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Rezensionen verfasst von
Hajo von Kracht "rhadamanthys" (Zurich, Switzerland)
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Der Diskos von Phaistos - Kretas erster Krimi?
Der Diskos von Phaistos - Kretas erster Krimi?
von Verena Appenzeller
  Broschiert
Preis: EUR 10,90
Verfügbarkeit: Auf Lager.

18 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Auf die Schippe genommen, 31. Oktober 2005
Man merkt sofort, dass der Autorin das Schreiben dieses Büchleins diebische Freude bereitet hat. Etwas von diesem Vergnügen überträgt sich auf den Leser.
Gegenstand ihres Romans ist - wie der Titel eindeutig kundtut - die berühmte in Phaistos gefundene Tonscheibe. Diese ist paradigmatisch für das ganze minoische Kreta: Mangels ausreichender Daten ist sie - obwohl ästhetisch und handwerklich offenkundig das Werk eines entwickelten Geistes - rettungslos unterdeterminiert, was bedeutet, dass sie vielleicht sogar entziffert werden kann, diese Entzifferung aber in keinem Fall zwingend ist. Das trifft auf unglaublich viele Aspekte der minoischen Kultur zu, was damit zu tun hat, dass es trotz einer Fülle von architektonisch und künstlerisch faszinierendem Material einfach zu wenig schriftliche Dokumente gibt, und das Wenige in geradezu absurder Weise verschieden interpretiert werden kann.
Verena Appenzeller spielt in ihrem Roman ein Spielchen. Sie konstruiert eine Geschichte so, dass sie in den bekannten archäologischen Fakten resultiert, aber auf eine Art, die alle ernsthaften Bemühungen der Wissenschaft auf die Schippe nimmt, aus diesen Fakten rückwärts auf die Geschichte zu kommen. Ihr Buch ist leicht und amüsant zu lesen, selbst wenn man daran glaubt, dass eine "wirkliche" Entzifferung des Diskos immerhin möglich ist.
Mir gefällt an dem Buch besonders, dass sie ihren eigenen Text nicht ganz ernst nimmt. Anachronismen, sprachliche Verniedlichungen, ihr Hang zu alemannischem Sprachgebrauch, fügen sich gut zur ironisch konstruierten Handlung des neuen Buchs ein.
Auch gelingt es ihr, den Handlungsstrang durch mehrere Windungen und überraschende Wendungen bis zum Schluss hin spannend zu halten, obwohl man ja in gewissem Sinn von vorneherein weiss, was herauskommt.
Bewertung: Eine angenehme, leichte und unterhaltsame Lektüre, die den Ernst aus der Beschäftigung mit dem mysteriösen Diskos herausnimmt. Mit Sicherheit war alles völlig anders als Verena Appenzeller es beschreibt. Dummerweise steht alle Sicherheit in diesem Fall auf sehr tönernen Füssen.

Die Minoer
Die Minoer
von J. Lesley Fitton
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95
Verfügbarkeit: Auf Lager.

25 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Eine gute Gesamtdarstellung der Minoer - mit Schwächen, 30. August 2004
Rezension bezieht sich auf: Die Minoer (Gebundene Ausgabe)
Endlich eine Gesamtdarstellung der Minoer, die sowohl den aktuellen Wissensstand wiedergibt, als auch für ein Laienpublikum lesbar ist - das war meine Erwartung, als ich anfing das Buch zu lesen.

Die Einleitung beginnt vielversprechend: nicht an Fachleute richte sich das Buch, sondern an Studenten und Urlauber, die mehr über die minoische Kultur wissen möchten. Vor allem ein Buch über Menschen soll es sein.

Dann stellt die Autorin, die am British Museum in London arbeitet, in sehr lesbarer Form die minoische Kultur in den Zusammenhang ihres Kontexts: Landschaft, Nahrungsmittel, Tierhaltung, verfügbares Rohmaterial, und stellt sehr gut die Datierungsprobleme dar, mit denen sich Wissenschaftler seit Jahren herumschlagen. Dabei reißt sie eine Reihe spannender Themen an (ein Beispiel: Import von Kupfer aus Attika und Zinn gar aus Afghanistan). Hinter jedem dieser Themen steht eine Geschichte, aber hier setzt Lesley Fittons wissenschaftliches Rasiermesser an: auf keinen Fall will sie sich "in wilden Spekulationen oder haarsträubenden Interpretationen darüber ergehen".

