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24 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Flatternde Fahnen, 15. Februar 2007
Zwei Brüder. Der eine hat sich in die raue Einsamkeit jener irischen Insel zurückgezogen, auf der die Brüder einst aufwuchsen. Er entdeckt dort mit seinem computerwissenschaftlichen Ehrgeiz in Karten des Himalaja einen vermutlich weißen Fleck. Er lockt seinen auf den Weltmeeren fahrenden Bruder in das Abenteuer, diesen unbestiegenen Berg gemeinsam zu erobern.
Sie bereiten sich in den wilden Klippen ihrer Insel über dem tosenden Atlantik in Kletter- und Überlebenstechnik vor. So, wie es ihnen in der Jugend mit fast militärischem Drill schon einmal beigebracht wurde vom Vater, einem kompromisslosen, harten, auf Männlichkeitswerte getrimmten Mann.
Auf dem monatelangen Anmarsch durch ein chinesisch besetztes Tibet zum geheimen Ziel ihres ehrgeizigen Traumes, werden die ungleichen Brüder ihre grundverschiedenen Charaktere und ihre andersartige Motivation, bis hin zur angedachten Trennung, gegenseitig erfahren. Aber erst in der Ausgesetztheit gegenüber einer gnadenlosen Natur und in Konfrontation mit dem weißen Tod erkennt der Icherzähler die Ambivalenz seines Bruders zwischen kaltherzigem, schroffem Ehrgeiz und letzter Opferbereitschaft. Der Bruder stirbt, der Erzähler überlebt und wird die Erfüllung seines Lebens in der Liebe zu einer jungen Nomadin der Hochregion suchen.
Die Erzählung beginnt mit den Worten: Ich starb / 6840 Meter über dem Meeresspiegel / am vierten Mai im Jahr des Pferdes. Sie beschreibt einen Weg in den Tod und zurück ins Leben.
Dieser Weg ist auch eine Expedition ins Innenleben des Protagonisten; in seine Auseinandersetzung mit dem Bruder, die seine psychische und physische Kraft bis an die Grenzen auslotet, eine Auseinandersetzung und auch eine Abnabelung von der Dominanz des Vaters, der den Respekt der Söhne genoss aber auch die Familie zerstörte. Positive Erinnerungen an die Geborgenheit bei der geliebten Mutter stehen in Zusammenhang mit einer sich höchst zurückhaltend und zart entwickelnden Liebe zu der Nomadin. Es erwächst die Sehnsucht nach einem Herd, und würde dieser selbst im Himalaja stehen.
Man findet in dieser Erzählung nicht nur Einblicke in eine entlegene Bergwelt jenseits heutiger Kommerzialisierung, in die Folgen chinesischer Okkupationspolitik im Himalaja, in das Leben der Nomaden und die Mythen von den fliegenden Bergen. Man wird auch wunderbaren Naturschauspielen der Hochregionen ausgesetzt: den Wetterfronten, Nebelmauern, jagenden Eisfahnen aber auch dem elementaren Kampf ums Überleben. Der langsame Abschied des Protagonisten von der Erlebniswelt der Jugend, vom Vermächtnis des Bruders und von seinem eigenen bisherigen Leben und der Aufbruch in die neue Welt der Liebe ist poetisch wunderbar treffend abgebildet.
Stilistisch bemerkenswert ist der linksbündige Flattersatz, in dem der Druck gesetzt ist. Die ersten Seiten wirken etwas befremdlich aber bald spürt man die lesegerechte Form dieser nicht in die Endloszeilen des üblichen Blocksatzes gezwängten Sätze. Der Sprachfluss der kraftvollen Prosa wird unterstrichen und man bekommt Zeit, dem Nachklang der Zeilen zu lauschen und dem Atemrhythmus zu folgen wie man das auch beim Gehen in den Bergen tut. Ein erlebnisreiches Buch mit sanfter Melancholie.
