Leseproben-Schatzkästchen


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1-13 von 13 Diskussionsbeiträgen
Ersteintrag: 15.05.2012 23:32:06 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.05.2012 19:56:42 GMT+02:00
Marismeno meint:
Hallo, Ihr Lieben,

was haltet Ihr davon, wenn wir Schreiberlinge eine gemeinsame Ecke einrichten, in der wir uns gegenseitig unsere subjektiv schönsten Leseproben vorstellen, ohne Werbe-Absicht, einfach nur so, um uns gegenseitig damit zu erfreuen? Manch einer ist vielleicht neugierig auf das, was andere so schreiben. Andere mögen einfach zu ihrer Unterhaltung ein bisschen stöbern, ...

Ich stelle mir relativ kurze Leseproben vor, damit die Proben auch noch zu bewältigen sind, maximal ... weiß nicht, vielleicht 500 Worte?

Was meint Ihr?

Veröffentlicht am 16.05.2012 01:04:25 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 16.05.2012 01:14:22 GMT+02:00
dark swan meint:
Seit anderthalb Jahren waren Polly und ich unterwegs. Seit der Sache mit Vincent. Von einer Stadt in die nächste, wir wechselten die Koordinaten wie andere Leute ihre Kleidung, und jedes Mal zogen wir uns tiefer zurück.

Die Unterstadt war ein Labyrinth aus Straßen, die wie Laufmaschen irgendwo anfingen, dünner wurden und zerfaserten. Halbfertige Gebäude hier und da, ausgehobene Fundamente und herumliegende Steinhaufen zeugten von engagierten Bauvorhaben, die jedoch mitten im Prozess abgebrochen worden waren. Als hätten die Architekten dieses Teils der Stadt erst nach Baubeginn bemerkt, dass sie den Plan falsch herum hielten, dass es der Plan einer ganz anderen Stadt oder überhaupt kein Plan war. Sondern die von verwirrend feinen Linien durchzogene, stark vergrößerte Fotografie einer Handfläche vielleicht.

So hatte Polly mir die Unterstadt erklärt.

Polly hatte die Wohnung für uns aufgespürt. Wie jedes Mal. Sie schien Antennen für Signale aus gerade jenen Gegenden zu besitzen, die kein Tourist je zu Gesicht bekam. Gegenden, die die Stadtverwaltung am liebsten vergessen wollte. Die Wohnung lag im Dachgeschoss eines fünfstöckigen Mietshauses in der Rolandsgasse.

Busse oder Straßenbahnen fuhren nicht hierher. Nichts fuhr bis zur Rolandsgasse. Und selbst wenn es Öffentliche gegeben hätte – ich wäre trotzdem jeden Tag zu Fuß gegangen. Zu Fuß konnte ich besser kontrollieren, ob mir jemand folgte.

Das alte Mietshaus hatte etwas Schlossähnliches.

Als wir bei der ersten Besichtigung das schwere Haustor hinter uns geschlossen hatten und unten in der düsteren Eingangshalle standen, hatte ich den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen aufgerissen.

„Und?“, hatte Polly gefragt.
„Na ja, es ist nicht gerade das Starlight“, hatte ich schockiert geantwortet.
„Ja, krass, oder? Hier könnte man glatt den zweiten Teil von 'Die Nacht der lebenden Toten' drehen.“

Unsere Stimmen klangen hohl in dem Gebäude. Polly drehte sich um ihre eigene Achse und sah nach oben. „Haaallo“, rief sie, und auch das Echo klang verzerrt. Als würde das Haus seine Schatten um alles Lebendige schlingen, und wäre es nur eine Stimme.

Über steile Treppen ging es zu den Stockwerken, durch deren feuchte Dunkelheit sich Gänge gruben. Wir hatten mit der Taschenlampe hineingeleuchtet, und die Gänge hatten in dem dünnen Licht geschwankt. Manche Wohnungstüren fehlten, und die schwarzen Öffnungen schienen nach dem Licht zu schnappen. Sie strömten einen dumpfen, undefinierbaren Geruch aus. Ein böser Kindertraum von Schloss. Kein Laut darin. Nichts. Das Haus war von Anfang an so still gewesen, als läge es im Sterben. Doch der Tod hauste nur in den unteren Etagen. Wir wohnten oben.

aus: Schattengesicht

Veröffentlicht am 16.05.2012 22:27:34 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.05.2012 19:55:21 GMT+02:00
Marismeno meint:
Hallo,
dann will ich selber auch mal. Der Auszug stammt aus einer Geschichte, in der der Prota einen Flashback in seine eigene Jugend in einem Nomaden-Clan erlebt.

Die jungen Männer ritten gemächlich zur Junghengst-Herde hinüber, um die Tiere nicht aufzuregen, - noch nicht. Ein letztes Mal ermahnte Alexander seine Schar, vernünftig zu sein. Weder Mensch, noch Tier sollte heute zu Schaden kommen. Vor unterdrückter Aufregung fast zitternd murmelten sie ihre Zustimmung.

"Gregor", fuhr Alexander dann fort, "Du gehst mit Ivan, Kolja und Dimi auf die östliche Seite rüber. Wanja, Sergej, Toma bleiben auf dieser. Ich übernehme die Spitze. Wir treiben sie bis zum Fluss, dann lenken wir sie nach Norden um und lassen sie langsam auslaufen. Anschließend dürfen sie kurz fressen und saufen, und wenn ich es sage, kehren wir wieder hierher zurück. Habt ihr das alle verstanden? Ivan auch? Na gut."

Gregor winkte kurz und schwenkte mit seinen drei Gefährten nach rechts ab. Einige der jungen Tiere beobachteten die Reiter bereits aufmerksam. Dies war ihnen nicht neu, und sie schnaubten erregt und begannen, durcheinander zu laufen. Inzwischen waren die vier Reiter auf der Ostseite der Herde angekommen, und Alex hob die rechte Hand. Als er sicher war, dass alle ihn ansahen, ließ er sie fallen und stieß einen schrillen Pfiff aus. Wanjas Hengst fuhr zusammen, ebenso wie alle anderen Pferde, und machte einen Luftsprung. Wanja und die anderen wiederholten den Pfiff. Sie trieben ihre Reitpferde auf die Herde zu. Alexander als Anführer ihrer Gruppe jagte an ihr entlang und setzte sich, als die Herde zu galoppieren begann, an deren Spitze. Die anderen sieben Reiter trieben die rennenden Hengste von hinten mit Rufen und Pfiffen immer noch weiter an. Aus dem Rennen wurde ein dahin Rasen und Wanjas Herz raste ebenso schnell wie die jungen Pferde. Das war Leben, egal, ob in einem Traum, oder in der Wirklichkeit! Der andere Fluss war weit entfernt, die Tiere würden Stunden laufen müssen, bis sie ihn erreichten. Doch diese Tiere hier waren die besten, die edelsten, die ausdauerndsten, welche der Clan der Bajaren besaß, die zukünftigen Kriegspferde seiner besten Männer. Sie konnten einen ganzen Tag lang rennen, ohne langsamer zu werden. Wanja gab sich ganz dem Gesang seines Blutes hin, dem rollenden Spiel der Pferdemuskeln unter seinen Schenkeln und dem Wind in seinem Gesicht.

Aus den Augenwinkeln sah er jenseits der Flut wogender Leiber, wie sein Bruder Ivan in die Herde hinein ritt und sich einem der dreijährigen Hengste näherte. Aber dafür war es doch noch viel zu früh! Die unerfahrenen Tiere mussten erst noch etwas ruhiger werden, ehe ...