Und so folgen auf den ersten, vielversprechenden Auftakt vier eher brave Kapitel über die Vorpalastzeit, die alten und neuen Paläste, sowie die Nachpalastzeit, die durchaus solide Information enthalten, aber zu Spekulationen und Interpretationen gar wenig anregen. In diesem - dem Hauptteil des Buches - wird die Autorin ihrem Anspruch nicht gerecht, von Menschen zu handeln, stattdessen bestimmen (mit Ausnahmen) Fundstücke und ihre Datierung (LM I B2 oder doch LM II A1 ?) das Bild.

Interessanter wird das Buch im Schlusskapitel über die Rezeption des minoischen Kreta. Die Mythen, die sich im antiken Griechenland um den kretageborenen Zeus, König Minos, Theseus und viele andere Gestalten rankten, sind gut dargestellt. Dass sich im 20. Jahrhunder eine neue Schicht von Mythen um das minoische Kreta herum gelegt hat, an deren Entstehung Arthur Evans großen Anteil hat, haben andere ebenfalls ausführlich beschrieben. Dass aber auch moderne Künstler und Wissenschaftler (Fitton nennt Henry Miller, Evelyn Waugh, Lawrence Durrell, Michael Ayrton u.a.) sich mit dem minoischen Mythos auseinandergesetzt haben, ist für mich eine neue Dimension der Auseinandersetzung mit dem Thema, die eine ausführliche Darstellung verdient.

Auffallend ist für mich allerdings, dass für einen Gesamtüberblick über das minoische Kreta zwei Dinge total weggelassen sind: der Diskos von Phaistos und (im Kapitel über die Rezeption) das Thema Atlantis. Ich könnte verstehen, wenn sie beiden Themen nicht viel abgewinnen kann, aber diese totale Ausblendung ist doch verblüffend.

Insgesamt gibt das Buch - trotz einiger Schwächen - eine gute und aktuelle Gesamt­darstellung der minoischen Epoche.



Labyrinth Revisited: Rethinking 'Minoan' Archaeology
Labyrinth Revisited: Rethinking 'Minoan' Archaeology
von Yannis Hamilakis
  Taschenbuch
Preis: EUR 34,99
Verfügbarkeit: Auf Lager. Zustellung kann bis zu 2 zusätzliche Tage in Anspruch nehmen.

4.0 von 5 Sternen Die Minoer 100 Jahre nach Arthur Evans: Eine Streitschrift, 10. Juli 2004
Herausgeber und Co-Autor Hamilakis will mit dem Buch etwas bewirken: Er wirft den minoischen Archäologen (er ist selbst einer!) vor, einseitige Paradigmen und methodische Prinzipien zu vertreten, die das Verständnis damaliger sozialer Verhältnisse, wirtschaftlicher und sozialer Aktivitäten, Geschlechterrollen, Herrschaftsverhältnisse etc. behindern. Insbesondere wirft er seinen Gegnern 'Evolutionismus' vor, womit er meint, dass eine Epoche nicht in ihrem eigenen Recht, sondern nur als Vorläufer der nachfolgenden gewürdigt wird.

So ist das Buch eine akademische Streitschrift, bei der die Autoren manchmal mehr darum bemüht sind, sich vor Gegenangriffen ihrer Wissenschaftlerkollegen zu verschanzen (etwa durch einschüchternde Literaturlisten zu jedem einzelnen der elf Beiträge), als um Lesbarkeit für Laien wie mich.

Nur wenige der Beiträge handeln ohne Umschweife direkt vom Gegenstand dieser Wissenschaft: Marianna Nikolaidou versucht, den Menschen der ersten minoischen Staaten ein Gesicht zu geben (mir gefällt's, aber es ist gerade der Typ von "Erzählung", der derzeit unter strengen Wissenschaftlern verpönt ist), Peter M. Day und David E. Wilson beschreiben eindrücklich die Bedeutung der Landschaft für die besondere Rolle von Knossos

Die meisten Beiträge aber behandeln weniger den Gegenstand als die Wirkungsgeschichte, wissenschaftssoziologische oder allgemein soziologische Fragen, wobei sie einen gewaltigen methodischen Überbau vor sich her tragen.

