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Unterbewertete Komponisten


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26-50 von 111 Diskussionsbeiträgen
Veröffentlicht am 02.02.2010 18:23:02 GMT+01:00
444 meint:
Ich möchte mal zurück zur Instrumentalmusik kommen:
hier fallen mir ein:
Arnold Bax - englischer Spätromantiker mit sehr eigener Tonsprache und Instrumentation -- ich denke, man hat ihn vergessen, weil er eine biographische "Zwischenposition" zwischen der Vaughan Williams-Generation und der Walton/Tippett-Generation war - ich finde ihn aber interessanter als alle drei Genannten - man hört etwas Sibelius heraus, wagnersche Chromatik etc. besonders gelungen die Sechste Symphonie.

Ansonsten Roy Harris (1898-1979). Man liest seinen Namen gelegentlich im Zusammenhang der Komponistengeneration um Aaron Copland. Es gibt zwar schwächere Werke in seinem Oeuvre, fast alle seiner 13 Symphonien und der wenigen anderen Kammermusikwerke und Instrumentalkonzerte, die auf Tonträger verfügbar sind, sind überaus interessant, wenn auch etwas sperrig. Er hat eine Eigenart, mit Fugentechnik umzugehen, die man eigenwillig nennen möchte, seine Melodik ist oft sprunghaft, und doch verbindet er z.B. in seinen besten Stücken ( Symphonien 5. 7. 9. 11) diese Eigenarten mit einer eigenartig leuchtenden Instrumentation zu wirklich faszinierend Materialkompositionen - gelegentlich driftet er auch in den U-Musik-Bereich ab, aber stets geschmackvoll und dabei unkonventionell ( also nicht zu vergleichen mit Morton Gould oder Grofé) und lässt es dann auch gehörig krachen. Seine Melodik ist weitgeschwungen und weckt tatsächlich Assoziationen mit "amerikanischer Weite" - aber immer gleichzeitig sehr artifiziell. Einer der meistunterschätzten Komponisten, die ich kenne.

3. Darius Milhaud - ein recht bedeutender Name, er wird in jedem Aufsatz über die Musik des 20. Jahrhunderts erwähnt und seine Bedeutung ist musikwissenschaftlich anerkannt - es spielt ihn jedoch kaum jemand - vor allem nicht seine bedeutenden Reife- und Spätwerke. Man tut ihn gern mit den wilden Jugendwerken aus den 20er-Jahren ab - ebenfalls sehr gute Musik übrigens - vernachlässigt aber seine beinahe interessanteren Stücke (etwa die Klavier-und Violinkonzerte, auch Harfenkonzert oder Klarinettenkonzert und die Symphonien), die seine jahrelange Anwendung der Polytonalität zur Perfektion führen und mit echt französisch-mediterraner Eleganz und glitzernden Klangwirkungen, aber auch mit schwermütigen langsamen Sätzen beeindrucken. In jüngster Zeit sind glücklicherweise einige neue Aufnahmen erschienen. Eine frische, oft fröhliche und gleichzeitig moderne und ambitionierte Musik, was eine seltene Kombination darstellt.

4. Ottorino Respighi

Abgesehen von der Römischen Trilogie gibt es in seinem Schaffen viel zu entdecken.
Besonders gelungen finde ich die späteren Werke, wo er viel orchestratorisches Blendwerk hinter sich gelassen und wirklich sehr schöne und auch interessante Werke produziert hat.
So zB. die "gregorianisch" inspirierten Werke, wie das Klavierkonzert "in modo misolidio", das "Concerto Gregoriano" für Vl. und Orchester, oder das Dorische Streichquartett, aber auch neobarocke Werke
wie das mit einem wirklich wunderschönen Adagiosatz versehene Concerto a Cinque für Ob, Trp, Vl, Kb und Pfte solo mit Streichorchester. Aber auch im gänzlich ignorierten Frühwerk lässt sich einiges an saftig-spätromantischen Werken entdecken, z. B. die gewaltige Sinfonia Drammatica oder auch die Studienarbeit "Preludio, Corale e Fuga" für Orchester, die sehr gekonnt mit den klassischen Satztechniken umgeht. Es gibt fast alle dieser Werke auf CD, jedoch leider oft auf zweifelhaftem Niveau - entweder interpretatorisch, vor allem aber oft klanglich... Schade!

Geduld, die sich letztlich sehr lohnt, braucht man tatsächlich, um sich in die unspektakuläre Kunst von Gian Francesco Malipiero einzuhören. Seine Klavierkonzerte etwa zeigen, dass er einen durchsichtigen musikalischen Satz über Virtuosität stellte, was sicher mit ein Grund ist, warum seine Werke weder bei Interpreten noch beim Publikum sonderlich beliebt ist. Die Werke haben aber einen großen Reiz durch ihre Frische und Unverblümtheit und können Freunde der linearen Durchsichtigkeit in Entzücken versetzen. Sie stehen der neoklassizistischen Tendenz des mittleren bis späten Stravinsky nahe, werden aber zunehmend komplexer und chromatischer, bis letztlich recht sperrige Werke das Resultat sind, die aber hochinteressant gebarbeitet sind.

Zum Schluss möchte ich noch Nikos Skalkottas erwähnen, den sich kein Freund der Zwölftonmusik entgehen lassen sollte, wurde doch einmal richtigerweise festgestellt, dass er neben Schönberg der einzig "wirkliche" Zwölftonmusikkomponist im Sinne Schönbergs gewesen sei - da Berg und Webern geniale, aber doch sehr eigene Lösungen gefunden haben. So kann Skalkottas gewissermaßen als Fortsetzer etwa des Stils der Schönbergschen Instrumentalkonzerte gehört werden. Seine Stücke besitzen eine kühle, raue Ästhetik.

Dies war nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus den zahlreichen vergessenen Komponisten, die mich persönlich immer wieder begeistern.

Veröffentlicht am 02.02.2010 20:23:08 GMT+01:00
IP meint:
Dann koennten wir auch Jean Francaix hinzufuegen

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 03.02.2010 13:19:22 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 03.02.2010 15:46:15 GMT+01:00
Eusebius meint:
Herzlichen Dank gilt dem Autor 444, welcher höchst erlesene Aspekte der jüngeren Musikgeschichte in Erinnerung brachte! Aus diesen ausführlichen Portraits möchte ich gern an drei hieraus gewählte Kompositionen erinnern, die wunderbar seine begeisternde These belegen sollen.

