Ein Maradona der Oper

Ein Interview mit dem Tenor Juan Diego Florez

Im Mai ist Mailand am schönsten. Sonnig und warm war es, als ich Juan Diego Florez zum Interview traf, nämlich anlässlich seines exklusiven Vertrags und der daraus resultierenden ersten Arien-CD bei Decca. Aber es war lauter als sonst: Auf der Straße tobten die Bayern-München- und die Valencia-Fans in aufregender Erwartung auf das Champions-League-Finale 2001, welches, wie wir jetzt wissen, mit einem Triumph für die Bayern endete. Juan Diego Florez könnte auch ein Fußball-Held sein, dachte ich, als er den Raum betrat. Klein, beweglich und schlank, mit schönen dunklen Locken um sein fröhlich-jugendliches Gesicht -- hat Diego Maradona einst nicht so ähnlich ausgesehen? Aber Juan Diego Florez hat sich für das Singen entschieden und das ist gut so. Sein jugendliches Aussehen und vor allem seine prächtige Tenor-Stimme brachten ihn an die Spitze der Opern-Liga: Als Belcanto-Tenor hat der junge Peruaner bisher in Häusern wie La Scala und der Met glanzvoll debütiert. Und seine virtuos interpretierten Rossini-Arias beweisen, dass Florez sich keine Sorge um sein hohes D machen muss. Und dass er eine großartige Karriere vor sich hat. Und dass er dafür kein Fußball braucht. Oder etwa doch?


Amazon.de: In Südamerika gibt es eine sehr intensive Fußball-Tradition. Mögen Sie Fußball?

Juan Diego Florez: Ich liebe Fußball, ich bin ein absoluter Fan. Und ich freue mich auf das Spiel heute Abend.

Amazon.de: Spielen Sie auch Fußball?

Juan Diego Florez: Früher, als ich in Lima war, habe ich sehr viel Fußball gespielt. Und wenn ich Zeit habe, spiele ich heute noch gerne. Aber die Arbeit auf der Bühne bedeutet auch eine Menge körperliche Aktivität.

Amazon.de: Wie kamen Sie überhaupt zur Oper? Wollten Sie schon immer Sänger werden?

Juan Diego Florez: Ich wollte Musiker werden, nicht unbedingt Opernsänger. Als Kind habe ich viel gesungen und dazu Gitarre gespielt, das war aber kein Operngesang, es war Pop und peruanische Folklore. Ich war sogar in einer Rockband! Und dann, nach dem Abitur, habe ich mich für ein Musikstudium eingeschrieben und dann kam der erste Kontakt zur Oper.

Amazon.de: Und was war Ihr Fach im Konservatorium?

Juan Diego Florez: Die erste Berührung mit der klassischen Musik hatte ich in der Schule. Da habe ich im Chor gesungen und der Chorleiter gab mir meine ersten Gesangstunden. Mit ihm habe ich zwei Opernarien einstudiert; die eine war "Questa o quella" aus Rigoletto und die andere war Schuberts "Ave Maria". Mit diesen Stücken machte ich meine Aufnahmeprüfung am Konservatorium.

Amazon.de: Wie reagierte Ihre Familie auf Ihre Entscheidung, Musik zu studieren?

Juan Diego Florez: Sie haben mich unterstützt, auf der anderen Seite waren sie auch skeptisch, denn in Lima ist es sehr schwierig, Arbeit zu finden als Musiker. Es gibt nicht viel Spielraum.

Amazon.de: Gibt es eigentlich ein Opernhaus in Lima?

Juan Diego Florez: Ja, wir hatten ein großes Haus, aber es ist 1997 niedergebrannt. Jetzt wird in einem kleinen Theater gespielt. Sehr wichtig für das Opernleben in Lima ist Luigi Alva. Er ist der Mann, der sozusagen die Oper nach Lima brachte. Denn es gab sonst keine große Operntradition in Peru.

Amazon.de: Und hatten Sie während Ihrer Studienzeit keine Angst, dass Sie in einen unsicheren Beruf einsteigen?

Juan Diego Florez: Nein, ich wusste, ich werde es irgendwie schaffen. Schon im ersten Jahr der Ausbildung hat sich auch meine Mutter beruhigt, denn ich fand eine Stelle im Nationalen Opernchor. Da hatte ich viel zu tun. Und da wurde auch mein Kontakt zur klassischen Musik viel intensiver: Wir machten viele Chorwerke von Bach, Mozart, Rossini. Und der Chorleiter vermittelte mir einen guten musikalischen Hintergrund.

