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Volkmar Weiss
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Das erste Leben der Angela M.
Das erste Leben der Angela M.
von Ralf Georg Reuth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Endlich, endlich!, 18. Mai 2013
Endlich enthüllen uns die Wessis, wie das in der DDR war. Sie können es sich zwar nicht vorstellen, aber sie haben wenigstens eine feste Meinung dazu.
Der Wessi kennt Leute mit doppeltem Boden nur von Extremistendemonstrationen. Da laufen soviel V-Leute dabei mit, daß niemand mehr weiß, wer da wirklich glaubt, was er sagt oder schreit. Wenn er denn nur dafür bezahlt wird.
Daß der gesamte Stamm der Ostgoten durch die Besatzungsmacht und die darauf folgende Macht der Umstände jahrzehntelang zur Doppelzüngigkeit verurteilt war, nein, das können die Westgoten nicht begreifen. Das sollte man auch gar nicht von ihnen verlangen.

Doch für die Recherche der Fakten und die schönen Bilder einer schlanken und jugendlichen Angela Merkel, dafür vier Sterne. Die Frau ist nun einmal viel klüger als die Männer, mit denen sie in der Politik zu tun hat.

Das eigentlich Interessante sind die Charaktereigenschaften der Bundeskanzlerin, die schon bis 1990 klar zu erkennen sind: Opportunismus bis zur scheinbaren Selbstaufgabe, das Fehlen eigener Ideen oder gar eigener Vorschläge, der vorauseilende Gehorsam gegenüber einer vermuteten Mehrheit, die Abhängigkeit vom Zeitgeist ohne tiefe kritische Befähigung (wie es in der Klima- und Energiepolitik deutlich wird) oder gar eigene Weitsicht. Aber wenn sie die Eigenschaften aufwiese, deren Fehlen man bei ihr bemängelt, dann wäre sie untauglich zur Bundeskanzlerin der Deutschen von heute.

Aber geben uns gerade diese Charaktereigenschaften nicht auch wieder Hoffnung? Wenn Angela M. sich bis 1990 gezwungen sah, öffentlich etwas anderes zu sagen als insgeheim zu denken, dann sollte man vielleicht darauf vertrauen, daß die schlaue Frau auch heute noch dazu in der Lage ist. Nehmen wir zum Beispiel an, sie und Schäuble seien schon längst zu der Einsicht gelangt, früher oder später werde die Euro-Zone in der jetzigen Form zusammenbrechen, gäbe es eine Möglichkeit, das öffentlich zu sagen? Nein. So können wir nur hoffen, daß die einstige FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda schon lange eine allergeheimste Planungsgruppe eingesetzt hat, die an der Wunderwaffe einer Euro-Metamorphose der mitteleuropäischen Staaten arbeitet. Es kommt eben darauf an, genau den Moment abzuwarten, in dem die Bankrotten das zuerst und selbst als ihre Erlösung begreifen. Erst dann kann Klartext gesprochen werden. Aber so weit sind wir noch nicht. Das versteht die kluge Kanzlerin besser als ihre Kritiker. Sie wird im richtigen Moment ihren Mantel schon nach dem Wind hängen, so wie 1990.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 20, 2013 7:04 PM MEST


Wurde Amerika in der Antike entdeckt?: Karthager, Kelten und das Rätsel der Chachapoya
Wurde Amerika in der Antike entdeckt?: Karthager, Kelten und das Rätsel der Chachapoya
von Hans Giffhorn
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sechs Sterne, 4. Mai 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
In Chitral in den Bergen Pakistans leben noch heute Reste der zum Teil blonden und blauäugigen Kalash-Kafir, die der Überlieferung nach von Soldaten Alexander des Großen abstammen sollen. Bei Ausgrabungen in den ältesten Hügelgräbern in der Mongolei fand man blonde Krieger. Daß die Wikinger vor 1000 Jahren Nordamerika zwar erreichten, aber nicht erfolgreich besiedelten, gilt heute als gesichertes Wissen. Die Polynesier haben die entlegenen Osterinseln und Hawaii erreicht. Daß wenige auch bis Amerika kamen, dafür gibt es einige Indizien.

Vor der Eroberung durch die Spanier waren die Kanarischen Inseln schon lange von den hellhäutigen Guanchen besiedelt. Doch nun, blonde Indianerkinder mit Sommersprossen in entlegenen Bergdörfern der peruanischen Anden? Giffhorn behauptet das nicht, sondern belegt das mit Fotografien von Kindern, die ebensogut in Spanien aufwachsen könnten.

Der Verfasser verleugnet auf keiner Seite sein wissenschaftliches Denken und Schlußfolgern, das heißt er ist selbst sein erster Kritiker. Im Jahre 1500 wurden portugiesische Schiffe unter Cabral, die auf ihrem Weg nach Indien Afrika umsegeln wollten, vom Nordostpassat an die Küste eines neuen Kontinents getragen. Deshalb spricht man heute in Brasilien portugiesisch. Doch war diese Route schon den Phöniziern und Karthagern bekannt? Giffhorn durchsucht die alten Überlieferungen und wird fündig. Am wahrscheinlichsten erscheint ihm, daß die karthagische Flotte aus Spanien, die nach dem Untergang Karthagos vor den Römern durch die Straße von Gibraltar floh, Kurs auf Südamerika genommen hat.

Wäre es so gewesen, dann ließen sich mehrere sehr rätselhafte Funde in Südamerika in einen Zusammenhang bringen: die Felsgravuren am Pedro do Inga mit keltiberischen Schriftzeichen, der Kulturschub vor etwa 2000 Jahren auf der Insel Marajo in der Amazonsmündung und der Fund einer antiken Axt im Amazonasbecken.