Zunächst denke ich da an die atemberaubende 3.Symphonie von Roy Harris, die in bemerkenswerter Weise von Neeme Järvi und dem SO Detroit eingespielt worden ist. Diese Komposition demonstriert sehr eindrucksvoll die Liebe eines Komponisten zur Naturgewalt seines weiten Landes und dem einstigen Zusammengehörigkeitsgefühl der damaligen Siedler.
Drei Sätze, welche ohne Unterbrechung ineinander übergehen, es wird zunächst in den Solostimmen der Celli und Kontrabässe ein hymnischer Choral eingeführt, welchen die Siedler im Halbkreis im Anblick der sich ihnen offenbarenden Natur angestimmt haben könnten. Nachdem sich kunstvoll das gesamte Orchester in den Choral integriert hat, gelangt man weiter zum nächsten Abschnitt, in welchem einem die flirrenden Flageolettpassagen der Violinen einen wunderbaren Sommertag vor das geistige Auge projezieren, der Zuhörer liegt scheinbar glücklich hingestreckt im langstieligen Gras, welches der leichte Wind wiegt, während Schmetterlinge und brummende Käfer über ihn hinwegtaumeln. Der abschliessende Abschnitt der Symphonie wird von den Bläsern bestimmt, die in wuchtigen Blöcken die Monumentalität der Landschaft abbilden.
Eine moderne Natur-Symphonie im Geiste Mahlers, welche innerhalb einer Viertelstunde dem Hörer ein unvergessliches Vergnügen bereitet.

Weiter sei das 1.Streichquartett von Darius Milhaud zur Sprache gebracht. Diese wunderbare Tonschöpfung setzt sich mit den beiden Vorgängern von Claude Debussy und Maurice Ravel auseinander und sucht dennoch neue Wege. Zu vergleichen mit den ersten Versuchen des Pointillismus als Fortsetzung des Impressionismus innerhalb der Malerei. Während Ravel in seine Komposition spanisches Kolorit einfliessen lässt, Debussy hingegen die Tonsprache Faurés in seine eigenen Harmonien umdeutet, lässt Milhaud die flirrenden Landschaften Südfrankreichs, wie man sie bildhaft aus den Gemälden van Goghs kennenlernt, musikalisch Einzug halten. Eine einzigartige französische Tonmalerei des musikalischen Spätimpressionismus, den das Fanny Mendelssohn Quartett erstrangig eingespielt hat.

Zuletzt denkt man an die Komposition "Die Blumenuhr" von Jean Francaix, eine Suite für Solo-Oboe und Orchester. Diese botanische Kostbarkeit kennt man insbesondere aus dem Urlaub in Südfrankreich, bei welcher ausgewählte Blumensorten zusammengestellt werden, die zu verschiedenen Tageszeiten erblühen. Ausgehend vom gleichnamigen Gedicht Stèphane Mallarmés führt uns Francaix vom Nachmittag bis zur Mitternacht von einer Blütenpracht zur Folgenden indem die Oboe ähnlich einer fleissigen Biene ihren abenteuerlichen Rundflug begeht. Dem Zuhörer erstehen dabei wunderbare Visionen vor seinem geistigen Auge, als habe er in seiner Phantasie in einer Viertelstunde einen betörenden Abstecher in die Provence gemacht.
Hervorzuheben wäre die Aufnahme dieser Komposition mit dem Oboisten Lajos Lencsés.

Veröffentlicht am 05.02.2010 12:30:57 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 05.02.2010 12:34:27 GMT+01:00
Ich möchte Eusebius beipflichten: Das war wirklich ein sehr guter, kenntnisreicher Beitrag von 444. Seinen Empfehlungen möchte ich noch eine hinzufügen: Kurt Weill, der so langsam in Vergessenheit gerät. Er ist deswegen so interessant, weil es einen Berliner und einen Amerikaner Kurt Weill gibt, die beide gleichermaßen faszinierend sind. Wenn man eine Musik suchen würde, die die goldenen Zwanziger Jahre in Berlin charakterisieren sollte, würde ich die "Kleine Dreigroschenmusik" von Weill empfehlen, vor allem in der Interpretation von Otto Klemperer, der sie, so weit ich mich recht erinnere, für die Kroll-Oper in Auftrag gegeben hat. Die amerikanische Periode nach der Emigration ist deswegen so interessant, weil Weill es verstanden hat, sich vollkommen dem Geschmack und den Wünschen des amerikanischen Publikums anzupassen, ohne dabei aber allzuviel Niveau preiszugeben. Man höre mal seine Orchesterlieder aus dieser Zeit. Leider gibte es eine Oper aus dieser Zeit, die vollkommen vergessen ist und für die sogar Franz Werfel den Text geschrieben hat. Sie heißt "The eternal road" und behandelt nichts weniger als den Jahrtausende währenden Leidensweg des jüdischen Volkes. Ich habe sie mal im Radio gehört und fand sie sehr bewegend. Die Aufführung am Broadway war ein katastrophaler Mißerfolg.

Veröffentlicht am 05.02.2010 13:53:20 GMT+01:00
Zu Eusebius: Wie schön, daß Sie auf den Oboisten Lajos Lencsés verweisen. Ein großer Musiker und wunderbarer Mensch, dessen sämtliche Aufnahmen ich empfehlen kann, z.B. das Oboenkonzert von Strauss (elysisch!) oder eine betörende CD mit dem schönen Titel "La princesse de Clève" mit völlig unbekannter französischer Oboenliteratur. Lencsés war übrigens 30 Jahre lang Solooboist des RSO Stuttgart.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.02.2010 17:13:09 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 05.02.2010 17:15:28 GMT+01:00
Eusebius meint:
Dr. Hucklenbroich macht mit Recht auf den in letzter Zeit stark vernachlässigten Komponisten Kurt Weill aufmerksam, einem Hauptvertreter der Musiker der Weimarer Republik. Wenn man das Werk sucht, welches die Quintessenz seines Berliner Schaffens kurz vor seiner Flucht vor den braunen Schergen über Frankreich, England und schließlich USA repräsentiert, so müsste man die Oper "Der Silbersee" nennen, die in Zusammenarbeit mit dem expressionistischen Dramatiker Georg Kaiser im Januar des Jahres 1933 in Berlin fertiggestellt worden ist. Ein einzigartiges, verklärtes Werk, welches in wunderbarer Weise von Jan Latham-König und erlesenen Solisten realisiert worden ist.