John C. McEnroes Aufsatz über die Geschichte der Ausgrabungen auf Kreta im politischen Umfeld der Vorkriegszeit 1898-1913, Louise Hitchcocks und Paul Koudounaris' Abrechnung mit Arthur Evans' Beton-Rekonstruktion von Knossos, sowie Donald Preziosis Essay über die Bedeutung des Museumsbetriebs als national[istisch]er Erziehungsanstalt sind dabei durchaus lesenswert. (Sein Hinweis auf die Freimaurerei als Ursprung des Museums-Gedankens hat mich ziemlich verblüfft.)

Ein Negativbeispiel ist für mich ein Aufsatz von Carl Knappett, der die Keramikfunde mit der damaligen Gesellschaft in Beziehung setzet, dafür einen riesigen soziologischen Schematismus aufbaut, und von Bourdieu über Durkheim und Malinowski alles bemüht, was einen soziologischen Namen hat, dies alles aber einfach nur dogmatisch behauptet. (Dies ist auch John Bennet aufgefallen, der - originell - als letzten Aufsatz dieses Sammelbandes gleich eine Buchbesprechung des Buches selbst liefert.)

Bei all dieser methodischen Selbstreflektion fällt mir beispielsweise auf, dass Aleydis Van de Moortel sich in ihrem Beitrag zwar sehr darum bemüht, Keramikfunde in Beziehung zu setzen zu sozialen und politischen Verhältnissen, dabei aber "Kostenreduktion", "Profit", "Preis" und andere auf Geldwirtschaft bezogene ökonomische Begriffe verwendet, ohne klarzumachen, was diese Begriffe in Abwesenheit von Geld bedeuten. Wie kann ein eigenständiges ökonomisches Subsystem denn ohne eine durch Geld vermittelte Warenwirtschaft existierten? Vielleicht fehlt mir ja der wissenschaftliche Hintergrund, das zu verstehen. Oder aber die Selbstreflektion ist doch weniger voraussetzungsfrei als den Autoren klar ist.



Alpha Beta. How our alphabet shaped the western world: How 26 Letters Shaped the Western World
Alpha Beta. How our alphabet shaped the western world: How 26 Letters Shaped the Western World
von John Man
  Taschenbuch
Verfügbarkeit: Derzeit nicht verfügbar.

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Ein komplexes Thema locker aufbereitet, 16. August 2003
John Man's Text über die Entstehung des Alphabets ist ein Essay in bestem Sinn. Mit lockerer Schreibe, die den Journalisten erkennen lässt, spannt er einen weiten Bogen von der vermutlichen Entstehung der Buchstabenschrift im Ägypten der Hieroglyphenzeit, über die verschiedenen semitischen, hebräischen, kanaanitischen Vorformen bis hin zu Ugarit, den Phöniziern, Griechen, Etruskern und Lateinern.

Dabei würzt er seinen Text über ein vermeintlich trockenes Thema mit amüsanten Anekdoten und unterhaltsam Zugaben. Auf die sprachwissenschaftliche Theorie geht er immer gerade so weit ein, dass man versteht, da ist noch mehr dahinter, und froh ist, dass er uns die Einzelheiten erspart.

John Man's These: Erst mit der Einführung des Alphabets war es möglich, dass jedermann lesen und schreiben lernen und generalisierende Wissenschaft entstehen konnte. Darin war es den Silbenschriften voraus, die immer eine Geheimwissenschaft von Eliten blieben.

So plausibel seine Thesen sich anhören, bleibt der Text auch in dem Sinn ein Essay, dass er mutig Ideen zusammenknüpft, ohne sich in jedem Moment zu fragen, ob seine Konstruktionen auch jedem Einwand standhalten. Immerhin entgeht ihm jedoch nicht, dass mit China zumindest eine Weltkultur existiert, die erfolgreich einen anderen Weg gegangen ist.

Als leichte Lektüre zu einem komplexen Thema kann ich das Buch sehr empfehlen.



Platon und die Erfindung von Atlantis
Platon und die Erfindung von Atlantis
von Heinz-Günther Nesselrath
  Gebundene Ausgabe
Verfügbarkeit: Derzeit nicht verfügbar.

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Kurz und knapp, 27. April 2003
Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug erst in der Dämmerung. So oder ähnlich drückte Hegel aus, dass die Stimme der Vernunft oft recht grau in grau daherkommt. Im vorliegenden Fall tritt sie derart unscheinbar auf, dass ich das Büchlein von Heinz-Günther Nesselrath beim Auspacken des Kartons fast versehentlich zusammen mit dem Lieferschein weggeworfen hätte.

