Amazon.de:
In Südamerika gibt es eine sehr intensive
Fußball-Tradition. Mögen Sie Fußball?
Juan Diego Florez:
Ich liebe
Fußball, ich bin ein absoluter Fan. Und ich freue mich auf das Spiel heute
Abend.
Amazon.de:
Spielen Sie auch Fußball?
Juan Diego Florez:
Früher, als ich in Lima war, habe ich sehr viel Fußball
gespielt. Und wenn ich Zeit habe, spiele ich heute noch gerne. Aber die Arbeit
auf der Bühne bedeutet auch eine Menge körperliche
Aktivität.
Amazon.de:
Wie kamen Sie überhaupt zur Oper? Wollten Sie schon immer
Sänger werden?
Juan Diego Florez:
Ich wollte Musiker werden, nicht unbedingt Opernsänger. Als
Kind habe ich viel gesungen und dazu Gitarre gespielt, das war aber kein
Operngesang, es war Pop und peruanische Folklore. Ich war sogar in einer
Rockband! Und dann, nach dem Abitur, habe ich mich für ein Musikstudium
eingeschrieben und dann kam der erste Kontakt zur Oper.
Amazon.de:
Und was war Ihr Fach im Konservatorium?
Juan Diego Florez:
Die erste Berührung mit der klassischen Musik hatte ich in
der Schule. Da habe ich im Chor gesungen und der Chorleiter gab mir meine
ersten Gesangstunden. Mit ihm habe ich zwei Opernarien einstudiert; die eine
war "Questa o quella" aus Rigoletto
und die andere war Schuberts "Ave
Maria". Mit diesen Stücken machte ich meine Aufnahmeprüfung am
Konservatorium.
Amazon.de:
Wie reagierte Ihre Familie auf Ihre Entscheidung, Musik zu
studieren?
Juan Diego Florez:
Sie haben mich unterstützt, auf der anderen Seite waren sie
auch skeptisch, denn in Lima ist es sehr schwierig, Arbeit zu finden als
Musiker. Es gibt nicht viel Spielraum.
Amazon.de:
Gibt es eigentlich ein Opernhaus in Lima?
Juan Diego Florez:
Ja, wir hatten ein großes Haus, aber es ist 1997
niedergebrannt. Jetzt wird in einem kleinen Theater gespielt. Sehr wichtig
für das Opernleben in Lima ist Luigi Alva. Er ist der Mann, der sozusagen
die Oper nach Lima brachte. Denn es gab sonst keine große Operntradition
in Peru.
Amazon.de:
Und hatten Sie während Ihrer Studienzeit keine Angst, dass
Sie in einen unsicheren Beruf einsteigen?
Juan Diego Florez:
Nein, ich wusste, ich werde es irgendwie schaffen. Schon im ersten
Jahr der Ausbildung hat sich auch meine Mutter beruhigt, denn ich fand eine
Stelle im Nationalen Opernchor. Da hatte ich viel zu tun. Und da wurde auch
mein Kontakt zur klassischen Musik viel intensiver: Wir machten viele Chorwerke
von Bach, Mozart, Rossini. Und der Chorleiter vermittelte mir einen guten
musikalischen Hintergrund.
Amazon.de:
Und dann sind Sie in die U.S.A gegangen.
Juan Diego Florez:
Ja, denn in Lima kann man bis zu einem bestimmten Niveau
vorwärts kommen. Da habe ich sehr viel Musiktheorie gelernt. In den U.S.A.
habe ich dann festgestellt, dass ich in diesem Bereich sehr gut ausgebildet
worden war. Aber in Peru fehlt die Infrastruktur, die Chancen, Oper zu machen.
Am Konservatorium in Philadelphia, dem berühmten Curtis College, hatte ich
dann viel Gelegenheit, Oper zu spielen. Es war traumhaft. Wir hatten ein
eigenes Orchester, wir hatten alles!
Amazon.de:
Was war Ihre erste Rolle?
Juan Diego Florez:
Es war in einer Produktion von Capuletti und Montegi von Bellini.