Giffhorn vermutet, daß die Siedler sich amazonasaufwärts in Etappen bewegten, sich auch Indianerfrauen nahmen, bis sie die Anden in Peru erreichten.

Über die Kultur der Chachapoyas und ihren Untergang wird im Buch und in den anderen Rezensionen soviel geschrieben, daß ich mich darüber nicht auslassen brauche. Nicht alles, was Giffhorn vermutet, wird sich endgültig bestätigen lassen. Den Beweis, der mich selbst als Humangenetiker mit Spezialausbildung in Physischer Anthropologie vollständig überzeugt, den hat Giffhorn jedoch geliefert: Die molekulargenetischen Untersuchungen, die er bei blonden und sommersprossigen Indianerkindern mit einheimischer Herkunft in entlegenen Andendörfern Perus durchführen ließ, verweisen unzweideutig auf eine Herkunft der Gene aus Südwesteuropa.

Das Buch liest sich wie ein spannender Kriminalroman. Nur ein Sachregister fehlt an der Vollkommenheit.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 17, 2013 4:13 PM MEST


Intelligenz - Große Unterschiede und ihre Folgen
Intelligenz - Große Unterschiede und ihre Folgen
von Elsbeth Stern
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Das Buch bringt kaum Nutzen, richtet aber auch keinen Schaden an, 24. April 2013
"Dass sich aber nicht hinter jedem Loch eine Maus versteckt, geht über den Horizont einer Katze hinaus", meinen die Verfasser, die damit zeigen, daß sie keine guten Naturbeobachter sind. Denn Tiere sind klüger. Doch die Addition von zwei Psychologie-Professoren und ihrer Mitarbeiterstäbe garantiert eben noch kein besonders intelligentes Buch über Denkkraftunterschiede.

Schon mit dem allerersten Satz des Buches nageln sich die Verfasser selbst ein Brett vor den Kopf: Die Intelligenz sei normalverteilt wie die Gaußsche Glockenkurve. Die Verteilung des Lesegeschwindigkeitstests (der 2000 in Österreich in der Studie PISA Plus 2000 durchgeführt worden ist und dessen Ergebnisse von K. Lander veröffentlicht worden sind. Innsbruck 2001, S. 119-130; Hrsg: G. Haider und B. Lang) zeigen eine auseinandergezogene schiefe Verteilung, die weit, weit von einer Normalverteilung entfernt ist. Solche schiefen und ähnliche Verteilungen zeigen die Rohtestwerte zahlreicher Subtests von Intelligenztests. Diese Verteilungen werden jedoch von den Psychologen auf die Normalverteilung des IQ standardisiert, wie weiter hinten im Buch dann richtig ausgeführt wird. Der tatsächliche Leistungsunterschied der Denkkraft zwischen dem IQ 80 und IQ 130 beträgt aber nicht 50%, wie der Zahlenwert dem Unwissenden suggeriert, sondern in Rohtestwerten das Drei- bis Vierfache. Das ist ein seit Jahrzehnten bekanntes Ergebnis der Schule der Infomationspsychologie, gefunden von Prof. Helmar Frank, siehe Bildungskybernetik, und Siegfried Lehrl und Mitarbeitern. Aber die beiden deutschen Kollegen im Literaturverzeichnis dieses Buches? Nicht doch, man zitiert andere und englische Arbeiten, die fast alle von Frank und Lehrl profitiert haben, aber so tun, als hätten sie davon nie gehört.

Nicht um alle heißen Eisen wird von Stern und Neubauer ein Bogen geschlagen, nur um die heißesten. Richard Lynn und Tatu Vanhanen waren es, die in ihrem Buch IQ and the Wealth of Nations (Human Evolution, Behavior, and Intelligence) die Ergebnisse von einem Jahrhundert IQ-Tests zusammenstellten und die IQ-Mittelwerte der Länder in Beziehung zu ihrem Bruttosozialprodukt stellten. Das ergibt einen ganz klaren Zusammenhang! Und als man dann noch feststellte, daß die in die IQ-Skala umgerechneten PISA-Ergebnisse so gut wie identisch mit den Mittelwerten der Intelligenztests sind, hatte Richard Lynn damit ein Tor aufgestoßen und den wichtigsten Beitrag der Intelligenzforschung im letzten Vierteljahrhundert geleistet. Doch wird Richard Lynn von Stern und Neubauer auch nur einmal genannt oder zitiert? Fehlanzeige! Und warum nicht? Weil das Professorenduo in Gedanken schon die Demonstranten mit Che Guevara-Bildern vor ihren Instituten sieht und weiß, wenn sie der Wahrheit ihre Stimme leihen, dann müssen sie mit Anschuldigungen wegen "Rassismus der Intelligenz" rechnen. Auch die Deutsche Verlags-Anstalt wünscht nicht, daß die Thematik vertieft wird. Sie hat mit Sarrazin mehr riskiert und daran verdient, als erwartet.

Das Buch hat einige starke Stellen, bei denen die Verfasser Rückgrat zeigen. IQ-Unterschiede kommen vor allem durch genetische Unterschiede zustande, bestätigen sie. "Gute Lernbedingungen vergrößern die Unterschiede auf hohem Niveau." - Ganz klar wird auf den Zusammenhang zwischen IQ, schulischem Erfolg und beruflicher Qualifikation hingewiesen und darauf, daß die gefundenen Korrelationen hohe sind. - Am besten gefallen haben mir die Ausführungen über die Gymnasialquote in der Schweiz, wo man nur maximal 20% eines Jahrgangs für studierfähig hält und die Abbrecherquote in einigen Studienfächern drastisch senken konnte, indem man den Numerus clausus einführte und die Anforderungen zur Zulassung erhöhte. Bei Gymnasiallehrern wird in der Schweiz angestrebt, daß ihr IQ nicht niedriger ist als der ihrer Schüler.

