Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Brahms-Pilgerfahrt, 17. September 2008
Die Bachkantaten und den Jakobsweg abgehakt, pilgert Gardiner mit seinem Moteverdi Choir und seinem Orchestre Révolutionnaire et Romantique nun mit Werken von Johannes Brahms durch Europa. Idee ist es, den Hauptwerken des Projekts - Brahms' Sinfonien und dem Requiem - Chorwerke an die Seite zu stellen, die entweder von Brahms selbst stammen oder aber ihn beeinflusst haben. Der Hörer soll einen Eindruck bekommen, in welchem musikalischen Kontext Brahms zu seiner eigenen Musiksprache gefunden hat.
So finden sich auf der ersten CD der Reihe neben der ersten Sinfonie der "Begräbnisgesang" und das "Schicksalslied" von Brahms selbst sowie die Motette "Mitten wir im Leben sind" von Felix Mendelssohn-Bartholdy.
Die Sinfonie habe ich so spannend bislang noch nie gehört. Gardiner dirigiert das Werk aus einem Guss, expressiv, mit sehr beweglichen Tempi. Er begründet seinen Interpretationsansatz in dem informativen Booklet damit, dass Brahms selbst flexible Tempi gefordert und eine Ader für tänzerische Rhythmen und Rhythmusverschiebungen gehabt habe. Ob Brahms seinen zweiten Satz wirklich so rezitativisch wie hier eingespielt gemeint hat, ist letztlich eine müßige Frage. Denn Gardiner und sein großartiges Orchester musizieren das alles so perfekt, klangsinnlich (Hörner!) und überzeugend, dass sich das Ergebnis einfach "richtig" anhört. Ein überzeugender Gegenentwurf zu den Referenzeinspielungen von Wand oder Harnoncourt.
Gardiners Einspielung des "Schicksalsliedes" ist die erste, die mich wirklich berührt, da Chor und Orchester gleichermaßen überzeugend sowohl den ätherischen Beginn als auch den hysterischen Ausbuch ("Doch uns ist gegeben...") in der Mitte des Werks gestalten.
Ebenfalls großartig ist die Einspielung des "Begräbnisgesangs", der mit seinem düster pochenden Marschrhythmus und dem lyrischen Mitteilteil wie eine Vorwegnahme des zweiten Satzes des Deutschen Requiem klingt und wohl auch so etwas wie eine "Fingerübung" war. Ein direkte Gegenüberstellung der beiden Werke findet sich auf der ebenfalls sehr empfehlenwerten Einspielung des Deutschen Requiem von Roger Norrington.
Eigentlich gibt es also zu der Einspielung nur Lobendes zu sagen. Die - erhebliche - Einschränkung betrifft die Mendelssohn-Motette. Diese setzen Gardiner und der hier a capella singende Chor einfach nicht angemessen um, abgesehen von dem sehr schön gestalteten Schluss. Das Stück lebt von der Gegenüberstellung eines Chorals mit konzertierenden Elementen, die in beeindruckende dramatische Ausbrüche münden. Schon den Choral geht Gardiner so überexpressiv an, dass die Steigerungen später nur noch durch Gebrüll, wenn auch edles, erreicht werden können. Der Chorklang ist merkwürdig inhomogen: Die Bässe neigen zum Grollen, die Tenöre zum Schmettern, die Altistinnen und Sopranistinnen singen hingegen jedenfalls im unteren dynamischen Bereich vibratoarm und klar. Insgesamt erreicht Gardiner zwar einen Mischklang, doch einen, der auf mich kalt und gekünstelt wirkt. All das erinnert stellenweise ungut an die CD Brahms Chorwerke, in der die Überengagiertheit des Chores bei Brahms' A-capella-Chorwerken zu teilweise sehr zweifelhaften Ergebnissen führte.
Welche Note also geben? Ich habe mich entschlossen, Gardiners Mendelssohn-Motette einfach als Ausrutscher anzusehen und fortan direkt zu überpringen. Übrig bleibt eine fantastische Brahms-CD, die ihre 5 Sterne verdient hat.
Wer den Mendelssohn vernünftig gesungen hören möchte, dem sei die großartige CD Kirchenwerke Vol. 5 (Denn er hat seinen Engeln befohlen) des Stuttgarter Kammerchors empfohlen.