Ich hatte Glück, denn ich war dort der einzige Tenor von insgesamt 150
Studenten, es war eine sehr elitäre Schule. Sie haben mir alle
möglichen Tenorpartien anvertraut. Was habe ich dort alles gesungen:
Die Fledermaus
, Barbier von Sevilla
, Incoronatione di
Poppea
, Figaros Hochzeit
, auch amerikanische Musicals und noch
andere Sachen.
Amazon.de:
Ist das nicht gefährlich für eine junge Stimme -- so
viel aufs Mal?
Juan Diego Florez:
Auf die drei Jahre verteilt, die ich dort war, war das nicht so
viel. Aber es könnte gefährlich werden, denn vor meiner ersten Oper
hatte ich vorher fast nichts Solistisches gesungen. Vielleicht eine Arie oder
zwei, aber nicht ein ganzes Werk. Aber ich glaube, dass meine technische Basis
ziemlich gut war, denn ich habe sehr natürlich gesungen und ich habe mir
nicht weh getan.
Amazon.de:
Sprechen wir doch etwas mehr über Gesangstechnik. Wie haben
Sie Ihre erworben?
Juan Diego Florez: 
Während des
Studiums in den U.S.A. war ich wie ein Kind. Ich hatte Talent, aber nichts mehr
als das. Ich glaube trotzdem, dass ich dort nicht sehr viel über Technik
gelernt habe. Da habe ich eher von der Bühnen-Erfahrung profitiert. Es
ging dort um das Singen und noch mehr Singen. Die wichtigen Sachen über
Technik habe ich von meinem Lehrer Ernesto Palacio, den ich in Lima kennen
lernte. Er hat mir gezeigt, was ich falsch mache und er hat mir auch die
richtigen Partien empfohlen. Mit ihm habe ich wahnsinnig große
Fortschritte gemacht. Er war ein sehr berühmter Rossini-Tenor und er hat
meine Stimme richtig erfasst. Ich bin ein leichter, lyrischer Tenor. Die
Trainigsmethode in den U.S.A war vielleicht gut für einige Stimmen, aber
nicht unbedingt geeignet für jemanden, der sehr klare Vokale und sehr
leicht und hoch singen muss. Es bedeutet nicht, dass die Lehrer in der Schule
schlecht waren, im Gegenteil. Aber ich hatte den richtigen Lehrer für mich
entdeckt und die Lehrer in der Schule waren auch damit zufrieden.
Amazon.de:
Wie fing Ihre Karriere in Europa an?
Juan Diego Florez:
Alles hing mit meinem neuen Lehrer zusammen. Nach Philadelphia
habe ich mit ihm gearbeitet und er hat mich zu zwei CD-Aufnahmen eingeladen:
1994 zu
Il Tutore
Burlato von Martin y Soler und 1995 zu
Le Tre Ore dell'
Agonia von Zingarelli. In dieser Zeit hatte ich meine ersten
Termine zum Vorsingen, darunter einen in Pezaro, wo ich auch genommen wurde,
für eine kleine Partie. Und dann hat alles langsam angefangen. Mit viel
Glück und viel Arbeit. Denn die richtige Vorbereitung ist sehr
wichtig.
Amazon.de:
Wie vergleichen Sie die Opernsituation in Italien und den
U.S.A.?
Juan Diego Florez:
Die Amerikaner sind sehr professionell und sehr gut organisiert.
Die Orchester sind sehr gut. Sie machen alles ganz groß. Ich mag es gerne
in Amerika zu arbeiten. Hier ist aber alles anspruchsvoller. Das Publikum in
Italien, hier in La Scala, ist sehr schwierig. Ich habe hier guten Applaus
bekommen -- aber, wenn ihnen etwas missfällt... Es gab Produktion, wo der
Regisseur ausgebuht wurde und das ist schrecklich zu hören. Aber so ist es
eben. Wenn dem Publikum hier etwas missfällt, protestieren sie; wenn sie
etwas gut finden, applaudieren sie auch von ganzem Herzen. Übrigens, das
passiert in New York auch. Aber nicht überall in Amerika.
Amazon.de:
Sie starteten Ihre internationale Karriere als Rossini-Tenor. Ist
Rossini auch Ihr Lieblingskomponist?
Juan Diego Florez:
Für meine Stimme ist Rossini und auch Donizetti das Beste.