Veröffentlicht am 05.02.2010 17:25:19 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 05.02.2010 17:29:44 GMT+01:00
ziegenpeter meint:
3 weitere Komponisten aus der Mitte des 20. Jahrhunderts:

- Karl Amadeus Hartmann (1905-1963) ist für mich der bedeutendste Sinfoniker seiner Zeit. Hartmann ist einerseits Ausdrucksmusiker - oft steigern sich langgezogene Melodien zu beeindruckenden, katastrophischen Höhepunkten. Andererseits hat er eine große Liebe zu nüchterner Konstruktion: vor allem die 5., aber auch Passagen in der 7. u 8. sind optimistisch-musikantisch. Aus diesen beiden Polen erwächst eine sehr differenzierte, phantasievolle, farbige, ausdrucksvolle, unmittelbar mitreißende Musik. (Hartmann war übrigens im 3. Reich Regimegegner, blieb aber trotzdem in "innerer Emigration" in Deutschland.) Ingo Metzmachers Sinfonien-Gesamtaufnahme ist sehr, sehr empfehlenswert!!

- Egon Wellesz (1885-1974) ist vor allem als Musikwissenschaftler bekannt (Entzifferung der byzantinischen Musik), als Komponist war er vorm 2. Weltkrieg mit Opern sehr erfolgreich, mußte nach England emigrieren und konnte nach dem Krieg an die früheren Erfolge nicht mehr anknüpfen. Wellesz gelangte eigentlich erst in sehr hohem Alter zu einem wirklich eigenständigen Stil. Seine farbig instrumentierten früheren Werke können trotz stark erweiterter Tonalität die Tradition nicht abstreifen: Neo-Bruckner oder Neo-Mahler. Die Kantilenen wirken ziemlich "angestaubt". (Prosperos Beschwörungen, Sinfonien No 1-4, von denen die herbe 1. bei weitem die interessanteste ist). Umso erstaunlicher, daß sich mit der 5. sein Stil drastisch wandelt: alles wird eckiger, kantiger, die Harmonik atonal. Die Sinfonien 6-9 sind schließlich wilde, urwüchsige Meisterwerke eines Komponisten der mit 80 zur "Alterswildheit" und (laut eigener Aussage) zu seinem persönlichen Stil gefunden hat. Gottfried Rabl hat die Sinfonien ersteingespielt. Entdeckenswert!

- Paul Hindemith: der Name ist ja allseits bekannt - im Gegensatz zu seiner Musik! (Vielleicht mit Ausnahme der Sinfonie Mathis der Maler und der sinfonischen Metamorphosen.) Es gibt Perlen darunter:
die sieben "Kammermusiken" (eigentlich Konzerte für verschiedene Soloinstrumente) sind freche, ruppige Stücke,
unglaublich viele Sonaten, Quartette, Oktette für verschiedene Instrumente,
die Sinfonie "Die Harmonie der Welt",
die Pittsburgh Symphony, ein spannendes, lebendiges, originelles Stück, könnte eigentlich ein Hit sein!
Warum sind diese Stücke so wenig bekannt? Findet Ihr Hindemith tatsächlich "zu akademisch"?
Und wer hat weitere Hindemith-Tips?

einen schönen Gruß!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.02.2010 17:51:10 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 05.02.2010 17:54:03 GMT+01:00]

Veröffentlicht am 05.02.2010 17:51:18 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 05.02.2010 17:54:00 GMT+01:00
ziegenpeter meint:
Herr Gumpert, danke für den Hindemith-Tip!

weil wir beim 20. Jahrhundert sind:
Hanns Eisler darf man nicht vergessen!!
Als Einstieg seine fetzigen Orchestersuiten.
Und sein Liedschaffen ist fast unerschöpflich (oft pazifistische und immer menschenfreundliche Themen)
Für Musiklehrer: Eisler hat sehr schöne Stücke für Kinderchor geschrieben.
Eisler!!!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 05.02.2010 17:53:07 GMT+01:00
Bei Hindemith besonders empfehlenswert ist folgende CD:
Sinfonie in Es, Nobilissima Visione (Suite) + Neues vom Tage (Ouvertüre) in einer fulminanten CHANDOS-Aufnahme mit dem BBC PO unter Tortelier. Große Musik eines Unterschätzten.

Und da ich gerade dabei bin, auch von mir die Empfehlung eines Vergessenen und Vernachlässigten. Er wurde nur 24 Jahre alt und hinterließ nur wenig Kompositionen, darunter aber die gewaltige einstündige Sinfonie E-Dur: Hans Rott (1858-1884). Ein früh Vollendeter, vom dem man noch so viel Musik hätte erwarten können. Allmählich entdeckt man seine Sinfonie für die CD und den Konzertsaal. Ich besitze als erste Einspielung des Werkes eine Hyperion-Aufnahme mit dem Cincinnati PO unter Gerhard Samuel von 1989. Sehr zu empfehlen! Doch auch andere gute Einspielungen gibt es mittlerweile.

Veröffentlicht am 05.02.2010 18:27:16 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 06.02.2010 05:24:50 GMT+01:00
Eusebius meint:
Nebenbei sei auch in diesem Zusammenhang auf die vollkommen unzutreffende Bezeichnung der "Unterbewertung" aller hier erwähnten Komponisten hingewiesen. Keiner der hier soweit genannten Komponisten wird fachlich "unterbewertet". Man schaue in Musiklexika oder Musikgeschichten des 20.Jahrhunderts, ganz von den Biografien der Genannten zu schweigen.

In ihrer Zeit waren diese Komponisten Tagesgespräch, absolute Trendsetter Neuer Musik. Ausgehend von derDüsseldorfer Ausstellung "Entartete Kunst" der Nationalsozialisten im Jahre 1938 wurden jedoch alle modernen Komponisten / Maler aus den Konzertsälen verbannt, aus den Museen entfernt. Nach dem Exodus der meisten Künstler sind ihre Werke leider aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit gewichen. Seit den 50er Jahren versuchen tapfere Konzertveranstalter immer wieder aus Anlass von Jubiläen, die ehemals Grossen der Vergessenheit zu entreißen. Dann sind diese zeitweilig wohl wieder im Gespräch, werden über kurz oder lang wieder vergessen. Eine Tradition der Klassischen Moderne, wie wir sie aus der Praxis des Konzertbetriebs in Bezug auf die Wiener Klassik kennen, hat sich bislang nicht durchsetzen können.