Der Autor stellt sehr knapp einige neuere Atlantis-Bücher vor (u.a. Zangger, Flem-Ath, Luce, Castleden, Collins, Freksa), und es genügt schon, diese Theorien derart nebeneinanderzustellen, um sie alle miteinander ins Lächerliche zu ziehen.

Nesselrath zeigt, dass jeder, der an die Wahrheit von Platos Atlantisgeschichte glaubt, diese erheblich zurechtbiegen muss. Aus meiner Sicht ist das nicht weiter schlimm, solange man überzeugt ist, dass der Überlieferungsweg der Geschichte, wie er bei Plato skizziert wird (von ägyptischen Priestern in Saïs über Solon bis zu Plato selbst), auf Tatsachen beruht. Genau das aber wird von Nesselrath bestritten.

Mir fällt auf, dass Nesselrath an dieser Stelle ähnlich mit Plausibilität argumentiert wie die von ihm attackierten Atlantologen. Er bringt durchaus gute Gründe dafür, dass Plato sich die ganze Sache einfach ausgedacht hat. Aber kann man es wissen? Echte Beweiskraft pro Atlantis hätte eine von Plato unabhängige Quelle. Eine solche liegt nicht vor. Echte Beweiskraft contra hätte ein Geständnis des Angeklagten Plato. Auch ein solches gibt es nicht.

Bis dahin bleibt es die Rolle der "kühnen Geister", zu suchen, ob sich nicht doch etwas finden lässt, und bleibt es die Rolle der kritischen Wissenschaft, dies alles kurz und knapp für Hirngespinste zu erklären. Kurz und knapp wie hier.

Bewertung: Als sanity check durchaus lesenswert, ist aber eindeutig zu wenig Buch für's Geld.

Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 18, 2007 6:18 PM CET


Unearthing Atlantis:: An Archaeological Odyssey to the Fabled Lost Civilization
Unearthing Atlantis:: An Archaeological Odyssey to the Fabled Lost Civilization
von Charles R. Pellegrino
  Taschenbuch
Verfügbarkeit: Derzeit nicht verfügbar.

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Die ganz grossen Zusammenhänge, 25. Januar 2003
Pellegrino ist Paläontologe. Sein Blickwinkel sind die Jahrmillionen, und vor diesem Hintergrund schrumpft der bronzezeitliche Vulkanausbruch auf Thera zu einer Episode: Unter der Bimssteinschicht liegt die minoische Stadt, darunter eine weitere, steinzeitliche. Darunter befinden sich Knochen von Zwergelefanten, die diesen Ort bevölkerten, als er noch keine Insel war. Darunter sind Muscheln, die dort wuchsen, als er am Grunde des Meeres lag. Darunter Dinosaurierknochen.
Pellegrino ist Bestsellerautor. Er schreibt sehr gut lesbar. Süffig. Er stellt die ganz grossen Zusammenhänge her und ob es alles im Detail so stimmt, ist nicht seine Sorge. Manchmal habe ich den Verdacht, er behauptet Dinge einfach weil sie gut klingen.
Sehr interessant ist in dem Buch die Geschichte der Ausgrabung auf Thera und welche Rolle Akrotiris Ausgräber Spyridon Marinatos, seine Tochter Nanno und sein Schüler und Nachfolger Christos Doumas spielen und spielten.
Das Buch liest sich ausgezeichnet im Urlaub. Es regt dazu an, über die Vergänglichkeit und den Sinn des Lebens nachzudenken und öffnet Perspektiven. Es ist sicher kein wissenschaftliches Werk.

Atlantis Destroyed
Atlantis Destroyed
von Rodney Castleden
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 74,99
Verfügbarkeit: Auf Lager. Zustellung kann bis zu 2 zusätzliche Tage in Anspruch nehmen.

