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4.0 von 5 Sternen
Opern-DVDs als Problem, 16. Februar 2009
Opern sind nicht dafür gemacht, um auf DVD betrachtet zu werden. Oft genug wird man Zeuge mimischer Disharmonien, gestischer Übertreibungen und einem gemeinen Grimassenfiasko, wenn die Kamera eine Nähe herstellt, die es eigentlich nicht geben dürfte und auch Zuschauern in der ersten Reihe bei einer Aufführung entgehen muss. Sänger sind keine Schauspieler. In der Oper müssen sie es jedoch sein. Das schafft zuweilen ein künstlerisches Gefälle, welches das Artfizielle einer Opernsituation hervor hebt und der Lächerlichkeit preisgeben kann. All diese Worte wegen einer Inszenierung, die durchweg Jubel entfachen konnte, die mit einem einzigen Bühnenbild auskommt, die dieses Werk auf eine neue Ebene hieven soll, die unter dem Strich auch gelungen ist. Aber mir wurde wieder einmal klar: Es ist gewissermaßen falsch, Opern ins Wohnzimmer zu holen. Noch falscher ist es, die Sopranistin Emily Magee auf 1/8 zu verlangsamen, so dass sie fast zur Figur in einem Video von Bill Viola wird, und ihre quadratische Mundöffnung zu sehen, ihre weit aufgerissenen Augen, das verzerrte, schreiende Schminkpastengesicht. All diese Dinge lenken davon ab, dass sie eine gute Sängerin ist, sein muss, womöglich ist sie großartig. Alles denkbar. Aber als Darstellerin (nicht als Sängerin) der verwitweten Grundschullehrerin Ellen Orford macht sie sich stellenweise lächerlich. Doch nur auf DVD. In Zürich wurde sie bestimmt gefeiert. Aber da kam niemand auf zwei Meter an sie ran. Immerhin: Es gibt da noch die Männer. Christopher Ventris ist fast immer überzeugend als Grimes. Das gilt für die robusten, meist dickleibigen anderen Mannsbilder ebenso. Nur derjenige Mensch, der die arme Kreatur aus dem Waisenhaus spielt bzw. versucht zu spielen, sollte sich eine Schauspielkarriere verkneifen. "Don`t put your daughter on the stage", dieser Song fällt mir dazu ein.
Peter Pears hat ein für alle mal klar gemacht, dass es in der Oper keinesfalls um sexuellen Missbrauch geht, dass Grimes unschuldig ist. Es gibt nicht wenige Inszenierungen, die diese Lesart trotzdem zulassen. Dieses Motiv spielt bei Regisseur Felix Breisach praktisch gar keine Rolle. Grimes wird von seinen Mit- bzw. Gegenmenschen im wahrsten Sinne von oben herab zum Außenseiter erzogen, und nur die wackere, füllige Lehrerin versteht ihn, oh ja, sie versteht ihn so gut, den armen Getriebenen, der sich nicht beherrschen kann, sich befreien will durch einen gigantischen Fang, nur zu bewältigen mit einem ungelernten Gehilfen, den er aus dem Armenhaus holen lässt, den er grob behandelt, den er überfordert, den er zwangsläufig, wenn auch ungewollt, opfert. Es fällt mir selbst schwer, Verständnis oder zumindest eine gewisse Nähe zu Grimes aufzubauen. Zumindest in dieser Aufführung vermag ich den inneren Kampf dieses Mannes nur zu erahnen, erblicken kann ich ihn nicht, eventuell kann ich es hören, aber das Bild maulkorbt die Musik, zieht ihr etwas ab, neutralisiert sie. Nicht ständig, aber zu oft.
Zum Zeitpunkt, da ich diese Zeilen schreibe, gibt es insgesamt fünf Inszenierungen auf DVD von "Peter Grimes". Keine andere Oper des 20. Jahrhunderts mit Ausnahme von "The Rake`s Progress" wurde so oft filmisch aufbereitet. Ob diese die beste oder wenigstens zweitbeste Wahl darstellt, kann ich nicht sagen. Sicher ist aber: Das Bühnenbild von Robert Israel ist zwar keine Augenweide, aber in ihrer schlichten Konstruktion eine präzise Metapher für Grimes Situation. Einige Chormitglieder, allesamt die Bewohner der Stadt darstellend, sitzen auf unterschiedlich hohen Säulen und gehen ihrem Tagwerk nach. Sie kommentieren das Geschehen aus der Höhe, bewegen sich nicht auf dem selben Boden wie Grimes. Weiter oben gibt es einen Weg, sozusagen der 1. Stock des Bühnenbildes, das in Sekundenschnelle zur Dorfkneipe wird, oder zur Behausung von Grimes. Der Sturm wird mit Stroboskop-Effekten simuliert. Mag nicht gerade neu sein, aber das geht in Ordnung. Bei den instrumentalen Zwischenspielen erhaschen wir immer wieder auch Blicke in den Orchestergraben. Die Bildausschnitte, der Schnitt - sie sind ohne Makel. Auch sonst wirkt die Inszenierung schlüssig, schlägt um ins Spannende, dann ins Frivole, ohne dass es an den Übergängen knirschen würde. Je mehr Minuten vergehen, desto mehr bangt man mit Grimes. Zum Schluss, wenn alles zu spät ist, wenn alles verloren ist, meint man dann doch, etwas Großes gesehen zu haben. Man vergisst die paar Unzulänglichkeiten und denkt das Richtige: "Peter Grimes" ist eine altmodische und eine meisterhafte Oper. Die man am besten live erlebt.
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