Verliert man ernsthaft den Boden unter den Füßen, so bietet sich der Rückzug als praktisch adäquate Lösung an. Wer sich einigelt vermeidet weitere Probleme, muss sich nicht rechtfertigen, kann auf weise Ratschläge verzichten, und, was das wichtigste ist, einen eigenen Umgang mit den Dingen finden. Zurückgezogenheit und Freiheit sind bekanntlich oftmals ein- und dasselbe. So in etwa sei holzschnittartig die Ausgangsposition umrissen, in der Simon Frontzek Ende 2004 anfing, an einer Platte zu arbeiten. Im Hinterhof passierte recht wenig und das Erdgeschoss der Berliner Mietskaserne war auch um 3 Uhr nachts noch hell erleuchtet. Hinter den Vorhängen ließ der bebrillte Typ hier allmählich etwas entstehen, das in erster Linie nicht nach außen konzipiert und damit so vollkommen schön und zweckfrei war. Musik um der Musik willen! Einfach mal machen, der Rest wird sich schon wieder zurecht laufen. Natürlich wusste auch Simon, dass ein Musiker, der nicht gehört werden will, eine sehr pathetische Figur ist. Nach einer Weile wurden also erlesene Freunde eingeweiht. Nadja Quante und Philipp Gries gehörten Mitte 2005 zu den ersten. Philipp, vom Foucaultfieber notorisch etwas derangiert, war dann der viel zitierte Mutige, der die Wahrheit aussprach: "Simon, diese Musik muss auf die Bühne!". Weil diese Ansage keinen Widerspruch duldete, stand eine Bandgründung kurz bevor. Florian Henrich, ein Gentleman im Körper eines 20 Jährigen, und Glaus Kießwetter, dessen Finger vom Basspielen bei Beige GT bestens bekannt waren, sollten fortan eine Fahrgemeinschaft bilden. Aus Regensburg, Leipzig und Hamburg kamen sie angereist, um sich auf einen ersten Auftritt im Szeneladen der Hamburger Astrastube vorzubereiten. So fing das an. Dann nahmen wir (Tomte) sie Ende 2006 mit auf Tour.
SIR SIMON legte zusammen mit seiner Band einen ziemlichen Kaltstart hin. Wenig Übung vor vielen Leuten, das muss man erst einmal bringen! Fearless Freaks sozusagen. Wieso die trotzdem so routiniert rüberkamen bleibt mir bis heute schleierhaft. Und dazu selbst gebrannte CDs zu verkaufen, auf denen lediglich zwei Lieder zu finden waren - das war natürlich ein sehr plausibler Entwurf. Alle Achtung! Danach musste ein Album her. Der Produzent Swen Meyer fuhr nach Berlin, um
SIR SIMON bei den Aufnahmen zu helfen. "Ah, eine eher narrative Pop-Platte", konstatierte Swen nach erstmaligem Hinhören und hatte wieder einmal recht. Denn diese Lieder waren einem klaren Szenebackground nicht zuzuschreiben. Mit Punk hatte das hier wohl herzlich wenig zu tun, dazu war das Genre musikalisch beim besten Willen nicht dehnbar genug. Reiner Indierock konnte es auch nicht sein, da wird bekanntlich seit jeher zuviel mit Stacheldraht gearbeitet. Nein, diese Lieder zeigten trotz ihrer bisweilen beinahe schüchternen Zurückhaltung einen offensichtlichen Pop-Gestus. Also Indie-Pop? Hm, vielleicht. R.E.M. waren scheinbar wichtig, genauso Wilco, die akustischen Sachen von Jim O'Rourke und The Weakerthans natürlich. Herausgekommen ist eine Platte, die der Mittelmäßigkeit mit Anlauf die Zähne einschlägt.
SIR SIMON ist kein geschwätziger Langweiler, der, vom Unbill der Welt ermattet, ein paar Textchen über die Gesellschaft der Unglücklichen herbei halluziniert. Was wir hier hören sind filmische Geschichten von einem, der sie wirklich erlebt hat. Jeder Text eine Zeitskulptur besonderer Momente. Es geht um versäumte Gelegenheiten und verpasste Chancen. Selbst kleine Unebenheiten können zu riesenhaften Bergen anwachsen, wenn man sich nur detailliert genug mit ihnen beschäftigt. Tiefschläge spielen eine Rolle, die
SIR SIMON aber hinnimmt wie ein, nun ja, Jörg Fauser Typ vielleicht. Wenn es einen umhaut, dann geht es trotzdem einfach weiter, so ist das nun mal. Manchmal bewegt man sich doch auch schon, wenn man kaum etwas tut. Wahrscheinlich sind deshalb Zug- und Autofahrten von so zentraler Bedeutung in diesen Texten. Gefühlsexzesse kommen keine vor, die bringen ja auch wirklich niemandem etwas. Und so ist diese Platte mehr als nur ein herzhafter Schluck Melancholie oder romantische Sehnsucht geworden. Was sie verkörpert ist die minutiöse Beschreibung eines unwirtlichen Alltags, die Angst vor Gefühlskälte und davor, das Verlangen zu verlieren. In diesem Sinne ist die Band zurückhaltend und offensiv zugleich. Verrückt. Während die meiste Musik zwar kosmetisch perfekt daher kommt, dafür allerdings ziemlich geschmacklos ist, besitzt
SIR SIMON meiner Meinung nach soviel Substanz und Profil, wie nur wenige Bands in diesem Lande. Gut, dass Simon überredet wurde, damit nach draußen zu gehen. (Olli Koch)