Somit sind diese Komponisten allesamt keinesfalls unterschätzt, vielmehr vergessen worden. Dieser bedauerliche Trend liesse sich allerdings erst durch den gezielten Musikunterricht in den Schulen beenden, wobei den Schülern die Moderne Klassik als eine natürliche Weiterentwicklung der klassischen Musiksprache vermittelt werden sollte.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.02.2010 12:18:38 GMT+01:00
444 meint:
Ich möchte ziegenpeter auf seine frage nach weiteren hindemith-werken antworten:

Die Konzertmusik für Klavier, Blechbläser und Harfen ist sehr vital-musikantisch und macht großen Spaß, es gibt im Unterschied zu viel bekannteren Konzertmusik für Blech und Streicher leider keine wirklich optimalen Aufnahmen (oder kennt jemand eine??)
Das Violinkonzert habe ich mit FP Zimmermann im Konzert gehört und war sehr beeindruckt, ein vielfarbiges Stück.
Ich denke, Hindemiths beinahe bestes Stück - das auch noch relative bekannt ist - ist sein "Marienleben" für Sopran und Klavier. Die revidierte Fassung ist noch "reiner", ich mag aber auch die frühere sehr. Es ist eine wirklich grandiose Neuaufnahme bei Ondine erschienen, mit Isokoski und Viitasalo.

Veröffentlicht am 07.02.2010 13:04:03 GMT+01:00
444 meint:
Vielen Dank für die weiteren Ergänzungen, mein gefühl bei hartmann und wellesz beispielsweise ist, dass sie ein wenig "zwischen den Stühlen" sitzen. Ich mag die Musik von beiden sehr, aber sie hatten ein wenig das Pech, mit ihren Werken entweder noch nicht oder nicht mehr recht in den Zeitgeist zu passen...
Da auf meine letzte Aufzählung soviel mit weiteren Namen reagiert wurde, möchte ich noch einige weitere nennen.
Da wäre zunächst ein wirklicher Eigenbrötler: Jòn Leifs.
Er passt nun wirklich in gar kein Muster "zentraleuropäischer" Zuordnungen in der Moderne, was sicherlich der "Randlage" seines Heimatlandes Island zu tun hat.
Sein Spätwerk ist extrem "nackt" gestaltet, baut sich fast nur aus Quinten und Quarten auf. Es besitzt einen wirklich eigenen Stil, der sich allerdings - nach vielen Spätwerken am Stück - auch ein wenig erschöpft. Zunächst aber ist er faszinierend auf Grund seiner dunklen Farben und der fast provozierenden Einfachheit. Tolle "Einstiegsdrogen" in Leifs archaisches Spätwerk ist die "Saga-Symphonie" für gigantisch großes Orchester, ebenso die Vertonung der "Edda" für Solisten und abermals gigantisch großes Orchester. Für Leifs-Puristen weniger geeignet, aber abwechslungsreicher und noch deutlich mehr an der europäischen Moderne orientiert sind seine Frühwerke, insbesondere die aus seiner Studienzeit in Leipzig. Ein Monstrum an Werk ist das Konzert für Orgel und Orchester, das brutale Dissonanzen und eine Art Wettstreit zwischen Orgel und Blechbläser bereithält, und das einen Skandal bei seiner Aufführung in Nazi-Deutschland verursachte, wobei Leifs Musik im Allgemeinen aufgrund ihrer naturgemäß spezifisch "nordischen" Thematik bei den damaligen Machthabern eher akzeptiert war.
Einen guten Überblick über Früh- und Spätwerk bietet die CD "Geysir and other orchestral works", wobei auf dieser Sammlung auch einige etwas weniger starke Werke aufgenommen sind, ebenso bietet die CD mit seinen drei Streichquartetten einen guten Überblick - und tolle Kammermusik. Alle Aufnahmen sind bei BIS erschienen und gut bis sehr gut.

Ein weiterer sehr eigener Kopf ist der Amerikaner Carl Ruggles. Er hat nur eine Hand voll Werke vollendet, um sich später der Malerei zu widmen. Er gilt als weiterer wichtiger Wegbereiter der amerikanischen Moderne neben dem glücklicherweise inzwischen recht bekannten Charles Ives, sein Stil ist aber nicht so "verrückt -wild - unakademisch", wie Ives klingen kann, sondern etwas spröder, technischer, dennoch sehr kraftvoll. Man hat Schönberg-Assoziationen beim Hören. Es gibt Aufnahmen mit Klaviermusik mit Schleiermacher, außerdem zwei seiner orchestralen Hauptwerke (Men and Mountains und Sun-treader) mit dem SFSO.

Ein weiterer Komponist ist Igor Markevitch, der erstens vor allem als Dirigent bekannt wurde - und so seine Kompositionsarbeiten eher als "Zweitbeschäftigung" galten, und zweitens aus unbekannten Gründen 1945 sehr plötzlich das Komponieren ganz aufgab.
Dabei galt er Anfang der Dreißiger als größte kompositorische Hoffnung in Paris, von Stravinsky protegiert und von Komponisten wie Milhaud oder Honegger hochgeschätzt. Wer Stravinsky, Prokoviev, Mossolov oder den frühen Honegger mag, wird seine frühen Werke lieben, die sehr wild und motorisch daherkommen (etwa Sinfonietta oder das Klavierkonzert). Seine späteren Werke sind eigenartiger und oft sinnlicher orchestriert als die trockenen früheren Werke, einige Stücke wecken Assoziationen an Messiaen (ganz stark etwa die "Nouvel Age"-Symphonie). Dann gibt es Werke, die zwischen beiden Ausdruckswelten stehen und wie die genaue Zwischenposition zwischen der Ästhetik der Stravinsky-Les-Six-Generation und der "Jeune France" Generation um Messiaen und Jolivet wirken, aber dennoch sehr homogen sind. Ein wirklich faszinierendes Werk ist der "Psaume" nach einem Cocteau-Text.
Marco Polo startete in den 90ern eine Gesamtaufnahme auf sehr ordentlichem Niveau, dei derzeit bei Naxos wieder aufgelegt wird - hoffentlich in etwas besserer Klangqualität!