Amazon.de: Und dann sind Sie in die U.S.A gegangen.

Juan Diego Florez: Ja, denn in Lima kann man bis zu einem bestimmten Niveau vorwärts kommen. Da habe ich sehr viel Musiktheorie gelernt. In den U.S.A. habe ich dann festgestellt, dass ich in diesem Bereich sehr gut ausgebildet worden war. Aber in Peru fehlt die Infrastruktur, die Chancen, Oper zu machen. Am Konservatorium in Philadelphia, dem berühmten Curtis College, hatte ich dann viel Gelegenheit, Oper zu spielen. Es war traumhaft. Wir hatten ein eigenes Orchester, wir hatten alles!

Amazon.de: Was war Ihre erste Rolle?

Juan Diego Florez: Es war in einer Produktion von Capuletti und Montegi von Bellini. Ich hatte Glück, denn ich war dort der einzige Tenor von insgesamt 150 Studenten, es war eine sehr elitäre Schule. Sie haben mir alle möglichen Tenorpartien anvertraut. Was habe ich dort alles gesungen: Die Fledermaus , Barbier von Sevilla , Incoronatione di Poppea , Figaros Hochzeit , auch amerikanische Musicals und noch andere Sachen.

Amazon.de: Ist das nicht gefährlich für eine junge Stimme -- so viel aufs Mal?

Juan Diego Florez: Auf die drei Jahre verteilt, die ich dort war, war das nicht so viel. Aber es könnte gefährlich werden, denn vor meiner ersten Oper hatte ich vorher fast nichts Solistisches gesungen. Vielleicht eine Arie oder zwei, aber nicht ein ganzes Werk. Aber ich glaube, dass meine technische Basis ziemlich gut war, denn ich habe sehr natürlich gesungen und ich habe mir nicht weh getan.

Amazon.de: Sprechen wir doch etwas mehr über Gesangstechnik. Wie haben Sie Ihre erworben?

Juan Diego Florez: Während des Studiums in den U.S.A. war ich wie ein Kind. Ich hatte Talent, aber nichts mehr als das. Ich glaube trotzdem, dass ich dort nicht sehr viel über Technik gelernt habe. Da habe ich eher von der Bühnen-Erfahrung profitiert. Es ging dort um das Singen und noch mehr Singen. Die wichtigen Sachen über Technik habe ich von meinem Lehrer Ernesto Palacio, den ich in Lima kennen lernte. Er hat mir gezeigt, was ich falsch mache und er hat mir auch die richtigen Partien empfohlen. Mit ihm habe ich wahnsinnig große Fortschritte gemacht. Er war ein sehr berühmter Rossini-Tenor und er hat meine Stimme richtig erfasst. Ich bin ein leichter, lyrischer Tenor. Die Trainigsmethode in den U.S.A war vielleicht gut für einige Stimmen, aber nicht unbedingt geeignet für jemanden, der sehr klare Vokale und sehr leicht und hoch singen muss. Es bedeutet nicht, dass die Lehrer in der Schule schlecht waren, im Gegenteil. Aber ich hatte den richtigen Lehrer für mich entdeckt und die Lehrer in der Schule waren auch damit zufrieden.

Amazon.de: Wie fing Ihre Karriere in Europa an?

Juan Diego Florez: Alles hing mit meinem neuen Lehrer zusammen. Nach Philadelphia habe ich mit ihm gearbeitet und er hat mich zu zwei CD-Aufnahmen eingeladen: 1994 zu Il Tutore Burlato von Martin y Soler und 1995 zu Le Tre Ore dell' Agonia von Zingarelli. In dieser Zeit hatte ich meine ersten Termine zum Vorsingen, darunter einen in Pezaro, wo ich auch genommen wurde, für eine kleine Partie. Und dann hat alles langsam angefangen. Mit viel Glück und viel Arbeit. Denn die richtige Vorbereitung ist sehr wichtig.

Amazon.de: Wie vergleichen Sie die Opernsituation in Italien und den U.S.A.?

