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Rudolf Schock


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1-25 von 492 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 15.11.2011 02:52:34 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 28.04.2012 02:51:28 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 15.11.2011 08:31:21 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 15.11.2011 08:35:54 GMT+01:00
Brasier meint:
@ Finn Jäger

Sie Haben Recht mit ihren Zeilen,
Schock hatte in seiner Karriere mindestens 15 Gute Jahre, (1945-60)
Die Frühen Strauss aufnahmen mit Karajan sind mir ein guter Beweis
aber Später ist sein Renommee durch ungeschickte Repertoire Auswahl (Operette)
arg gebeutelt worden, weil auch einige seiner Spezifische
Unarten dadurch sich im Vortrag steigerten. (Gaumiger Vortrag)

Der Liebenswerte Sänger, mit dem ich in den Achtzigern kurz zusammenarbeitete
ist wohl auch Heute von Jenen die ihn nicht kennen, wegen seines Namens
wenn er mal erscheint... "Rudolf Schock" vielleicht in den Verdacht geraten
ein "Rocker" zu sei........!

H.B.

PS. Deutsche Opernsänger haben oft Angst sich einen Künstlernamen zuzulegen
denn Oft ist Nomen nicht Omen
denken sie nur mal an Peter Schreier... Peter Anders usw.

Veröffentlicht am 15.11.2011 19:09:30 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 15.11.2011 19:12:40 GMT+01:00
Jakob Balde meint:
@Brasier
Aus meiner Sicht war Rudolf Schock bis Anfang der 60er Jahre ein wirklich guter Sänger. Die Verwertung der Reste seiner Stimme ab etwa Mitte der 60er, Anfang der 70er Jahre hat ihn viel Renommee bei den Opernliebhabern gekostet, ihm aber beim breiten Publikum viel Ansehen gebracht und sich wohl auch nicht schlecht in klingender Münze ausgezahlt. Liebenswert war er übrigens nach einer Person, die ich kannte und die wiederum ihn kannte nur nach außen und als Fassade. Im Umgang mit Personen die ihm näher standen war er nicht nur ausnahmsweise sehr verletzend und gemein.

Veröffentlicht am 16.11.2011 09:04:40 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 16.11.2011 14:12:47 GMT+01:00
Claustro meint:
ich bin zwar noch nicht alt genug, dass ich Rudolf Schocks Karriere wirklich miterleben durfte. Doch durch seine großartige Hinterlassenschaft auf Tonträgern ist mir der Name ein wertvoller Begriff. Vor allem weiß ich zu schätzen, dass Rudolf Schock sein musikalisches stimmliches
Talent emotional zu nutzen wußte.
Er hat daher mit seinen Tonträgern eine musikalische Hinterlassenschaft nicht nur für ein paar wenige Intellektuelle priviligierte geschaffen,
Viel mehr wert ist seine Hinterlassenschaft als emotionales Musiktheater für das gesammte Volk in der Vergangenheit , für die Gegenwart und auch für die Zukunft.
Außerdem sind Sängerpersönlichkeiten wie Rudolf Schock in der Gegenwart eine Rarität, was den Wert seiner Hinterlassenschaft noch mehr steigert.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.11.2011 17:48:56 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 16.11.2011 17:51:33 GMT+01:00
haydnfan meint:
Hi,wir hatten ihn doch schon ,Schock war in den 50er Jahren ein ernsthafter Tenor,der,z.B. an der Wiener Staatsoper 1958 mit Dermota und Kmennt die Rollen tauschte,für mich ist er am besten in der Cosi aus Hamburg unter Schmidt-Isserstedt und in der Pompadour unter Schmidt-Boelcke,allerdings einen Traxel oder Wunderlich erreichte er nie ,sage mal so,mit seiner "Knödelstimme" nie,-später mit der Schramm ging es nur noch um die Abgreife und Kohle,seine Stimme war etwas für Witzblätter,wenn er 70 jährig mit gefärbten Haar durch die Lande mit Band von 1958 "trällerte" war er für mich unerträglich,eine Witzblattfigur,der nicht bemerkte,seine Zeit war schon 1960 vorbei,nach dem Max unter Keilberth,ging es ihm nur noch um Kohle,bei mickriger Falsettstimme,wie erbärmlich,---Friede seiner Asche und der grauenhaften Margrit Schramm!Ihr haydnfan!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 16.11.2011 23:02:07 GMT+01:00
Jakob Balde meint:
@Haydnfan
Knödelstimme finde ich für Schocks Organ ungerecht.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 17.11.2011 17:46:33 GMT+01:00
K.H. Friedgen meint:
Zwischen "wunderschöner Stimme" und "Knödelstimme" schwanken hier die Urteile über Rudolf Schocks "sängerische Leistungen".
Ich gestehe freimütig, dass ich nicht zu den Verehrern des Sängers gehöre. Wer einmal Gedda, Bergonzi, Wunderlich, Anders, Traxel, ganz zu schweigen von Jussi Björling (um nur einmal ein paar Tenor-Kollegen zu nennen, die zu seiner Zeit auch im Geschäft waren) gehört hat, der breitet über Schocks Darbietungen besser den Mantel des Schweigens. Es sei denn man freut sich über Lieder à la "Deine Mutter bleibt immer bei Dir" oder "Alle Tage ist kein Sonntag". Schock war eine typische Zeiterscheinung in den ersten Nachkriegsjahren, eine Art Dieter Borsche des Gesangs, nicht weniger, aber auch nicht mehr! Seine Opernaufnahmen aus den 1950er Jahren, alle bei EMI-Electrola erschienen, zeigen einen recht begrenzten Stimmumfang, der in der Höhe zu ohrenschmerzlichem Stemmen und Drücken neigte. Bestes Beispiel: Die "Holde Aida" von 1953, wo er im Rezitativ "dein ist die Ehre" so herauspresst dass es körperlich weh tut! Gerne wurde er mit Richard Tauber verglichen, aber das ist in meinen Augen für Schock eine unverdiente Ehre und für Tauber eine posthume Beleidigung. Die späteren Aufzeichnungen bei Eurodisc (ab den frühen 1960er Jahren) sind völlig ungenießbar.
Im Jahr 1970 erschien bei "Eurodisc" eine Schock-LP mit dem Titel "Erinnerungen an Benjamino Gigli", die der bekannte Wiener Kritiker Prof. Clemens Höslinger in FonoForum 5/1970 wie folgt kommentiert hat:
"Zwei Dinge hat Schock mit Gigli gemeinsam: das Stimmfach und die Popularität. Von anderen Parallelen sollte man lieber nicht reden. Sogar in seinen letzten Lebensjahren hatte Gigli an Reinheit und Geschmeidigkeit seines Organs nichts eingebüßt, er besaß eben jene hohe Kultur des Singens, die keiner seiner Epigonen annährend erreichen konnte. Somit erweckt Schock mit seinen Erinnerungen wehmütige Gedanken an einer der wirklich Großen der Gesangskunst. Und er sorgt dafür, dass uns der italienische Tenor nun sogar in geradezu überirdischer Gloriole erscheint: Wenn man die Schock-Aufnahmen (sie sind es in jeder Bedeutung des Wortes!) abgehört hat, wenn man all den Krampf, all die Mühsal glücklich hinter sich gebracht hat und sich dann eine Gigli-Platte auflegt, dann empfindet man dies als Erlösung. Per aspera ad astra. Durch Nacht zum Licht. Gesang wie er sein soll - und wie er (leider) sein kann.
Schock singt also Gigli-Evergreens zum Teil deutsch, zum Teil in Originalsprache. Deutsch gelingt ihm am besten. Die Liebe zu diesem krisenfesten Dauersänger muss sehr innig sein, ja sie muss schon fast an Mystizismus grenzen, wenn man seine Darbietungen auch nur halbwegs erträglich finden will. For normale Ohren sind sie, schlicht gesagt, indiskutabel. Dass solche ruinösen Aufnahmen ernstliche Verkaufschancen haben, erscheint als eine der musikalischen Unfasslichkeiten unserer Zeit. Zum Glück sind sie konkurrenzlos."
Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dem Staunen, dass sich Schocks Darbietungen auch heute noch, 25 Jahre nach seinem Tod, immer noch gut verkaufen, ja dass es sie überhaupt noch gibt, während wirkliche Künstler von Weltruf längst dem Vergessen preisgegeben wurden und nur noch dem Connaisseur ein Begriff sind.

