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Der Krapfen auf dem Sims: Essayistische und erzählende Prosa 1998-2000 von Max Goldt |
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Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens: Prosa und Szenen 2002-2004 von Max Goldt |
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So beginnt "Finanztantenhappen in Freiheit heißen Hering" mit der Einkommens- und Umsatzsteuerpflicht, handelt jedoch bald vom Laienrichtertum und dem zu verhandelnden Fall einer 2CV-fahrenden, schwangeren und obendrein nervösen Lehrerin, die von einem Motorradfahrer "mit Ungentlemanlikem bekübelt wurde", nachdem er ihr "eine reingehaut hatte". Goldt verläßt daraufhin das Gericht und geht ins gegenüberliegende Lokal. Dort entdeckt er auf der Speisekarte eine "Gerichtsdiener-Terrine", einen "Ratsherrentopf" oder einen "Senatorenhappen", der sich als Hering in Tunke aus der Dose herausstellt, wo doch jeder weiß, daß diese "Fischdosen hergestellt werden, damit betrunkene Heimkommende was Weiches und Würziges zum Reinschaufeln haben". Woraus Goldt schließt, die Konservenhersteller würden die Bevölkerungsgruppe der Senatoren pauschal der Besoffenheit bezichtigen, wenngleich er einräumt, daß "sicher auch ein Senator mal seine Sorgen in ein Glaserl Wein schüttet, weil seine Existenz verschattet ist". "Doch auch Finanztanten (um zum Ausgangspunkt, der Einkommens- und Umsatzsteuerpflicht zurückzufinden) haben ihren Anteil an Sorge, Schatten & Wein. Der Fisch könnte ebenso Finanztantenhappen heißen".
Ä ist ein unbeschreibliches Buch, besonders empfehlenswert zum Beispiel für "Björk"-Konzertbesucher oder so. --Mike Markart -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Notizen von Max Goldt
Kolumnentexte entfalten ihren Charme gewöhnlich nur an dem Ort, für den sie ursprünglich verfasst worden sind. Quetscht man sie im nachhinein, weil's doch so lustig war und auch der Reibach lockt, zwischen zwei Buchdeckel, kommt meist ein Ladenhüter heraus, der durchaus zu Recht im Regal «Schmunzelbücher» sein tristes Dasein fristet.
Mit den feuilletonistischen Texten von Max Goldt verhält es sich genau umgekehrt. Wer den Esprit dieser Prosa einmal bemerkt hat, mag nicht mehr einen geschlagenen Monat warten und jedesmal ein ödes «Titanic»-Heft kaufen, bis er wieder eine homöopathische Dosis des soignierten Geblubbers früher «Onkel Max' Kulturtagebuch», später «Informationen für Erwachsene» reinziehen kann. Der wahre Goldt-Sucher und nur von ihm soll hier die Rede sein wird mit Freude vernehmen, dass jetzt der dritte Kolumnen-Sammelband des 39jährigen Autors vorliegt: kein Royal Flash wiederum, aber doch ein Tagesteller, der auch den grösseren Appetit auf den Metaphern- und Assoziationensalat des gebürtigen Göttingers, der mit Vorliebe in Berlin und Hamburg rekognosziert, zu stillen vermag. Um einen Augenblick im Bild zu bleiben: Goldt liegt nicht schwer auf. Er bewirkt kein Völlegefühl im Kopf. Man liest ihn mit Vergnügen, steht beschwingt auf und weiss schon kaum mehr, was man eigentlich gelesen hat. Das beschwingte Gefühl aber bleibt.