Ivan schien jedoch nicht dieser Meinung zu sein. Er zog die Beine an und stellte seine Füße auf den Rücken seines Pferdes. Langsam stand er auf dem dahin rasenden Tier halb auf. Und dann sprang er auf den neben ihm rennenden Schimmel hinüber. Dieser Schwachkopf! Es war noch viel zu früh! Das junge Tier erschrak über die plötzliche und ungewohnte Last auf seinem Rücken und begann zu bocken, wie seine Natur das im Falle eines Raubtierangriffs bestimmte. Doch tat ihm der Reiter ja nicht weh. Im Rausch der Geschwindigkeit vergaß der junge Hengst seine Angst und ließ sich von der dahin rasenden Herde mitreißen. Strahlend über diesen Triumph stieß Ivan den rechten Arm mit geballter Faust in die Höhe. Wanja schüttelte ungläubig den Kopf. Wie hatte es Ivan nur geschafft, ... wie wollte er es nur schaffen, das Erwachsenen-Alter zu erreichen? Er verdrängte diese Überlegung jedoch. Alexander würde Ivan einiges erzählen, wenn die Herde wieder zur Ruhe kam.

aus: canis lupus niger IV - Die Ebenen (noch nicht veröffentlicht)

Veröffentlicht am 17.05.2012 00:17:18 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 17.05.2012 00:17:51 GMT+02:00
Nachtvogel meint:
Mein Herz schlug heftig, als Luise hereinkam.
Sie trug ein apricotfarbenes, durchgeknöpftes Sommerkleid und weiße Sandaletten.

„Luise, hast du unseren Gast verärgert?“
Luise schaute erst mich, dann Tania an, dann senkte sie hastig den Blick.
„Ich weiß nicht“, sagte sie leise.

„Was hat sie getan?“, fragte Tania von Rosenfels mich.
„Sie wollte sich …“ Ich zögerte. „Sie wollte sich nicht anschauen lassen.“
„Interessant“, sagte Tania. Und zu der jungen Frau: „Zieh dich aus.“
Wieder sah Luise hoch. Sie warf einen verängstigten Blick auf Tania von Rosenfels.

„Du sollst nach unten schauen!“
Ihre Finger gingen zu der schimmernden Knopfleiste. Ich empfand eine fremdartige Mischung aus Genugtuung und Mitleid.

Knopf für Knopf öffnete sich das Kleid, dann fiel es herab. Es lag um die Füße der jungen Frau wie ein rötlicher Schatten.

Luise trug weiße Strümpfe, eine Blütenbordüre rankte sich um ihre schmalen Schenkel, der Strumpfgürtel war bestickt. Weiter trug sie nichts.

„Komm her, und streck deine Arme aus, damit man dich besser ansehen kann.“ Als Luise vor uns stand, fragte mich Tania von Rosenfels: „Gefällt sie Ihnen?“

Ich sah Luise ins Gesicht, sie hielt die Augen geschlossen.
„Sie sieht überaus verführerisch aus“, sagte ich und räusperte mich. „Nur schade, dass man ihre Augen nicht sehen kann.“

Tania von Rosenfels stellte ihre Teetasse auf den Tisch, stand auf, legte die Hand unter Luises Kinn und hob es an. „Mach die Augen auf“, sagte sie. „Sieh unseren Gast an“, und Luise öffnete, wie an jenem letzten Abend, die Augen und sah mich an.

Sie hatte wirklich ungewöhnlich schöne Augen, leicht schräggestellt und von einem tiefen Grün. Die Wimpern waren lang und sanft gebogen.

„Ist es so besser?“, fragte mich Tania von Rosenfels.
„Ja“, sagte ich. „Schön.“ Es war mehr als das. Es war, was man in Gedichten anmutig nannte.

„Sie können sie ruhig anfassen“, sagte Tania von Rosenfels und schob Luise näher. Luise schien kurz vor meinem Sessel zu erstarren, dann aber gab sie nach, berührte mit ihren Beinen fast die meinen, und ich sah zu ihr hoch. Ich streckte die Hand aus und legte die Fingerspitzen auf ihre Handgelenke. Luise zuckte ein Stück zurück.

„Sehen Sie“, sagte ich zu Tania von Rosenfels. „Sie tut es schon wieder.“

Aus: Das Geheimnis der Flamingofrau

Veröffentlicht am 17.05.2012 17:24:39 GMT+02:00
J. Walther meint:
Er geht langsam zurück, lässt die Haustür offen stehen, als er hineintritt. Sonnenlicht fällt über den Steinfußboden, erhellt den fensterlosen Flur, trägt die Wärme der Luft hinein. Er nimmt Äpfel von der oberen Stiege und geht ins Wohnzimmer. Peter scheint zu schlafen, und er geht leise in die Küche. Er legt die Äpfel auf die Anrichte. Dann wiegt er Mehl und Zucker ab, teilt ein Stück Butter und beginnt, Teig für einen Apfelkuchen anzurühren. Die Küchenmaschine lässt er im Schrank, es geht auch ohne. Er rührt so lange, bis Butter und Zucker schaumig sind, dann gibt er drei Eier dazu, rührt weiter, siebt schließlich nach und nach das Mehl hinein, das sich als samtiger, feiner Berg über den feuchten Teig legt. Dann wäscht er die Äpfel und schält sie, versucht die Schale in einer langen Schlange abzulösen.

Das Haus ist stiller geworden, seit Peter krank ist, nur noch selten läuft der Fernseher, kein Radio dudelt mehr nebenbei. Die Küchenmaschine staubt ein, er weiß gar nicht mehr, wozu er sie überhaupt gebraucht hat. Er genießt es, Zutaten mit seinen Händen zu bearbeiten, sich Zeit zu lassen.

Ein paar Spatzen zanken sich draußen auf dem Hof. Er hält inne, blickt zum Fenster. Das Sonnenlicht fällt in die Küche, ergießt sich über die Stühle und den Tisch, verfängt sich in einer Dahlie, die in einer Flasche steht, welche einen blau durchscheinenden Schatten auf die Tischplatte wirft. Er lehnt sich an die Kante des Küchenschrankes, Apfel und Schäler in den Händen. Ein perfekter Moment, einfach so. Weil er einen Apfelkuchen bäckt. Weil die Äpfel süß und aromatisch duften. Weil der Küchentisch wie ein Stillleben aussieht. Die Zeit ist bei ihm angekommen, rast nicht mehr.

Eigenartig, wie sehr die Zeit sich zu beschleunigen beginnt, wenn man älter wird. Als Jugendlicher hatte er das nicht gekannt. Ein Jahr schien endlos, ein Monat, eine Woche lang. Dann begann er zu arbeiten, wurde älter. Manchmal drehte er sich um, und war erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen war. Dass schon Herbst war, die Bäume fast kahl, dass das Jahr bald zu Ende ging. Dass das Baby der Nachbarin schon lief, schon sprach, dann schon drei war. Dass der Urlaub schon wieder Geschichte war, eingeordnet in ein dickes Album. Dass Peter und er schon vier Jahre zusammen waren, schon fünf.

Er dreht sich wieder zum Küchenschrank um, beugt sich vor, um Peter sehen zu können. Er schläft noch immer, sieht ungewöhnlich friedlich dabei aus, entspannt, wie er es sonst nicht mehr oft im Schlaf ist. Er betrachtet sein Gesicht, unberührt, losgelöst von der Zeit. Gesicht eines sonnigen Morgens, des Geliebten neben ihm, einer Stunde ebenso perfekten wie simplen Glücks.

Im Zimmer wird es still

Veröffentlicht am 27.05.2012 00:04:06 GMT+02:00
Jodeldiplom meint:
Was wollte ich gleich erzählen? Ach ja: ich bin nicht besonders stolz darauf, aber ich bin unheimlich vergesslich. Das ist umso bedauerlicher, als in Zeiten von passwortgierigen Onlinebanking-Programmen, sozialen Netzwerken, E-Mail-Programmen und Internetauktionshäusern das Gehirn eines durchschnittlichen Internetnutzers ungefähr so gut entwickelt sein muss wie das von Albert Einstein oder zumindest das meiner Frau, wenn es darum geht, aufzuzeigen, an welchen Tagen ich vergessen habe, den Müll heraus zu schaffen.

Nun ist beides für mich entweder nicht machbar oder aber nicht erstrebenswert. Ich hatte es mir daher zur Angewohnheit gemacht, meine Passwörter in ein kleines Büchlein einzutragen.

„Du trägst doch nicht etwa deine Passwörter in ein kleines Büchlein ein“ fragte mich einmal Max, ein Geschäftsfreund, der bei mir zu Hause weilte, weil wir ein Projekt besprechen wollten und den ich auf diese Thematik ansprach.