Da bei anderen Beiträgen wiederholt auf die 20er aufmerksam gemacht wurde, möchte ich noch einige Namen erwähnen, die einzigartig für den Zeitgeist in den beiden kulturellen Zentren Berlin und Paris stehen:
Das freche Frühwerk Coplands (Klavierkonzert, Symphony for organ and orchestra), der frühe Honegger (Pacific 231, Klavierconcertino), Milhaud, Satie, etc, die völlig verrückten Experimente George Antheils (Ballet Méccanique - grandiose Aufnahme dieses Werkes für 8 Klaviere, Schlagzeuger und Flugzeugmotor sowie weiterer Verrücktheiten gibt es mit dem Ensemble Modern unter HK Gruber bei RCA), weiterhin Poulenc und Tailleferre, dann die große Lehrerpersönlichkeit in Berlin Franz Schreker mit sehr eigener, süßlich-voluminöser Fin-du-siècle-Tonsprache mit den Schülern Krenek, Goossens etc.,
außerdem der inzwischen etwas bekanntere Erwin Schulhoff (Klavierkonzert, Die Mondsüchtige, Doppelkonzert für Flöte und Klavier), Pavel Haas, Hans Heinz Stuckenschmidt, Stefan Wolpe... und und und... ich verzichte noch auf die bereits genannten... Beinahe alle dieser Komponisten haben noch ein oft sehr anderes Reife bzw. Spätwerk aufzusweisen, das oftmals einen nicht mehr so verrückten Reiz, aber oft eine sehr differenzierte Entwicklung bereithält (Paradebeispiele sind Honegger, Milhaud, Wolpe oder auch Antheil und, wie Dr. Jörg Hucklenbroich richtig schreibt, natürlich Kurt Weill -- Kennen Sie übrigens die sehr schöne Aufnahme von "Eternal Road" mit dem Ernst-Senff-Chor und den Berliner Symphonikern unter Gerard Schwarz bei der "Milken Archive"-Serie von Naxos? =)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 07.02.2010 15:48:05 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 07.02.2010 15:52:59 GMT+01:00
Eusebius meint:
@444
Wie erklärt sich einerseits Ihr grosses Interesse an der Vielfalt moderner Komponisten des 20 Jhdts. andererseits diese befremdende Ansicht über K.A.Hartmann, "er passe nicht mehr recht in den Zeitgeist"? Wir sprechen bei Hartmann von einer kompositorischen Grösse, welche die grossangelegte Sinfonik der 50er und 60er Jahre entschieden geprägt hat. Als Kompositionsschüler des (Regerschülers)Joseph Haas, Hermann Scherchen und Anton Webern, weiter einem Initiator und Leiter der Konzertreihe MUSICA VIVA im Nachkriegs-München und Komponist der drei expressiven grossartigen Symphonien Nr.6(1953), Nr.7(1958) und Nr.8(1962) soll Hartmann Ihrer Meinung nach das Gefühl für den Zeitgeist gefehlt haben? Von welchem Zeitgeist bitte sprechen Sie in diesem Zusammenhang? Hartmann war einer der wichtigsten Vertreter von Neuer Musik im Nachkriegsdeutschland. Er war der Lehrer der nächsten Komponistengeneration wie beispielsweise Hans Werner Henze. Da müsste man schon eher die eklektischen kompositorischen Versuche des Dirigenten Igor Markevich als zweitranrige Tonschöpfungen bewerten; jede seiner Kompositionen lässt sich auf ein Vorbild seiner musikalischen Vorlieben zurückführen.
Auch wäre der Vorwurf des Ungespürs an Zeitgeist im Falle von Egon Wellesz ganz unangebracht. Als Schüler des Musikwissenschaftlers Guido Adler und des Komponisten Arnold Schönberg verpflichtete sich Wellesz, die Symphonik Mahlers und Schönbergs (Pelleas und Melisande) in einem Werk von 9 Symphonien sowie etlichen Solo-Konzerten fortzuführen, was ihm zweifelsfrei auch gelungen ist. Nur hat man bewusst im Lande der kontrollierten, systemtreuen Musik keinerlei Notiz von seinem Werk genommen, was jedoch nach Kriegsende in lobenswerter Weise das Land Österreich wieder nachgeholt hat.
Die Musik von Hartmann und Wellesz sind unbequeme, teilweise anklagende Tondokumente einer schwierigen Zeitepoche und sollten auch als solche respektiert werden.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.02.2010 14:58:55 GMT+01:00
ziegenpeter meint:
Dem kann ich nur zustimmen:
KA Hartmann war einer der bedeutendsten Komponisten um die Jahrhundertmitte, absolut auf Augenhöhe mit Schönberg, Messiaen, Strawinski, etc. Der in seinen Werken überdeutlich spürbare Protest - zuerst gegen den Krieg, dann gegen die Zustände in der Nachkriegszeit - machen ihn zu einem der aktuellsten Komponisten seiner Zeit. Daß die jüngere Komponistengeneration, deren Schaffen ja erst nach dem Krieg einsetzt (Boulez, Nono, Henze, Ligeti...), andere kompositorische Techniken verwendet, ist ja gut nachvollziehbar. Hartmann wurde von dieser jungen Generation, auch wenn sie ganz andere Wege einschlugen - serielle Musik, Klangflächen, Elektronik - stets als Lehrerfigur geschätzt und akzeptiert.
Wellesz sehe ich nicht ganz auf derselben Stufe. Immer wieder läuft seine Musik Gefahr eklektisch zu werden. Vor allem die Sinfonien 2-4, mit ihren Kantilenen-Einschüben, klingen für mich seltsam unentschlossen. Trotzdem, vor allem wegen seines urwüchsig-persönlichen Spätwerks ein sehr interessanter Komponist.
Eine weitere Stimme des Protests ist der zur damals jungen Generation gehörige Friedrich Cerha. Sein riesiger Orchesterzyklus "Spiegel" (ca. 1960) gehört zu den beklemmendsden und menschlichsten Werken der Zeit, konsequent in Klangflächentechnik geschrieben, aber keine Minute langweilig. Cerha ist heute noch immer sehr produktiv, soziale und menschliche Themen spielen weiterhin eine große Rolle (Oper "Der Riese vom Steinfeld") und zumindest in Österreich ist er hoch geschätzt.
schönen Gruß!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.02.2010 16:53:42 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 09.02.2010 22:42:12 GMT+01:00
Falstaff meint:
@ziegenpeter und Eusebius
Die Frage nach der Bedeutung und nach der Aktualität eines Komponisten und die Frage, ob sein Schaffen einem bestimmten Zeitgeist entspricht, sind zwei Paar Schuhe. 444 hat die Bedeutung von Hartmanns Werken und die Bedeutung seines Wirkens als Förderer der neuen Musik doch gar nicht in Frage gestellt. Meines Erachtens ist die Aussage, dass Hartmann ein wenig zwischen den Stühlen sitzen würde, sehr zutreffend. Ein vergleichbares Schicksal ist beispielsweise auch Künstlern widerfahren, die eine moderne Form von gegenständlicher Malerei vertraten. Erst wurden sie von den Nazis als "entartet" gebrandmarkt und nach dem Krieg waren sie out, weil sie sich nicht der abstrakten Malerei verschrieben hatten.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.02.2010 17:41:19 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 09.02.2010 17:55:58 GMT+01:00
ziegenpeter meint:
Hallo Fallstaff,
mit dem Wort "Zeitgeist" kann ich sowieso nichts anfangen. Allerdings denke ich, Hartmann war nach dem Krieg nicht "out": Es gibt ein (rührend mißlungenes) Foto, auf dem der junge Nono und der junge Maderna den alten Hartmann freunschaftlich umarmend in ihre Mitte nehmen. Und dabei sollte man bedenken, wie radikal die Nachkriegsavantgarde, auch Nono, traditionelle Formen abgelehnt haben! Richard Strauss hätten die beiden Hitzköpfe wohl nicht so umarmt ;-) und wahrscheinlich auch nicht Hindemith. Hartmanns expressionistischer Stil wurde von der jungen Generation geschätzt, auch wenn sie selber andere Richtungen vertreten haben. Es gibt in D und Ö eine Tradition expressionistischen Komponierens beginnend mit Schönberg, Berg, Webern, fortgeführt von Hartmann bis zu aktuellen Komponisten wie Wolfgang Rihm und seiner Schülerin Rebecca Saunders, wobei jede(r) in dieser Reihe seine (ihre) ureigene Persönlichkeit hat. Im Grunde ihres Herzens sind ja auch Maderna und Nono Ausdrucksmusiker, im Keim sogar in ihren seriellen Stücken. Es gibt durchaus andere Möglichkeiten (siehe Messiaen, Boulez, Xenakis, Ligeti, Schnittke...) aber expressives komponieren bleibt immer aktuell. In diesem Sinn sitzt Hartmann nicht zwischen den Stühlen, sondern inmitten einer großartigen, aufregenden Tradition, die bis heute lebt.
einen schönen Gruß!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.02.2010 19:11:33 GMT+01:00
Falstaff meint:
Hallo ziegenpeter,