Veröffentlicht am 18.11.2011 00:45:04 GMT+01:00
gemihaus meint:
@ tenör & connaisseur -
ihr wahren, freimütig liberal-libertären oder päpstlich-konservativen, am südenfall kommt's nicht vorbei:
furtwänglers seemann-hirt und keilberths max: da steckt der kumpel schock im frack (wie's kesting so schön formulierte)
und ihr müsst zu-hören, egal ob's euch passt - abgesehen davon, gibt's ja auch scheussliche aufnahmen von wunderlich, anders ff. und, oper hin, operette her, wir wollen doch die kirche im dorf lassen.

Veröffentlicht am 18.11.2011 22:38:01 GMT+01:00
IP meint:
Ein sehr anstaendiger Bacchus, vielleicht der beste auf Platte

Veröffentlicht am 19.11.2011 13:08:41 GMT+01:00
Jakob Balde meint:
So negativ wie Herr Friedgen sehe ich das nicht. Es gibt in der Tat einige wirklich gute Aufnahmen von Schock. Und auch Wunderlich hat sich durch den Kitsch dieser Welt vorwärts und rückwärts hindurchgesungen.

Veröffentlicht am 19.11.2011 14:35:29 GMT+01:00
Idamante meint:
Eigentlich schade, daß sich an Rudolf Schock derartige Glaubenskämpfe entzünden - und darüber eine halbwegs objektive Beurteilung dieses Sängers unterbleibt. Mit Abstand betrachtet werden ihm weder die Jahrhundertsänger-Elogen noch die Verrisse gerecht, die hier zu lesen bzw. zitiert sind. Zuerst sollte man sich klar machen, woher die Verrisse rühren: Nämlich daher, daß man unter dem Etikett "Tenor" quer durch die Stimmfächer urteilt und Dinge vergleicht, die sich nicht vergleichen lassen. Rudolf Schock war nie ein Kraftwunder mit einer Trompetenstimme à la Kiepura, Völkers, Anders, Wunderlich etc.; von Lorenz und anderen (Wagner)sängern ganz zu schweigen. Seine Besonderheit (um nicht zu sagen: seine singuläre Stellung) bezog er doch vielmehr aus dem Timbre, der Klangfärbung seiner Stimme, die "deutschen" Ansatz und deutsche Technik mit italienischem Ton zusammenbrachte. Und DIESE Klangfärbung sticht sehr wohl aus dem Gros deutscher Tenöre des 20. Jahrhunderts heraus. Daß Schock über den "normalen" lyrischen Tenor hinaus ein beachtliches Volumen besaß und die Zunahme an Metall den Eigenklang seiner Stimme in keiner Weise beeinträchtigte, hat ihm ohne Frage auch Partien ermöglicht, die einem anderen Sänger des Faches wahrscheinlich nicht ohne weiteres zugänglich gewesen wären. Und tatsächlich: Wer seinen frühen Bacchus (Ariadne), Faust (Margarethe), Werther (Massenet) oder Manrico (Troubadour) hört, wird erstaunt sein - und Schwierigkeiten haben, diesen Stimme mit dem Bild des Kinderchor-Sängers aus dem Blauen Bock in Verbindung zu bringen. Empfohlen sei allen Bedenkenträgern auch eine Hörprobe des Live-Mitschnitts der 1959er Bayreuther Meistersinger: Auch hier ein Sänger (als Stolzing), dessen Besetzung sich Wieland Wagner nicht schämen mußte und dessen Stimme die gesamte Aufführung über beachtlich durchhielt. Richtig ist neben dem Lob von die Aufnahmen 1944-1960 aber auch: Nach dieser Epoche war Schocks beste Zeit vorüber. Wenn seine Karriere dann freilich erst noch einmal richtig Schwung aufnahm, so liegt dies an mehreren Gründen: 1. Nach einem wahrlich schweren Start und dem Verlust eines reichlichen halben Jahrzehnts (durch den Kriegsdienst) gab es für ihn keinen Grund, nun nicht die Früchte seines Erfolges weiter zu ernten. 2. Zahlreiche Intendanten (und Produzenten) engagierten ihn jenseits aller aufkommenden Qualitätsdebatten weiter - weil alleine schon der Name Rudolf Schock auf dem Programmzettel (oder der Plattenhülle) für geschäftlichen Erfolg bürgte. Und 3. - ethisch heikel, aber wahr -: Man griff letztlich auch immer wieder auf Rudolf Schock zurück, weil nach den frühen Toden von "Konkurrenz"sängern wie Wunderlich (mit 33) oder Anheisser (mit 44) sein Engagement folgerichtig, man möchte beinahe sagen: zwangsläufig war...
Wer freilich über intellektuell durchdrungene, perfektionierte (oft aber eben auch: distanzierte) Vortragsstile à la Fischer-Dieskau hinaus kein Problem mit einer solchen emotionalen Unmittelbarkeit des Gesanges hat und den inneren Abstand besitzt, dieses stilistische Sentiment (nicht Sentimentalität!) vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit und ihrer Kunstauffassung gelten zu lassen, dem kann der frühe Rudolf Schock ungeachtet aller Bedenken anrührende Momente bescheren.

Veröffentlicht am 19.11.2011 14:40:17 GMT+01:00
Jakob Balde meint:
@Idamante
Danke!

Veröffentlicht am 21.11.2011 16:31:32 GMT+01:00
Ein Sänger, der noch 25. Jahre nach seinem Tod so zu polarisieren vermag, an dem muss wohl was dran sein!
Was Rudolf Schock betrifft, so ist eines klar aus diesen Kommentaren herauszulesen:
Kaum jemand scheint die Lebensgeschichte des Künstlers zu kennen, jedem ist offenbar ein Opernsänger suspekt, der - so möchte man es heute bezeichnen - einer der ersten Crossover-Künstler war und der aus wirklich jeder Schnulze noch etwas herausholen konnte. Hätte Schock das Telephonbuch hinauf- und hinuntergesungen, hätte es wahrscheinlich noch interessanter geklungen als bei so manche schwierige Arie mit heutigen Opernstars.
Sicher: Höhe ist wichtig, gerade bei einem Tenor.
Ein unverkennbares Timbre ist aber noch viel wichtiger, und Schock ist ein Sänger, den man wirklich beim ersten Ton erkennt.
Ob einem das Timbre dann gefällt, das ist wieder eine ganz andere Geschichte.
Was die stimmliche Entwicklung von Rudolf Schock angeht:
Wer weiss heute noch, in welch ärmlichen Verhältnissen Rudolf Schock aufgewachsen ist?
Wer weiss heute schon, dass Schock in den Jahren, die in der Entwicklung eines Opernsängers am Wichtigsten sind, am Russlandfeldzug mitmachen musste, nur weil er einigen hohen Beamten nicht genehm war und deshalb durch die Solistenprüfung gefallen ist?
Wer weiss heute noch, dass Schocks Abgang bei der EMI und die Neugründung der EURODISC durch Fritz Ganss zu einer Medienschlacht führte und dass deshalb JEDE Schock-Aufnahme nach 1962 von den Zeitungskritikern in den Fachzeitschriften verrissen wurde?
Wer kennt heute noch die sehr gelungenen und reichlich spät entstandenen Liederaufnahmen (Schubert, Schumann, Brahms, Dvorak, Richard Strauss, Carl Loewe) mit dem Pianisten Ivan Eröd, die nie auf CD veröffentlicht wurden?
Wer weiss von den gesundheitlichen Problemen des Sängers in den 70er-Jahren?
Wer weiss vom frühen Krebstod der älteren Tochter von Herrn Schock?
Und wer weiss, dass er im selben Monat, als seine Tochter starb, für eine Fernsehshow eine Aufnahme machte, die die Zeile enthält: "Ich danke dem Geschick, das mir freundlich war, für so viel Glück, manch` gutes Jahr..."?
Das ist Professionalität, die fast schon weh tut.

