Viele, die sich dieses Buch zulegen, werden bereits irgend ein Bild von Frau Thomas Mann haben. Nach den Quellen zu urteilen, hat Katia Mann eine sehr freizügige Kindheit und Jugend genossen, wurde von ihrem Vater geliebt und unterstützt und konnte mit ihren Brüdern alles gemeinsam erleben - vom Fahrradfahren über Tennisspielen bis hin zur gleichgelagerten Freundesclique. Auch die Mutter war sehr libertinär und hat ihrer Tochter gerade keine Häkeldeckchenerziehung zukommen lassen - zumal sie selbst nicht dem Bild der bürgerlichen Hausfrau entsprach. So weit so gut. Nichts davon ist in den fiktiven Tagebüchern zu lesen, hier wird ein Bild gezeichnet, das den damalig gültigen Konventionen entspricht, aber weit von den Besonderheiten des Hauses Pringsheim entfernt ist. Es liest sich dröge und uninteressant und vermittelt nichts von der faszinierenden Atmosphäre, die den Reiz dieser Familie in ihrer großbürgerlichen Umgebung ausmachte. Die "Tagebucheinträge" empfinde ich als kleinbürgerlich und uninspiriert. Die Literatur über Katia Mann zeichnet aber ein vollkommen anderes Bild.