„Ach Unsinn“ lachte ich. „Wie kommst du denn darauf? Aber sag' mal, wie merkst du dir all die Passwörter?“

„Mnemotechnik oder assoziieren“, sagte er.

„Natürlich“, nickte ich wissend und nahm wir vor, mir diese Wörter, gezwungenermaßen vorerst ohne Zuhilfenahme dieser Technik, zu merken. Gott sei Dank braucht man bei Wikipedia kein Passwort.

Ich ging zur Toilette und ließ Max eine Weile an meinem Laptop zurück.

„Hör mal“, sagte er jovial, als ich zurückkehrte, „bei euch ist wohl ein wenig Ebbe auf dem Konto, was?“

Ich sah ihn ungläubig an.

„Na ja,“ sagte er, offensichtlich bar jeden schlechten Gewissens. „Dein Onlinebanking-Programm ist im Verlauf deines Browsers, deine Kontonummer ist als Cookie voreingestellt, und das Geburtsdatum deines Sohnes als Passwort zu nehmen, ist nun wirklich nicht sonderlich schlau. Du solltest das dringend ändern!“.

Dies leuchte sogar mir in meiner Eigenschaft als Digital Immigrant ein. Wenn sogar Max mit seinen eher bescheidenen intellektuellen Fähigkeiten meine Passwörter knacken konnte, brauchte ich mir wohl eher geringe Hoffnungen machen, dass die russische Mafia dies nicht schaffen könnte.

„Mnemotechnik“, sagte Max erneut, doch die Wiederholung dieser Aussage machte den Zweck derselben für mich unbedingt nicht greifbarer.

„Du nimmst den Anfang irgendeines Gedichts oder Liedes und davon jeweils den Anfangsbuchstaben“, erklärte Max jetzt. „Zum Beispiel: Fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Ton gebrannt. Ergibt also als Passwort „FgidEsdF,aTg. Alles drin, Groß- und Kleinschreibung. Sonderzeichen, nicht zu knacken, für Hacker“.

„Lehm“, korrigierte ich überlegen.

„Wie bitte?“

„Ich wette, dass es jeden Hacker dieser Welt völlig irritiert, denn jeder halbwegs gebildete Mensch weiß, dass es heißt: steht die Form, aus Lehm gebrannt, nicht aus Ton“. Irgendwie musste ich ihm schließlich die Sache mit dem Konto heimzahlen.

Aus: Der Hauptgewinn und andere Niederlagen

Veröffentlicht am 27.05.2012 09:50:45 GMT+02:00
Das ist lustig, hast ja auch 2 mal 5 sterne bekommen.

....
Ich habe Geschichten mit realen Ortsnamen verstrickt. Alle Orte mit ihren Postleitzahlen und in unveränderter Schreibweise. 87719 Katzenhirn liegt z B westlich von München.

...Sie war die Tochter von 09569 Frankenstein aus dem Geschlecht derer von 91278 Pottenstein. Also war sie, genau genommen, eine Prinzessin.
In ihrem kleinen Hexenhaus lebte sie allein und einsam, denn sie war 01744 Oberhäßlich wie die Sünde, ihr ganzer Körper war bedeckt mit 31061 Warzen und ihr wuchsen wie der Medusa 33189 Schlangen auf dem Kopf. Ihre Beine waren unterschiedlich, das linke Bein glich einem 91487 Ochsenschenkel, während das Rechte kleiner und dünner war und eher einem 88167 Hahnschenkel ähnelte. Durch ihr entsetzliches Aussehen war sie weit über die Grenzen ihres Dorfes hinaus fast im ganzen Land bekannt wie eine 23556 Buntekuh.
So häßlich, wie sie aussah, so dumm war auch ihr Verstand. Sie war 19073 Dümmer als ein 87719 Katzenhirn, selbst 37139 Erbsen hatten mehr Grips zu bieten als sie. ...

Aus Bitte keine Almosen

Veröffentlicht am 08.12.2012 13:48:38 GMT+01:00
Dann stelle ich mal eine Leseprobe zu meinem Roman City of Death - Blutfehde rein ;)

Der Mann, der mir gegenüber saß, war schon lange tot, genau wie seine liebreizende Frau neben ihm. Ihr aschblondes Haar war zu einem strengen Dutt geknotet, was sehr im Kontrast zu ihren filigranen Gesichtszügen stand. Ich fand sie zwar nicht atemberaubend schön, aber der blasse Teint und die großen, unschuldig wirkenden Augen machten sie sicherlich bei vielen Männern beliebt. Unschuldig war sie jedoch keinesfalls, auch wenn man sie und ihren Mann zu den Guten zählen konnte.
Ich kannte die Meiers schon ein paar Jahre, hatte sie aber erst einmal zu Gesicht bekommen. Damals saßen sie in der gleichen adretten Aufmachung vor mir, nur hatte ich sie nicht selbst bedient, sondern neben meinem Vater gesessen und zugehört. Meinen Unterlagen zufolge, die ich schnell überflog, war es genau sechs Jahre her. Damals waren sie aus Österreich nach Berlin gezogen, um sich hier niederzulassen.
»Wir haben uns lange nicht gesehen, was führt Sie zu uns?« Ich schlug den Ordner auf meinem Schreibtisch zu und verschränkte geschäftsmäßig die Hände. Eigentlich nahm ich nach drei Uhr keine Kunden mehr an, aber die Meiers hatten vor einer halben Stunde angerufen und mich eindringlichst gebeten, sie anzuhören – und zwar persönlich.

»Sie wissen, dass wir stets vollauf zufrieden mit Ihren Immobilien sind«, begann Herr Meier und schaute mich eindringlich an. Er hatte kurz geschorene Haare, höchstens einen Zentimeter hoch, himmelblaue Augen und einen Vollbart. »Aber seit einiger Zeit werden wir von Außenseitern belästigt und immer öfter um Obdach gebeten. Wenn wir die Anfragen weiterhin ablehnen, wird es zu Handgreiflichkeiten kommen.«
Mit Außenseitern meinte er herrenlose Vampire, die am Rand der Städte lebten, weil sie entweder nicht genug Geld hatten, sich unsere speziellen Immobilien zu leisten, oder ungehorsam waren. Soweit ich wusste, waren die Meiers noch junge Vampire und höchstens fünfundzwanzig Jahre tot. Das hieß, dass sie zu den schwächsten ihrer Art gehörten und – ob man es nun glaubt oder nicht – die Gewalt mehr als alles andere verabscheuten.
»Sie könnten es dem örtlichen Ranger melden«, schlug ich vor, doch Herr Meier schüttelte sofort den Kopf.
»Sie wissen selbst, dass Gregor nicht mehr bei Sinnen ist. Er vernachlässigt seinen Bezirk schon seit geraumer Zeit.«
Das stimmte. Gregor war der Ranger vom Bezirk 6, Steglitz-Zehlendorf, und für das Wohl der dort lebenden Paranormalen und Menschen verantwortlich. Seit aber seine Frau vor ein paar Monaten gestorben war, drehte er völlig durch. Er war einer von zwölf paranormalen Rangern, denen jeweils ein Berliner Bezirk zugeordnet war. Nach der Wiedervereinigung im Jahre 1990 waren es noch dreiundzwanzig gewesen, doch 2001 entstanden dann im Rahmen der Verwaltungsreform zwölf neue Bezirke. Ich selbst war damals erst zwölf gewesen und hatte nicht viel mitbekommen, aber mein Vater hatte mir von den unschönen Konkurrenzkämpfen erzählt, als es hieß, die Stellen würden um ganze elf Plätze gekürzt. Soll ein ganz schönes Blutbad gewesen sein!

