmore kenne ich,sie gefält mir sehr gut,-sie ist fein und sensibel. Seine "Winterreise" habe ich allerdings noch nicht gehört,-er hat sie dieses Jahr erst aufgenommen,aber nicht mit Till Fellner sondern mit einem anderen Begleiter am Klavier.

Viele Grüsse
I.M.

Veröffentlicht am 30.11.2010 17:43:12 GMT+01:00
gemihaus meint:
allen >winterreisenden< ein kleiner hört-hört!-tip:

deutschlandradio kultur - sonntag 5. dezember 15.05 - 17.00 uhr:
'interpretationen': "fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus" zu schuberts 'winterreise'
mit dem autor peter härtling und dem musikredakteur jürgen liebing.
sicherlich ein hörenswerter beitrag zur aktuellen diskussion.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.12.2010 18:13:19 GMT+01:00
Liebe Frau Mart,
bezüglich der Hörspielbearbeitung lasse ich mich selber überraschen. Noch ein kleiner Tip: die meisten Sender bieten mittlerweile "audio on demand" an, d.h. man kann bestimmte Sendungen noch mehrere Wochen lang zu einer selbstbestimmten Zeit anhören. Schauen Sie sich doch einfach mal die Internetseiten der entsprechenden Sender an. Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk bieten darüberhinaus einen "dradio-Recorder" an, der es ermöglicht, beliebige Sendungen aufzunehmen und als mp3-Datei abzuspeichern. Vielleicht kommen Sie so doch noch in den Genuss der genannten Sendung.
Viele Grüße

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 01.12.2010 21:34:04 GMT+01:00
gemihaus meint:
lieber herr uhlmann,

im rahmen der aktuellen diskussion und aufgrund ihres expliziten hinweises, deswegen ich mir auch noch einmal zenders schubert-verarbeitungen der winterreise anhörte - seinerzeit mit jugendlichem furor und grösstem vergnügen wg. der instrumentalen 'schmissigkeit' -, bin ich nunmehr mit diversen erfahrungen andrer, zumal den schlichteren, interpretationen eher ernüchtert ob des zugriffs der verehrend-wohlmeinenden komponisten-kollegen und virtuos- instrumentalen variationskünstler.
zender akzentuiert sicherlich manches inhaltlich-anschaulich adäquat, jedoch gebietet nicht
schubert durch seine pianistisch-musikalische imagination solches unsrer fantasie ?
mich stören vocale wie instrumentale exaltationen als sinngebende verdeutlichungen
eher wie künstlerische bescheidung auf die schlichte literarische und, hier, musikalisch
anspruchsvollere verarbeitung des doch wahrhaft zu respektierenden originals.
auch insofern schätze ich allgemein das künstlerisch konzentrierte aufs wesentliche
eines 'weniger als mehr'.
schöne grüsse aus berlin

Veröffentlicht am 02.12.2010 22:54:28 GMT+01:00
Lieber gemi-b,
Ihre Aussagen sind durchaus allgemeingültig (über Schubert, ja über die Musik hinaus)! Das Original der Schubertschen Winterreise lässt sich durch keine wie auch immer geartete Bearbeitung oder "Interpretation" verbessern. Es gibt in der Musikgeschichte einige wenige Beispiele der "Gleichwertigkeit" von Original und Bearbeitung: z.B. Mussorgskis Bilder einer Ausstellung in Ravels Orchesterfassung (wobei hier dennoch Akzentverschiebungen stattfinden und sicherlich auch Eingriffe in die Fantasie des Hörers). Tja und dann gibt es da noch eine große Zahl von Variationenwerken, die aus "banalen" Melodien einen ganzen Kosmos der Ausdrucksvielfalt und -tiefe hervorzaubern; berühmtes Beispiel: Beethovens Diabellivariationen. Ich halte die bisher genannten Bearbeitungen und "Interpretationen" der Winterreise für legitime Versuche der Auseinandersetzung mit einem Meisterwerk, zeitbedingten Moden unterworfen und - alles in allem betrachtet - hilflos angesichts der Größe und Tiefe des Originals. Das Bemerkenswerte ist immer wieder, dass nicht die Bearbeitung von besonderer emotionaler Wirkung ist, sondern das Durchklingen des Schubertschen Originals!
Beste Grüße

Veröffentlicht am 04.12.2010 12:28:22 GMT+01:00
Wolff, Ingo meint:
Schubert hat seine "Winterreise" für Singstimme geschrieben. Bis vor kurzem war ich auch der Ansicht, dass Tenor die richtige Interpretations-Stimmlage ist. Im November 2010 hat die überragende Sopranistin Christine Schäfer (sie war auch Schülerin von Fischer-Dieskau) hier in der "Autostadt" in Wolfsburg dieses Werk live gedeutet - und wohl alle ca. 150 Zuhörer waren hellauf begeistert. Wenn man das Werk so interpretiert wie sie und ihr ebenfalls hervorragender Begleiter am Flügel Eric Schneider, kann man die Diskussion "männlich oder weiblich" vergessen. Neben der alten Aufnahme mit Fischer-Dieskau und Gerald Moor, die natürlich Maßstäbe setzt, hat mir auch die Aufnahme mit Bernhard Berchtold u. Irina Puryshinskaja am Piano vom Klavierfestival Ruhr (2006) sehr gut gefallen.
Viele Grüße, I.W.