All diese Erlebnisse prägen natürlich einen Menschen, und gerade für ein Sänger bedeuten diese privaten Einschnitte große Veränderungen, die sich natürlich auch in der Stimme wiederspiegeln.
Da wird noch heute einfach darauf losgeschimpft, immer wieder Jürgen Kesting zitiert, der übrigens in seinen jungen Jahren ein einfacher Kabelträger bei der Eurodisc war und Herrn Schock unter Zeugen bei einem Gespräch so überheblich begegnet ist, dass sich der Tenor von ihm abwandte (was er meiner Meinung nach heute noch bei Kesting zu büßen hat) und auch gar nicht mehr richtig hingehört, wie GUT Rudolf Schock singen konnte, wenn er gut disponiert war, was allein bei einem akustischen Vermächtnis von beinahe 2000 Aufnahmen schon rein statistisch nicht immer der Fall gewesen sein kann.
Immer wird auch so getan, als ob Schock der einzige Tenor im deutschen Sprachraum gewesen wäre, der Schlager gesungen hat.
Dies entspricht einfach nicht der Wahrheit.
Peter Anders, Fritz Wunderlich, Peter Schreier, René Kollo - sie alle haben auch "seichteres Gefilde" durchschifft, doch es gehört seit Jahrzehnten zum guten Ton, dass man bei diesen Herren die Vielseitigkeit preist und Rudolf Schock als abgetriffteten Schlagerheini hinstellt.
Dabei sind die Orchester- und Chorarrangements bei den Volkslieder- und Schlageraufnahmen von Rudolf Schock tatsächlich um einiges Interessanter als bei seinen Tenorkollegen, was jeder Musikkenner sofort hören kann, wenn er es denn hören will...
Oft hätte ich mir z.B. bei den Aufnahmen von Fritz Wunderlich einen Arrangeur wie Werner Eisbrenner oder Fried Walter gewünscht!

Ich hatte das Glück in den 90er-Jahren die Familie Schock kennenzulernen: Witwe, Schwester, Tochter, und ich habe auch einige Künstler kennengelernt, die Jahre lang mit Rudolf Schock zusammengearbeitet haben.
Wenn man dieses Umfeld kennengelernt hat, dann hört sich für mich eine Bemerkung, wie "er war im privaten Rahmen sehr verletzend und gemein" einfach grotesk an.
Eine in späteren Jahren auftretende Distanziertheit im Umgang mit seinem Publikum außerhalb seines Berufes erklärt sich für mich ganz einfach und logisch mit der schweren Erkrankung der Tochter, unter der Herr Schock sehr gelitten hat.

Zurück zum Sänger:
Rudolf Schock war kein Fritz Wunderlich, Fritz Wunderlich war kein Nicolai Gedda, Nicolai Gedda war kein Peter Schreier und Peter Schreier kein René Kollo.
Dennoch hat jede dieser Sängerpersönlichkeiten viel geleistet.
Und man wird doch einem Sänger wie Schock, der sich in seiner Kinderzeit vor allem mit Mehlsuppe ernährt hat, nicht zum Vorwurf machen, dass er durch Fleiß und harte Arbeit viel Geld verdient hat und ein treues Fan-Publikum hatte?

Ein bisschen Mut gehört dazu, lieber Poster in diesem Forum, aber:
Selber hinhören und - wenn einem die Aufnahme gefällt - den Herrn Schock ausnahmsweise einmal verteidigen, wenn das Gegenüber nur beim Namen "Schock" schon schmerzvoll die Stirn runzelt, wäre einmal eine echte Alternative.
Sich eine eigene Meinung bilden ist nun einmal wichtig, nicht nur in der Auseinandersetzung mit Tenören...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.11.2011 18:20:30 GMT+01:00
Idamante meint:
Lieber Johann Teibenbacher
wo Sie recht haben, haben Sie recht: Sänger sollte man immer nach ihren Leistungen beurteilen - und zur "Leistung" eines Sängers gehört zum Beispiel auch, ob und wenn ja, wie stark er einen als Zuhörer zu berühren vermag. Insofern ist es unbestritten so, besser dem eigenen Eindruck als bekannten (oder selbsternannten) Autoritäten wie Joachim Kaiser oder Jürgen Kesting zu vertrauen. Das verbietet aber weder noch enthebt es einen einer kritischen Auseinandersetzung. Und zu der gehört es zum Beispiel, solche Dinge wie seine Soldatenzeit nicht auszublenden (vgl. meinen obigen Beitrag), aber auch nicht alles aus dem Lebenslauf herzuleiten: Von Peter Schreier über Fritz Wunderlich bis zurück zu Max Lorenz kam das Gros der Sänger aus einfachsten (oder wie wir nach heutigen Maßstäben sicher einschätzen würden: ärmlichsten) Verhältnissen. Das also kann man nicht als Alleinstellungsmerkmal für Rudolf Schock und man gesangskünstlerische Entscheidung gelten lassen - bspw. die, noch so lange weiterzusingen. Sicher hat Schock viel weniger aus Geltungsbedürfnis oder Popularitätssucht so lange weitergesungen, sondern vielmehr aus purer Freude am Gesang, die ihm das wichtigste Kommunikationsmittel war. Es ist letztlich immer die Frage, von welcher Prämisse aus man diese Frage beurteilt: Von seiner Popularität und der Begeisterung her, die er beim Publikum auslöste, war es ohne jede Frage gerechtfertigt, quasi bis zum letzten Tag die Karriere fortzusetzen. Und daß er heute noch (sogar vielen jüngeren Menschen!) ein Begriff ist, hängt natürlich damit zusammen. Vom "klassischen" Standpunkt aus wäre es gut gewesen, spätestens den Herzinfarkt 1968 als Grund zum Rückzug zu nehmen: Die eurodisc-Aufnahmen sind ein beredtes Zeugnis dafür. Bereits die 1963er Martha (Flotow) ist grenzwertig; wer sich allerdings den 65er Wildschütz (Lortzing) anhört und das dann mit der 55er Aufnahme anhört, ist erschrocken darüber, daß zwischen diesen Aufnahmen "nur" zehn Jahre liegen. Sicher, Schocks Gestaltungsfähigkeit und Gestaltungswille waren ungebrochen; die stimmlichen Möglichkeiten aber sehr in Mitleidenschaft gezogen. Allerdings ist Rudolf Schock auch zugute zu halten, nach 1965 weder im Tonstudio geschweige denn auf der Bühne im Opernfach aktiv geworden zu sein; es folgten den reduzierten stimmlichen Ressourcen angepaßte Operetten- und Liedaufnahmen. (Im übrigen sagt das frühe Nachlassen der Stimmkapazität nichts über die künstlerischen Qualitäten der betreffenden Person aus. Ich sage nur: Callas.)
Ein P.S. auch noch zum mehrfach zitierten - und kritisierten - sog. "Falsettgesang". Diese Besonderheit Schockscher Gesangskunst wurde und wird ja gerne als Beleg nachlassender Stimmkraft gesehen und behauptet, dort, wo er habe stimmlich forcieren müssen, sei Schock ins Falsett ausgewichen, um die Begrenzungen der Stimme zu kaschieren. Dabei scheint aber keinem aufgefallen zu sein, daß Schock diesen Kunstgriff vielmehr im Piano anwendet - also genau dort, wo es ohnehin nichts zu forcieren gibt. Vielmehr ist dieses Mezza voce (denn darum handelt es sich beim vermeintlichen "Falsettgesang") ein typisches Stilmittel des Belcantogesangs gewesen, daß noch bei Enrico Caruso groß beklatscht wurde (ich empfehle dessen Aufnahmen aus den 1910er Jahren!) - dann aber zunehmend verschwand, weil es als unmännlich angesehen wurde...