Juan Diego Florez: Die Amerikaner sind sehr professionell und sehr gut organisiert. Die Orchester sind sehr gut. Sie machen alles ganz groß. Ich mag es gerne in Amerika zu arbeiten. Hier ist aber alles anspruchsvoller. Das Publikum in Italien, hier in La Scala, ist sehr schwierig. Ich habe hier guten Applaus bekommen -- aber, wenn ihnen etwas missfällt... Es gab Produktion, wo der Regisseur ausgebuht wurde und das ist schrecklich zu hören. Aber so ist es eben. Wenn dem Publikum hier etwas missfällt, protestieren sie; wenn sie etwas gut finden, applaudieren sie auch von ganzem Herzen. Übrigens, das passiert in New York auch. Aber nicht überall in Amerika.

Amazon.de: Sie starteten Ihre internationale Karriere als Rossini-Tenor. Ist Rossini auch Ihr Lieblingskomponist?

Juan Diego Florez: Für meine Stimme ist Rossini und auch Donizetti das Beste. Musikalisch finde ich sie auch gut, aber auch Mozart, Bach und Chopin. Ich bin ein Musiker, ich spiele auch Klavier und ich mag viele verschiedene Komponisten.

Amazon.de: Singen Sie auch Lieder?

Juan Diego Florez: Ich habe Lieder in Philadelphia studiert. Zurzeit singe ich keine Lieder in meinen Recitals, aber ich möchte schon wieder anfangen. Strauss, Schubert und Schumann. Außerdem möchte ich irgendwann Du Parc singen.

Amazon.de: Das heißt, Sie haben keine Angst vor der deutschen Aussprache?

Juan Diego Florez: Nein. Natürlich werde ich nicht perfekt sein, ich weiß es -- aber auch die Leute wissen, dass ich kein Deutscher bin. Ich glaube, es ist einfacher eine fremde Sprache zu singen als zu sprechen. Denn es ist nicht allein die Sprache, sondern geht zusammen mit der Musik. Vielleicht sollte ich etwas singen ohne viele Worte... Aber ich muss auch die entsprechenden Lieder finden. Wissen Sie, oft werden die Lieder vom deutsch-englischen Stimmtypus gesungen. Und mit sehr viel Kopfstimme oder Falsetto. So wie der Wunderlich-Typus. Fritz Wunderlich konnte natürlich das italienische Repertoire auch singen, denn er war ein besonderer Fall. Ich glaube, ich kann auch mit meiner Stimme Lieder singen und auch die verschiedenen Nuancen des Ausdrucks erreichen, die im Lied so charakteristisch sind, aber ich muss Lieder wählen, die mehr dem italienischen Typus entsprechen.

Amazon.de: Ist es schwierig, der jüngste Sänger in einem Met- oder Scala-Ensemble zu sein?

Juan Diego Florez: Am Anfang ja. Aber jetzt ist es so: Im Rossini-Fach gibt es gewisse Leute und die besten werden immer eingeladen. Wenn ich in Covent Garden bin, treffe ich die Sänger, die ich schon kenne. Aber sie behandeln mich schon wie ein Kind und verwöhnten mich von Anfang an sehr.

Amazon.de: Sie spüren keine Eifersucht, weil Sie so jung und erfolgreich sind? Oder Arroganz?

Juan Diego Florez: Nein. Diese Generation von Sängern ist entspannter und moderner. Und sie haben kein Diva-Benehmen. Das gibt es auch, aber nicht so oft im Rossini-Fach. Die Leute da sind irgendwie normaler. Außerdem sind sie auch jünger. Vielleicht deshalb...

Amazon.de: Und gibt es Kollegen, auf die Sie hinaufblicken, so eine Art Vorbilder?

Juan Diego Florez: Sicherlich. Riccardo Mutti hat mich sehr beeinflusst, denn wir haben sehr viel zusammengearbeitet. Und er sagt mir oft "Du bist der Sohn von La Scala, du bist hier geboren." Denn La Scala war mein erstes Theater, vorher war ich nur an Festivals zu hören, was gar nicht dasselbe ist.

Amazon.de: War das nicht eine enorme Last für Sie?

Juan Diego Florez: Ich habe gar nicht daran gedacht. Ich habe nur gemacht.

Amazon.de: Vielleicht weil Sie noch so jung waren?

Amazon.de: Ja, alles war mir damals unbewusst. Es ging so schnell und ich hatte so viel zu lernen. Ich war in einer frenetischen Situation. Ich bin eigentlich eingesprungen in der Premiere von Armide von Gluck. Aber Riccardo Mutti hatte mir bis zur Generalprobe nicht gesagt, dass ich die Premiere singen werde. So habe ich gesungen, am 7. Dezember, der ein sehr wichtiger Tag ist. Jeder Sänger will an diesem Tag singen und vielleicht passiert das einmal im Leben. Die ganze Welt schaut an diesem Tag zur Scala, es wird ein besonderes Werk aufgeführt, es findet jede Menge Spektakel statt, eine Parade mit Pferden -- kurz: Es ist ein Feiertag. Aber ich habe das Ganze nicht realisiert. Mein einziger Gedanke war nur, diesen Auftritt gut zu machen. Ich war fast verrückt nach Perfektion.

