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5.0 von 5 Sternen
Rosenkavalier im Fin du siecle, 22. Juli 2009
Kann man den Rosenkavalier aus der genau definierten Zeitepoche lösen und in die Zeit der Entstehung des Werkes versetzen? Trägt Hofmannsthals artifizielles Kunstwerk, das so detailgenau gerade in den Regie- und Bühnenanweisungen eine vergangene Zeit beschwört, auch ohne Perücken? Werden doch hier Themen verhandelt, die nicht gar so archetypisch scheinen, wie in Wagners Musikdramen.
Natürlich, es geht, denn meines Erachtens lebt der Rosenkavalier zum Teil ganz einfach von Nostalgie, von der Sehnsucht nach der Vergangenheit, in der die Melancholie gerade in den Szenen der Feldmarschallin aufblühen kann. Das funktioniert sogar noch in den fünfziger Jahren, in denen die herrliche Dresdner Aufführung mit der grandiosen Anne Schwanewilms spielt. Strauss Musik spielt ja eh mit den Zeiten, Mozart, Johann Strauß und natürlich er selber auf dem Höhepunkt - für mich kein Rückschritt zur Elektra, immer noch moderne Musik halt von Strauss, der die Harmonik letztlich nie verliess.
Hier also nun die Zeit der Entstehung, Dekadenz und Endzeitstimmung, Militärisches prägt das Bild - die Männer sind Soldaten oder beliefern sie wie der Faninal. Auf der Riesenbühne des Salzburger Festspielhauses tummelt es sich so ständig, ob das live so gut gewirkt hat wie im Zoom des genialischen Brian Large? In jedem Fall wird spannend, witzig und auch leidenschaftlich die alte Geschichte erzählt. Großes Theater, wie es sich kaum eine Bühne mehr leisten kann. Die Überreichung der silbernen Rose vor dem ewig langen Tisch mit Octavian hoch zu Ross ist ein echter Theatercoup - passend zur Musik lass ich mich da schonmal beeindrucken. Über die Szene im zum Offiziersbordell umfunktionierten gemeinen Beisl kann man schon mal lachen, wenn man nicht prüde ist. Zur schmierigen Musik passts allemal.
Vor dieser Folie liefern die Sänger der Titelrollen schauspielerische Kabinettstückchen ab - wie die Kirchschlager im 3.Akt Franz Hawlata - ja was denn eigentlich - verführt und gleichzeitig fertig macht, ist einfach hinreissend, das muss man gesehen haben und dann mag man eigentlich keine Otto Schenk Rosenkavaliere mehr sehen. Auch die Aufregung Sophies vor der Rosenüberreichung und vieles andere ist spannend und phantasievoll inszeniert. Der oft kritisierte Schluss mit dem Auftauchen des Feldmarschalls und der Soldateska ist doch einleuchtend - 3 Jahre nach der Uraufführung war die Welt doch soweit. Vordergründig vielleicht - aber selbst Strauss traute ja dem schnulzigen Ende seines Liebesduetts nicht.
Die Hauptdarsteller überzeugen schauspielerisch und weitgehend sängerisch. Die sängerische Kronen gehören Adrienne Pieczonka und Miah Persson, die Kirchschlager überzeugt mit ihrem totalen Einsatz und Franz Hawlata ist einfach eine Type, da sieht man fehlende Bassgewalt wir bei Rydl oder Böhme gerne nach. Auf der großen Bühne in Salzburg haben es die Stimmen halt nicht leicht und die Stimmen sind auch nicht immer optimal eingefangen - im Gegensatz zum Orchester.
Alle Gemütlichkeit treibt Semyon Bychkov dem Rosenkavalier aus. Das klingt modern und durchhörbar, manchmal rabiat, dann aber wieder im vollen Schönklang schwelgend wie beim Schluss. Die Wiener folgen ihm sichtlich engagiert in seiner durchaus ungewöhnlichen Interpretation.
Ein tolles Festspieldokument, dass man eigentlich gesehen haben muss. Mit dem Dresdner Rosenkavalier unter Fabio Luisi für mich der beste Rosenkavalier auf DVD - der völlig überschätzte Kleiber hin oder her, aber das ist eine andere Diskussion .
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