"Zeitgeist" ist in der Tat ein blöder Ausdruck und er bedeutet mir persönlich nicht viel. Es ist aber nun einmal so, dass bestimmte Künstler oder Werke als besonders typisch, repräsentativ für eine bestimmte Epoche oder für einen bestimmten Stil angesehen werden. Meines Erachtens sind nun Boulez, Nono, Maderna oder Xenakis typischer für die neue Musik der 1950/60er Jahre als Hartmann. Von daher ist es durchaus legitim von einer gewissen Außenseiterposition Hartmanns zu sprechen - trotz seiner wichtigen Rolle bei der Förderung der jungen Generation und trotz der Wertschätzung, die ihm von dieser entgegengebracht wurde. Und auch als Außenseiter, als jemand, der zu Lebzeiten ein wenig zwischen den Stühlen saß, kann man ein wichtiger Teil einer bestimmten künstlerischen Tradition sein.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 09.02.2010 20:43:25 GMT+01:00
Eusebius meint:
@Falstaff
Ihre persönliche Meinung ist selbstverständlich auch Ihre eigene Sache und sollte als solche respektiert werden. Hartmann hat jedoch zu keiner Zeit, weder während des Dritten Reichs noch während der ersten Jahre der Bundesrepublik "zwischen irgendwelchen Stühlen gesessen", sondern hat die Musik seiner Zeit bestimmend geprägt.
Wir sprechen im Falle Hartmanns von einem deutschen Komponisten, der die Nazidiktatur in der inneren Emigration künstlerisch überstanden hat (ähnlich Schostakowitsch in der Stalin-Ära) und seine beklemmenden Eindrücke und Erlebnisse von der Götterdämmerung nach dem Einmarsch der alliierten Armeen musikalisch formuliert hat. Hartmann ist ein unmittelbarer Zeuge erlebter Zeitgeschichte, seine Musik sind bleibende Musikdokumente. Dabei verfolgte Hartmann einen tonkünstlerischen Kurs, der ihm in direkter Linie von spätromantischen und weiter modernen Quellen vermittelt worden ist.

Wenn parallel zu Hartmanns Spätwerk eine musikalische Jugend heranwächst, die nach der Zündung der Atombomben und deren Auswirkung auf die Welt eine komplett anders geartete Ausdrucksform innerhalb der Musik sucht, so ist allenfalls eine Simultanität unterschiedlicher Musikstile zu verzeichnen, wie man es beispielsweise bereits nach dem Ersten Weltkrieg in Paris, Berlin, Wien usw. feststellen konnte, keinesfalls aber eine Abwertung zuvor bestehender Musikformen erfolgt. In gleicher Weise, wie nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen unterschiedlichen Alters und Denkens bestanden, wurde auch andersartig weiter komponiert, gemalt und gedichtet. Hartmann ist ebenso untrennbar mit der Symphonik der Fünfziger Jahre verbunden, wie es beispielsweise Heinrich Böll mit der Literatur dieser Zeit war. Hartmann als einen musikalischen Außenseiter zu bezeichnen wäre einfach absurd.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 10.02.2010 22:33:18 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.02.2010 00:12:06 GMT+01:00
444 meint:
Lieber eusebius;