Stern spricht bei ihren Bildungsstudien oft pauschal von "Akademikerkindern". Doch wer ist ein Akademikerkind? Wenn der Vater Akademiker ist oder die Mutter oder beide? Ein Riesenunterschied auch, ob es sich bei den Eltern um Angehörige der MINT-Berufe handelt (mit einem IQ über 125) oder etwa Sozialwissenschaftler mit einem mittleren IQ um 115. Die Verfasser glauben, zwischen Begabten und Hochbegabten beständen in vieler Hinsicht keine qualitativen Unterschiede. Doch Eltern, die beide MINT-Berufe ausüben, deren Kinder haben zu 98% wieder einen mittleren IQ über 125; Sozialwissenschaftler nur etwa 25% solche Kinder. Eltern, bei denen nur ein Teil (egal, ob Vater oder Mutter) hochbegabt ist, zu 50%. Solche Familienstatistiken und Familienstudien werden von dem Verfasserduo überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn mögliche Schlußfolgerungen daraus. - Auch die Regression auf die Gruppenmittel bei Testwiederholungen, Zensuren usw. entzieht sich völlig ihrer Aufmerksamkeit. - Finnland hat nicht nur bei PISA überrascht, sondern war in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch das einzige Industrieland, in dem die ursprüngliche positive Korrelation zwischen Kinderzahl einerseits und Bildungsgrad und Einkommen der Eltern andererseits noch lange weiterbestand.

Wer Intelligenz: Fakten und Mythen, Ist Intelligenz erblich?: Eine Klarstellung und Die Intelligenz und ihre Feinde: Aufstieg und Niedergang der Industriegesellschaft kennt, der weiß mehr, als er bei Stern und Neubauer erfahren kann.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 30, 2013 5:15 PM MEST


Wetternachhersage - 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen
Wetternachhersage - 500 Jahre Klimavariationen und Naturkatastrophen
von Christian Pfister
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unerwünschtes Wissen, 19. April 2013
1994 wurde eine junge Politikerin Bundesministerium für Umwelt. Von Wetter und Klima hatte die Frau nicht mehr Ahnung als irgendein gebildeter und weltoffener Durchschnittsbürger. Ihre Amtszeit fiel jedoch in der Schlußphase einer Erwärmung, nicht nur des mitteleuropäischen Klimas. Eine Erwärmung auch schon allein deswegen, weil es vordem einige Jahrzehnte lang durchschnittlich etwas kälter gewesen war. Woher sollte die Ministerin das aber wissen? Jede Kindergärtnerin muß alle möglichen Qualifikationsnachweise erbringen, wenn sie voll bezahlt werden will. Für Politiker gilt das allerdings nicht.

Der Ministerin kamen aber in ihrer Amtszeit eine Menge Papiere und Gutachten auf den Tisch, die in alarmierender Weise einen drohenden Klimawandel an die Wand malten. Es ist die übliche Wichtigtuerei einiger Fachleuten, wenn sie glauben, durch das Erzeugen von Ängsten wie Angst vor dem Artensterben, vor Neophyten, vor einer drohenden Eiszeit, drohenden Vogelgrippeseuche usw. Wasser auf ihre Mühlen zu lenken. Durch das Schüren von Ängsten werden die Politiker praktisch erpreßt, öffentliche Mittel auf die Forschungsgebiete der Wissenschaftler zu lenken und Organisationen zu finanzieren, die von der Panikmache profitieren. Die Ministerin hatte nicht die Zeit, sich umfassend und kritisch über das wissenschaftliche Für und Wider eines Klimawandels zu informieren und nahm es als eine Tatsache an. Sie hat auch persönlich nicht den Charakter dazu, da sie lieber dem Druck von Mehrheiten nachgibt und aktuelle Mehrheitsmeinungen auch in der Wissenschaft für Wahrheiten hält, die man nicht hinterfragen sollte. Denn für einen Politiker ist es stets besser, mit der Mehrheit zu irren, als mit einer Minderheit recht zu behalten oder gar alleine. Letzteres zahlt sich gar nicht aus, denn dazwischen liegt irgendwann das Ende der Karriere. Also rettet man lieber das Klima durch die Verringerung des CO2-Ausstoßes, so unsinnig es auch sein mag.

Das Weltklima, die Atemluft und das Meerwasser sind Allgemeingüter der gesamten Menschheit. Bei Allgemeingütern gewinnt derjenige am meisten davon, der sie ohne Rücksicht auf die anderen ausnutzt. Und derjenige schädigt sich und seine Volkswirtschaft, der sich selbst Beschränkungen auferlegt, die von anderen nicht mitgetragen werden. Länder wie Rußland, Kanada, Finnland und Schweden gewännen mit Sicherheit von einer Weltklima-Erwärmung. Ihr Interesse an irgendeinem Abkommen kann deshalb nur Heuchelei sein. Für China, Indien und andere wäre ein Klimaabkommen wirtschaftlicher Selbstmord. Angesichts der Interessenlage bei Allgemeingütern (Hardin: "The tragedy of the commons") kann man mit Sicherheit davon ausgehen, daß jede Weltklimakonferenz nichts anderes als Verschwendung von Zeit und Geld ist und nichts dabei herauskommen kann.