Musikalisch finde ich sie auch gut, aber auch Mozart, Bach und Chopin. Ich bin
ein Musiker, ich spiele auch Klavier und ich mag viele verschiedene
Komponisten.
Amazon.de:
Singen Sie auch Lieder?
Juan Diego Florez:
Ich habe Lieder in Philadelphia studiert. Zurzeit singe ich keine
Lieder in meinen Recitals, aber ich möchte schon wieder anfangen. Strauss,
Schubert und Schumann. Außerdem möchte ich irgendwann Du Parc singen.
Amazon.de:
Das heißt, Sie haben keine Angst vor der deutschen
Aussprache?
Juan Diego Florez: 
Nein. Natürlich
werde ich nicht perfekt sein, ich weiß es -- aber auch die Leute wissen,
dass ich kein Deutscher bin. Ich glaube, es ist einfacher eine fremde Sprache
zu singen als zu sprechen. Denn es ist nicht allein die Sprache, sondern geht
zusammen mit der Musik. Vielleicht sollte ich etwas singen ohne viele Worte...
Aber ich muss auch die entsprechenden Lieder finden. Wissen Sie, oft werden die
Lieder vom deutsch-englischen Stimmtypus gesungen. Und mit sehr viel Kopfstimme
oder Falsetto. So wie der Wunderlich-Typus. Fritz Wunderlich konnte
natürlich das italienische Repertoire auch singen, denn er war ein
besonderer Fall. Ich glaube, ich kann auch mit meiner Stimme Lieder singen und
auch die verschiedenen Nuancen des Ausdrucks erreichen, die im Lied so
charakteristisch sind, aber ich muss Lieder wählen, die mehr dem
italienischen Typus entsprechen.
Amazon.de:
Ist es schwierig, der jüngste Sänger in einem Met- oder
Scala-Ensemble zu sein?
Juan Diego Florez:
Am Anfang ja. Aber jetzt ist es so: Im Rossini-Fach gibt es
gewisse Leute und die besten werden immer eingeladen. Wenn ich in Covent Garden
bin, treffe ich die Sänger, die ich schon kenne. Aber sie behandeln mich
schon wie ein Kind und verwöhnten mich von Anfang an sehr.
Amazon.de:
Sie spüren keine Eifersucht, weil Sie so jung und erfolgreich
sind? Oder Arroganz?
Juan Diego Florez:
Nein. Diese Generation von Sängern ist entspannter und
moderner. Und sie haben kein Diva-Benehmen. Das gibt es auch, aber nicht so oft
im Rossini-Fach. Die Leute da sind irgendwie normaler. Außerdem sind sie
auch jünger. Vielleicht deshalb...
Amazon.de:
Und gibt es Kollegen, auf die Sie hinaufblicken, so eine Art
Vorbilder?
Juan Diego Florez:
Sicherlich. Riccardo Mutti hat mich sehr beeinflusst, denn wir
haben sehr viel zusammengearbeitet. Und er sagt mir oft "Du bist der Sohn von
La Scala, du bist hier geboren." Denn La Scala war mein erstes Theater, vorher
war ich nur an Festivals zu hören, was gar nicht dasselbe ist.
Amazon.de:
War das nicht eine enorme Last für Sie?
Juan Diego Florez:
Ich habe gar nicht daran gedacht. Ich habe nur gemacht.
Amazon.de:
Vielleicht weil Sie noch so jung waren?
Amazon.de: 
Ja, alles war mir
damals unbewusst. Es ging so schnell und ich hatte so viel zu lernen. Ich war
in einer frenetischen Situation. Ich bin eigentlich eingesprungen in der
Premiere von Armide
von Gluck. Aber Riccardo Mutti hatte mir bis zur
Generalprobe nicht gesagt, dass ich die Premiere singen werde. So habe ich
gesungen, am 7. Dezember, der ein sehr wichtiger Tag ist. Jeder Sänger
will an diesem Tag singen und vielleicht passiert das einmal im Leben. Die
ganze Welt schaut an diesem Tag zur Scala, es wird ein besonderes Werk
aufgeführt, es findet jede Menge Spektakel statt, eine Parade mit Pferden
-- kurz: Es ist ein Feiertag. Aber ich habe das Ganze nicht realisiert. Mein
einziger Gedanke war nur, diesen Auftritt gut zu machen. Ich war fast
verrückt nach Perfektion.