4.0 von 5 Sternen Faszinierende Zivilisation - mit oder ohne Plato, 2. Januar 2003
Rezension bezieht sich auf: Atlantis Destroyed (Gebundene Ausgabe)
Auf den ersten Blick geht es Castleden in dem Buch darum, den Nachweis zu führen, dass das von Plato beschriebene Atlantis identisch ist mit der untergegangenen minoischen Zivilisation auf Kreta und Thera.
* Das Beste an dem Buch waren für mich die immerhin zwei Drittel des Textes, die aus einer sehr guten und ausführlichen Beschreibung des unter dem Bimsstein konservierten Akrotiri als "Fenster in die Bronzezeit" bestehen, einschliesslich interessanter Details aus der Geschichte dieser Ausgrabung. Hier zeigt sich eine faszinierende Hochkultur, die es sozusagen auch ohne Plato Wert wäre, Atlantis genannt zu werden. Es gelingt Castleden gut, diese Kultur lebendig werden zu lassen, wenn auch um den Preis, manchmal etwas mutige Schlussfolgerungen aus dem archäologischen Material zu ziehen.
* Lesenswert ist auch Castledens Auseinandersetzung mit verschiedenen Anspielungen Platos auf Sparta, Syracus auf Sizilien, sowie innenpolitische Verhältnisse in Athen, die nachweisbar alle in die Atlantis-Erzählung hineingemischt wurden und diese als politische Satire lesbar machen.
* Nicht überzeugt hat mich die Verknüpfung dieser beiden Stränge: Ob die Atlantis-Story wirklich von ägyptischen Priestern über Solon zu Platon gelangt ist, welche der Passagen Platos als prä-historische Überlieferung ernst zu nehmen sind, welche als Beimengungen, Übertreibungen oder politischer Satire, das erscheint mir wenig fundiert und ziemlich willkürlich. Klar ist nach der Lektüre jedenfalls, dass Platos Geschichte nicht einfach wörtlich genommen werden kann, und wenn man mal so weit ist, dann kann sich jeder das herauspicken, was ihm gerade ins Zeug passt.

Die Insel der Göttin
Die Insel der Göttin
von Peter Danielson
  Taschenbuch
Verfügbarkeit: Derzeit nicht verfügbar.

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen Fantasy in Mesopotamien, 8. Dezember 2002
Rezension bezieht sich auf: Die Insel der Göttin (Taschenbuch)
Ich habe das Buch von Peter Danielson gelesen, weil ich daran interessiert war, wie er in einem Roman das Leben im minoischen Kreta lebendig werden lässt.

In diesem Sinne war das Buch für mich eine Enttäuschung: von den 350 Seiten des Bandes spielt genau ein Kapitel von 41 Seiten auf "Kreta" selbst, einige weitere Abschnitte von insgesamt 43 Seiten schildern "Kreter" bei der Eroberung einer fremden Stadt, aber man hat den Eindruck, dass Danielson überhaupt kein Interesse an den Minoern und ihrer besonderen Zivilisation hat.

In Wirklichkeit geht es in diesem Fortsetzungsband zu "Im Zeichen des Löwen" nicht um einen Roman, der dem konkreten Leben in der damaligen Zeit nachspüren würde, sondern um eine Fantasy-Geschichte, die sich um den biblischen Jakob und die Nachkommen Kains dreht, die mit Kainsmal (= Zeichen des Löwen) versehen ihr Leben der Schmiedekunst gewidmet haben. Der Roman spielt in seinem Kern in Mesopotamien, und das Leben der Männer dort scheint hauptsächlich darin zu bestehen, Köpfe und andere Körperteile abzuhacken, Huren und andere Frauen zu benutzen und kleine schmutzige Geschäfte zu machen.

Nur ein Hinweis: zu dieser Zeit war das Geld, wie wir es kennen, noch nicht erfunden. Wenn schon kleine schmutzige Geschäfte, dann müssen sie anders abgewickelt worden sein. Mit solchen Kleinigkeiten hält Danielson sich allerdings nicht auf.



Aegean Art and Architecture (Oxford History of Art)
Aegean Art and Architecture (Oxford History of Art)
von Donald Preziosi
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,99
Verfügbarkeit: Auf Lager.