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29 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Außergewöhnliches Sprachkunstwerk, 12. November 2006
Diese Erzählung um zwei irische Brüder, einen geheimnisvollen Berg in Tibet und eine Liebesgeschichte scheint zunächst alle Kritiker zu bestätigen, die Ransmayr gerne schöngeistige Verschwurbelung vorwerfen. Allzu bekannt erscheint die mit (ziemlich deutscher) Bergsteigerromantik und der Suche nach dem 'Höheren' (im Wortsinne) getränkte Thematik. Freunde der Bergfilme von Arnold Fanck und Leni Riefenstahl dürften ihre helle Freude an diesem Sujet und seiner Umsetzung haben. Ransmayr bewegt sich zwar gelegentlich an der Grenze zum inhaltlichen Kitsch, aber jeder Einwand verstummt angesichts der schieren Wortgewalt dieses Textes, der selbst im Schaffen eines Ausnahmeliteraten wie Ransmayr eine nochmalige Steigerung darstellt und dessen Sog sich der Leser (ich zumindest) nicht entziehen kann. Auch das formale Experiment, den Text im 'fliegenden Satz' zu setzen, ist gelungen. Dadurch wird man geradezu eingeladen, den Text wie ein Gedicht LAUT zu lesen, und es LANGSAMER zu tun als gewöhnlich. So erschließen sich alle Details und sprachlichen Schönheiten dieses außergewöhnlichen Textes. Sicherlich nicht jedermanns Sache, insbesondere Leser, die in zeitgenössischer Literatur gerne sozialkritische Verbesserungsvorschläge zur weltpolitischen Gesamtlage zu finden hoffen, werden sich mit Grausen wenden. Allen, die jedoch nur ein wenig Interesse an Sprache und poetischer Kunst haben, sei dieses Werk ans Herz gelegt. Ich kenne kaum einen anderen zeitgenössichen deutschprachigen Autor, der Ransmayr in dieser Hinsicht auch nur annähernd nahe kommt. In dieser Hinsicht sicherlich ein zeitloses Werk.
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16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Naturgewalten und Computerrealität als unüberbrückbare Gegenwelten, 15. Mai 2007
Christoph Ransmayr Der fliegende Berg Fischer Verlag
ISBN 3100629361
In einem berauschenden Taumel von Wahrnehmung und Traum beginnt dieser Roman, der ganz von Naturgewalten erfüllt ist.
Halb erfroren liegt ein Mensch im ewigen Eis eines gewaltigen Bergmassivs auf einer Felsspitze. Er sieht taumelnde Gestalten, Schneeflocken, die Schmetterlingen gleichen; er hört die Stimme seines Bruders, der ihn hochziehen will, er sieht sich schließlich auf einem Eingeborenengefährt den Berg hinunter gleiten.
Mit überbordenden poetischen Bildern wird der Leser in die Melodie des Romans eingeführt, und genauso geht die Erzählung weiter.
Eingehüllt in die fast einem Gedicht gleichende Erzählung, die im Flattersatz geschrieben ist, begibt man sich an den Anfang der Geschichte und hört, wie alles begann.
Liam ist Computerfachmann gewesen bis es ihn zurück zog auf die Insel Horse Island in Irland.
Auf seinen in allen Zimmern verteilten Computerbildschirmen hat er einen Berg in Tibet ausgemacht, den noch keiner kennt: der fliegende Berg. Dorthin zieht es ihn mit seinem Bruder, den er nur mühsam von dem waghalsigen Unternehmen überzeugen kann.
Auf abenteuerlichen Wegen gelangen sie nach Osttibet, wohin kein Tourist sich je verirrt hat, um den Berg zu erobern, den Liam auf seinem Bildschirm entdeckt hat.
Die Abenteuer sind ohne Zahl, die Menschen und Gefährten auf ihrem Wege ebenfalls.
Eine zarte Liebesgeschichte zwischen dem Bruder Padraic und einer durch Krieg verwitweten Nomadenfrau gehört dazu.
Bilder der Kindheit ziehen vorüber, als es Liam mehr als den Bruder mit dem Vater zusammen immer wieder hinaus zog in die wilde Natur Irlands und das Zeltleben.
Einmal geht es in der sprudelnden Erzählung zurück nach Irland, dann sind wir in der Gegenwart. Durch die ganze Geschichte hindurch zieht die Rivalität, die sich in Zuneigung und zuweilen Hass zwischen den beiden Brüdern zeigt, ihre Bahn.
Höhenrausch und Anmaßung bei der Erprobung der Götter wie in der Sagenwelt stehen zur Disposition; Liam, der Unsägliche, und Padraic, der mäßigende und doch dem älteren Bruder Unterlegene begeben sich auf diese unwiederbringliche Reise, die nur einer von beiden überleben wird.
Ransmayr ist ein phantastischer Erzähler, dessen Wortspiele und Einfälle Bilder zeigen, die kein Ende nehmen wollen.
Einem Rausch erzeugenden Poem ist diese Meistererzählung gleichzusetzen.
Wer Abenteuer, Sprache, Mythos, die Begegnung mit fremden Kulturen und deren Gebräuchen und traumähnliche Naturbeschreibungen und Landschaftsbilder liebt, dem sei das Buch aufs beste empfohlen!
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