In den letzten zwei Jahrhunderten hat es die Menschheit fertiggebracht, bereits die Hälfte aller in Jahrmillionen entstandenen fossilen Brennstoffe zu verbrennen, davon die Hälfte des Erdöls im letzten halben Jahrhundert. Es ist möglich und sogar wahrscheinlich, daß dadurch die Erde ein wenig aufgeheizt worden ist. Es ist mittelfristig nicht sicher, ob diese menschliche Beeinflussung die natürlichen Klimaschwankungen übertreffen wird. Und es ist deshalb auch nicht sicher, ob menschliche Anstrengungen das Weltklima in einer gewünschten Richtung verändern können. Denn das Klima hat sich schon immer verändert. Das Klima hat sich im Laufe der Erdgeschichte ohne Zutun des Menschen schon viel stärker verändert als mit seinem Beitrag und während der Eiszeiten sogar in mehreren Wellen.

Es gibt darüber sehr gute Bücher darüber, siehe Klimageschichte Mitteleuropas. 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen und Kulturgeschichte des Klimas: Von der Eiszeit bis zur globalen ErwärmungEine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. Dieses Buch hier von Pfister ist eines, das jeder kennen sollte, der etwas zum Thema Klimawandel beitragen möchte oder muß, zum Beispiel als Abgeordneter eines Parlaments. Wir hatten eben den März 2013, den kältesten März seit 130 Jahren in Mitteldeutschland. Bei Pfister kann man nachlesen, wann derartige extreme Wetterlagen in den letzten 500 Jahren in der Schweiz aufgetreten sind, wann extreme Hochwasser, extreme Dürre usw.

Aber will man das wissen? Das Buch ist vergriffen und wird nicht wieder aufgelegt. Also besser, man weiß es nicht. Denn dann müßte man zugeben, daß man sich als Politiker in eine Klimahysterie hat treiben lassen und sich mit den "Weltklimazielen" im Grunde genommen vor der Ewigkeit lächerlich macht. Time and tide wait for no man.

Seit 1998 wird es in Mitteleuropa auch gar nicht mehr wärmer. Die frühere Ministerin könnte das als Erfolg ihrer Politik verkaufen. Aber bisher erhebt man noch nicht diesen Anspruch, ahnt die Lächerlichkeit. In den Tageszeitungen konnte man allerdings schon lesen, daß die Winter jetzt bei uns wieder kälter werden, eben weil das Klima wärmer wird. Das ist ja zwingend logisch! Der Direktor des Instituts in Potsdam, der das herausgefunden hat, wird von der Regierung bezahlt.

Chronik von Dorfhain: Band 3: Das Dorf in der Umwelt
Chronik von Dorfhain: Band 3: Das Dorf in der Umwelt
von Helmut Petzold
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Band 3 eines monumentalen Gesamtwerks, 18. April 2013
Die Gesamtrezension für die drei Bände habe ich bereits zu Band 1 verfaßt, so daß ich den Text an dieser Stelle nicht noch einmal wiederholen möchte und darauf verweise. Die Inhalte der Kapitel des inhaltsschweren Bandes 2 können in meiner Rezension dieses Bandes nachgelesen werden.

Der Band 3 umfaßt unter dem Titel "Das Dorf in der Umwelt" 728 Seiten und kann nur direkt vom Cardamina-Verlag für 40 Euro bestellt werden, leider also noch nicht mit einem Klick bei amazon.de. Der Band 3 enthält die folgenden Kapitel: 17 Amt und Obrigkeit S. 778-807; 18 Lasten, Dienste und Gefälle S. 808-924; 19 Das Recht S. 925-963; 20 Straßen, Eisenbahn, Post und Zeitung S. 964-1009; 21 Dorfhain in den Kriegen S. 1010-1128; 22 Widerstände, Auflehnungen, revolutionäre Regungen, Klassenkämpfe S. 1129-1215; 23 Historische Flurnamen S. 1216-1264; 24 Zahl und Maß S. 1265-1299; 25 Anhang: Urkundenauszüge S. 1300-1320.

Wer im mitteldeutschen Raum selbst die Chronik eines Dorfes verfassen möchte, dem kann die Petzoldsche Arbeit über Dorfhain als Grundlage dringend empfohlen werden. Auch für Studenten der Geschichte und Geschichtslehrer bietet die Chronik das Fleisch, von dem Geschichtskenntnisse leben sollen.

Chronik von Dorfhain: Band 2: Das Dorf und seine Bewohner
Chronik von Dorfhain: Band 2: Das Dorf und seine Bewohner
von Helmut Petzold
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Band 2 eines monumentalen Gesamtwerks, 18. April 2013
Die Gesamtrezension für die drei Bände habe ich bereits zu Band 1 verfaßt, so daß ich den Text an dieser Stelle nicht noch einmal zu wiederhole brauche und darauf verweise.

Der Band 2 umfaßt unter dem Titel "Das Dorf und seine Bewohner" 684 Seiten und kann nur direkt vom Cardamina-Verlag für 40 Euro bestellt werden. Der Band enthält die folgenden Kapitel: 7 Die Bauern auf ihren Gütern, S. 260-321; 8 Die Häusler S. 321-338: 9 Handwerker und Häusler S. 339-4033; 10 Der Wald als Lebensraum S. 404-493; 11 Flößer und Kohlwesen S. 494-517; 12 Der Bergbau S. 518-579; 13 Industrie und Technik S. 580-597; 14 Wohnung, Nahrung, Kleidung S. 598-643; 15 Jung und Alt, Arm und Reich S. 644-716; 16 Brauch und Glaube, Tun und Reden S. 718-77.