Veröffentlicht am 17.12.2010 00:07:48 GMT+01:00
M. Fischer meint:
Hören sie sich mal diese Version an: Der Leiermann [Explicit]

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.12.2010 12:45:13 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.12.2010 13:20:25 GMT+01:00
Isolina Mart meint:
Was soll uns das Beispiel sagen? Wie schön "Der Leiermann" verhunzt werden kann?!

Veröffentlicht am 17.12.2010 13:24:28 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.12.2010 13:26:30 GMT+01:00
Hallo alllerseits,
beim Durchlesen der Einträge ist mir aufgefallen, dass eine der, meiner Meinung nach, besten Aufnahmen gar nicht genannt wurde: Peter Schreier & Svjatoslav Richter Schubert:die Winterreise.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.12.2010 18:47:08 GMT+01:00
K.H. Friedgen meint:
Hallo M. Fischer,

..... abgewandelt könnte man sagen, "Nichts ist unnütz, es kann immer noch als abschreckendes Beispiel dienen!"
Ich denke damit ist alles gesagt.

Veröffentlicht am 18.12.2010 00:43:06 GMT+01:00
Allen Freund/-innen der "Winterreise" möchte ich zur Vertiefung ausdrücklich das 3.Kapitel ("Das Lied vom epochalen Winter") des Buches
"Der epochale Winter" (Zürich: Diogenes, 2001) von Hanspeter Padrutt empfehlen. Es ist äußerst interessant und spannend zu lesen und gibt viele erhellende Einblicke in die Thematik dieses Werks, auch in Bezug auf Wlhelm Müller und seine Gedichte. die zu Franz Schuberts Liedtexten wurden. Vor allem wird klar, dass es hier um wesentlich mehr geht als eine traurig zu Ende gegangene Liebesbeziehung - und wieviel verborgener Trost und hintergründige Hoffnung in diesen Liedern dennoch AUCH vermittelt wird.

Veröffentlicht am 26.12.2010 19:49:26 GMT+01:00
depatsy meint:
Hallo Herr Kaiser: ich besitze die Güra-Aufnahme von harmonia mundi. Seine Dichterliebe gefällt mir sehr gut, sein Schwanengesang ist einfach traumhaft (beide ebenfalls harmonia mundi). Seine Winterreise kann mich leider nicht überzeugen. Natürlich ist die Rezeption eines solchen Werkes immer sehr subjektiv, aber ich finde seine Aufnahme zu affektiert, die Emotionen zu offensichtlich, fast schon aufgesetzt. Der mehrfach zitierte Herr Prégardien (dessen Aufnahme auf viele Kritiker hat), bringt für mich mit größerer Schlichtheit und Selbstverständlichkeit wesentlich tiefere Emotionen rüber. Das macht für mich die Faszination der Winterreise aus. Es geht eben nicht im Wesentlichen um die Wanderung, sondern um die innere Gefühlsreise, oder besser gesagt: die Gefühlsachterbahn des zutiefst verletzten Wanderers. Alles zu schauspielhafte ist für mich da fehl am Platze.
Neben Pregardien besitze ich noch die erwähnte Version mit Bläserensemble und Akkordion, die eher unbekannte von Dietrich Henschel (Teldec), die ich auch sehr mag, M. Goerne mit A. Brendel; Mark Padmore mit Paul Lewis (leider sprachlich nicht ganz perfekt) und kann jeder in einer Art und Weise etwas abgewinnen. Von DFD habe ich eine Aufnahme mit Jörg Demus, mit der ich noch nicht wirklich warm geworden bin. Ich kanns aber nicht näher begründen...