»Sie wissen, dass es Sie einiges mehr kosten wird als Ihre jetzige Immobile?«, erklärte ich. »Zurzeit kann ich nur Charlottenburg, Grunewald und Mitte anbieten.« Ich wusste, dass Mitte für sie nicht infrage kam, weil sich dort die geschäftigen Untoten mit ihren zahlreichen Clubs, Bars und was weiß ich für Einrichtungen tummelten. Ich fragte mich, warum sie sich überhaupt hatten verwandeln lassen, wenn sie ihren Artgenossen so abgeneigt waren.
»Ich bin mir sicher, dass wir zu einer Einigung kommen«, meldete sich erstmals Frau Meier zu Wort und drückte die bleiche Hand ihres Gatten.
Normalerweise waren Vampire überhaupt nicht bleich und optisch kaum von den Menschen zu unterscheiden. Durch die Aufnahme von warmem Blut bekommen sie einen natürlichen Teint, der sich deutlich von ihren Leinwandkollegen unterscheidet. Meine Kunden hatten also entweder mit Make-up nachgeholfen, was öfter vorkam, als man dachte, oder schon länger nichts mehr getrunken. »Also gut, ich werde sehen, was ich machen kann. Wie lange habe ich Zeit?«

»Eine Woche. Meine Frau und ich werden so lange im Hotel absteigen.«

Fast entglitten mir meine freundlichen Gesichtszüge. Eine Woche war verdammt wenig, wenn man einen Haushalt, eine Teilzeitanstellung in einer Immobilienfirma und nebenbei noch einen Hochschulabschluss als technische Gebäudemanagerin zu bewältigen hatte. In nicht einmal mehr als einem Monat würde die mündliche Prüfung sein, und die Masterarbeit musste ich nächste Woche abgeben. Ich sagte jedoch nichts dergleichen, sondern nickte höflich und hoffte, dass mein Vater bald zurück war. Seit siebenundzwanzig Jahren leitete er Dark Immovable Property, kurz D.I.P genannt, eine Immobilienfirma, die sich auf die Bedürfnisse von Untoten spezialisiert hatte. Panzer- und Sonnenschutzglas gehörten da zur Grundausstattung. Er war vor zwei Wochen nach New York gereist, um sich mit einigen Klienten zu treffen, und wollte nach drei Wochen zurück sein. Da gab es zwar noch Louis, unseren französischen Stellvertreter, doch der war weniger für die Kunden als für den Papierkram zuständig, und so lag es an mir, unsere Kundschaft zu bedienen.
Die Meiers bedankten sich und gaben mir ihre Visitenkarte mit einer neuen Nummer. Ich heftete sie in den Ordner und begleitete sie zur Tür. Es war riskant für einen Vampir, so knapp vor Sonnenaufgang noch herumzuspazieren. Sie gehen zwar nicht sofort in Flammen auf, wie uns Hollywood immer glauben machen will, aber sie verlieren ihre übernatürlichen Kräfte. Schlimmer noch, im direkten Sonnenlicht sind sie meist schwächer als ein gewöhnlicher Mensch und träger als ein Faultier, und irgendwann sterben sie natürlich, aber bis dahin ist es dann ein qualvoller Weg.

Am Fahrstuhl verabschiedeten sie sich dann endgültig und fuhren dreizehn Stockwerke tiefer in die Tiefgarage. Erschöpft schaute ich auf die Uhr. Es war vier Uhr nachts, und ich war hundemüde. Eigentlich machte ich nie Spätschichten – oder in diesem Fall Frühschichten –, aber Gina war im Urlaub und unsere Aushilfe krank. Und da ich weder Zeit noch Lust hatte, eine Vertretung zu
suchen, musste ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen. Ich spielte bereits mit dem Gedanken, die Nacht einfach hier zu verbringen. Wir hatten einen Schlafraum, der speziell für solche Schichten gedacht war, aber ich mochte es nicht besonders in der Firma zu schlafen, und schon gar nicht, wenn ich alleine war. Ja, ich bin dreiundzwanzig Jahre alt und fürchte mich immer noch im Dunkeln. Na und?

Zwanzig Minuten später schnappte ich mir meine Tasche, stopfte Schlüssel und Zigaretten hinein, schaltete den Computer und das Licht aus und ging zum Fahrstuhl. Ihm haftete ein leicht süßlicher Geruch an, den ich gelernt hatte, mit Vampiren in Verbindung zu bringen. Während ich nach unten fuhr, fragte ich mich, warum das eigentlich so war. Sollten Vampire nicht eher nach Tod und Verwesung riechen?
Noch bevor sich die Fahrstuhltür öffnete, erstarrte ich, denn in meine Nase drang der Geruch von Blut. Ich hockte mich auf den Boden, streifte die Tasche ab und zog meine Waffe. Es war eine SIG P226 X Five, die einen extrem schnellen Magazinwechsel hatte – eine Eigenschaft, die man in der Nähe von Vampiren zu schätzen lernte. Mein Vater hatte sie mir zum achtzehnten Geburtstag mitsamt einem Kurs und dem dazugehörigen Waffenschein geschenkt. Sehr fürsorglich, oder? Die SIG war mit Silberkugeln geladen, der einzigen Substanz, mit der man Vampiren ernsthaft schaden konnte, weil sie ihren Körper vergiftete.

Als sich die Türen mit einem Ding öffneten, kauerte ich am Boden und zielte in die schwach beleuchtete Tiefgarage hinein.

Veröffentlicht am 01.04.2013 19:06:27 GMT+02:00
[Von Amazon gelöscht am 13.04.2014 15:57:50 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 09.04.2013 22:47:17 GMT+02:00
,
Bin auch Kinderbuchautorin des Buches "die Nuss Glücklichsein(im Wagner verlag erschienen) und möcht Euch meinen Beweggrund, dieses Buches zu veröffentlichen, erzählen:
Die Geschichte wurde mir im Traum vermittelt und wollte anscheinend viele Leser/innen erreichen!
Das KinderbuchDie Nuss Glücklichsein handelt von einer großen, dicken Nuss, die den Namen Glücklichsein bekommt.
In ihren spannenden Abenteuern erfährt sie Freude, Angst, Trauer und Glück. So nimmt Glücklichsein viele Gefühle wahr und spürt,
wie es ist, geliebt zu werden, Angst zu haben, frei zu sein und vieles mehr.
Die Nuss Glücklichsein hat für alle Leser, ob klein oder groß, eine wichtige Botschaft:
Lebt eure Gefühle, auch die der Trauer, Angst und Wut. Denn nur so können wir zu starken, selbstbewussten,
mitfühlenden, liebenswerten und gesunden Menschen werden. So wie die große,
dicke Nuss sich zu einem wundervollen, starken, prächtigen Nussbaum entfaltet, können auch wir unsere wahre
Größe erreichen, indem wir unsere Gefühle voll zum Ausdruck bringen.

und hier eine kostprobe davon:

Als sie nach einer Weile zu sich kam, bemerkte sie erst, wo sie gelandet war. Auf einer Straße gleich neben einem Acker lag nun Glücklichsein da
und weinte vor Schmerzen. Alles war fremd für sie, niemand war
da um sie zu trösten. Wo war Glücklichsein nur gelandet?

Doch auf einmal hörte sie ein lautes Brummen und spürte ein wildes Rumpeln. Was war nun das schon wieder? Ein rotes Auto raste auf sie zu und
schleuderte Glücklichsein in den Ackerboden neben die Straße. So, jetzt lag sie da, tief in der aufgegrabenen Ackererde. Es war kalt und plötzlich begann
es zu regnen.
Die nasse Erde fiel auf Glücklichsein und bedeckte sie. Glücklichsein zitterte am ganzen Körper.

Es wurde Winter und eisig kalt. Die schönen weißen Schneeflocken deckten die Erde mit einer weißen Decke zu. Die Nuß lag jetzt ganz bedeckt in einer kuscheligen, warmen und geschützten Umgebung.
Und nach all den Anstrengungen und Erlebnissen wurde Glücklichsein sooooo müde, dass sie tief und fest einschlief.

Als der Frühling kam, schmolz der Schnee und die Sonne wärmte mit ihren langen Sonnenstrahlen die Erde. Da erwachte Glücklichsein und spürte auf einmal ein Kribbeln und Ziehen in ihrem Körper. „Was ist mit mir nur los?"
Plötzlich bemerkte Glücklichsein, dass ihr Wurzeln gewachsen waren. Und noch etwas !!!

Sie konnte jetzt auf einmal sehen. Ein dünner Stamm durchdrang die Erde nach oben. Na das war eine Freude!
Glücklichsein war ein kleines winziges Nussbäumchen geworden, an dem kleine Blätter hingen. Das war ein tolles Gefühl. Und noch besser! Glücklichsein bemerkte, dass es mit seinen Blättern atmen und mit seinen Wurzeln Wasser trinken konnte.
„ Ach, ist das schön" dachte sich das Bäumchen und war nun glücklich und zufrieden.