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9 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Brahms-entschlackt, 13. Oktober 2008
"Ich habe mich schon lange mit dem Gedanken getragen, eine Brahms-Reihe einzuspielen. Nachdem wir die kompletten Beethoven- und Schumann-Sinfonien für die Deutsche Grammophon eingespielt hatten, war es folgerichtig als nächstes Projekt Brahms zu wählen. 1999 hatte ich einige Brahmseinspielungen für Philips gemacht und davor 1989 das Deutsche Requiem aufgenommen. Außerdem zählte Brahms schon immer zu meinen Lieblingskomponisten. So war es logisch, dass ich diese Arbeit weiterführen wollte. Außerdem sehe ich viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Musikverständnis von Brahms und Bach. Obwohl Brahms 180 Jahre nach Bach lebte, verbindet sie viel, und das hat nicht nur damit zu tun, dass sie beide aus Norddeutschland kamen und Lutheraner waren. Nein, die Gemeinsamkeiten finden sich auch in ihrem Kompositionsstil, in ihrem Umgang mit Kontrapunktik, ihrer komplexen Behandlung von Harmonie, die sowohl intellektuell anspruchsvoll als auch sehr emotional und ausdrucksstark ist. Dieser Aspekt fasziniert mich sehr. Ich denke, dass das Verständnis von Brahms Musik durch den ständigen Vergleich mit den Werken Richard Wagners sehr gelitten hat. Der Versuch, ihn im Stile Wagners aufzuführen, also mit einem groß besetzten Orchester, das einen dicken, saucenartigen Klang erzeugt, der alles überdeckt, zerstört bei Brahms viel. Ich denke, es steckt in seiner Musik sehr viel mehr drin, weshalb sich ein Perspektivwechsel in der Interpretation lohnt."
Soweit Gardiner in einem aktuellen Interview.
Perspektivwechsel bei Brahms ist sicher interessant, aber wenn man ehrlich, nicht wirklich neu. Deutlich radikaler als Gardiner hat dies vor Jahr und Tag Norrington gemacht. Mit noch schlankeren Zugang zu Brahms.Noch durchsichtiger. Noch weniger Streicher-lastigem Klangbild.
Wenn ich etwa den Begräbnisgesang in der Interpretation von Norrington und Gardiner vergleiche, gefällt mir erster deutlich besser. Mit zügigerem Tempo vermeidet er genau die " dicke Sauce" von der Gardiner im Interview spricht. Nicht dass seine Interpretation eine solche hätte, aber seine Interpretation kommt deutlich behäbiger daher als diejenige von Norrington. Und wenn Gardiner auf die Bezüge auf Schütz verweist, Brahms war ein grosser Kenner von dessen Musik, ist der Zugang von Norrington diesem Bezug angemessener.
Die Aufnahme von Gardiner ist eine Alternative zum hochromantischen Zugang, aber mir ist die konsequentere Alternative die vorzugswürdigere.
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2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
(An Gardiners Standards gemessen) eine Enttäuschung, 25. Juli 2009
Nach Beethoven und Schumann nun also auch Brahms.
Immer im Geiste der Wiederentdeckung und Entschlackung möchte Gardiner Unerhörtes in tausendmal Gehörtem zu Tage bringen. Das gelang bei Beethoven sehr gut und bei Schumann geradezu phänomenal.
Bei Brahms aber geht es schief.
Es ist sicherlich interessant, die Symphonien mit Vokalwerken von Brahms und auch anderen Komponisten zu koppeln, ich kann allerdings mit den Erläuterungen im Booklet zu dem Thema nicht allzu viel anfangen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier auch nach einer Rechtfertigung für eine weitere Gesamteinspielung der wahrlich schon oft eingespielten Werke gesucht wurde, zumal auf vier CDs veröffentlicht.
Davon abgesehen ist das Hauptwerk dieser CD, die erste Symphonie, gerade an Gardiners sehr hohen Maßstäben gemessen für mich eine Enttäuschung.
Die Tempi sind flüssig, aber im Vergleich nicht wirklich flexibel, wie Gardnier es im Booklet in Anspruch nimmt.
Alles wird klar artikuliert, die Transparenz ist groß. Das Fleisch von der Soße wolle er befreien, um das Aroma nicht zuzudecken, so Gardnier. Das gelingt größtenteils, wenngleich gerade im Finale einige Bläserstellen von den dominanten Streichern fast gänzlich verdeckt werden. Wo ist zum Beispiel der aufsteigende Posaunensatz ganz am Schluss? Den kann man woanders prägnanter hören.
Dennoch ist nicht zu leugnen, dass viele interessante Details hörbar gemacht werden. Einzig mitzureißen und zu überwältigen vermag diese Einspielung nicht, und das soll, darf und muss ein Brahms einfach - entschlackt hin oder her.
Wo Gardiner besonders bei Schumann die dynamischen Kontraste radikal ausspielen und melodische Linien bei aller Flexibilität hoch expressiv singen ließ, bleibt er hier im Mittelmaß. Dynamische Steigerungen werden nicht ausgefahren, Melodiebögen zu sehr abphrasiert und nicht ausgesungen. Es mag letzten Endes Geschmacksache sein, ob ein solcher Brahms gefällt oder nicht. Für mich darf bei Brahms auch Sauce zu hören sein, die großartige Einleitung des ersten Satz muss düster, schwer und wuchtig, das wunderbare Hornthema im vierten Satz darf gerne leuchten und glänzen und von "Streicherschwaden umnebelt" sein. Auch wenn dann nicht alles hörbar ist, macht mir Brahms so einfach Spaß.
Mir gefällt noch immer die 1987er Einspielung von Karajan und den Berlinern am besten, diese CD hier kann icht nicht empfehlen. Nicht zuletzt auch wegen des indirekten, wenig druckvollen Klanges.
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