Ich bin etwas erstaunt, wie schnell man hier zum Hartmann-Verunglimpfer gemacht wird...
zunächst möchte ich Falstaff danken, der zurecht darauf hingewiesen hat, dass ich die Bedeutung Hartmanns Musik keineswegs in Abrede gestellt habe. Im Gegenteil schätze ich seine Musik sehr, ebenso die Musik Egon Wellesz ( besonders seine Neunte Symphonie)
Meine Anmerkung mit dem berühmten Zeitgeist bezog sich eher auf die ganz ursprüngliche Intention des Initiators dieser Diskussion, der nach Gründen für die - zu Unrecht geschehene "Unterbewertung" - ich schreibe dies bewusst in Anführungszeichen und zitiere seine Formulierung - fragt.
Mein Erklärungsversuch für Hartmann war eben jener, der Sie offenbar aufgeregt hat, der aber, denke ich, symptomatisch für eine ganze Komponistengeneration steht - (etwa auch Hindemith oder Milhaud nach ihrer Emigration). Ich habe auch bei fast allen anderen von mir erwähnten Komponisten nach einer solchen Erklärung gesucht, die eher die allgemeine Haltung in der (musikalischen) Öffentlichkeit bzw. der Musikwissenschaft verdeutlichen sollten als meine eigene Meinung!
Dieser Satz sollte jedenfalls keineswegs eine Abwertung darstellen. Mir ist Hartmanns Bedeutung für das Musikleben in Nachkriegsdeutschland sehr bewusst und den Hinweis auf die Simultanität unterschiedlicher Musikstile ist doch eine Selbstverständlichkeit - ich hatte keinesfalls vor, mich mit diesem Beitrag zuungunsten Hartmanns für oder gegen eine bestimmte Richtung auszusprechen (etwa Markevitch, Leifs etc. oder die Serialisten)
Ich denke, hier wurde etwas grundlegend missverstanden. Schließlich habe ich für die Erwähnung dieser Komponisten zu Beginn meines Beitrages gedankt - und hätte sie sonst in eben jenem selbst erwähnt!
Ich halte es dann aber doch für etwas befremdlich, dass in diesem Forum begonnen wird, erwähnte Komponisten gegeneinander auszuspielen - Sie führten in Ihrem Beitrag Igor Markevitch gewissermaßen als "Gegenbeispiel" an - mit Verlaub, ich denke, das ist nicht im Sinne einer Diskussion zur Wiederbelebung vergessener Komponisten.
Ich verehre jedenfalls Hartmann und Markevitch und wünsche mir in Zukunft ein weniger vorschnelles "in eine bestimmte (muskihistorische) Ecke drängendes" Lesen der Beiträge.
Viele Grüße!

Veröffentlicht am 10.02.2010 22:40:03 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.02.2010 00:05:48 GMT+01:00
444 meint:
... ach, noch eine Ergänzung:
Sie bezeichnen in Ihrem Beitrag Markevitchs "kompositorischen Versuche" als viel "eher zweitrangig" als Hartmanns Musik.
Ich habe Hartmanns Musik nicht als "zweitrangig" bezeichnet und mir würde es im Traum nicht einfallen!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.02.2010 13:04:07 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.02.2010 13:08:50 GMT+01:00
Eusebius meint:
@444
Sie verzeihen meine formalistische Anrede, aber es wäre lächerlich, eine abstrakte Zahl direkt anzusprechen...
Zunächst ist mir nicht klar, wo in meinem angesprochenen Beitrag eine Spur von Aufregung zu verzeichnen wäre, ich habe ganz gegenteilig meine Gedanken in aller Ruhe formuliert.
Sie möchten weiter anmerken, man habe Sie zu einem "Verunglimpfer Hartmanns" gemacht und habe behauptet, Sie würden dessen Musik in Abrede stellen.

Nun, wenn ich Ihre Ansicht über das Werk Hartmanns als befremdlich empfand, so bedeutet das noch lange nicht, daß Sie diesen verunglimpft hätten, es handelt sich da wohl Ihrerseits um eine Fehlinterpretation.
Doch weiter haben Sie mit Ihren Formulierungen in der Tat Hartmanns Musik in Abrede gestellt. Ich zitiere: "...mein gefühl bei hartmann und wellesz beispielsweise ist, daß sie ein wenig zwischen den stühlen sitzen. ..., sie hatten ein wenig das pech, mit ihren werken entweder noch nicht oder nicht mehr recht in den zeitgeist zu passen."

Wie bereits angemerkt, verfolgte Hartmann in seinem Werk einen konsequenten Weg, den er im Verlauf der Diktatur allein für die Schublade produzierte, nach Anbruch der Demokratie unter grossem künstlerischen Ansehen weiter vertrat. Wir sprechen von der zweiten Generation des musikalischen Expressionismus in Deutschland, der u.a. im Werk Hartmanns aufblühte und erst mit seinem Tode einen Abschluß fand. Daher hat Hartmann zu keiner Zeit zwischen irgendwelchen Stühlen gesessen, sondern zu jeder Zeit seines Wirkens exakt den musikalischen Zeitgeist formuliert.
Wovon Sie jedoch ständig indirekt sprechen, ist eine Entwicklung der Neuen Musik, die in Frankreich, Italien, Ungarn etc. ihren Ursprung nimmt und sich allmählich als eine neue Form der Tonkunst zunächst durchsetzt; mit der traditionellen deutschen Musik, die sich von der Spätromantik bis zum Expressionismus und seinen Ausläufern ohne Unterbrechung entwickelte, hat diese neue Strömung nichts gemein.

Weiter habe ich zu keiner Zeit das Werk K.A.Hartmanns gegen die kompositorischen Versuche des Dirigenten Igor Markevichs ausgespielt. Ich fand es nur verwunderlich, daß Sie einerseits die Musik Hartmanns als unzeitgemäß einordneten, andererseits die nicht gerade genialen Tonschöpfungen Markevichs mit den Kompositionen Strawinskys, Prokofiews und Mossolows zu vergleichen suchten.

Ich versichere Ihnen, daß ich Ihre bisherigen Beiträge in aller Ruhe genauestens gelesen habe und mir nichts ferner liegt, wie diesen etwas zu unterstellen. Ich beziehe mich stets exakt auf das dort Geschriebene.

Herzliche Grüsse!