Es wurde Sommer, Herbst und Winter und so vergingen die Jahre.
Das kleine Nussbäumchen wuchs zu einem prächtigen, riesigen
hohen Baum heran.

Seine Wurzeln waren so tief in der Erde verankert, dass er gut und sicher stehen konnte. Und seine Äste waren so lang und stark, dass sich alle Vögel wohl fühlten und viele von ihnen in der Baumkrone ihre Nester bauten.
Die vielen Blätter, die den Baum schmückten, waren wie ein prachtvolles grünes Kleid.
So hatte nun Glücklichsein eine ehrenvolle Lebensaufgabe zu erfüllen.

Er gab vielen Vögeln ein Zuhause. Er verwandelte mit seinen vielen großen Blättern die sauerstoffarme Luft in sauerstoffreiche Luft, die Tiere und Menschen zum Leben brauchten.

Oft kamen Wandersleute oder Spaziergänger vorbei, die den schönen großen Nussbaum bewunderten. Und manchmal machten sie unter seiner Krone Halt, um sich ein bisschen aus zu ruhen. Die vielen Blätter spendeten in der heißen Jahreszeit einen angenehmen Schatten, der von rundherum unzählige Tiere anlockte. Sie alle hatten Glücklichsein lieb.
Und wenn es Herbst wurde, färbten sich seine Blätter gelb, rot, braun und leuchteten in der warmen Herbstsonne. An seinen Zweigen hingen viele Nüsse, die Tiere und Menschen liebend gerne aßen. Die Nüsse waren groß, dick und hatten eine harte Schale.

Nun war auch das einst kleine Nussbäumchen so groß und prächtig wie seine Mama. Doch da wurde Glücklichsein auf einmal sehr traurig. Ach, wie gerne würde er fliegen können und mehr von der großen weiten Welt erleben.
Doch........

Vielleicht könnt ihr mir ein feedback zu meinem Buch schreiben, wär euch dafür sehr dankbar!Email:derrotefaden@aon.at es grüßt euch herzlichst Waltraud Maier

Antwort auf einen früheren Beitrag vom 11.04.2013 11:03:27 GMT+02:00
[Von Amazon gelöscht am 07.05.2013 18:28:46 GMT+02:00]

Veröffentlicht am 29.04.2013 10:04:16 GMT+02:00
Zuletzt vom Autor geändert am 29.04.2013 10:17:35 GMT+02:00
Sie kennen Barbara Goldstein! Aber wer ist Lara Myles?

Lara Myles ist eine Herzensangelegenheit von Barbara Goldstein. Die Leidenschaft, mit der sie unter diesem Pseudonym ihre gefühlvollen und dramatischen Romane LACHEN MIT TRÄNEN IN DEN AUGEN und IN GEDANKEN BEI DIR schreibt, spiegelt sich in ihrer lebendigen und mitreißenden Sprache. Mit diesem neuen Marktauftritt etabliert sich Barbara Goldstein, die mit ihren historischen Romanen und spannenden Thrillern seit vielen Jahren eine feste Größe im Buchhandel ist, als Lara Myles auch im Markt der modernen Gegenwartsliteratur.

Seit 2003 arbeitet Barbara Goldstein in der Nähe von München als freie Schriftstellerin von Romanen, die alle bei Bastei Lübbe erschienen sind und bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurden, darunter Italienisch und Spanisch. In den letzten zehn Jahren hat sie unter ihren drei Autorennamen 16 Bücher geschrieben.

Lachen mit Tränen in den Augen
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Aus Kalifornien und Australien sind sie auf die Trauminsel Tahiti gekommen, um Abstand zu ihrem Leben zu gewinnen: Shainee, die junge Kalifornierin, die nach einer schweren Krankheit mutig und taff ihren Weg zurück ins Leben sucht, der Australier Tim, der schmerzlich seinen kleinen Sohn vermisst. Beide haben ihre Partner verloren, beide suchen nach einem Neuanfang, als sie sich Herz über Verstand ineinander verlieben. Da erreicht Shainee ein tragischer Anruf, der ihr und Tim zeigt, was im Leben wirklich wichtig ist. Hin und her gerissen zwischen ihren Gefühlen und dem, was die Vernunft ihnen gebietet, stehen beide am Ende vor der schwierigsten Entscheidung ihres Lebens ...
© 2013
ebook, 714 KB = 414 Seiten

Rating auf Amazon.de: ***** (Stand: 29. April 2013)
Die Leser meinen: »Was für eine bewegende Geschichte!« und »Fantastisch! Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen!« und »Spannend und ergreifend!«

