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11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Der alte Mann und das Meer, 12. März 2006
Was sind wunderbare kleine Platten? Wunderbare kleine Platten sind diese unverhofften Fundstücke, denen man sich ohne Erwartungen nähert, diese scheinbar mühelos hingeschriebenen Randnotizen zum musikalischen Konkurrenzkampf, diese introspektiven und bescheidenen Songsammlungen, die nicht in neue Welten entführen, sondern den Blick nur auf ein übersehenes Fleckchen am Wegesrand lenken und den Hörer mit einem Lächeln für sich gewinnen. Gilmours "On an Island" ist so eine wunderbare kleine Platte. Wer energischen Rock oder gar ein aufwühlendes Meisterwerk von "Animals"-Format erwartet, muß enttäuscht werden, denn die dritte Solo-Scheibe des neulich 60 gewordenen Gitarristen ist unverschämt verträumt und in sich ruhend. Dabei hat die Musik durchaus einiges mit Pink Floyd gemein, denn – man mag es kaum glauben – sie erstreckt sich weit in die Vergangenheit und führt zurück zu den stillen Momenten von "Meddle", "Obscured by Clouds" und "More". Es ist die Musik eines Ausnahmekünstlers, der mit allem im reinen ist, auf eine lange Karriere zurückblickt, viel zu erinnern hat und von dem Recht, sich zu erinnern, ausgiebig Gebrauch macht. Wenn im instrumentalen Opener "Castellorizon" die Feuerwerkskörper hochgehen und den mit Spannung erwarteten Gitarreneinsatz ankündigen, stellt sich die erste Gänsehaut ein und bleibt für's erste. Der Mann hat nichts verlernt, bearbeitet den Gitarrenhals noch immer genauso gefühlsecht wie vor 20 oder 30 Jahren. Das Intro geht nahtlos über in das Titelstück mit Crosby und Nash, das eine ähnliche Schönheit ausstrahlt wie "On the Turning Away" oder eben das Material der frühen 70er, und man kann aufatmen, denn auch Gilmours samtene Stimme ist die gleiche wie damals. Mit dem getragenen "The Blue" geht es ebenso ätherisch weiter, denn es gleicht einem Nickerchen in einem Ruderboot zwischen Himmel und Meer und gleitet ausgeruht durch ein inspiriertes Solo. Die dramaturgische Kurve wird nun verlegen steiler, denn nie ist die Scheibe näher am Rock als beim folgenden "Take a Breath", dessen stampfender Rhythmus zwar immer noch zu den Leisetretern gehört, aber dennoch an "Dogs of War" oder ähnliche Stücke erinnert. Das atmosphärische Instrumental "Red Sky at Night" mit Gilmour persönlich am Saxophon wäre auf "Wish you were Here" oder auch "A Momentary Lapse of Reason" nicht fehl am Platz, "This Heaven" ist ein entspannter Bar-Blues, und das anfangs collagenartige Instrumental "Then I close my Eyes" mit seinem kreisenden Arrangement führt den Hörer hinunter zum Strand. Und damit wird nun das letzte Drittel eingeleitet: Abgesehen von der gilmour-typischen Slide Guitar könnte "Smile" auch von Paul McCartney sein, sogar stimmlich, bevor die verwunschene Piano-Suite "A Pocketful of Stones" so tut, als würden sich Floyd, Mick Hucknall und Kate Bush eine alte Yes-Platte reinziehen. Der melancholische Ausklang "Where we Start" beschwört "Obscured by Clouds" dann sehr eindringlich. Es ist der Song, den Steven Wilson von Porcupine Tree seit Jahren immer wieder zu schreiben versucht, mal mit mehr, mal mit weniger großartigem Erfolg. Hör' genau hin, Steven: Das ist es, oder? Und das ist der Meister, das ist Gilmour himself. Auch der Text läßt aufhorchen und endet mit einem wissenden "so much behind us, still far to go", das noch lange in der Seele nachhallt. Ja, verstanden, David, genau verstanden. Manch einer wird zwar unter den Songs den ganz großen Überflieger vermissen, die Mehrzahl der Texte banal finden und diesem vermeintlichen Abschiedswerk Selbstzitat, Plätschertum und Kontrastarmut vorwerfen. Wer aber "Burning Bridges", "Mudmen", "A Pillow of Winds" oder auch "Signs of Life" mag, wird auch auf Gilmours Dämmerinsel Freunde finden. Anspieltips: "On an Island", "A Pocketful of Stones", "Where we Start"
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