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.11.2011 18:32:34 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 04.10.2012 11:25:44 GMT+02:00
K.H. Friedgen meint:
Hallo Herr Teibenbacher,

zunächst einmal macht wohl niemand Rudolf Schock den Vorwurf, dass er sich in seiner Kinderzeit von Mehlsuppe ernähren musste und später mit seiner Stimme viel Geld verdient hat, genauso wenig, dass er sich in "seichteren Gefilden" bewegt hat, ganz im Gegenteil. Da hätte er bleiben sollen! Es geht auch nicht darum, ob er ein "unverkennbares Timbre" hatte. Das hatte er zweifellos, es fragt sich nur welches!
Meine Kritik richtete sich weder gegen den Menschen Rudolf Schock noch sein "seichtes" Repertoire, sondern gegen seine Darbietungen im Bereich von Oper und Kunstlied. Sie nennen seine "reichlich spät" gemachten Liederaufnahmen mit Ivan Eröd und halten sie für "sehr gelungen". Ich stehe auf dem Standpunkt, dass er sie besser hätte bleiben lassen. Ich kenne seine "Winterreise", die er noch für ELECTROLA aufgenommen hat, also Anfang der 1960er Jahre. Man muss nicht Anton Dermota, Peter Pears oder Ernst Haefliger heranziehen, um seine Darstellung desaströs zu finden. Kein Wunder, dass sie nie auf CD veröffentlicht wurde!
Rudolf Schock hätte sich seiner Grenzen bewusst sein sollen und es beim Vortrag von Operetten und volkstümlicher Lieder belassen sollen. Aber selbst in der Operette wird er mühelos von seinen Kollegen aus dem Feld geschlagen. Wer einmal Richard Tauber als Paganini, Sou-Chong oder als Zarewitsch erlebt hat, oder die wunderbare Lehár-Platte von Nicolai Gedda mit dem Dirigenten Willy Mattes (EMI) kennt, der will anschließend niemals mehr einen "Schock" erleben!
Zur Oper: Es gibt einen hervorragenden Querschnitt aus der "Aida" aus dem Jahr 1953, mit der glänzenden Leonie Rysanek in der Titelrolle und Josef Metternich, der einen Amonasro singt, der eines Tito Gobbi oder Renato Bruson würdig ist, aber sobald Rudolf Schock auftritt, ist es mit der Verzauberung vorbei! Ich weiß wirklich nicht, wo Fritz Ganss seine Ohren gehabt hat, als er diese Aufnahmen machte. Oder das herrliche Duett Pinkerton-Butterfly mit der bezaubernden Erna Berger, 1954 entstanden, wo man sich einen Peter Anders geradezu herbeisehnt, sein grober "Rigoletto"-Herzog, und und und .......
Es stimmt, dass Schock unter Furtwängler in "Fidelio" und "Tristan" mitwirken durfte, doch hier singt er kleine Rollen (Jaquino bzw. Hirte), die weiter nicht ins Gewicht fallen, aber Keilberths "Freischütz" von 1958 mit der herrlichen Elisabeth Grümmer leidet geradezu unter Schocks gestemmter Max-Darbietung! Im letzteren Fall stand Peter Anders (er starb 1954) leider nicht mehr zur Verfügung, und Fritz Wunderlich, der einen herrlichen Max hätte singen können, war noch nicht zum Star aufgerückt.
Ihre Hinweise auf Schocks ärmliche Kindheit und Jugend, sein Erleben des Russlandfeldzuges, der tragisch frühe Tod seiner Tochter, erwecken Anteilnahme am persönlichen Schicksal des Menschen Rudolf Schock, aber wenn Sie in der Oper sitzen und sich eine mit letzter Kraft herausgepresste Stretta im "Troubadour" anhören müssen, tröstet es Sie dann, wenn Ihr Nachbar Ihnen zuflüstert: "Er ist aber in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen"? Boshafterweise müsste man erwidern: Man hört es!
Ich benötige weder Jürgen Kesting noch Clemens Höslinger, um mir eine eigene Meinung zu bilden, die ich übrigens schon hatte, bevor ich von diesen beiden Herren jemals etwas gelesen hatte. Außerdem kommt Schock in Kestings Standardwerk "Die großen Sänger" recht gut weg, im Vergleich etwa zu Dietrich Fischer-Dieskau, Franco Corelli oder Mario del Monaco, die ja nun Sänger von ganz anderem Kaliber waren. Kesting weist mehr auf Schocks "kleine" Stimme hin, als auf seine stimmlichen Schwächen.
Höslinger hatte ich neulich zitiert, weil mir seine Kritik an Schocks "Erinnerungen an Benjamino Gigli" den Nagel auf den Kopf zu treffen schien, und ich es nicht besser hätte formulieren können.
Fazit: Rudolf Schock war schon in seinen "frühen" Jahren nur ein durchschnittlicher Sänger, mit einem sehr kleinen Stimmradius, dessen Karriere im deutschen Sprachraum durch den frühen Unfalltod von Peter Anders erheblich begünstigt wurde. Durch seine Erfolge im Film und später im Fernsehen wurde er populär, vor allem weil der den Geschmack der breiten Masse abdeckte und als "lieber Kumpel" aufzutreten verstand, der jedes Mutter- und Schwiegermutterherz höher schlagen ließ. Als Opernsänger war er höchstens drittklassig, und seine späten Aufnahmen für EURODISC deckt man am besten mit dem Mantel der Liebe zu. International hat er kaum eine Rolle gespielt.
Dann konnte er auch nicht aufhören, und sang noch in jeder Fernsehshow mit den kümmerlichen Resten seiner Stimme. Doch wie heißt es so schön? Ist der Ruf erst ruiniert, singt sich's völlig ungeniert!