Wichtig ist auch der Hinweis, daß von Dorfhain 2011 auch ein Familienbuch für die Jahre 1600-1935 erschienen ist (in der Reihe Ortsfamilienbücher Mitteldeutschlands als Band 5), verfaßt von Helmut Petzold, Stefanie Scharf und Thomas Wacker. Dieser Band kann vom Cardamina-Verlag für 36 Euro bezogen werden. Familienbuch und Chronik ergänzen sich in hervorragender Weise.

Chronik von Dorfhain: Band 1: Das Dorf als Gemeinwesen
Chronik von Dorfhain: Band 1: Das Dorf als Gemeinwesen
von Helmut Petzold
  Gebundene Ausgabe

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Monumentales Werk, 15. April 2013
Der vom Verlag gewählte Titel "Chronik" läßt eine Reihung der Ereignisse in zeitlicher Folge erwarten. Stattdessen handelt sich aber um die monumentale Geschichte eines Dorfes - nach Themen gegliedert, in ihren Zusammenhängen bewertet und mit dem bisherigen Stand der landesgeschichtlichen Forschung verglichen und darin eingeordnet - wie sie in dieser Gründlichkeit noch für kein weiteres Dorf im mitteldeutschen Raum vorliegt.

Wer nicht gerade Geschichte oder Archivwesen studiert hat, stößt als Heimatforscher oder Familiengeschichtsforscher bald an seine Grenzen. Wer sich nicht auf die Friedhofsdaten der Kirchenbücher beschränken und das Leben der Vorfahren mit Wissen über ihre wirtschaftliche Stellung füllen will, möchte auch die Gerichtshandelsbücher und andere Quellen heranziehen. Aber schon um 1750 sind Schrift, Ausdruck und Begriffswelt so sehr von unserer eigenen Erfahrung verschieden, daß der Anfänger damit am Beginn eines jahrzehntelanges Lernen steht.

Der Tag, als ich 1971 zum erstenmal im Hauptstaatsarchiv Dresden ein Gerichtshandelsbuch von Zschocken in den Händen hatte, das ich weder lesen noch begreifen konnte, ist mir in Erinnerung geblieben. Ein grauhaariger Benutzer des Archivs strahlte hingegen Wissen und Erfahrung aus: Dr. Helmut Petzold, Pfarrer aus Dorfhain am Tharandter Wald. Helmut Petzold ist 1911 in Leipzig geboren. Sein Vater war während seiner Kindheit und Jugend Schuldirektor in Wilkau-Haßlau. Nach dem Abitur in Zwickau studierte Petzold in Leipzig Geographie, Geschichte und Theologie. Das schon vom Vater geweckte tiefe Interesse an der Landesgeschichte führte 1966 zu einer Promotion zum Dr. theol. Wer die Dissertation in die Hand nimmt, wird mit Überraschung feststellen, daß es sich um eine Arbeit über die Geschichte des Raumes Geising/Zinnwald in der Zeit der Gegenreformation handelt. Schon diese Dissertation zeugt von einem sehr gründlichen Umgang mit den archivalischen Quellen.

Aufbauend auf diesen Erfahrungen begann der Pfarrer im formalen Ruhestand 1971 mit der Arbeit an der Dorfhainer Chronik. Nach rund 20000 Arbeitsstunden und rund 900 Besuchen in Archiven und Bibliotheken konnte 1983 Petzold dem Gemeinderat Dorfhain eine Dorfgeschichte vorlegen, wie sie dem Rezensenten von keiner zweiten Gemeinde im mitteldeutsch-sächsischen Raum auch nur mit einer annähernden Qualität bekannt ist. Wie es damals in der DDR nicht anders sein konnte, lag die Arbeit nur als Maschinenmanuskript vor, und es ist das Verdienst des langjährigen stellvertretenden Bürgermeisters von Dorfhain Hartmut Oehme, der in wiederum vielen Stunden den Text digitalisiert und für den Druck bearbeitet hat, wobei die Abbildungen, Skizzen und Quellenhinweise des Originals als Fotokopien eingearbeitet worden sind.

Französische Historiker der Annales-Schule haben im vorigen Jahrhundert den Begriff und das Streben nach einer "histoire totale" geprägt. In der Chronik von Dorfhain ist mit der Gesamtauswertung aller erreichbaren Quellen für die Zeit von 1550 bis etwa 1850 eine solche totale Geschichtsschreibung von unten, also auf der Grundlage lokaler Quellen, in einer beispielgebenden Weise verwirklicht worden. Die Verwendung lokaler Quellen bedeutet aber für Petzold nicht die Sicht auf die Landesgeschichte aus der Perspektive eines Maulwurfshügels, im Gegenteil, landesherrliche Gesetze und Erlasse werden mit Datum, Archivfundort oder bibliographischem Verweis zitiert (fast 5000 genaue Quellenangaben und 57 Extra-Seiten Gesamt-Quellen- und Literaturverzeichnis) und ihren Auswirkungen auf den Alltag nachgespürt.