Veröffentlicht am 11.02.2010 14:00:11 GMT+01:00
444 meint:
Ich hätte vielleicht im ursprünglichen Beitrag genauer formulieren sollen, dass die Zuordnung des "noch nicht" oder des "nicht mehr" nicht meiner Meinung entspricht, sondern ein Problem in der Rezeptionsgeschichte dieser Komponisten bedeutet. Insofern gebe ich Ihren Einwänden recht.
Besser wäre vielleicht gewesen "das Pech, (...) in den von den jeweiligen Generationen empfundenen Zeigeist zu passen". Mir ist klar, dass Hartmann bei der jungen Generation respektiert wurde (anders als Hindemith oder Strauss); dennoch ist seine Musik etwas ganz anderes.
Dennoch: Ich habe abermals keineswegs Hartmanns Musik als "unzeitgemäß" eingeordnet; sondern einen nicht von mir, sondern von der Rezeption her "verordneten" "Zeitgeist" zur Erklärung der mir unerklärlichen Vernachlässigung Hartmanns angeführt. Es scheint mir, dass Hartmann - so bedeutend seine Musik ist - zu der Gruppe deutscher Komponisten gehört, die nach 1900 geboren wurden und so vor der Machtergreifung kaum Gelegenheit hatten, an der kulturellen Blüte in dern 20er Jahren teilzunehmen; und die nach schwieriger Zeiten während der Nazidiktatur nach dem Krieg in der undifferenzierten Betrachtung durch Musikhistoriker/Muskwissenschaftler, die stets nach Strömungen suchen, in die man grob die Musikgeschichte unterteilen kann, ein wenig außer Acht gelassen wurde in der neu aufkeimenden Strömung Darmstadt etc ab 45, die man viel besser historisch "fassen" konnte als die gebrochenen Biografien der Hartmann-Generation (andere Beispiele wären etwa Günter Bialas, Boris Blacher oder Wolfgang Fortner). Dieses Phänomen war es, welches ich mit dem Ausdruck "Zeitgeist" verdeutlichen wollte.
Hartmanns Musik ist weder zweitrangig noch unzeitgemäß, sie wurde von mir nicht als das eine oder andere bezeichnet; es erscheint mir, dass hier künstliche Diskussionen über zeitgemäße oder unzeitgemäße Ästhetiken begonnen werden sollen. (Es liegt mir fern die Strömung, die Sie in Ungarn, Frankreich etc verorten mit der "traditionellen deutschen Musik" vergleichen oder vermischen zu wollen - Die im Beitrag erwähnten Komponisten Stravinsky, Markevitch, Mossolov etc. scheinen Ihnen vermittelt zu haben, dass für diese Gruppe Komponisten eine Vorliebe hege - dieser Eindruck ist falsch).
Und abermals bewerten Sie Markevitchs Musik im direkten Vergleich als "kompositorische Versuche" eines "Dirigenten". Das finde ich abermals befremdlich und eigenartig polemisch - die Simultanität unterschiedlicher Musikstile - und auffassungen dürfte doch wohl auch für ihn gelten, oder?

Viele Grüße!

P.S.: Gleich mal vorneweg - mein Erkläungsversuch sollte auch keine Kritik an der neuen "Darmstadt-Generation" sein, falls dies jemand so verstehen sollte
Ich verehre Markevitch, Hartmann und Stockhausen =)

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.02.2010 16:10:18 GMT+01:00
Eusebius meint:
Es scheint ein Grundsatz Ihrer Argumentation zu sein, die eigene Meinung hinter angeblich bestehenden wissenschaftlichen Studien, die leider nicht näher genannt sein wollen, zu verbergen.

Welche Musikhistoriker/Musikwissenschaftler sind hier gemeint, wo findet man deren vermeintlich "undifferenzierte Betrachtungen", die zu Ihrem irrealen Hartmann-Bild geführt haben sollen? Mir sind derlei Schriften und Persönlichkeiten, die hinter einer solcherart verfälschenden Musikgeschichtsschreibung stehen sollen, nicht bekannt.

Mir scheint hier weniger der Beginn einer "künstlichen Disskussion über zeit-/unzeitgemässe Ästhetiken" anzustehen, vielmehr die Beharrung auf einer diffusen Musikgeschichtsauffassung vorzuliegen.

Viele Grüße!

Veröffentlicht am 11.02.2010 18:06:50 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 11.02.2010 18:11:05 GMT+01:00
444 meint:
Vielleicht sollte man einen eigenen Hartmann-Thread gründen, ich kann mir vorstellen, dass dieses Dauerthema anderen Usern mittlerweile auf die Nerven geht... zumal unsere Positionen gar nicht so weit auseinanderliegen, auch wenn Sie - offenbar sehr diskussionsfreudig - mir immer wieder neue Theorien oder Positionen "anhängen" möchten, jetzt also den des "Pseudo"wissenschaftlers.
Ich möchte dann auch abschließend darauf hinweisen, dass ich mich für meine Ausführungen keinesfalls auf irgendwelche Studien berufen habe.
Mir ist auch klar, dass Hartmann in differenzierten (und neueren!!) Untersuchungen über die Musik des 20. Jhs. einen angemessenen Platz erhält, etwa in Form einer quasi expressionistischen deutsch/österr. Tradition, die ziegenpeter richtigerweise beschrieben hat; Sie werden aber zugeben, dass sich oberflächliche musikhistorische Abrisse wenig Mühe geben, eine solche Tradition nach Berg und dem frühen Webern noch weiter zu untersuchen.
Häufig wird auf den Expressionismus der Zweiten Wiener Schule verwiesen, daneben auf Stravinsky und Bartok, den Neoklassizismus, dann die Zwöltonmusik, um dann von dort die Brücke zur seriellen Musik zu schlagen. Sicherlich geht man vielleicht noch auf "Sonderfälle" wie Schostakowitsch oder anderen Bewegungen wie die der "Groupe des Six" ein; Hartmann findet sich in solchen Texten jedoch fast nur als "Vaterfigur" der neuen Generation (Gründer von MUSICA VIVA etc), seine Tonsprache wird selten zum Thema.
Es gibt jedoch auch wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema, vielleicht interessiert Sie z.B die Arbeit "Der Schlüssel zur Musik von heute"von Siegfried Borris (1967) oder die "Musik der Gegenwart" von Karl H. Wörner - ihre Thesen sind heute veraltet, es sind jedoch sehr interessante Dokumente der damaligen Musikgeschichtsschreibung, in denen beispielsweise auf die ganze kleine Gruppe zwischen Orff/Egk/David und Stockhausen, Eimert etc kaum eingegangen wird. Diese Arbeiten stehen z. B. für die Tendenz in der Musikwissenschaft, unter anderen auch Hartmann zu ignorieren. Sie sind zwar nicht mehr aktuell, prägten aber lange genug die Rezeption, um auf oberflächlichere Abhandlungen über die neue deutsche Musikbewegung nach 45 Einfluss zu nehmen. Weitere interessante Äußerungen von Musikwissenschaftlern und Komponisten - Teilnehmer der "Ferienkurse" z.B. - über Hartmann, die ihn nicht angemessen ernstnehmen, finden sich in der Nono-Biografie von Stenzl oder in Berichten von Boulez oder Stockhausen.
Alles weitere dann im Hartmann-Thread? =)

Die "diffuse" Musikgeschichtsauffassung ist nicht meine eigene, Sie scheinen beharrlich von mir beschrieben Tendenzen mit meiner persönlichen Meinung zu verwechseln... Schade! Das "irreale" Hartmann-Bild ist auch nicht "mein" Hartmann-Bild -- warum möchten Sie mir das denn bloß nicht glauben ?

viele Grüße!
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