Sehr geehrte Damen & Herren!
Es gibt gute Bücher und bessere: Dies ist eines der besten, die ich je zum Thema funktionale Systemtheorie gelesen habe. Als mir 1975 zum ersten Male ein Luhmanntext vor Augen kam (es war der berühmte Streit mit Habermas), Lief ich mit fliegenden Fahnen von der Neuen Frankfurter Schule zu Luhmann über. Soziologie oder Philosophie, war gar nicht mehr die Frage: Hier war ein umfassender Blick auf die Gesellschaft, ja auf die WELT geboten.
Die Spaemannrede zur Verleihung des Hegelpreises an Luhmann bestätigte mir: Ich war auf der richtigen, der fruchtbaren Seite der Weltbeobachtung angekommen. Inzwischen stehen 55 Luhmannbücher in meinen Regalen. Was mir sozusagen fehlte: Ein Autor, der mit guten Argumenten mein Gefühl bestärkte: Man kann ohne Fehl Luhmanns Allgemeine Theorie der Systeme als eine Philosophie der Systemtheorie lesen. Und bitte sehr: Der Autor Harry Lehmann ist Spaemans Hinweis gefolgt, hat es getan: Mit Luhmann gegen Luhmann für Luhmann diese Philosophie zu schreiben. Lehmann erkennt: Es gibt "harte" Systeme (Wissenschaft, Wirtschaft, Recht, Politik) und "weiche" Systeme, die er Reflektionssysteme nennt: Kunst, Religion, Philosophie und Intimität. Lehmann ergänzt Spencer Browns re-entry folgerichtig durch ein re-exit, er verankert seine Philosophie der Systemtheorie im Medium der Kunst und zeigt: Durch die emphatische Programmierung des jeweiligen Code haben die durch Kommunikation in den Sinnfeldern der Gesellschaft als Irritatoren beteiligten Menschen wieder einen Fuß in den Türen zu den weichen Systemen (obgleich Luhmann, mit Recht, die psychischen Systeme in die Umwelt verwiesen hat). Luhmanns Buch "Die Kunst der Gesellschaft" ist für mich erst jetzt durch Lehmanns "Die flüchtige Wahrheit der Kunst" begreifbar geworden.