Amazon.de:
Wie wichtig ist Schauspielen für Sie?
Juan Diego Florez:
Sehr wichtig. Aber meiner Meinung nach sollte ein intelligenter
Regisseur erst die Sänger probieren lassen und dann ihre Interpretation zu
seiner Version anpassen. Ich mag Schauspielen, es macht Spaß. Und ich mag
komische Sachen. Ich liebe Rossinis Komödien. Aber wir dürfen nicht
vergessen, dass er auch mehrere dramatische Opern komponiert hat. Ich habe z.B.
Ottelo
gemacht. Seine Operas Serias sind wundervoll.
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Einige dieser Arien hört man auf Ihrer ersten Solo-CD.
Juan Diego Florez:
Es sind einige der schwierigsten und längsten Arien von
Rossini. Vielleicht war ich etwas masochistisch bei der Auswahl. (lacht)
Amazon.de:
Nach welchen Kriterien haben Sie die Arien ausgewählt?
Juan Diego Florez:
Ich habe prinzipiell Arien aus der Neapolitanischen Periode
Rossinis gewählt, denn sie passen besser zu meiner Stimme. In dieser Zeit
hat er viel Opera Seria gemacht und er hatte im Ensemble einen Tenor namens
Giovanni David. Er war phänomenal, seine Stimme war sehr hoch und
süß. Er konnte die schnellsten Koloraturen singen. Und die Arien, die
für David komponiert wurden, sind die anspruchsvollsten, absolute
Bravour-Arien. Ich habe also diese Arien genommen, denn sie sind eine richtige
Herausforderung. Einige Phrasen in diesen Stücken sind so erstaunlich
lang, dass ich nicht wusste, wo ich atmen soll. Manchmal habe ich gesagt:
"Sorry, hier muss ich atmen".
Amazon.de:
Es klingt alles sehr leicht, obwohl technisch schwere Sachen dabei
sind.
Juan Diego Florez:
Belcanto ist immer sehr leicht. Und Rossini ist vielleicht der
beste Belcanto-Komponist. Aber Rossinis Musik ist tief in der italienischen
Tradition verwurzelt. Er liebte die Kastraten-Stimmen, sie waren das Symbol und
das Ideal der Belcanto-Tradition. Rossini hat viel für Kastraten-Stimmen
komponiert und hat dieses Ideal im Kopf: Alles muss schön klingen und
gleichzeitig sehr leicht. Heute haben wir keine Kastraten mehr, aber es ist
nicht schlimm: Denn auch der Geschmack des Publikums hat sich geändert und
auch die Art des Singens. Und das kann auch Rossinis Musik zugute kommen.
Amazon.de:
Ist es nicht gefährlich, wenn man sich auf einen Komponisten
spezialisiert?
Juan Diego Florez:
Aber, ich singe nicht nur Rossini. Auch Donizetti, Bellini.
Puccini, Gluck. Ich werde auch Mozart singen. In Zukunft will ich auch
französische Oper machen. Mein Repertoire ist sogar breiter als das eines
lyrischen Tenors. Denn ein Belcanto Tenor kann außer Belcanto auch Barock
machen, Franzosen, auch Mozart. Und vielleicht auch Opern wie
Rigoletto
oder I Puritani
. Es gibt viele Sachen,
die man machen kann.
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Wie wichtig ist physische Schönheit in der Oper?
Juan Diego Florez:
Es ist besser, wenn man Werther
ist und gut aussieht!
(lacht) Aber die Stimme ist viel wichtiger. Und die Theater wissen das auch.
Amazon.de:
Aber Sie wurden bestimmt noch nicht wegen Ihres Aussehens von
einem Projekt abgelehnt...
Juan Diego Florez:
Nein, weil ich für die Rollen, die ich singe, das richtige
Aussehen habe. Denn, der Tenor ist seit Rossini immer der Liebhaber oder der
Edelmann und er ist immer jung. Früher war der Liebhaber ein Kastrat, aber
seit Rossini übernimmt der Tenor diese Rollen. Ich habe also immer zu der
Konvention des Genres gepasst.
Das Interview führte Kleopatra Sofroniou-von Tavel,
Redakteurin für klassische Musik bei Amazon.de