Das Dorf liegt neben dem großen Tharandter Wald, hatte Bergbau und Landwirtschaft, und wurde durch seine Lage unweit von Dresden in alle Kriegsereignisse hineingezogen. Auch deswegen ist das Werk beispielhaft. Allein der Text über die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf den Ort umfaßt 36 Druckseiten. Der Band 1 befaßt sich in Kapitel 1 mit der Gründung des Dorfes, wobei der Schwerpunkt auf der Dorfhainer Hufenverfassung liegt. Kapitel 2 beschreibt den weiteren Ausbau der Gemeindeflur, also die Entstehung der Altgärten und Gärten (in Mitteldeutschland versteht man darunter Kleinbauern), der Häuser und Häusler und der Grundstücke außerhalb der Hufen. Kapitel 3 handelt vom Erbrichter und der dörflichen Gerichtsbarkeit, der Gemeideverwaltung nach 1839 und den Gemeindeämtern. Kapitel 4 (S. 123-195) ist überschrieben "Die Kirche im Dorf", das diesen Band abschließende Kapitel 5 mit "Das Dorf und seine Schule". Kapitel 6 "Gemeinsamkeiten und Gefahren" handelt von den Wegen, den Flurnamen, der Brandwehr, von Seuchen und Polizeiwachen.

Worin besteht der Ertrag für den mitteldeutschen Heimatforscher, wenn er diese Chronik gekauft und gelesen hat? Man kann dann mitreden, und jeder Arbeitsabend eines Heimatvereins wird an Inhalt gewinnen, wenn sich die Mitglieder an dieser Chronik weiterbilden.

Der Band 1 - Das Dorf als Gemeinwesen - kann bisher nur direkt vom Cardamina-Verlag für 35 Euro bezogen werden. Die Inhaltsverzeichnisse der Bände 2 und 3 und ihre Preise finden Sie bei meinen Rezensionen dieser Bände hier bei amazon.de.

Es ist sehr bedauerlich, daß ein derartiges Werk nicht auch mit einem Klick über amazon.de bestellt werden kann. Vielleicht sollte amazon.de kleinen Verlagen, die von Spezialausgaben in geringer Auflagenhöhe leben, siehe Müller und Müllerssöhne im sächsischen Erzgebirge und Vogtland in den Tälern und Nebentälern der Zwickauer Mulde, Zschopau und Weissen Elster (1540 - 1721). (die 2. Auflage ist ebenfalls 2011 beim Cardamina-Verlag erschienen) für zwei oder drei Titel günstige Sonderbedingungen anbieten, mit denen diese Verlage bei amazon.de einsteigen und sich bekannt machen können und dann in der Folge beide Seiten von der angebahnten Geschäftsverbindung profitieren.

Landschaft - Heimat - Wildnis: Schutz der Natur - aber welche und warum?
Landschaft - Heimat - Wildnis: Schutz der Natur - aber welche und warum?
von Reinhard Piechocki
  Broschiert
Preis: EUR 14,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Heimat wider Heimat, 6. April 2013
Piechocki ist ein kritischer Kopf, der im Auftrage des Staates ein Vordenker sein soll. In den Jahren auf Vilm sind ihm Zweifel gekommen, ob die bisher üblichen Argumente zugunsten des Naturschutzes stichhaltig sind oder ausreichen. Auf der einen Seite die Fanatiker, in der Mitte die Realisten, auf der anderen Seite, die Wirtschaft, die sich so wenig wie möglich gängeln lassen möchte.

Naturschutz wird bei uns von der breiten Öffentlichkeit vor allem dadurch wahrgenommen, daß er notwendige Verkehrs- und Bauprojekte verhindert oder wenigstens alles daran setzt, sie zu verzögern und zu verteuern. Das ist nicht nur nach Reichholfs Meinung, siehe Naturschutz: Krise und Zukunft (edition unseld), ein fatales Fehlverständnis von Natur- und Umweltschutz.

Meine Frau stammt aus einem kleinen Dorf unmittelbar an der früheren innerdeutschen Zonengrenze. Der Kielforst, ein Höhenzug aus Kalkstein, erhebt sich dort rund 200 Meter über das Tal und war vor 1945 ein Mekka der Botaniker. Der Eiserne Vorhang schnitt den Berg in Nord-Süd-Richtung. Das Betreten der Osthälfte war bis 1989 nur noch den Grenzsoldaten erlaubt, so daß er mit dichtem Gestrüpp und Kiefernwald zuwuchs und zahlreiche offene Standorte seltener Pflanzen von der Sukzession verschluckt worden waren. 1985 kündigte sich die Wiedervereinigung mit dem beginnenden Bau der vor 1935 geplanten Ost-West-Autobahn durch den Kielforst an. In den Kalkstein mußte dafür ein tiefer Einschnitt gesprengt werden. Die sehr trockenen Hänge dieses Einschnitts, mitten im brausenden Verkehrslärm, sind heute wieder Standorte sehr seltener Pflanzen und Fundorte seltener Insektenarten.

Diese neu entstandenen Trockenhänge am Kielforst fallen mir immer ein, wenn ich von den Protesten fanatischer Heimat- und Naturschützer gegen Verkehrsbauten höre. Sie ketten sich an alte, zum Sterben verurteilte Bäume an, freuen sich wie Kinder über jeden Monat, den sie irgendeinen Baubeginn verzögern und bei einem Brückenbau sehen sie gar das Weltkulturerbe in Gefahr, so als ob irgendein Menschenwerk ewigen Bestand hätte. Doch jeder Verkehrsbau schafft neue und oft extreme Standorte. Unter großen Brücken zum Beispiel fällt so gut wie kein Regen, und dort können nur Pflanzen aus mittelasiatischen Halbwüsten bestehen.

Piechocki steht mit seinem grundlegenden und lehrreichen Text über den Alltagstiefen. Das Buch ist geschickt geschrieben, gut gegliedert und zeigt, wie sich Natur- und Heimatschutz um 1900 aus gemeinsamen Wurzeln entwickelt haben. Die entscheidenden Persönlichkeiten und ihre Gedanken werden vorgestellt.