Veröffentlicht am 21.11.2011 18:47:27 GMT+01:00
Lieber Idamante!
Sie haben recht.
Schock steht mit seiner Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen bei den Tenören nicht alleine da.
Ich habe diesen Punkt nur als Anfang meiner Aufzählung genommen für eine Reihe von sehr prägenden Erlebnissen in seinem Leben.
Das alte Missverständnis zwischen Falsettgesang und Mezza voce führte natürlich auch bei der Aburteilung dieses Tenors zu falschen Schlüssen, ein so gutes und tragfähiges Piano wie bei Schock hört man aber (bei Aufnahmen von etwa 1950 bis Anfang der 70er-Jahre) auch nur selten.
Sehr interessant finde ich auch, dass Schock bei seiner Loewe-Balladen-Platte mit Ivan Eröd aus dem Jahr 1980 wieder weit besser klingt, als bei den zum Teil auch für den mit kritischem Gehör eher schmerzvollen Volkslied-Aufnahmen von 1976/77...
Das lässt dann doch darauf schließen, dass sich der alte Herr nicht auf seinen Loorbeeren ausgeruht hat!

Für Ihre fairen und aufschlussreichen und sehr seriösen Äußerungen zum Thema "Rudolf Schock" darf ich Ihnen, lieber Idamante, sehr herzlich danken.
Wie erfrischend ist es, in einem Forum mit zum Teil sehr unappetitlichen und untergriffigen Äußerungen Kommentare zu lesen, die um eine sachliche und emotionslose Auseinandersetzung bemüht sind.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.11.2011 19:30:47 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 21.11.2011 19:56:48 GMT+01:00
Lieber Herr Friedgen!

Zum Thema Peter Anders - Rudolf Schock möchte ich nur sagen, dass ich aus sicherer Quelle weiss, dass Schock beim Tode von Peter Anders derart erschüttert war, dass er seiner Witwe anbot, alle
Auftritte des Sängers zu übernehmen. Und zwar kostenlos.
Hat zwar nichts mit seiner gesanglichen Leistung zu tun, ist aber dennoch recht kollegial.
Nicht?

Die "Winterreise" mit Ivan Eröd hat Schock 1970 nach seinem ersten Herzinfarkt aufgenommen, und mir gefällt gerade bei der "Winterreise" eine gewisse Brüchigkeit in der Interpretation, und die Stimme darf gerade in diesem Zyklus auch mal etwas wackeln, finde ich.
Die Geschmäcker sind da reichlich verschieden, aber ich mag auch die späte Aufnahme von Julius Patzak sehr gerne, der bei seiner Aufnahme mit Jörg Demus zum Teil wirklich mit einer Zwirnsfadenstimme singt.
Das heisst aber nicht, dass ich die Aufnahme von Pears nicht auch sehr schätze. Andere Stimme - andere Möglichkeiten - andere Herkunft - anderer Ansatzpunkt. Faszinierend.

Es ist jedenfalls sehr mut- und ideenlos von der guten Plattenindustrie NIE eine späte Kunstliedaufnahme mit Schock auf CD angeboten zu haben, nicht einmal ein kleines Liedchen, denn wir können hier sicher jahrelang hin- und herdiskutieren.
In einem Punkt könnten wir jedoch womöglich sogar einig werden:
Wer nicht die Möglichkeit hat eine Aufnahme zu hören, der kann sich auch kein Urteil bilden.
Egal wie das Urteil auch ausfallen mag.
Und wenn jemand sagt: "Nein, das gefällt mir nicht.", dann akzeptiere ich dies genauso wie ein "Ja, das finde ich gut."
Es ist ja nicht so, dass Schock für mich der einzige Tenor ist, den ich für interessant halte.
Meine Plattensammlung beginnt bei Caruso und hört hoffentlich bei Florez noch lange nicht auf.

Abschließend möchte ich trotzdem noch bemerken, dass Peter Anders oder Fritz Wunderlich im allerbesten Tenoralter waren, als Sie verstorben sind.
Es ist zwar reichlich pietätlos, aber mit 46 Jahren (1961) oder gar erst mit 36 Jahren (1952) hat Schock selbst für den sehr kritischen Plattenhörer zeitweise noch recht passabel geklungen.
Was Bühnenauftritte angeht, dazu kann ich mich nicht äußern. Ich habe aber von vielen gehört, dass die Stimme von Rudolf Schock eher klein war.
Macht doch nix.
Die Opernintendanten, die den Sänger engagiert haben, sind leider auch schon alle hinüber, und wir können sie nicht mehr über die Gründe fragen, warum sie Schock noch immer engagiert haben, als seine stimmlichen Fähigkeiten hörbar nachgelassen hatten.
Das wäre natürlich äußerst interessant, wenn wir diese Möglichkeiten hätten.
Schade, wir haben sie nicht.

Wie Anders oder Wunderlich mit 60 oder 70 geklungen hätten, das können wir nicht wissen.
Hätten sie über ihren Zenit hinausgesungen?
Wer weiss.
Wenn man für sein Leben gerne singt?
Wenn die Platten sich gut verkaufen?
Wenn sich im Jahr 1984 mehrere 100.000 Leute das "Wolgalied" beim ZDF mit dem Zusatz "Bitte mit Rudolf Schock" wünschen?
Sagt dann ein Sänger: "Neee, die sollen einen anderen holen!"?
Nein.
Hat Schock mehrere 100.000 Briefe selbst ans ZDF geschrieben?
Dafür hatte er mit Sicherheit zu wenig Zeit.

Wer hatte denn die Stimmtechnik von den Tenören des 20. Jahrhunderts, um mit 60 oder 65 Jahren noch wirklich gut zu klingen.
Alfredo Kraus?
Ja, obwohl die Höhe immer schärfer klang, je älter er wurde.
Nicolai Gedda?
Sicher. Aber über seine Intonation bin ich bei späteren Aufnahmen meist unglücklich.

Es geht, wenn man einschneidende Erlebnisse im Leben eines Sängers schildert nicht darum, dass man Verständnis für nachlassende stimmliche Möglichkeiten heischen möchte.
Es geht darum, dass sich die Stimme eines Sängers durch einschneidende Erlebnisse in seinem Leben verändert.
Sänger und Mensch sind nun mal nicht zu trennen, siehe auch Rolando Villazon (Insider wissen bescheid. Ich sage nichts dazu)...

Auf andere Punkte gehe ich nicht ein, Herr Friedgen, weil es mir an der nötigen Zeit und Muse fehlt, jede einzelne ihrer Bemerkungen zu wiederlegen. Aber ich könnte es. Zumindest schriftlich.

Andererseits glaube ich nicht, dass Sie deshalb Ihre Meinung über Rudolf Schock ändern würden.
Ist auch gut so.
Ich ändere meine Meinung aber auch nicht...
;-)