Amazon.de: Wie wichtig ist Schauspielen für Sie?

Juan Diego Florez: Sehr wichtig. Aber meiner Meinung nach sollte ein intelligenter Regisseur erst die Sänger probieren lassen und dann ihre Interpretation zu seiner Version anpassen. Ich mag Schauspielen, es macht Spaß. Und ich mag komische Sachen. Ich liebe Rossinis Komödien. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass er auch mehrere dramatische Opern komponiert hat. Ich habe z.B. Ottelo gemacht. Seine Operas Serias sind wundervoll.

Amazon.de: Einige dieser Arien hört man auf Ihrer ersten Solo-CD.

Juan Diego Florez: Es sind einige der schwierigsten und längsten Arien von Rossini. Vielleicht war ich etwas masochistisch bei der Auswahl. (lacht)

Amazon.de: Nach welchen Kriterien haben Sie die Arien ausgewählt?

Juan Diego Florez: Ich habe prinzipiell Arien aus der Neapolitanischen Periode Rossinis gewählt, denn sie passen besser zu meiner Stimme. In dieser Zeit hat er viel Opera Seria gemacht und er hatte im Ensemble einen Tenor namens Giovanni David. Er war phänomenal, seine Stimme war sehr hoch und süß. Er konnte die schnellsten Koloraturen singen. Und die Arien, die für David komponiert wurden, sind die anspruchsvollsten, absolute Bravour-Arien. Ich habe also diese Arien genommen, denn sie sind eine richtige Herausforderung. Einige Phrasen in diesen Stücken sind so erstaunlich lang, dass ich nicht wusste, wo ich atmen soll. Manchmal habe ich gesagt: "Sorry, hier muss ich atmen".

Amazon.de: Es klingt alles sehr leicht, obwohl technisch schwere Sachen dabei sind.

Juan Diego Florez: Belcanto ist immer sehr leicht. Und Rossini ist vielleicht der beste Belcanto-Komponist. Aber Rossinis Musik ist tief in der italienischen Tradition verwurzelt. Er liebte die Kastraten-Stimmen, sie waren das Symbol und das Ideal der Belcanto-Tradition. Rossini hat viel für Kastraten-Stimmen komponiert und hat dieses Ideal im Kopf: Alles muss schön klingen und gleichzeitig sehr leicht. Heute haben wir keine Kastraten mehr, aber es ist nicht schlimm: Denn auch der Geschmack des Publikums hat sich geändert und auch die Art des Singens. Und das kann auch Rossinis Musik zugute kommen.

Amazon.de: Ist es nicht gefährlich, wenn man sich auf einen Komponisten spezialisiert?

Juan Diego Florez: Aber, ich singe nicht nur Rossini. Auch Donizetti, Bellini. Puccini, Gluck. Ich werde auch Mozart singen. In Zukunft will ich auch französische Oper machen. Mein Repertoire ist sogar breiter als das eines lyrischen Tenors. Denn ein Belcanto Tenor kann außer Belcanto auch Barock machen, Franzosen, auch Mozart. Und vielleicht auch Opern wie Rigoletto oder I Puritani . Es gibt viele Sachen, die man machen kann.

Amazon.de: Wie wichtig ist physische Schönheit in der Oper?

Juan Diego Florez: Es ist besser, wenn man Werther ist und gut aussieht! (lacht) Aber die Stimme ist viel wichtiger. Und die Theater wissen das auch.

Amazon.de: Aber Sie wurden bestimmt noch nicht wegen Ihres Aussehens von einem Projekt abgelehnt...

Juan Diego Florez: Nein, weil ich für die Rollen, die ich singe, das richtige Aussehen habe. Denn, der Tenor ist seit Rossini immer der Liebhaber oder der Edelmann und er ist immer jung. Früher war der Liebhaber ein Kastrat, aber seit Rossini übernimmt der Tenor diese Rollen. Ich habe also immer zu der Konvention des Genres gepasst.

Das Interview führte Kleopatra Sofroniou-von Tavel, Redakteurin für klassische Musik bei Amazon.de


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