LESEPROBE: KAPITEL 1

Wie Meeresrauschen ...
Mit einem Lächeln schloss sie die Augen, um in dieses sehnsüchtige Gefühl einzutauchen und sich von einer Woge aus Donnern, Rauschen und Plätschern mitreißen zu lassen. Fast konnte sie das Zischen der Gischt am Strand hören, das leise Knistern des brodelnden Schaums der Brandung, über dem die nachfolgende Welle bricht, das Klappern der Steine und Muscheln im Sand. Wie die sanfte und doch starke Dünung des Pazifiks, die aus der Weite des Horizonts heranrollt, um den feinen Meeressand und die Algen zwischen ihren Zehen aufzuwirbeln, klangen die Turbinen im Landeanflug.
Eine Windbö erfasste das Flugzeug.
Plötzlich waren da Lichter! In the middle of nowhere! Fasziniert presste sie die Stirn gegen das Fenster und starrte in die Finsternis. Ein Wirbel von glitzernden Funken tauchte wie Gischt aus der schwarzen Tiefe des Pazifiks empor und schwappte an den Abhängen der Berge hoch. Die Lichter spiegelten sich auf den Wellen der Lagune. Sie sahen aus wie Pinselstriche in Gelb und Blau auf schwarzem Grund - gleißende Farbtupfen eines impressionistischen Gemäldes, das nie zur Ruhe kam.
Die Brandung der ringförmigen Korallenriffe glitt unter ihr vorbei. Wolkenschleier, fein wie Morgendunst, verhüllten jetzt das Glitzern der Lagune. Und das Funkeln dort? Die Overwater Bungalows, die künstliche Lagune, der tropische Garten? Das war ihr Hotel!
Wie eine Woge überkam sie ein lang vermisstes und unablässig ersehntes Gefühl: die Leichtigkeit des Seins, die Schwerelosigkeit des Glücks.
Bald ist es so weit!, dachte sie. Gleich bin ich da! Wie lange habe ich darauf gewartet! Sie lehnte sich zurück und genoss jeden Augenblick bis zur Landung.
In das schrille Dröhnen der Turbinen mischte sich in ihrer Vorstellung der rhythmische Klang einer Ukulele.
»Somewhere over the rainbow, way up high«, sang sie leise, wie so oft in den vergangenen Monaten. Izzys sanfte Stimme hatte ihr immer sehr viel Kraft geschenkt. Trost. Zuversicht. Gelassenheit in einer Zeit, in der ihr Leben über ihr zusammengebrochen war und ihre Träume unter sich begraben hatte.
»... and the dreams that you dreamed of ...«
Wieder eine Bö, die das Flugzeug hochriss.
»... dreams really do come true ...«
Träume werden wahr, wenn man die Hoffnung bewahrt und die Sehnsucht mit beiden Händen festhält, während man sich ans Leben klammert! Ich werde sie wahr machen, schwor sie sich. Ich werde mir alle meine Wünsche erfüllen!
Wie Sternschnuppen huschten die Lichter der Landebahn an ihr vorbei. Im Fenster reflektierte ihr Gesicht, dem sie mit einem Selbstbräuner einen sanften Bronzeton verliehen hatte. Die Fältchen um ihre Augen konnte die beste Gesichtscreme nicht mehr glätten, und ihre Haare waren immer noch auffallend kurz. Monatelang konnte sie sich nicht im Spiegel betrachten. Mit gesenktem Blick war sie daran vorbeigelaufen - nur nicht hinsehen! Aber jetzt schaffte sie es schon wieder.
Mit einem harten Ruck setzte die Maschine der Air France auf. Das Fahrwerk krachte, die Turbinen heulten während der Schubumkehr auf, das Flugzeug wurde langsamer. Sie atmete tief durch. Achteinhalb Stunden Flug von Los Angeles durch die Nacht über dem Pazifik gingen zu Ende. Eine kurze Reise im Vergleich zu dem Jahr, das hinter ihr lag. Ihr Herz krampfte sich zusammen, und sie rang mit den Tränen. Es war vorbei, endlich vorbei! Wenn in einigen Stunden die Sonne aufging, würde ein neuer Tag beginnen. Der erste ihres Lebens danach.
Dreams really do come true.
Sie wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln.
Die Air France 674 war mit röhrenden Triebwerken zum Stehen gekommen und wendete jetzt auf dem Runway, um zum Flughafengebäude von Faaa hinüberzurollen. Ihre Finger zitterten vor Aufregung, als sie nach der Schnalle ihres Gurtes tastete. Noch nicht ... noch nicht ...
Ping! »Mesdames et Messieurs, nous sommes arrivés à Tahiti. Ladies and gentlemen, we have landed in Tahiti ... Local Time is three fifty five a. m. Sunrise will be at six twenty six a. m.«
Shainee stellte ihre Uhr. Kurz vor vier. In San Francisco war es kurz vor sechs. Lexie schlief bestimmt noch, das Gesicht ins Kissen gekuschelt, ein verträumtes Lächeln auf den Lippen. Und Mark? Er hatte versprochen, in Gedanken bei ihr zu sein, wenn sie ankam. Sie stellte sich vor, wie er sich seufzend auf die Seite drehte, eine Hand auf ihr Kissen legte und die andere auf der Suche nach ihr unter die Decke schob. Aber sie war nicht mehr da. Und er wusste nicht, ob sie jemals zurückkehren würde.
Ein Jahr war sie schon fort - sie wusste, dass er so empfand und wie sehr er darunter litt. Sie merkte es an der Art, wie er sie ansah, wenn sie sich nahe waren, wie er die Hand nach ihr ausstreckte, um sie zu spüren. Es waren die kleinen Gesten, die sie anrührten. Ein Lächeln, ein Streicheln, ein kleines Geschenk, eine Schachtel Pralinen, ein Strauß Blumen, ein Ring. Oder eben eine Traumreise.
»Würdest du gern fahren, Shainee?« Auf ihrem Laptop hatten sie sich die Fotos angesehen. Blaue Lagunen, schwarze Strände, exotische Fische vor bunten Korallenriffen, Wasserfälle in smaragdgrünen Bergen, traumhafte Sonnenuntergänge unter Palmen. »Was hältst du davon, wenn ich dir die Reise schenke? Stell dir vor, du könntest dir jeden Wunsch auf deiner Liste erfüllen. Lass mich dir dabei helfen.«
Ihre Wunschliste - dass er daran gedacht hatte! Shainee war so gerührt gewesen, dass ihr die Worte gefehlt hatten.
Tahiti war schon immer das Ziel ihrer Sehnsucht gewesen! Mit einem ›Vielleicht irgendwann später ...‹ hatte sie die Erfüllung ihres Traums jahrelang vor sich hergeschoben. Nie hatte sie Zeit gehabt. Ihre Arbeit, ihre Bücher, ihre Familie - ihr Leben auf der Überholspur hatte sie immer in Atem gehalten. An dem Tag, an dem sie einen Roman beim Verlag abgegeben hatte, hatte sie schon mit den Recherchen für ein neues Buch begonnen. Drei Monate im Jahr war sie auf Lesereisen unterwegs gewesen. In den letzten drei Jahren waren vier ihrer Bücher verfilmt worden. Late-Night-Shows bei Jay Leno und Conan O'Brien, Talk bei Oprah Winfrey, Pressekonferenzen, Filmpremieren und Fotoshootings mit Will Smith und Scarlett Johansson - und Mark immer geduldig an ihrer Seite, auch bei den Auftritten in aller Welt für ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten als UNICEF-Botschafterin. Sie hatte ihre Arbeit und ihre Familie gehabt - für anderes war einfach keine Zeit geblieben. Seit Jahren hatte sie unter dem ständigen Zeitdruck gelitten. Der Erfolg hatte sie in Atem gehalten. Durchatmen? Keine Zeit! Ein Traumurlaub, ohne ihr Laptop? Acht Tage, ohne ein Wort zu schreiben? Ohne Mark und Lexie? Ohne das tägliche Chaos, die Hektik, den Californian Way of Life mit zwei Autos in der Garage, ihrem Porsche Boxster und Marks schwarzem Lexus, seinem Trekking Bike im Vorgarten, dem Surfboard mit stylishem Graffiti in Lexies Zimmer, das eher an die Leinwand eines modernen Gemäldes erinnerte? Unmöglich! Darüber hatte sie erst gar nicht nachdenken müssen. Trotz des Stresses fand Shainee das, was sie machte, spannend und befriedigend. Sie war leidenschaftlich gern Ehefrau, Mutter und Schriftstellerin. Ihr Leben war ein nie endendes aufregendes Abenteuer.
Und von einem Tag auf den anderen ist plötzlich alles anders, erinnerte sie sich. Du hast Angst. Du bist wütend. Du fühlst dich hilflos. Und obwohl du einen Mann hast, der dich auf eine rührende Art liebt, und eine sechzehnjährige Tochter, auf deren Gefasstheit und Entschlossenheit du trotz ihrer Jugend stolz sein kannst, fühlst du dich allein. Dieses Empfinden willst du dir nicht eingestehen, um deinen Liebsten nicht wehzutun. Aber du kannst nicht anders. Du bist allein.
Nach einem weiten Schwenk kam das Flugzeug mit einem Ruck vor dem hell erleuchteten Flughafengebäude zum Stehen. Das schrille Geräusch der Turbinen wurde leiser. Mit einem Ping erlosch das Anschallzeichen. Das Klicken der Sitzgurte untermalte das aufgeregte Raunen der Passagiere und die Abschiedsworte aus dem Lautsprecher:
»Nous vous souhaitons une très bonne journée. We wish you a pleasant stay on the islands. Take care!«
Sehnsucht hatte in Marks Blick geschimmert, als er gestern Abend beim Abschied am Gate ihre Hand in seiner gehalten hatte. Traurigkeit. Schmerz. Aber auch Verunsicherung. Und ein bisschen Resignation. Dabei war die Traumreise seine Idee gewesen! Jede Reise endete irgendwann, und man kehrte nach Hause zurück. Das Wort Trennung hatte keiner von ihnen in den letzten Wochen ausgesprochen. Sie hatten beide zu viel Angst, alles würde noch schlimmer werden, sprächen sie es aus. Eine Reise, ja! Eine Zeit des Durchatmens, des Besinnens, des Sichwiederfindens. Eine Zeit des Erinnerns an all die schönen Dinge, die sie in den fast zwanzig Jahren ihrer Ehe gemeinsam getan hatten. Dann eine Entscheidung, klar und bewusst getroffen. Und vielleicht die Rückkehr in die offenen Arme des anderen.
Marks Umarmung wieder spüren! Seinen Herzschlag wieder hören! Die Erinnerung an das, was sie während der vergangenen Monate verloren hatten, trieb Shainee wieder die Tränen in die Augen. Ihre Kehle schnürte sich schmerzhaft zusammen, und sie musste schlucken. Langsam atmete sie aus und erinnerte sich daran, was Mark beim Abschied in San Francisco gesagt hatte:
»Das wird die Reise deines Lebens.«

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Veröffentlicht am 29.04.2013 10:07:54 GMT+02:00
Sie kennen Barbara Goldstein! Aber wer ist Lara Myles?

Lara Myles ist eine Herzensangelegenheit von Barbara Goldstein. Die Leidenschaft, mit der sie unter diesem Pseudonym ihre gefühlvollen und dramatischen Romane LACHEN MIT TRÄNEN IN DEN AUGEN und IN GEDANKEN BEI DIR schreibt, spiegelt sich in ihrer lebendigen und mitreißenden Sprache. Mit diesem neuen Marktauftritt etabliert sich Barbara Goldstein, die mit ihren historischen Romanen und spannenden Thrillern seit vielen Jahren eine feste Größe im Buchhandel ist, als Lara Myles auch im Markt der modernen Gegenwartsliteratur.

