Die neunte Oper der Vivaldi-Edition La fida ninfa bietet ein gesangliches Spektrum auf, wie es selbst für eine große Oper des berühmten venezianischen Komponisten ungewöhnlich ist. Jean-Christophe Spinosi hält sie neben Orlando furioso für "eine der zwei schönsten Opern Vivaldis". Der Dirigent korsisch-bretonischer Herkunft leitet nun nach La verità in cimento, Orlando furioso und Griselda seine vierte Vivaldi-Oper. Alle wurden vom Publikum wie von der internationalen Presse begeistert aufgenommen. Nach einer Aufführung im Quartz (Brest), zweien im Theatre des Champs-Elysees im Oktober 2004 und Mai 2008 und einer Europatournee letztes Frühjahr mit Stationen in Wien, Brüssel, Madrid, Toulouse, Valladolid, etc. haben das Ensemble Matheus und Jean-Christophe Spinosi eine hochkarätige Vokalbesetzung für die weltweit erste Aufnahme der Oper gewonnen: Sandrine Piau, Marie-Nicole Lemieux, Philippe Jaroussky, Verónica Cangemi, Topi Lehtipuu, Lorenzo Regazzo, Sara Mingardo und Christian Senn. Durch alle drei Akte beweist Vivaldi die Kraft seiner Inspiration und seine große künstlerische Reife in einer Abfolge großartiger Da-capo-Arien. La fida ninfa stellt höchste gesangstechnische Anforderungen an die Solisten. Die Partitur galt bisweilen sogar als furchteinflößend, was schon Chronisten der damaligen Zeit festhielten. Die Partien der Licori und des Morasto wetteifern in ihrer Virtuosität miteinander und wurden 1732 von der Sopranistin Giovanna Gasperini und dem Kastraten Giuseppe Valentini übernommen - ein Höhepunkt Vivaldischer Vokalkunst.
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Zugegeben: Ich habe von "La fida ninfa" unter der Leitung von Spinosi nicht viel erwartet - vor allem wegen meiner Vorbehalte gegenüber dem Dirigat (vgl. dazu den Schlussteil meiner Atenaide-Rezension). Trotzdem habe ich mir die Aufnahme schon vor Wochen über amazon.fr bestellt und war sehr positiv überrascht. Bereits beim Hören der Ouvertüre wird deutlich, dass Spinosi das völlig übertriebene Gehämmer auf den Instrumenten gepaart mit wahnwitzigen Tempoexzessen (vgl. "Orlando furioso") weitgehend eingestellt hat. Die Tendenz, die sich bei Spinosis "Griselda" schon angedeutet hat, wird hier also im positiven Sinne fortgesetzt. Sicherlich: Auch hier wird die eine oder andere Arie noch etwas übertrieben hektisch dargeboten, aber dies ist kein Vergleich zu dem "frühen Spinosi". Auch sonst lässt die CD kaum Wünsche offen: Vivaldi zeigt sich von seiner besten und abwechslungsreichsten Seite: Schöne melancholische Melodien alternieren mit affektgeladenen Ausbrüchen sowie pompösen Trompetenarien und tollen Bravourarien. Auch einige Ensemblenummern und Duette sorgen für die nötige Abwechslung.
Die Besetzung ist - mit einer Ausnahme - gut bis sehr gut: Star der Aufnahme ist sicherlich Sandrine Piau, die in der eher "lyrischen" Rolle der Licori zu berühren weiß. Besonders gefreut hat es mich allerdings, endlich wieder einmal den Namen Sara Mingardo auf einer Besetzungsliste zu finden. Doch leider ist ihre Rolle sehr klein geraten - nur in den letzten 10 Minuten der Aufnahme hat sie einen Miniauftritt (quasi im Appendix), was sehr schade ist, denn sie singt einfach berückend schön. Auch Veronica Cangemi muss lobend erwähnt werden: Sie hat hier einige der anspruchsvollsten Arien zu singen, die Vivaldi je komponiert hat. So z.B. das unglaubliche virtuose "Destin avaro" - eine der koloraturreichsten Arien, die ich kenne. Cangemi bewältigt sie achtunggebietend, dennoch muss ich sagen, dass ich die Arie lieber von Simone Kermes gehört hätte, die ihr technisch doch noch ein wenig überlegen ist.
Schwachpunkt der Aufnahme ist aus meiner Sicht vor allem Marie-Nicole Lemieux. Ich weiß nicht, warum sie (meist gemeinsam mit Jaroussky) einen Stammplatz auf Spinosis Besetzungslisten hat. Ich empfinde ihren Gesang als äußerst "unkultiviert" und sehr Effekt erheischend - fast ein bisschen vulgär. Ich hätte mir Mingardo in der (deutlich größeren) Rolle der Espina wesentlich besser vorstellen können als Lemieux.
Fazit: Objektiv betrachtet müsste man der Aufnahme zwischen 4 und 5 Sternen geben. Aber angesichts des Quantensprungs, der im Dirigat von Spinosi erkennbar wird, und wegen des ziemlich misslungenen Vorgängers der Edition ("Atenaide") gibt es nur ein abschließendes Votum: Die Aufnahme ist ein wirklich erfreulicher Überraschungsknaller, der nur die absolute Kaufempfehlung verdient!
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Die Einspielung diser Oper zählt für mich nebst dem Tito manlio zu einer der besten von der Vivaldi-Edition. Hinzu kommt, dass nebst der ausgezeichneten Interpretation auch das Werk selbst äussertst interessant und abwechslungreich ist. Sehr hörenswert!
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