Piechocki gelangt zu der Einsicht, daß die Austreibung des Heimatbegriffes aus der westdeutschen Naturschutzbewegung eine Fehlentwicklung war. Naturschutz muß seiner Meinung nach auch durch kulturelle Werte begründet werden, nicht nur durch wirtschaftliche.

In Sachsen haben wir den glücklichen Fall, daß 1990 der Verein Sächsischer Heimatschutz wiedergegründet worden ist, an dessen Spitze seitdem eine ausgewogene Gruppe konstruktiver Personen steht.

Und Wildnis? Wir haben eine ganz andere Geschichte als Nordamerika. Dort konnte ich es in Kalifornien und in British Columbia selbst kennenlernen: Man setzt sich in einer Millionenstadt ins Auto und ist eine halbe Stunde später schon in einem Gebiet und in Wäldern, in denen noch niemals ein Baum mit einer Axt gefällt worden ist, wo man den ganzen Tag keinem Menschen begegnet. Aber das sind Gebiete in BC, wo die ersten weißen Siedler erst nach dem 1. Weltkrieg aufgetaucht sind. Und in CA hat man Totalreservate in schwer zugänglichen Gebieten an der Küste geschaffen, auch schon vor einem Jahrhundert. Ein Traum für Naturliebhaber. Aber bei uns?

Naturschutz: Krise und Zukunft (edition unseld)
Naturschutz: Krise und Zukunft (edition unseld)
von Josef H. Reichholf
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wer schützt die Natur vor den Naturschützern?, 6. April 2013
Das Büchlein hat mich sehr nachdenklich gemacht, denn es trifft den Naturschutzgedanken an seinem Nerv:

Als ich 14 Jahre alt war, wurde mir ein Ausweis als Naturschutzhelfer ausgestellt. Damals (1958) nahm ich an der Jahresversammlung der Naturschutzhelfer in der Kreisstadt im sächsischen Obererzgebirge teil. Den größten Teil der Beratungszeit widmeten die Helfer - im Heimatschutz ergraute Männer - der Frage, wie man das Abschneiden von Wanderstöcken einschränken oder bestrafen könne, da dadurch die Feldhecken geschädigt würden, die das Landschaftsbild prägten. Die stundenlange Diskussion darüber erschien mir eine so weltfremde Zeitverschwendung, daß ich nie wieder an einer derartigen Versammlung von Naturschutzaktivisten teilgenommen habe. Wohl tausendmal habe ich bis zum Abitur zu Fuß, mit dem Fahrrad und im Winter auf Skiern mein Exkursionsgebiet durchstreift, mit Feldstecher und bei jedem Wetter und Unwetter. Es war um 1960 die Zeit des großen Umbruchs in der Landwirtschaft. Handarbeit wurde durch Maschinenarbeit ersetzt, natürlicher Dünger durch Kunstdünger, kleine Flächen wurden zu großen zusammen gelegt. Wenn ich die Augen schließe, kann ich mir aber noch heute detailgenau vorstellen, wie es vor 50 Jahren aussah, vor dem Umbruch.

Aus Anlaß der Goldenenen Konfirmation bin ich 2008 wieder einmal in meine Heimat zurückgekehrt und bin mit einem Schulfreund (auch ein promovierter Biologie) die Route gegangen, die wir beide seit einem halben Jahrhundert kennen. Wie fast überall, so hatten stickstoffliebende Pflanzen an Boden gewonnen. Von dem gut durchdachten Bewässerungssystem, mit dem die Bauern einst das Schmelzwasser auf die Felder verteilten, war nicht einmal die Erinnerung geblieben. Von den Feldhecken, in denen die Dorngrasmücken so häufig waren, hatte man die meisten in großem Stil gerodet, was mir noch einmal bestätigte, wie lächerlich und kleinkariert 1958 die Diskussion der Naturschützer gewesen war. Nicht alles war jedoch einförmiger geworden: Dem Maschineneinsatz entzogen sich schwer bearbeitbare Winkel, in denen sich neuer Wildwuchs breit machte, in der flächenmäßiger Ausdehnung durchaus ein gleichwertiger Ersatz für die verschwundenen Hecken. Das, was ich als ganz junger Mensch bereits geahnt oder begriffen hatte, daß politische und wirtschaftliche Veränderungen für die Natur viel tiefgreifender sind als der aus einer Feldhecke geschnittene Wanderstock, diese Veränderungen haben sich vollzogen.

Naturschutz wird bei uns von der breiten Öffentlichkeit vor allem dadurch wahrgenommen, daß er notwendige Verkehrs- und Bauprojekte verhindert oder wenigstens alles daran setzt, sie zu verzögern und zu verteuern. Das ist nach Reichholfs Meinung ein fatales Fehlverständnis von Natur- und Umweltschutz.

Meine Frau stammt aus einem kleinen Dorf unmittelbar an der früheren innerdeutschen Zonengrenze. Der Kielforst, ein Höhenzug aus Kalkstein, erhebt sich dort rund 200 Meter über das Tal und war vor 1945 ein Mekka der Botaniker. Der Eiserne Vorhang schnitt den Berg in Nord-Süd-Richtung. Das Betreten der Osthälfte war bis 1989 nur noch den Grenzsoldaten erlaubt, so daß er mit dichtem Gestrüpp und Kiefernwald zuwuchs und zahlreiche offene Standorte seltener Pflanzen von der Sukzession verschluckt worden waren. 1985 kündigte sich die Wiedervereinigung mit dem beginnenden Bau der bereits vor 1935 geplanten Ost-West-Autobahn durch den Kielforst an. In den Kalkstein mußte dafür ein tiefer Einschnitt gesprengt werden. Die sehr trockenen Hänge dieses Einschnitts, mitten im brausenden Verkehrslärm, sind heute wieder Standorte sehr seltener Pflanzen und Fundorte seltener Insektenarten.