Seit 2003 arbeitet Barbara Goldstein in der Nähe von München als freie Schriftstellerin von Romanen, die alle bei Bastei Lübbe erschienen sind und bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurden, darunter Italienisch und Spanisch. In den letzten zehn Jahren hat sie unter ihren drei Autorennamen 16 Bücher geschrieben.

In Gedanken bei dir
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Der letzte Wunsch eines kleinen Kindes: Ich will Daddy umarmen! Jolie bleibt nicht mehr viel Zeit: Die Fünfjährige hat Leukämie. Ihre letzten Tage verbringt sie in einem Medical Center in San Francisco. Ihr größter Wunsch: Sie will ihren Daddy kennenlernen. Aber wo ist Alex Lacey? Jolies Mutter Cassie, Unterwasserarchäologin bei der UNESCO, macht sich auf die Suche nach ihrem Ex Alex, der als Geologe für das US Geological Survey am Mount St Helens forscht. Nach Jahren der Trennung hat er vor wenigen Tagen die Scheidung eingereicht, weil er seine Freundin heiraten will: Alex hat eine neue Familie. Von der kleinen Jolie, die nach seinem Abschied aus San Francisco geboren wurde, weiß er nichts. Wird es Cassie in der atemberaubenden Wildnis am rauchenden und bebenden Vulkan gelingen, den letzten Wunsch ihres Kindes zu erfüllen?
© 2013
ebook, 786 KB = 350 Seiten

Rating auf Amazon.de: ***** (Stand: 29. April 2013)
Die Leser meinten: »Eine Geschichte, die ins Herz trifft!« und »So ein tolles Buch!«

LESEPROBE: KAPITEL 1

Werden diese kleinen Füße jemals Spuren in einem Leben hinterlassen?
Die Traurigkeit überkam Cassie wie eine Woge, die alle anderen Gefühle mit sich reißt, und sie fühlte sich, als versuchte sie, unter Wasser zu atmen. Ihr Herz klopfte und ihre Knie zitterten, als sie sich auf das Krankenbett ihrer kleinen Tochter setzte und Jolies Blue-Dolphin-Slippers aufhob. Die niedlichen Delfine aus meerblauem Plüsch hatten ein verschmitztes Grinsen in den Gesichtern und ein kesses Funkeln in den glänzenden, schwarzen Knopfaugen. Nick hatte Jolie die Hausschuhe für die Klinik geschenkt, als die Kleine vor einigen Monaten beim World Wildlife Fund die Patenschaft für einen Delfin übernommen hatte.
Cassie stellte die süßen Schühchen auf ihre Knie und strich mit den Fingerspitzen über die flauschigen Flossen.
Wie zum Trost wiegte Cassie sich langsam vor und zurück. Die panische Angst, dass sie Jolie verlieren könnte, bevor ihr funny little girl diesen kleinen Blue-Dolphin-Slippers entwachsen war, bevor sie ihren adoptierten Delfin auf Hawaii besuchen konnte, bevor sie überhaupt gelebt hatte, schnürte Cassie die Kehle zu. Jolie war fast sechs, sie war Cassies ältestes Kind, aber nicht das erste, das starb.
Cassies Augen brannten, und wie so oft in den letzten Wochen kämpfte sie gegen die heißen Tränen an. Die Zeit zerrann ihr zwischen den Fingern, und sie versuchte, jeden Augenblick mit Jolie zu bewahren, als wäre er der letzte.
In der kurzen Zeit, die Jolie bei uns ist, hat sie uns so viel Glück und Lebensfreude geschenkt!, dachte Cassie.
In den letzten Monaten, seit sie krank war, hatte die Kleine Nick und sie gelehrt, wie tapfer ein kleiner Mensch sein konnte, wie stark seine Seele war, und was es bedeutete, eine Familie zu sein.
Der Tod des eigenen Kindes war ... nein, dieses Gefühl, dieser Schmerz ließ sich nicht in Worte fassen. Mit dem Sterben konnte ihre kleine Tochter besser umgehen als sie. Jolie konnte sich dem stellen.
Ein ungelebtes Leben verwirklichen - wie das geht?
Ihre zerbrochenen Hoffnungen und unerfüllten Träume hatte Jolie in die rote Lackschachtel gesteckt, die auf dem Tisch dort drüben stand. Eine Schachtel voller Herzenswünsche, die alle wie Seifenblasen zerplatzen würden. Wie gern würde Cassie ihrer Süßen ihre sehnlichsten Wünsche erfüllen! Doch es waren Lebenswünsche, die nur sie selbst verwirklichen konnte.
Ihr größter Wunsch? Sechs Jahre alt zu werden. Sechs. Nicht sechzig, siebzig, achtzig. Nicht ein langes und erfülltes Leben zu genießen, ein Leben, das ihrem Tod ein gewisses Maß an Sinn verleihen würde.
Gab es etwas Unangemesseneres als den Tod eines kleinen Kindes, das fast die Hälfte seines Lebens in einer Klinik verbracht hatte? Das nie wirklich Kind war? Das in seinem kurzen Leben eigentlich nie mit aller Kraft gelebt hatte? Das mit vier gelernt hatte, wie schmerzhaft eine Lumbalpunktion an der Wirbelsäule war, und wie elend man sich nach einer Chemotherapie fühlte? Das die Bedeutung von APL kannte, eine seltene und schwer zu behandelnde Form von akuter myeloischer Leukämie, ein Wort, das Cassie nicht aussprechen konnte, ohne dabei zu würgen?
Wenn Jolie und sie gemeinsam in der roten Lackschachtel stöberten, wenn die Kleine sich in ihre Arme schmiegte und sie mit den Lippen über die zarte Haut ihres kahlen Kopfes strich, war Cassie traurig, ja, aber das, was Jolie in die Schachtel gepackt hatte, schenkte ihr auch immer sehr viel Kraft und weckte in ihr den Wunsch, genau so stark zu sein wie ihre Kleine. Die Schachtel steckte voller Gefühle, und Jolie und sie lachten und weinten oft gemeinsam. Jolie strich dann über Cassies kurzes Haar und sah sie mit großen wimpernlosen Kinderaugen an.
Als Jolie während der letzten Chemo wieder die Haare ausgefallen waren, hatte Cassie ihr den Kopf rasiert. Jolies feines blondes Haar war auf den Boden gerieselt, und sie hatte wieder geweint, wie beim letzten Mal. Aber Cassie hatte sie nicht in den Arm genommen und getröstet. Sie hatte ihr den Rasierer in die Hand gedrückt: »So, und jetzt ich.«
Am Ende hatten sie ihren Spaß, und Cassie hatte Jolie auf Facebook das Bild der kahlen Barbie gezeigt, die Mattel für krebskranke Kinder herstellen wollte, die während der Chemo ihre Haare verloren.
Meine wachsen jetzt nach, dachte Cassie, Jolies nicht. Nie mehr? Wie viele Nie mehrs stehen Nick und mir noch bevor?
Nie mehr würde sie die Finger durch Jolies weiches Haar gleiten lassen, nie mehr mit ihr unter der Bettdecke Höhlentauchen spielen, nie mehr mit ihr in Blubbersprache sprechen, als wären sie mit einer Atemmaske unter Wasser, nie mehr würde sie mit ihr in einem Bett schlafen und sie in den Armen halten, nie mehr mit ihr schmusen und kuscheln.

