Wasser so weit das Auge reicht und am Horizont lediglich die zarte Andeutung einer Wolkenbank: Das zeigt die Schwarzweiß-Fotografie des japanischen Fotokünstlers Hiroshi Sugimoto auf dem Cover des neuen Albums von U2.
No Line Behind The Horizon lautet der Titel, dessen rätselhafte Zweideutigkeit man leicht überlesen könnte, in Anbetracht der geheimnisvollen Faszination, die von der ruhigen Wasserfläche ausgeht, übrigens der Bodensee. Doch wie steht es mit den 11 neuen Songs, auf die Fans vier Jahre lang seit Erscheinen des letzten U2-Studioalbums
How To Dismantle An Atomic Bomb warten mussten? Wie beim letzten Mal sind Brian Eno und Daniel Lanois mit von der Partie. Einst als Interpreten ihrer eigenen Projekte gefeierte Vorbild für Musikergenerationen, prägten sie später auch als Produzenten maßgeblich das musikalische Erscheinungsbild von Bands und Künstlern wie Coldplay, Bob Dylan und eben auch U2. Wenige Takte des Openers “No Line Behind The Horizon“ genügen, um sich von dieser Qualität zu überzeugen. Spätestens bei Bonos charakteristischem Oh oh oh, oh, oh, oh, oh-Gesang in der vierten Songzeile darf sich der U2-Hörer wieder vollend zurück daheim fühlen. Die musikalischen Wurzeln dieses Album liegen zweifellos in
The Joshua Tree von 1987 und dem Album
Original Soundtracks I, entstanden 1995 unter der Ägide Brian Enos und dem Bandnamen Passengers. An letztere Scheibe kann vor allem der Song “Moment Of Surrender“ anknüpfen, aufgrund seines ambienthaften Schwebens des fahlen Orgelsounds und einem mehr als laszivem Schlagzeugs.
No Line Behind The Horizon liefert ein gigantisches Déjà-Vu. Irgendwo hat man das alles schon einmal gehört. Doch wo nur? “Unknown Caller“ etwa trägt Gitarrensounds in sich, die stark an Brian Enos legendäre Alben
Music For Films oder
Apollo erinnern, auf dem übrigens seinerzeit neben Roger und Brian Eno auch Daniel Lanois mitspielte.
No Line Behind The Horizon bietet tatsächlich nichts wirklich Neues, dafür aber Altbekanntes aus dem Eno-Lanois Baukasten in gewohnt gut gemachter Manier. Warum auch nicht? Dass sämtliche der beteiligten Herren in Jahren intensiver Arbeit mittlerweile Kultstatus erreicht haben und gar nicht anders können als sich zuweilen selbst zu zitieren, kann man ihnen unmöglich ankreiden. Außerdem erzählen Menschen mit zunehmendem Alter Dinge gerne oft doppelt, ohne es zu merken. (Und wenn doch, dann ist es ihnen meistens auch egal.) Das geht völlig in Ordnung solange dabei Songs herauskommen wie “Magnificent“, in dem gekonnt die 70er Jahre in Form des Gitarren-Synthesizer-Riffs aus “Speed Of Life“ von David Bowies Album
Low anklingen, ohne als Imitation zu wirken. Fazit: Vergliche man
No Line Behind The Horizon mit einer Tüte hochwertigsten Orangensafts, dürfte das Album folgenden Aufdruck in leicht abgewandelter Form völlig zu Recht tragen: “100% U2“ -
Andreas Schultz