Rhytm Police sind wieder ein Projekt, das in die 80ies/Elektro-Kerbe oder eher schon Schlucht haut. Doch unbeugsame Kreativität und Witz retten sie vor dem Fall ins Bodenlose.
Pünktlich und passend zur Weihnachtszeit lassen Rhytm Police die Glocken klingen. Doch von den zwei Augsburgern gibt es statt Jingle „Turbo Bells“, ihr zwölf Titel starkes Debütalbum. Hier präsentieren die beiden langjährigen DJs Leo Hopfinger und Tom Simonetti ihre Interpretation von Elektro-Rock und Disco-House mit reichlich 80ies Anleihen. „Nicht noch so eine Band“, ist im ersten Moment kein abwegiger Gedanke, nachdem Gruppen wie Spillsbury, Egotronic oder Schwefelgelb erst kürzlich im selben Metier debütierten.
„Menschen“ leitet „Turbo Bells“ ein und die Ordnungshüter halten, was ihre musikalische Abgrenzung verspricht. Punk-Rock mit Elektro-Beats und assoziative Reime, wie man sie aus avantgardistischen NDW-Zeilen kennt. „Wir wollen fliegen, ohne Leine, ohne Körper, ohne Ziel“. So deutet sich zumindest erstmal textlich an, dass die beiden eher Ordnungshüter des Nonkonformismus sind. (Daher vielleicht auch das fehlende „h“ im Namen – oder doch um Stress wegen des gleichnamigen Nintendo-Spiels zu vermeiden?)
Die Überraschung setzt mit „So Flyyy“ ein. Jetzt beginnen Rhytm Police, sich erstmals richtig von der Masse abzuheben. Eine tief gepitche Stimme beschreibt den Song im Vorspann als „Pop-Master-Piece“ und kommentiert ihn in regelmäßigen Abständen. Die Strophe in akzentreichem Englisch, was gesanglich vielleicht etwas an Bonaparte erinnert, ein poppiger Refrain, dann folgt der Höhepunkt des Titels: kurze, integrierte Coverpassagen von Pink Floyds „Another Brick in the Wall“ und Mike & The Mechanics „All I Need Is A Miracle“. Diese witzige Zusammenstellung macht den Titel nicht nur unterhaltsam, sondern auch zum Tanzflächen-Hit.
Mit „Wir können nichts“ greifen Rhytm Police neben den 80ern auch die Rebellion wieder auf und bekennen, dass sie kein Bock haben, sich verändern zu lassen. Dementsprechend der Refrain: „Wir können nichts für euch tun“. Dem geschulten NDW-Freund dürfte zudem die dezente Referenz zu Trios „Anna. Lass Mich Rein. Lass Mich Raus“ nicht verborgen bleiben.
Was weiterhin aus dem Album heraussticht ist das anarchistische „Let Me Rock“. Der ominöse Hip Hopper „Tony Dope“ rappt hier über das hauptsächlich industriell anmutende Instrumental. Mit seinem süddeutschen, agressiv bis geisteskranken Style legt er die Vermutung nah, ein Mitglied der deutschen Untergrund-Rapper Feinkost Paranoia zu sein. Um Vielfalt zu wahren, schieben sich deepe House-Einlagen in den Titel und zeigen Rhytm Police so auch musikalisch nonkonform.
Ein ebenso gutes Beispiel hierfür ist der Titeltrack des Albums. Dabei wurde sich mehr auf das Bells als auf das Turbo konzentriert. Ein sozusagen verbimmeltes, minimalistisches und sehr ruhiges Stück. Zum Finale setzen sich Leo und Tom in den „Ghost Train“ und wählen einen gradlinigen Elektro-Pop-Ausgang für ihr Erstlingswerk.
„Turbo Bells“ zeigt somit, dass Rhytm Police nicht für Recht und Ordnung im eigentlichen Sinne sorgen wollen. Vielmehr offenbaren sich die Augsburger als Freunde und Helfer im Kampf gegen die Langeweile und etablierte Strukturen und bereichern dabei ein überfülltes musikalisches Genre.
Kai-Uwe Weser