Eine Entwicklung in Goldts Schaffen zu erkennen wird jener Germanistik vorbehalten sein, die derzeit mit dem Wiener Kaffeehaus der zwanziger Jahre beschäftigt ist. Eines lässt sich jedoch heute schon sagen: Bei den Titeln seiner Sammelbände neigt Goldt zur Verknappung. Wurden die «Titanic»-Beiträge 1989/92 noch als «Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau» eingemacht, mussten jene der Jahre 1993/94 sich schon als «Kugeln in unseren Köpfen» bescheiden. Die neuste Sammlung aber heisst bloss noch «Ä» womit der Verfasser sich nicht wegwerfend oder herablassend (im Sinne von ä bä) äussern will, sondern so dezent wie beziehungsreich auf den Genitiv in Mariä Empfängnis bzw. Lichtmess pp. anspielt, auf Feiertage mithin, die das Volk begehen sollte: «Die einen preisen Maria, die anderen den Umlaut. Schöne Prozessionen sind denkbar. Vornweg gehen die Frommen und rufen Mari-, Mari-', Mari-', die weniger Frommen schreiten hintan und rufen Ä, Ä, Ä. Man muss allerdings recht zart artikulieren, damit es nicht wie das Getröte bei Fussballspielen klingt.»
Dass man von dem, was Goldt beim Flanieren durch die Postmoderne im allgemeinen und die Fussgängerzonen im besonderen notiert, am Ende so wenig hersagen kann, heisst keineswegs, dass der Autor nichts zu sagen hätte: Blättern wir nach. Stichwort Buchautor: «Buchautor nennt man jemanden, den man auf keinen Fall als Dichter oder Schriftsteller durchgehen lassen möchte. Wenn z. B. Petra Schürmann ein Buch mit Schönheitstips herausgibt, dann ist sie Buchautorin.» Stichwort Verdächtige epitheta ornantia: «In der Spezialsprache der Gastronomie ist knackig ein Synonym für nicht frisch.» Stichwort Geschichte: «Die Altstadt von Görlitz ist dermassen ehrwürdig, dass sie sogar das einzige Karstadt-Warenhaus ohne Rolltreppe beherbergt.»
Goldts Pointen mögen selbst dann amüsieren, wenn man sie einzeln aufspiesst. Wie anders soll man zitieren? Im Text aber kommen die Sentenzen gerade nicht sentenziös daher, sondern kribbeln und wibbeln in einem federleichten Parlando, dessen literarischen Rang man nicht unterschätzen soll. «Hanuta heisst Nukota, das Nutella Nusskati, der Lady Cake heisst Marina»: das notiert der Supermarkt-Flaneur ebenso wie den Umstand, dass die meisten Menschen ein Rendez-vous oder Bewerbungsgespräch entschieden zu vermeiden trachten, wenn sie mit einem Zehnerpack Klopapier unterwegs sind; auch der Umstand, dass es im Duty Free Shop in Reykjavik keine Zigaretten gibt, wohl aber Rotkohl in Dosen, Björk-CD und ein französisches Buch über Mexiko, ist ihm nicht verborgen geblieben.
Was Max Goldts Wahrnehmung schärft, ist ein besonderer Sinn fürs Inkongruente. Ihm entgehen weder die «plattdeutsch gesungenen Weihnachtslieder im Dixieland-Sound» noch die billigen Heringskonserven namens «Senatorenhappen», und er weiss auch, dass eine «Klodeckelbespannung aus altrosa oder türkisem Frottee mit passender Badezimmermatte und Klofussumpuschelung» weder humanistische Bildung noch Adel erahnen lässt. Sein besonderes Augenmerk gilt den Kulturschickimickis, für die, nachdem Schmuck, Autos und selbst die Toskana als solche passé sind, der Balsamessig das Statussymbol schlechthin geworden ist und die nur deshalb beim «Edel-Bio-Türken» dem Autor die letzte Flasche guter Milch wegschnappen, weil sie glauben, mit der Anbiederung «Grüss dich, Mehmet» ein «Signal gegen den Hass» zu setzen.
Innerhalb der bisweilen etwas lärmigen zweiten Generation der Neuen Frankfurter Schule ist Max Goldt der distinguierte Causeur, der intellektuelle Dandy, der entspannte Einzelgänger. Doppelt nachdenkenswert, was er als dritte «Anbaggermethode» bei Damen empfiehlt: «Sich vollkommen lautlos anschleichen, eine eiskalte Hand auf ihre Schulter legen und sagen: Ihr Mantel müsste aber auch mal wieder in die Reinigung.»
Manfred Papst
Max Goldt kommt auf Lesetour in die Schweiz und liest am 11. 6. in Zürich in der Roten Fabrik. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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