Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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32 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Sprachlich hochklassiges Rollenspiel , 4. September 2006
Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie sich, während Sie die ersten Sätze eines Romans gelesen haben, einfach sagen: Das muss ich lesen? Oftmals entpuppt sich so etwas bedauerlicherweise als Mogelpackung, aber hier sei einmal ein Beispiel im positiven Sinne genannt, die ersten Sätze aus Max Frischs "Stiller":
"Ich bin nicht Stiller! - Tag für Tag seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere. Denn ohne Whisky, ich hab's ja erfahren, bin ich nicht ich selbst, sondern neige dazu, allen möglichen guten Einflüssen zu erliegen und eine Rolle zu spielen, die ihnen so passen möchte, aber nichts mit mir zu tun hat..."
Wohl kaum ein Roman verrät so schnell das eigene ihm zugrunde liegende poetologische Konzept - ein Rollensiel, ein Verwirrspiel um das eigene Ich. Ist der Erzählinstanz zu trauen? Wer ist sie tatsächlich? Das wird sich auf den folgenden Seiten entblättern.
Im Kern geht es um die Selbstfindung des Bildhauers Stiller, der vergeblich versucht, ein anderer sein.
Frisch ist ein Vorreiter der literarischen Verarbeitung vom Konzept des modernen Menschen gewesen. Der an nichts glaubende Techniker Walter Faber erlag der Unberechenbarkeit dieser Welt; ähnlich verhandelt auch Frisch in "Stiller" die Identität des Menschen. In besonderer Weise kommt hier die für Frischs Schaffen typische "Bildnisproblematik" zum tragen. Denn der Mensch dürfe sich, so Frisch, kein Bild von anderen Menschen oder von sich selbst machen. Ein Bildnis führt zu einer Rollenhaftigkeit - sei sie selbst gewählt oder von außen übergestülp, entsprechend handelt ein Großteil des Schaffens von Max Frisch eben von der Befreiung von Rollen und Bildnissen.
"Stiller" ist große Prosa in schlichter, bisweilen üppiger Eleganz.
Das einzig Bedauernswerte an "Stiller" ist, dass man ihn en masse auf Mittel- und Oberstufenklassen loslässt. Wer sich da gequält fühlt, hat meine vollste Sympathie - wer interessiert sich schließlich zwischen 16 und 19 Jahren für grundlegende philosophische Fragen, die man sich erst in einem solchen Text erschließen muss bzw. soll. Allen anderen sei dieser Roman drigend empfohlen! - Ein Lesegenuss auf hohem Niveau!
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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Tiefsinnig und äußerst kreativ, 15. August 2006
Frisch beschreitet völlig neue Wege, indem er dem Leser aufbürdet, die Aufzeichnungen eines Insassen zu lesen, der sich permanent weigert anzuerkennen, Anatol Stiller zu sein, gleichwohl seine 6 Jahre verschwundene Frau und andere ihn eindeutig identifizieren. Es wird ein Rückblick auf Stillers Leben geworfen, bei dem viele Situationen des Versagens, Zweifelns und persönlichen Misslingens stattgefunden haben, so dass sich für den Leser die Frage stellt, warum dieser Stiller wohl seine eigene Identität verleugnet. Nur an einer einzige Stelle merkt auch der Leser eindeutig, dass es sich wirklich um den eben Genannten handelt. Im Vordergrund des Werkes steht die ständige Menschheitsfrage nach dem wahren Ich, der Indentifikation mit dem, was man im Leben tut und getan hat, und inwiefern man mit seiner Rolle abschließen will, sofern vieles daneben lief. Ein origineller, vielschichtiger, niveauvoller Roman von Weltrang!
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15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Geschichtenreicher Roman um Schuld und Identität, 3. September 2004
Vorneweg: Der "Stiller" liest sich nicht von selbst. Obwohl viele einzelne Episoden unglaublich gut herausgearbeitet sind verlangt das Werk in der Gesamtheit dem Leser einiges ab. Warum auch nicht? Der eine erklimmt Berge über 300 Meter, der andere begnügt sich mit einfachen Wanderungen. Mit Büchern ist es nicht anders. Der Stiller ist an manchen Stellen unübersichtlich, der Leser befürchtet, den Faden verloren zu haben, aber der Autor führt ihn behutsam zurück auf den Weg. Ich habe die Lektüre dieses umfangreichen Buches genossen und bewundere dieses Werk. Es ist ein Meilenstein der Weltliteratur, grossartig geschrieben, aber nie mit aufgelegter Sprachgewandtheit. Es ist ein Stück Kritik an der Schweizer Spiessigkeit, ein wenig Liebeserklärung an das Amerika der 50er Jahre, jeder Leser wird wahrscheinlich andere Beschreibungen wichtig finden. Das Buch soll nicht in jedem Regal stehen, es sollte - von entsprechend veranlagten Lesren freilich - gelesen werden. Hilfestellungen für die Lösung der Frage "Wer bin ich?" wird man allerdings vergeblich suchen.
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