Veröffentlicht am 06.01.2011 17:42:46 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 06.01.2011 18:43:20 GMT+01:00
Jakob Balde meint:
Ich liebe natürlich die Fischer-Dieskau Aufnahmen der Winterreise, am meisten die mit dem fantastischen Jörg Demus, kein Wunder mit dieser Aufnahme bin ich groß geworden. Von den neueren Aufnahmen gefällt mir am Besten die Aufnahme von Michael Volle (Winterreise). Gut gefällt mir auch die Aufnahme von Hubertus Breider (Winterreise). Diese Aufnahme ist stimmlich eigentlich nicht konkurrenzfähig gefällt mir aber durch die konsequent lyrische Grundhaltung. Am unteren Ende meiner Skala steht übrigens Rene Kollo (Winterreise), Shura Gherman (Schubert:Die Winterreise [US-Import]) und der fast schon mehr als peinliche Jon Vickers (Schubert-Box). Sehr gut gefallen mir von den älteren Aufnahmen übrigens auch die häufig etwas geschmähten Aufnahmen von Olaf Bär (Winterreise/Müllerin/Schwanengesang) und insbesondere von Siegfried Lorenz (Lieder). Von den älteren Aufnahmen gefällt mir insbesondere die Aufnahme von Peter Anders mit Michael Raucheisen im tenoralen Sektor, nicht so gut gefällt mir die baritonale Aufnahme von Hans Hotter mit Michael Raucheisen, hier ist die Stimme doch sehr rauh. Die Gerhard Hüsch Aufnahme werde ich mir demnächst mal besorgen, sie soll sehr gut sein. Generell Probleme habe ich übrigens mit Aufnahmen von Sängern, die Deutsch nicht als Muttersprache beherrschen. Die Aufnahme von Peter Pearce (Decca Legends - 1963 (Schubert: Winterreise)), so gut sie auch sein mag, finde ich aus diesem Grund eigentlich nicht konkurrenzfähig. Zu perfektem Deutsch fehlt zwar nur wenig, aber eben doch was. Aus diesem Grunde finde ich die Idee des Naxos-Labels gut eine deutsche Schubert Edition herauszubringen. In dieser Edition sind nicht alle Aufnahmen gleicht gut oder auch nur gut, aber man schreckt wenigstens nicht dauernd hoch, weil eine Aussprache falsch ist. Übrigens ist die Winterreise aus dieser Edition mit Roman Trekel (Schubert-Lieder-Edition Vol. 1 (Die Winterreise)) auch eine der besseren Aufnahmen, die erhältlich sind.

Veröffentlicht am 12.01.2011 15:00:45 GMT+01:00
M. J. Walker meint:
Ich bin ganz der Meinung von Frau Mart oben. Brigitte Fassbaenders Einspielung gehört auch zu meiner persönlichen Bestenliste, deren Reihenfolge ein wenig beliebig ist...
1. Peter Anders/Raucheisen 1945* 2. Hans Hotter/Raucheisen 1942 3. Brigitte Fassbaender/Reimann 1993? 4. Peter Pears/Britten 1963 5. Hans Hotter/Moore 1954? 6. Christoph Prégardien/Staier 1998
Übrigens - ich schätze auch die Aufnahme von Lotte Lehmann, obwohl die Klavierbegleitung nichts Besonderes ist.
* Die 2. Aufnahme von Anders von 1948 finde ich nicht mehr so halluzinierend und bewegend. Es gibt einen interessanten Kommentar zu der Kriegsaufnahme aus amerikanischer Sicht:
http://www.nytimes.com/1999/12/12/arts/music-a-journey-through-the-bleakest-of-winters.html

Veröffentlicht am 13.01.2011 16:08:01 GMT+01:00
Doublepeace meint:
Guten Tag,

sofern ich in der Fülle der Beiträge in diesem Forum nichts übersehen habe, wundert es mich dass bisher Thomas Quasthoff nicht genannt wurde. Er hat die WR 2 mal eingespielt. Ich empfehle die frühere Aufnahme mit Charles Spencer (Sony). Sicher eigenwillig aber allemal hörenswert und ausdrucksstark. Habe ihn damit auch live gesehen und war recht angetan.

Beste Grüsse,
Prof. A. Rechkemmer

Veröffentlicht am 16.01.2011 09:03:53 GMT+01:00
Liebe Frau Mart, ich stimme Ihnen (bzw. Herrn Gerhaher) vollumfänglich zu: Insbesondere der Liedgesang steht nicht für die psychologische Genauigkeit einer Figur, sondern für die Widergabe von Zuständen. Daher ist es die Stimme, die Interpretation, mit der wir uns identifizieren, und nicht eine skizzierte Figur. Und da sprechen mich die Perspektiven von Christine Schäfer, von Christian Gerhaher und Christophe Prégardien sehr an. Sie führen mir keine Emotion vor – sie berühren mich durch Lakonie. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen noch die Interpretationen der Musicbanda Franui empfehlen ("Schubertlieder", "Frische Ware"), die einen ganz ungewöhnlichen Aspekt bei Schubert beleuchten: Die volksmusikalische Tradition, in der diese Lieder stehen. Faszinierend! Danach hört man die Lieder wieder völlig neu!
Schönen Sonntag Ihnen!
TW
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