Mit den besten Grüßen aus Wien

Johann Teibenbacher

P.S.: Die Stretta im Troubadour?
Immer ein heikles Thema.
Selten gut gehört, und in der Oper live meist ein echtes Schock-Erlebnis.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 21.11.2011 20:48:38 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 24.11.2011 12:00:31 GMT+01:00
K.H. Friedgen meint:
Lieber Herr Teibenbacher,

vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort auf meinen Beitrag.
Es war sicher nicht meine Absicht, Ihre Meinung zu ändern, genauso wenig wie ich Ihnen unterstelle, dass sie die meine ändern möchten. Ich finde es gut und richtig, dass es unterschiedliche Auffassungen und Geschmäcker gibt, sonst wäre das Leben ja todlangweilig!
Ich möchte aber auch betonen, dass es mir fernliegt, dem Menschen Rudolf Schock etwas Schlechtes anzuhängen. Meine Kritik bezog sich, wie schon gesagt, ausschließlich auf seine Darbietungen im Bereich Kunstlied und Oper. Schock war ein Künstler ohne Skandale, der trotz seiner unbestreitbar großen Erfolge immer bescheiden geblieben ist und seine arme Herkunft nie verleugnet hat. Es heißt auch, dass er immer sehr selbstlos für andere eingesprungen ist und junge Talente (z.B. Karl Ridderbusch) nach Kräften gefördert hat.
Ich bin in jungen Jahren zum Plattensammeln gekommen, kannte bis dahin nur aus der Schellacksammlung meines Vaters Aufnahmen mit Richard Tauber, andere Tenöre waren nicht vorhanden. Natürlich habe ich - es war Ende der 1950er Jahre - mit Aufnahmen von Rudolf Schock angefangen. Hierzulande war er damals der "Opernstar" schlechthin. Durch eine Rundfunksendung lernte ich 1959 - ich war 16 - Jussi Björlings Stimme kennen, und von da an wollte ich Schock nicht mehr hören. Meine Favoriten auf dem Tenorsektor wurden dann - neben Björling - sehr schnell Carlo Bergonzi, Ferruccio Tagliavini, Nicolai Gedda, Alfredo Kraus, Anton Dermota, Josef Traxel, und Fritz Wunderlich, um nur die wichtigsten zu nennen. Später kam noch Plácido Domingo hinzu, und - mit Einschränkungen - auch Pavarotti. Bei Mario del Monaco und Franco Corelli schätzte ich das pure Stimmaterial, aber sie sangen mir zu undifferenziert, mit zu viel Kraft und Stimmprotzerei.
Doch zurück zu Schock: Es gibt aus seinen frühen Jahren manche sympathisch klingende Aufnahme (z.B. aus Opern von Lortzing, Offenbach, Smetana, Kienzl), doch ich könnte keine einzige nennen, die ich nicht von anderen Tenören besser und schöner gehört habe. Schock sang gerne mit Kopfstimme, wie sein großes Vorbild Richard Tauber, aber bei ihm klang es immer nach Notlösung, nicht wie bei Tauber als "Markenzeichen". Was mich bei Schock so stört, und ab dem Beginn der 1960er Jahre wird es eklatant, ist das Angestrengtsein, das Stemmen, wo andere mühelos ihre Stimme verströmen lassen.
Bei Schock klingt jede hohe Note wie mit letzter Kraft herausgepresst. Vergleichen Sie einmal Schocks "Holde Aida" mit Bergonzi, Gedda oder Domingo, um den Unterschied zwischen Bemühtsein und Mühelosigkeit zu erleben!
Im übrigen muss ich mich korrigieren: Es war nicht die "Winterreise", sondern "Die schöne Müllerin", die ich mit Rudolf Schock auf ELECTROLA gehört habe. Die Aufnahme ist wohl 1962 entstanden, mit Gerald Moore am Klavier. Im 1963er Electrola-Katalog ist sie als Neuheit verzeichnet. Ich habe sie kurz nach ihrem Erscheinen bei einem Freund gehört, und war gelinde gesagt "not amused". Aber ist ist so lange her, dass ich eben einem Irrtum aufgesessen bin. Die "Winterreise" mit Ivan Eröd auf EURODISC kenne ich nicht, ebenso wenig wie die Loewe-Balladen, so dass ich mir da kein Urteil anmaße.
Dass mehr als 100000 Zuhörer das Wolgalied von Schock hören wollten ist natürlich kein Qualitätsurteil. Für viele der älteren Generation war Schock nun einmal d e r Tenor, weil sie kaum einen anderen kannten. Für meine Mutter z.B. war alles was Schock sang einfach nur schön, für sie war aber Tenor eben Tenor. Wie er hieß und sang war Nebensache.

Viele Grüße nach Wien
K.H.F.

Veröffentlicht am 21.11.2011 22:00:09 GMT+01:00
[Vom Autor gelöscht am 28.04.2012 02:52:47 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 23.11.2011 13:51:31 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 23.11.2011 14:39:12 GMT+01:00
Idamante meint:
Liebe Mit"diskutanden",

meine "Diagnose", daß die Debatte um Rudolf Schock hier etwas zu emotional geführt wird und sich deswegen immer wieder sachliche Fehler einschleichen oder Dinge im Eifer des Gefechts übergangen (will sagen: überlesen) werden, gilt leider nach wie vor.

Es bringt die Diskussion nicht weiter, wenn wieder Namen à la Gedda, Kraus, Wunderlich, Björling & Co. ins Gespräch gebracht werden. Wie ich bereits in meinem Beitrag vom 19.11. angemahnt habe, führt es zu nichts, wenn über die verschiedenen Stimmfächer hinweg geurteilt und den "Lyriker" Schock mit andere Helden- oder zumindest dramatischen Tenören verglichen wird. Das endet letztlich nur in der berühmten Apfel-und-Birnen-Schieflage.

Nicht allein, daß bei Vergleichen so subjektiv beurteilter und wertgeschätzter Aspekten wie der menschlichen Stimme immer persönliche Präferenzen mit hineinspielen - WENN man denn schon diesen Vergleich wünscht, dann kann er nur halbwegs objektiv werden, wenn man Schock mit anderen lyrischen Tenören wie Fritz Hoppe oder Peter Schreier in eine Reihe stellt. (Letzteren halte ich übrigens im Bereich Liedgesang für DEN Interpreten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das sollte allerdings keinen davon abhalten, sich bspw. einmal die ganz frühen [Teil]aufnahmen der Schönen Müllerin von Schock mit Adolf Stauch am Klavier anzuhören oder gar die Strauss-Einspielungen von 1948 mit dem Komponisten am Pult, der sich Schock für diese Aufnahmen gewünscht hatte.)

Weiter ist anzumerken, daß Rudolf Schock keineswegs aus der nun schon mehrfach besprochenen wirtschaftlichen Not heraus keine "richtige" Gesangsausbildung genossen habe. Er wurde von Prof. Gustav Pilken (Köln) sowie Moritz von Linde (Berlin) unterrichtet; nicht zu vergessen das seit dem ersten Bayreuth-Auftritt 1936 bestehende "Meisterschüler"verhältnis zu Laurenz Hofer. Es ist also nicht legitim - aber auch nicht nötig! - Schock hierüber entschuldigen zu wollen.

Als Hinweis dazwischen: Die Technik des Stauens wird selbstverständlich heute noch angewandt. Sie ist ja für Kunst- und Operngesang geradezu konstitutiv! Lediglich die technische Umsetzung unterscheidet sich in der deutschen Tradition von der des italienischen Belcantogesanges. Wir haben es bei Schock also gewissermaßen mit einem technischen "Cross-over" zu tun: Mit deutscher Technik wird ein Klang in italienischer Tradition erzeugt.
(Was manche gar nicht so im Blick haben: Ein Paradebeispiel für diese Gesangstechnik war auch Richard Tauber - der sogar so stark staute, daß die britische Presse ihn nach seinen ersten Auftritten in der Emigration als "The German Knoedel" etikettierte.)

Etwas irritiert hat mich Herrn Friedgens Aussage, Schock habe "[i]nternational ... kaum eine Rolle gespielt." Ein Sänger, den Engagements nach Stockholm, London, Edinburgh, Amsterdam, Brüssel, Paris, Aix-en-Provence, Madrid, Zürich, Basel, Wien, Venedig, Rom, Sydney, New York oder Los Angeles geführt haben, hat international keine Rolle gespielt?
Das läßt Ihre Aussage dann doch etwas parteiisch wirken.

