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Carlo Maria Giulini


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1-3 von 3 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 30.11.2013 21:30:38 GMT+01:00
Dolly meint:
Carlo Maria Giulini soll ein ganz besonderer Mensch gewesen sein, der nicht nur selbstlos dem Werk diente, sondern sich auch in humanitärer Hinsicht hervorgetan hat.
Wer kann Näheres darüber berichten, und welche Aufnahmen sind besonders empfehlenswert?

Veröffentlicht am 01.12.2013 01:43:43 GMT+01:00
Zuletzt vom Autor geändert am 01.12.2013 02:00:57 GMT+01:00
Jota meint:
Über Carlo Maria Giulini ist in diesem Forum schon so Vieles gesagt worden, dass es mir schwer fällt, etwas Neues zu schreiben. Aber neue Diskussionen über sein Schaffen dürften zu erwarten sein, da die EMI - vermutlich aufgrund Giulinis 100sten Geburtstags im kommenden Jahr - nun ja nahezu alles zu unschlagbaren Preisen in CD-Boxen auf den Markt bringt. Und da ist lange Vergriffenes dabei, so z.B. Schumanns "Rheinische" in der schwungvollen Aufnahme aus den späten 50ern.
Giulini war, was ich bis vor kurzem auch noch nicht wusste, Soldat im Zweiten Weltkrieg. Die dort gemachten Erfahrungen ließen ihn zu einem entschiedenen Pazifisten werden. Er desertierte und musste bis zum Kriegsende in einem Versteck ausharren. Während dieser Zeit studierte er ausgiebig die Vierte von Brahms, jene Sinfonie, die er später so oft wie keine andere dirigieren sollte. Sagenhaft, wie viele Mitschnitte von Giulinis Interpretation dieses Werkes vorliegen, von den 50ern bis in die späten 90er Jahre! Mein Favorit ist die EMI-Aufnahme mit dem New Philharmonia Orchestra von 1968. Der Streicherklang im 2. Satz z.B. ist einfach phantastisch satt und saftig.
Giulini sagte mehrfach, er verfüge über keinerlei administrative Fähigkeiten, was sicherlich Understatement war. Aber in der Tat hatte er nur 2 Chefposten als Leiter eines Sinfonieorchesters inne, nämlich bei den Wiener Symphonikern und beim Los Angeles Philharmonic. Er hätte auch statt Muti Klemperers Philharmonia übernehmen können oder von Martinon das Chicago Symphony Orchestra anstelle von Solti, doch Giulini begnügte sich mit Posten als Gastdirigent.
Ab Mitte der 80er Jahre trat Giulini nur noch in Europa auf und wollte nie länger als ein paar Tage aus Italien fort sein. Seine Frau war schwer erkrankt, und da sie sein stetiger Rückhalt zu Beginn seiner Karriere war, wollte er nun so oft wie möglich in ihrer Nähe sein, zumal sie ihn eben nicht mehr auf Reisen begleiten konnte.
Ich würde wagen, Giulinis Musizierstil in 3 Epochen einzuteilen: In eine sanguinische (man höre die Opernmitschnitte aus der Scala in den 50ern und die frühen unter Walter Legge produzierten EMI-Aufnahmen), eine expressiv-kontrollierte (vgl. die Aufnahmen aus Chicago und Los Angeles) und eine kontemplative oder meditative (hierzu gehören die Aufnahmen ab Mitte der 80er v.a. mit den Wiener und Berliner Philharmonikern bzw. alles, was bei Sony erschienen ist, zu der Giulinis befreundeter Produzent Günther Breest von der Deutschen Grammophon hinüberwechselte).
Ich hatte das Glück, als Jugendlicher, der häufig in die Konzerte der Berliner Philharmoniker ging, Giulini live zu erleben. Im Vergleich zu anderen Dirigenten, die dort häufig zu Gast waren, fand ich Giulinis Dirigat immer äußerst eindrucksvoll. Der Klang war definitiv ein anderer, während Barenboim und Ozawa z.B. auf den Wogen des Karajan-Sounds surften. Giulini legte seine innersten Gefühle in seine Hände, und mich hat fasziniert, wie Langsamkeit so mitreißend sein konnte. Daher habe ich heute auch kein Problem mit dem "späten Giulini" und seinen arg zurückgenommenen Tempi. Ich hatte ihn ja genau so kennen- und schätzen gelernt. Daher ziehe ich auch die späten Aufnahmen des Mozart- oder Verdi-Requiems seinen früheren aus London vor, obwohl hier im Forum wahrscheinlich jeder das Gegenteil sagen würde.
Die besten Aufnahmen Giulinis sind für mich die späten Sony-Aufnahmen mit dem Concertgebouw-Orchester. Leider gab er am 14. September 1992 sein letztes Konzert mit den Berliner Philharmonikern und war danach häufiger in München und Amsterdam zu Gast, wo er offenbar noch mal so richtig "durchstartete".
An Giulini finde ich interessant, dass er einer der wenigen Maestri der 70er, 80er und 90er Jahre war, der eine konsequente stilistische Entwicklung durchgemacht hat, die anhand der Aufnahmen gut nachvollziehbar ist. Ähnliches beobachte ich in diesem Maße eigentlich nur noch bei Abbado, wenn man da mal die Londoner, Berliner und nun Luzerner Aufnahmen hört.
Ich habe mich sehr über die Eröffnung dieses Threads gefreut und hoffe sehr, dass sich noch mehrere dazu äußern. Wer Giulini hören durfte, hat wirklich etwas erlebt, und ich weiß, dass es hier im Forum noch so manchen Giulini-Freund gibt.
Viele Grüße
JOTA

Veröffentlicht am 04.12.2013 16:14:11 GMT+01:00
CMG war bereits das Thema einer Besprechung - mit allerdings nur acht Beiträgen:

http://www.amazon.de/forum/klassik/ref=cm_cd_search_res_ti?_encoding=UTF8&cdForum=Fx3W3EKOZL50NYH&cdPage=1&cdSort=oldest&cdThread=Tx2AA740A82VT0F#Mx16UL3PCPD26Q0

Dort sind im Wesentlichen die Aufnahmen erwähnt, die herausragen. Dem Beitrag von Jota ist auch nicht mehr viel hinzuzufügen, enthält er doch viele wichtige, informative Aspekte. So ragen viele seiner Aufnahmen tatsächlich heraus, um noch einmal seine späten Bruckner-Symphonien mit den Wiener Philharmonikern zu nennen. Vielleicht hat es in seiner Karriere an handfesten Skandalen gefehlt, weshalb er nicht so im Rampenlicht stand wie Karajan, Bernstein etc. und weshalb er fast so ein bisschen wie ein Geheimtipp anmutet.
Bei DG gibt es eine interessante Gesamtbox, die fast alle seiner herausragenden Aufnahmen vereint - zu einem sehr interessanten Preis. Und auch die neuesten Erscheinungen bei EMI sind in dieser Hinsicht sicher empfehlenswert. Ein Diener der Musik - ein Monsignore der Musik.
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Erster Beitrag:  30.11.2013
Jüngster Beitrag:  04.12.2013

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