Ich muss mich zusammenreißen!, ermahnte Cassie sich und richtete sich auf.
Sie war heute früher in die Klinik gekommen, um mit Jolie über das Fernsehinterview zu sprechen. CBS San Francisco war auf ihre Website help-jolie.com aufmerksam geworden. Die Redakteure glaubten, dass Jolies Geschichte auch für andere eine Bedeutung haben könnte, und wollten Cassie mit einem Beitrag in den Eyewitness News at 5 bei der Suche nach einem Knochenmarkspender unterstützen. Die Spenderdatei Bone Marrow Donors Worldwide hatte bisher nur einen Spender mit den passenden HLA-Merkmalen für eine lebensrettende Transplantation finden können - in Australien. Doch bevor er für Jolie spenden konnte, starb er vor wenigen Tagen bei einem Motorradunfall im Outback, bei einem Crash mit einem Känguru.
Ihre Website war nun ihre letzte Hoffnung. Und natürlich ihre Freunde in aller Welt. Erst gestern hatte Cassie an sie alle gemailt:

Von: Cassie cassie.lacey@live.com
An: Alle Kontakte
Kopie: Nick nick.talcott@hotmail.com
08.08.2012 / 22:58
Betreff: Jolies glückliches Lächeln
Liebe Freunde, die ihr mir beisteht in dieser schweren Zeit. Ihr macht mir ein wundervolles Geschenk: Das Gefühl, nicht allein zu sein.
Die Chemo ist jetzt überstanden, und Jolie geht es gut. Sie ist jetzt fieberfrei und spielt mit den Kids in der Klinik und den vielen Geschenken, die sie von euch allen bekommen hat. Ihr Zimmer war voller Kartons mit bunten Schleifchen und Glitzersternchen, und Nick und ich mussten acht Mal laufen, um den ganzen Haufen auf der Ladefläche meines Pickups zu verstauen.
Jolie hat sich ausgesucht, womit sie zuerst spielen will. Nick und ich werden unserer Kleinen immer wieder neue Spielsachen mitbringen und alte auf meinem Hausboot in Sausalito verwahren. Jolie hat mich gebeten, euch allen für die tollen Geschenke zu danken. Sie hat sich sehr darüber gefreut.
Auf meiner Website habt ihr von dem tragischen Unfall in Australien gelesen. Wie soll ich meine Trauer, mein Beileid und mein Mitgefühl in Worte fassen? In mir sind so viele Gefühle, die ich am liebsten in einer herzlichen Umarmung ausdrücken würde. Meine Gedanken gelten Coopers Familie, seiner Frau und seinen beiden Kinder, vier und sechs.
Es fällt mir schwer, etwas Persönliches über Coop zu sagen, um ihn zu würdigen. Ich weiß nicht, wie er als Mensch war, als Ehemann, als Vater, als Freund. Ich habe ihn ja nur am Telefon kennengelernt, als ich ihm sagte, wie glücklich ich wäre, dass er Jolies Leben retten wollte. Wir haben miteinander gelacht, und er hat mir Hoffnung geschenkt. Und nun bin ich traurig, dass er aus seinem Leben gerissen wurde.
Nick hat auf unserer Website eine virtuelle Kerze für Coop entzündet. Wer will, kann dort mit uns trauern, seiner Familie in Sydney kondolieren oder einfach einen Gedenkspruch posten.
Coop, Du wirst uns allen unvergessen bleiben.
Nick und ich hoffen, dass Jolie trotz allem, was dagegen spricht, überleben wird. Und wir danken euch, dass ihr alle euch als Knochenmarkspender habt testen und registrieren lassen. Leider kommt keiner von euch für die Transplantation infrage, ebenso wenig wie Nick und ich. Trotzdem sind wir dankbar, dass Jolies Krankheit uns überall auf der Welt zusammengeführt hat. Eure Freundschaft und eure Anteilnahme schenken uns Gelassenheit und Stärke und verleihen unserem Leben Würde. Auch wenn wir manchmal Angst haben und den Mut verlieren, wir werden gegen die Krankheit kämpfen und uns von ihr nicht besiegen lassen. Und Jolie, my funny little girl, ist die Tapferste von uns.
Herzliche Grüße,
Cassie

Anlage: Jolies glückliches Lächeln.jpg

Cassie beugte sich vor und stellte die Blue-Dolphin-Slippers wieder vor das Krankenbett. Dann sprang sie auf, um die Jalousien vor dem Fenster zu öffnen.
Warme Sonnenstrahlen fluteten in den Raum, und mit dem hellen Licht auch die leuchtenden Farben des beginnenden Indian Summers im nahen Golden Gate Park. Viele Bäume zeigten bereits erste herbstliche Schattierungen von Gelb, Ocker und Rot bis hin zu violettem Braun. Und in der Luft lag die fröstelige Kühle des vom Pazifik heranschwebenden Nebels.
Wolken aus Zuckerwatte und Nebel aus zerlaufender Sprühsahne, hätte Jolie dazu gesagt und hätte kichernd das Konzert der fernen Nebelhörner der Schiffe unter der Golden Gate Bridge mitgesummt: »Boooo!« und »Bwwww!«
Cassie packte die neue Bettwäsche aus, um Jolies Bett frisch zu beziehen. Mit den lebendigen Farben der selbst gestalteten Bettbezüge versuchte sie gegen die kalte Neonbeleuchtung des Zimmers und die sterile Krankenhausatmosphäre mit piepsenden Infusionspumpen und dem süßlichen Duft der Chemo anzugehen.
Die Motive, die sie jede Woche in einem Laden in der City auf die Decken- und Kissenbezüge drucken ließ, hatte sie während ihrer Arbeit als Unterwasserarchäologin bei der UNESCO in aller Welt fotografiert. Auf der Bettwäsche waren romantische Schiffswracks in dunkelblauem Wasser zu sehen. An einer glitzernden Schnur aus Blubberbläschen schien eine kleine Taucherin im bunten Neoprenanzug zu hängen: Das war sie. Auf einem anderen Foto schwebte sie in einem Wirbel bunter Fische im türkisblauen Wasser über einem tropischen Korallenriff. Jolies liebste Schmusebettwäsche zeigte ein Wrack, das an den Felsklippen vor einer Insel zerschellt war: Mit hochgeschobener Taucherbrille hockte Cassie im kurzen Tauchanzug auf den Felsen, paddelte mit den Flossen im Wasser und winkte.
Das heutige Foto war erst vor wenigen Tagen entstanden, als Nick und Cassie zum kürzlich entdeckten Schiffswrack der Armada of Golden Dreams in der San Francisco Bay getaucht waren. In einer Wolke von silbrig schimmernden Atembläschen schwebten Nick und sie, beide mit schwarzen Neoprenanzügen und neongelben Pressluftflaschen, über dem Wrack und erforschten es.
Wie bei allen anderen Motiven hatte Cassie auch auf diesem Foto mit Photoshop einen Schatz versteckt, den Jolie suchen musste, im Sand neben dem Wrack, zwischen den Planken oder hinter dem Korallenriff. Auf allen vieren tobte ihre kleine Abenteurerin dann kichernd über das frisch bezogene Bett und sah sich das neue Bild mit ihrer archäologischen Ausrüstung - Taschenlampe und Digitalkamera - ganz genau an. War das immer ein Spaß!
Auf diese Weise konnte sie Jolie an ihrem Leben teilhaben lassen, auch wenn sie nicht immer bei ihr sein konnte. So oft wie möglich schlief Cassie bei ihr in der Klinik, und Nick löste sie oft dabei ab. Aber manchmal wollte sie auch einfach bei ihm sein, wie heute Nacht. Zu zweit allein, zwei Liebende, die in den Armen des anderen schwach sein durften, verzweifelt, traurig.
Wie viel hatten Nick und sie gemeinsam durchgestanden. Die Erfahrung, gemeinsam ein aufgewecktes Kind wie Jolie großzuziehen, die Schwangerschaft, Cassies Zusammenbruch, die Trennung von Nick, die schlaflosen Nächte und die panische Angst um ihre Kleine, die unzähligen Fahrten in die Klinik, all das hatte an ihren Kräften gezehrt und hatte sie oft regelrecht überfordert. Nick und sie brauchten dringend ein bisschen Zeit nur für sich. In den letzten Wochen saßen sie sich allzu oft beim Abendessen auf der Veranda des Hausboots gegenüber, starrten auf die nebelige Bay und schwiegen sich an. Nach der Trennung waren sie wieder ein Paar, ja klar, aber sie mussten auch die Kraft haben, weiterhin zusammen zu bleiben ... einander Halt zu geben ...

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Beiträge insgesamt:  13
Erster Beitrag:  15.05.2012
Jüngster Beitrag:  29.04.2013

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