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Wertvoll für ein Studium der minoischen Architektur, 13. Oktober 2002
Das Buch macht es einem nicht gerade einfach, einen Einstieg zu finden. Es dauert schlappe 44 Seiten, bis die Autoren ihr wissenschaftsmethodisches Geplänkel hinter sich lassen (mit drohendem Zeigefinger verkünden sie z.B., ihr Buch sei kein historischer Roman, S.27) und zu ihrem eigentlichen Anliegen kommen: einer präzisen und kritischen Bestandsaufnahme ausgewählter archäologischer Funde aus der bronzezeitlichen Ägäis, und vor allem aus Kreta.
Nachdem ich mich durchgekämpft habe, stelle ich fest, dass ich einiges gelernt habe. Die Stärke des Buchs liegt in der gründlichen Auseinandersetzung mit der Architektur und auch in der Quellenkritik. Ein interessanter Fall dubioser Quellen ist der "Lilienprinz", ein minoisches Fresko, das es immerhin auf das Buch-Cover eines anderen guten Buches über dieses Thema (Castleden, Minoans) gebracht hat. Ein Priester-König mit Federkrone, der ein heiliges Tier zum Opferaltar führt? Oder aber Fragmente von mehreren Bildern, die unter anderem eine Sphinx, eine Frau oder einen Gott mit Szepter darstellen? Wenn wir ehrlich sind, wir wissen es nicht, und Arthur Evans hat einfach eine gute Geschichte erzählt.
In der Auseinandersetzung mit der Bauwerken bringt der Text etliche interessante Details: dass die Proportionen der West-Fassade des zweiten Palastes von Phaistos nach den Zahlen der Fibonacci-Folge gestaltet sind und welche topologischen Gemeinsamkeiten sich bei den sprichwörtlich labyrinthisch-verwirrenden Bauplänen der minoischen Gebäude­komplexe ausmachen lassen: das ist alles überzeugend und kompetent dargestellt.
Der wirkliche Skandal ist ja, dass wir immer noch so wenig über das Leben dieser Menschen wissen und ihre Schrift nicht lesen können. Und auch Preziosi/Hitchcock können gar nicht anders, also dort, wo sie wirklich in ihr Thema einsteigen, Vermutungen und Vergleiche anzustellen, die aus unserer heutigen Zeit gespeist sind ("the palace compound looks very much like the headquarters of the town's evidently quite prosperous import-export business", S.109). Für mich fängt es gerade an diesem Punkt an, spannend zu werden.
Zum Schluss meine Empfehlung: Wer sich tiefergehend mit den Bauwerken der Minoer auseinandersetzen will, sollte das Buch unbedingt lesen. Als Einstieg in die Auseinandersetzung mit der bronzezeitlichen ägäischen Zivilisation ist es bedingt geeignet, vom Begriffspaar "Kunst und Architektur" des Titels ist eigenlich nur die Architektur systematisch behandelt, und im Gegensatz zum Werbetext möchte ich es Urlaubsreisenden nicht ins Reisegepäck geben.

Die Feuer von Troia
Die Feuer von Troia
von Marion Zimmer Bradley
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90
Verfügbarkeit: Auf Lager.

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen Nur nicht zuviel darüber nachdenken!, 15. September 2002
Rezension bezieht sich auf: Die Feuer von Troia (Taschenbuch)
Die Troja-Geschichte als Abenteuerroman aus der Sicht der Kassandra: ein guter Stoff. Noch dazu von einer Autorin, die fesselnd zu schreiben weiss.
Ich habe den Roman mit Interesse und bis zu Ende gelesen, fand ihn spannend und unterhaltsam. Die Figuren der Ilias sind recht schön plastisch dargestellt.

Allerdings: man darf nicht anfangen, darüber nachzudenken. Leider habe ich's dann doch gemacht, und meine Wertschätzung ist ein wenig nach unten gerutscht.
Ein paar Beispiele:
(1) Das Treiben der Götter, die auf Kosten der Menschen ihre Spielchen spielen, wird ganz wörtlich genommen. Die Götter erscheinen tatsächlich in Person. Gleichzeitig lässt die Autorin immer ein kleines Hintertürchen offen, was deren wahre Natur angeht. Denn das Denken der Beteiligten, v.a. Kassandras, ist modernes Denken. Nach diesem wären die Götter aber psychologisch wegzuerklären.
(2) Die Autorin macht insgesamt gar keinen Versuch, sich in das Denken einer Frau hineinzuversetzen, die vor 3200 Jahren gelebt hat. Deshalb erscheint mir die Darstellung der Kassandra auch viel schwächer als etwa bei Christa Wolf, wenngleich diese sich nicht so süffig liest.
(3) Nur am Rande: Erstaunlich, dass als einzig männliche Lichtgestalt in diesem feministischen Setting Aeneas auftritt, der sich nach Italien absetzt. Wären demnach die Römer die wahren Nachfolger der Amazonen?



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