Wenn man die oben nochmals nahegelegte Beurteilung Schocks aus seinem Stimmfach heraus durchhält, dann klärt sich auch auf, weswegen er in großen internationalen Produktionen in Nebenrollen auftrat - nämlich keineswegs, weil er für die großen Partien keine tragfähige Stimme gehabt hätte, aber nach dem Motto >Nunja, die Stimme ist nur durchschnittlich, aber der Mann ist berühmt und sorgt für Publicity. Also engagieren wir ihn eben in Gottes Namen.< dann doch genommen worden wäre. Die "Beschränkung" auf Nebenrollen lag doch in der Natur der Sache: Ein lyrischer Tenor singt nun einmal keinen Tristan.

Aber der Sachverhalt ist interessant - deswegen sollte man sich diesem Punkt etwas genauer widmen: Für viele der diesbezüglichen Opernaufführungen wäre Schock als lyrischer Tenor gar nicht vorrangig in Frage gekommen. Daß ihn Dirigenten großer Produktionen, die ja oft bis in die Nebenrollen hinein exzellent besetzt haben, dennoch wieder und immer wieder engagierten, dürfte eher Ausweis für Schocks verläßliche künstlerische Potenz sein - siehe Contes d'Hoffmann (Beecham), Turandot (Süsskind), Tristan und Isolde (Furtwängler), Ariadne auf Naxos (Karajan), Penelope (Szell), André Chenier (Goossens) usw. usf.

Um also wirklich zu einem halbwegs soliden Werturteil zu kommen, sollte man immer nur (den jungen) Schock mit (dem späten) Schock vergleichen. Alles andere mündet in Scharmützeln und verbalen Stellungskriegen. Denn immer wird man Aufnahmen eines Künstlers finden, die über die Maßen und unerwartet gut gelungen sind, während sonst exzellente Künstler in der gleichen Partie versagt haben. (So lohnt es sich bspw. als Beleg für Schocks sehr wohl vorhandene Höhen seinen Werther anzuhören oder seinen brillanten Postillon von Longjumeau mit den Zitter-und-Angspartien von Gedda oder Kollo zu kontrastieren; zwei Sängern, die ja nun wirklich nicht im Rufe stehen, drittklassig zu sein...)

Viele Grüße an alle!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.11.2011 11:26:14 GMT+01:00
Paciano meint:
Eine perfekte Vorlesung! Herzlichen Dank für die Mühe, ich habe gelernt.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.11.2011 11:30:20 GMT+01:00
Paciano meint:
Besten Dank für diesen fundierten Erfahrungsbericht!

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 24.11.2011 11:53:30 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 19.07.2013 22:21:09 GMT+02:00
K.H. Friedgen meint:
Hallo Idamante,

"ein lyrischer Tenor singt nun einmal keinen Tristan".
Dieser Aussage stimme ich voll zu, aber ein lyrischer Tenor singt auch keinen Othello, Lohengrin, Vasco da Gama ("L'Africaine"), Bajazzo oder Kalaf!
Aber genau das hat Schock getan, und wenn es auch "nur" auf Tonträger war.
Er hat auch fast alle großen Verdi-Partien gesungen, und da muss es gestattet sein, wenn man ihn mit Björling, di Stefano, Gedda, Alfredo Kraus oder Plácido Domingo vergleicht. Wenn man das gleiche Repertoire singt wie die Vorgenannten, so sind solche Vergleiche nicht nur erlaubt, sondern ganz normal.
Nehmen Sie z.B. den Rigoletto-Herzog, den Alfredo Kraus in mehreren Gesamtaufnahmen (ich nenne stellvertretend die großartige Solti-Produktion) geradezu mirakulös gesungen hat. Wer dann zum Vergleich Schock heranzieht und nicht zu dem Urteil kommt, dass sich hier Abgründe auftun, der muss es mit den Ohren haben!
Oder nehmen Sie das herrliche "Othello"-Duett "Si, pel ciel marmoreo giuro" in der legendären Version Björling/Merrill, und hören anschließend Schock/Metternich an! Welten liegen dazwischen, was weniger für Josef Metternich gilt, der mir aber hier auch ein wenig zu laut und undifferenziert singt. Wie mühelos singt Björling seinen Part, während Schock die Stimme mehrmals regelrecht aus der Kontrolle gerät und in den entscheidenden Passagen, vor allem bei den berühmten "sangue"-Rufen, zum Schrei gerät! Ähnliches gilt für das großartige Duett "Dio, che nell'alma infondere" aus dem "Don Carlos".
Sein "Lohengrin" unter Schüchter von 1954 und auch sein Walther von Stolzing unter Kempe (1957) sind Annäherungen an Rollen, für die Schock absolut nicht prädestiniert war. Man muss nicht unbedingt Lauritz Melchior oder Franz Völker zum Vergleich heranziehen, um sich der Defizite Schocks bewusst zu werden.
Dass Rudolf Schock von so renommierten Künstlern wie Furtwängler, Szell, Karajan, Beecham in Nebenrollen eingesetzt wurde, muss nicht unbedingt heißen, dass die Dirigenten dafür verantwortlich waren. Vielmehr ist anzunehmen, dass die Plattenfirmen hier auf ihr "hauseigenes Personal" zurückgegriffen haben. Das ging damals oft so weit, dass selbst für Hauptrollen nicht der vom Dirigenten bevorzugte und nach rein musikalischen Maßstäben geeignetste Sänger zum Einsatz kam, sondern auf die vertraglichen Bindungen Rücksicht genommen wurde.
Im übrigen bleibe ich bei meiner Aussage, dass Schock international nur eine marginale Rolle gespielt hat. Er mag in allen von Ihnen genannten Städten aufgetreten sein, doch in aller Regel handelte es sich um Gastspiele und nicht um längerfristige Verpflichtungen. Bleibende Eindrücke hat er (außer vielleicht in Wien) nirgendwo hinterlassen.
Fragen Sie heute einmal unter Opernfreunden auf der ganzen Welt, zwischen Los Angeles und London, zwischen Paris und Mailand, nach Rudolf Schock, so werden Sie kaum jemand finden, der seinen Namen noch kennt. Dagegen sind allen Opernfreaks Namen wie di Stefano, Björling, Gigli, Gedda, del Monaco, Bergonzi, Corelli, ein Begriff, obwohl deren aktive Sängerlaufbahn z.T. lange vor derjenigen von Schock geendet hat.
Was den "Postillon von Lonjumeau" betrifft, kann ich Ihre Aussage überhaupt nicht nachvollziehen. Von Nicolai Gedda kenne ich vier Versionen des berühmten Postillonliedes, zwei in deutsch, eine in schwedisch und eine im originalen Französisch. Sie alle sind um Klassen besser als Schocks Aufnahme von 1955 unter Wilhelm Schüchter, und zeigen, wie mühelos und leicht das hohe D gesungen werden kann, während Schock auch hier wieder tricksen muss. Leider dirigiert Prêtre die französische Version viel zu schnell, aber das ist nicht dem Sänger anzulasten.
Die (für mich) beste Version dieses Paradestücks für jeden lyrischen Tenor bietet übrigens Josef Traxel in seiner ebenfalls 1955 unter Schüchter entstandenen Electrola-Aufnahme, aber auch Helge Rosvaenge hat dieses Lied mit unvergleichlicher Verve und Leichtigkeit gesungen, wie sie Schock niemals, selbst nicht in seinen frühen Jahren, zur Verfügung stand.
Es genügt also absolut nicht, ausschließlich Schock mit Schock zu vergleichen. Wer sich mit den genannten Sängern auf eine Stufe stellt, darf sich nicht wundern, wenn er als "gewogen und zu leicht befunden" klassifiziert wird. Schocks Stärken lagen auf dem Gebiet der Spieloper und der leichten Muse, aber auch da muss eine deutliche zeitliche Zäsur gezogen werden, die etwa um 1960 herum lag. Was danach kam hält ernsthaften Vergleichskriterien kaum noch stand.