Diese neu entstandenen Trockenhänge am Kielforst fallen mir stets ein, wenn ich von den Protesten fanatischer Heimat- und Naturschützer gegen Verkehrsbauten höre. Sie ketten sich an alte, zum Sterben verurteilte Bäume an, freuen sich wie Kinder über jeden Monat, den sie irgendeinen Baubeginn verzögern und bei einem Brückenbau sehen sie gar das Weltkulturerbe in Gefahr, so als ob irgendein Menschenwerk ewigen Bestand hätte. Doch jeder Verkehrsbau schafft neue und oft extreme Standorte. Unter großen Brücken zum Beispiel fällt so gut wie kein Regen, und dort können nur Pflanzen aus mittelasiatischen Halbwüsten bestehen.

Als 1990 der Maschinenbaubetrieb schloß, in dem mein Schwager jahrzehntelang gearbeitet hatte, bezahlt man ihn dann für die Leitung einer Arbeitsgruppe, die zur "Umweltverschönerung" beschäftigt wurde. Was ihm dabei auffiel: Die Orchomanen wollten, daß das Unterholz gerodet wird, damit die Orchideen wieder wachsen können. War diese Arbeit getan, kam aus der Kreisstadt ein anderer Experte, der die Hände rang, weil jetzt die Brutplätze der Grasmücken zerstört waren. Und nach der Meinung der Herpetologen und Entomologen, die später kamen, hätte man alles sowieso anders gestalten müssen. Ja, was mögen wohl die Frösche zur Bestandserhaltung der Störche sagen?

Und wer kann in jedem Fall sicher wissen, ob eine Art "von selbst" den Weg zu uns gefunden hat oder absichtlich eingeführt oder eingeschleppt worden ist? Letzteres aus der Sicht einiger Naturschützer ein Grund für ihre ewige Verdammnis. Ob die Art gedeiht oder nicht, das allein sollte ausschlaggebend sein, meint Reichholf, dem das Verständnis für den Stil und die Art der Glaubenskämpfe quasi-religiöser Fanatiker fehlt, die etwas bewahren wollen, was auch ohne sie jeden Tag Schaden nimmt, sich jeden Tag verändert. Wer davon unmittelbar betroffen ist, weil seine Lebensqualität herabgesetzt wird, etwa durch den Neubau eines Flugplatzes in der Nähe seines Wohnhauses, sieht die Dinge sowieso anders als die Allgemeinheit und kämpft für sein Eigeninteresse. Es ist sein gutes Recht. Vielleicht hat Vaclav Klaus mit seiner Meinung recht, siehe Blauer Planet in grünen Fesseln. Was ist bedroht: Klima oder Freiheit?, daß die stärkste Bedrohung der Freiheit heute von den Ökofetischisten ausgeht.

Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009 / Das neunzehnte Jahrhundert 1830/31-1909: BD 2
Geschichte der Universität Leipzig 1409-2009 / Das neunzehnte Jahrhundert 1830/31-1909: BD 2
von Hartmut Zwahr
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 72,00

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5.0 von 5 Sternen Eine monumentale Fleißleistung, 5. April 2013
Der eindrucksvolle Band ist von nur zwei Wissenschaftlern verfaßt worden. Hartmut Zwahr, emeritierter Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte schrieb den Teil 1830-1871, S. 15-547; Prof. Jens Blecher, Direktor des Universitätsarchivs Leipzig, den Teil 1871-1909, S. 551-848. Es folgen das für beide Teile gemeinsame Literaturverzeichnis und ein sehr sorgfältiges Personenregister, bearbeitet von Ivo Nußbicker und Jutta Lange.

So einen Band liest man nicht wie einen Roman von vorn nach hinten, sondern greift sich Schwerpunkte heraus. Spannend ist, wie unterschiedlich die beiden Verfasser ihre Aufgabe aufgefaßt haben. Zwahr stellt die Universität mitten in die Gesellschaft und weitet, insbesondere in den Kapiteln über die Revolutionszeiten 1830 und 1848/49, die Ereignisse an der Universität zu einer Geschichte dieser Zeit aus. Seine jahrzehntelangen Erfahrungen als Historiker bei der Erforschung gerade dieser Zeit befähigen Zwahr, die Aktivitäten von Studenten und Lehrkörper und der Regierung in Dresden in den Zusammenhang mit der allgemein sozialen und politischen Entwicklung zu stellen. Allein 1763 Fußnoten runden den auch in seinem Stil eindrucksvollen Text ab.

Eine noch schwierigere Aufgabe hatte Blecher kurzfristig mit seinem Teil übernommen, der unter der Überschrift "Landesuniversität mit Weltgeltung" steht. Wenn er wie Zwahr vorgegangen wäre, so hätte das jeden Rahmen gesprengt. Denn in dem betrachteten Zeitraum vor und um 1900 erlangt nicht nur die Universität Leipzig Weltgeltung, sondern auch die Industrie Sachsens. Blecher beschränkt sich deshalb darauf, die innere Entwicklung der Universität darzustellen und belegt sie mit Statistiken aus dem Universitätsarchiv. Im Rückblick ist dabei besonders eindrucksvoll, wie wenige Studenten und wieviele Professoren mit Weltruf damals eine echte Elite-Universität haben konnte, im Vergleich mit der Studenten-Intensivhaltung heute.

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