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 25.11.2011 10:38:43 GMT+01:00
Idamante meint:
Lieber Herr Friedgen,

um die Replik von hinten her zu beginnen:
Selbstverständlich haben sie mit ihrem Hinweis auf das „Schicksalsjahr" 1960 recht (insofern es Schock mit dem Bayreuther Auftritt als Stolzing einen Karrierehöhepunkt brachte und zugleich den Niedergang der Stimme einleitete. Darauf hatte ich bereits in meinem Ausgangsstatement vom 19.11. hingewiesen - und deswegen auch die Anregung, Schock nur mit Schock zu vergleichen, also die ersten (guten) 18 Jahre gegen die arg langen 26 (reduzierten) Jahre zu setzen.

Als Exkurs zu Nicolai Gedda:
Von ihm kenne ich nur die französische sowie die schwedische Version des Postillon - und hier sieht man, wie viel es auf den persönlichen Geschmack ankommt: Ich würde Schocks Interpretation (allerdings die 1956er unter Kempe) dem vorziehen. Aber an dieser einen Partie sollte sich kein genereller Dissens festmachen.

Viel wichtiger scheint mir der Hinweis, daß Schock in den erwähnten Städten keineswegs nur „Gastspiele" gegeben hat; von jahrelangen Engagements in Salzburg über z.T. Monate währende Auftrittserien in London, Sydney oder Venedig (mit Frau Rothenberger gemeinsam) finden sich genug Belege, daß es sich keineswegs um bloße Punktvorstellungen gehandelt hat. Im übrigen habe ich mich immer auf Liveauftritte auf Opern- und Festspielbühnen und nicht auf Tonaufnahmen bezogen (höchstens Mitschnitte der jeweiligen Häuser). Besetzungspolitik der Plattenfirmen spielte da also keine Rolle.
Was freilich noch wichtiger ist: Den Bekanntheitsgrad von Sängern (früherer Jahrzehnte) unter (heutigen) Opernfreunden würde ich besser nicht als Qualitätskriterium in die Hand nehmen wollen - da kann man böse Überraschungen erleben, wie es mir vor einiger Zeit in Berlin erging, als ich in der Pause einer Aufführung von Samson et Dalila mit einem jungen examinierten Musikwissenschaftler ins Gespräch kam, der sich nicht entsinnen konnte, jemals den Namen Astrid Varnay gehört zu haben (nach Kirsten Flagstad mochte ich in diesem Moment gar nicht mehr fragen).

Worum es mir aber vordergründig ist:
Gleiches Repertoire sollte kein Modus sein, an dem sich Vergleiche aufrichten - weil Werk und ausführender Künstler nun einmal Kunstaspekte auf verschiedenen Ebenen sind. Vielleicht kann ich Ihnen an zwei Extrembeispielen zeigen, was ich damit meine. Vor einiger Zeit wurde in einer bunten Unterhaltungssendung Stefanie Hertel durchs Bild geschoben und trällerte dabei das große Strauß-Lied „Wer uns getraut" vor sich hin. Deswegen allerdings käme mir nicht in den Sinn, sie ernstlich mit Rothenberger, Köth, Streich, Schlemm, Sack etc. vergleichen zu wollen. Damit sei gar nicht gesagt, daß ich Frau Hertel als zu „unterirdisch" und eines Vergleichs für „unwürdig" erachte; er ist nur obsolet, weil er wegen der völlig anders zu beurteilenden Stimmen zu keinem konstruktiven Ergebnis führen kann. Ähnliches würde für eine Faust-Aufführung gelten, die vor einiger Zeit bei uns in Weimar über ein ABM-Projekt realisiert wurde. Auch hier käme doch nur ein Erkenntniskurzschluß heraus, wenn ich eine Gründgens-Inszenierung als Vergleichsfolie heranzöge.

Vielleicht sollte man es noch einmal ganz allgemein auf den Punkt bringen:
Seriös diskutieren kann man im Falle Rudolf Schock vor allem über den Zeitpunkt, ab dem der stimmliche Niedergang begann. Die Stimme selbst erhält ihren Wert (oder auch nicht) wie bei jedem anderen Sänger letztlich nur dadurch, ob sie den einzelnen Hörer zu begeistern, zu rühren vermag. An Schock scheiden sich die Geister meist gar nicht so sehr wegen des Ausflugs in (stimm)fachfremde Gefilde - im übrigen hat er hat er Partien wie Lohengrin, Kalaf oder Bajazzo sogar häufig auf der Bühne gesungen; davon existieren auch Mittschnitte.

Der entscheidende Punkt, man muß leider noch einmal ins Technische gehen, ist vielmehr, daß Schock zu einer Zeit, als von Italien kommend längst wieder ein gewisser stilistischer Purismus (einige Musikwissenschaftler sprechen sogar von einem Neo-Verismo) Einzug hielt, als einziger im deutschsprachigen Raum zu einem gerade mustergültigen Vertreter des Manierismus aufstieg. Die Stilmittel dieser Kunstauffassung aber werden von vielen heutigen Hörern irrtümlich als Stimmschwäche ausgelegt - nehmen Sie nur den berühmten Sospiro (von vielen Musikkritikern der 50er Jahre gerne als „Träne im Knopfloch" umschrieben). Schocks Arie des Bajazzo oder auch seine Aufnahme der Toselli-Serenade sind Musterbeispiele dieses Gesangsstiles. Wie anders Schock nämlich klingen kann, wenn er sich - der deutschen Gattung Kunstlied wegen - auch als „Verist" präsentiert, hören Sie gut in seiner Version von Bohms „Still wie die Nacht".

Auf den Punkt gebracht:
Das, was in den 50er Jahren vielen zu Herzen ging und in „Fehl"besetzungen für Aufsehen sorgte (so schrieb der Musikkritiker Dr. Fritz Lampertz über Schocks Stolzing 1959 enthusiastisch vom „glorreichen Sieg des Experiments ‚Belcanto in Bayreuth'), wird immer eine Frage des persönlichen Geschmacks bleiben - und weniger eine von Qualität und Kategorie...

P.S.
Zu „Rigoletto" möchte ich Ihnen gerne die 1950er Aufnahme unter Fricsay empfehlen. Schock besticht hier in meinen Augen vor allem dadurch, weil er dem Herzog durch seine lyrisch-hohe Stimme eine Charaktistik und der Rolle Züge verleiht, wie man sie von anderen Sängern gar nicht kennt.

Veröffentlicht am 27.12.2011 20:10:35 GMT+01:00
gor meint:
Ich bin entsetzt, wie man den verstorbenen Tenor Rudolf Schock in den Schmutz zieht.
Wem die Stmme nicht gefallen hat, der ging halt in kein Konzert von Schock und hörte auch keine Platten von ihm.
Er war ein Tenor, der auch das Volk ansprach. Dass er kein Caruso war und es noch bessere Tenöre gab, wußte jeder.
Aber trotzdem waren die Konzerthallen voll und die Platten verkauften sich sehr gut.
Viele waren traurig, als er starb, auch ich.
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