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62 von 71 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schuld und Sühne, 28. Februar 2005
Ingmar Bergmans "Wilde Erdbeeren" (im schwedischen Original "Smultronstället"), entstanden 1957, zählt für mich zu den unbestrittenen Meisterwerken der Kinematografie. Darüber hinaus stellt dieser Film einen herausragenden Beitrag zum filmkünstlerisch zum Ausdruck gebrachten Existenzialismus dar. Zum Inhalt: Der Arzt und Forscher Isak Borg (grandios: Victor Sjöström), seines Zeichens verwitwet und 78 Jahre alt, lebt zurückgezogen mitsamt seiner mürrisch-liebevollen Haushälterin Agda in Stockholm. Anlässlich seines 50jährigen Doktorjubiläums wurde Borg nach Lund eingeladen, um von seiner Universität geehrt zu werden. Am Vorabend dieses denkwürdigen Ehrentages hat Borg einen erschreckenden Traum - er begegnet darin dem Tod. In Begleitung seiner Schwiegertochter Marianne (Ingrid Thulin), zu welcher der Professor ein bestenfalls platonisches Verhältnis pflegt, bricht er am kommenden Morgen mit dem Auto nach Lund auf. Auf halber Strecke machen sie an einem verlassenen Sommerhaus, in dem Borg seine unbeschwerte Kindheit verbrachte, Rast. Er findet dort den Platz der wilden Erdbeeren wieder und die Bilder der Vergangenheit holen ihn ein. Er sieht seinen schwerhörigen Onkel Aaron vor sich, umgeben von Borgs Geschwistern, er selbst aber steht als gealterter Unbeteiligter voller Wehmut außerhalb des Geschehens. Bei der Weiterfahrt nach Lund nehmen Borg und Marianne dann drei Studenten mit: Sara (Bibi Anderson), Victor und Anders, die bis nach Italien trampen wollen. Kurze Zeit später entgehen sie nur knapp einem Zusammenstoß mit einem anderen Wagen, der im Straßengraben landet. Den beiden unverletzt gebliebenen Insassen, dem Ingenieur Alman und seiner Frau, bietet Borg die Mitfahrt an. Unterwegs geraten Alman und seine Frau so heftig in Streit miteinander, dass Marianne sie des Fahrzeugs verweisen muss. Zur Mittagszeit rastet man erneut: Victor und Anders, ganz in ihrem leidenschaftlichen Element, diskutieren heftig über Religion und Wissenschaft. Borg und Marianne wiederum besuchen die in der Nähe lebende Mutter des Professors, die Begegnung fällt distanziert und befremdlich aus. Auf der Weiterfahrt - Marianne fährt - schläft Borg ein und wird abermals von bedrückenden Traumvisionen heimgesucht. Zunächst begegnet er seiner Cousine Sara, die er in der Jugend liebte, aber letztlich an seinen Bruder Sigfrid verloren geben musste. In einer veränderten Traumsituation muss er sein praktisches Hochschulexamen wiederholen, bei dem er überraschenderweise kläglich versagt. Der Prüfer ist Alman: er tritt als Ankläger im Namen der verstorbenen Frau des Professors auf und begleitet diesen zu einer Szenerie, in der sich Borgs Frau einem fremden Mann hingibt. Borg erwacht und erzählt Marianne von seinen Traumbildern. Diese wiederum erkennt darin überrascht, wie sehr der junge Isak Borg in seiner Gefühlskälte ihrem Mann Ewald, ebenfalls Arzt, ähnelt. In Lund angekommen, empfängt Ewald Borg den Vater und Marianne in seinem Haus. Ermüdet vom Ritual des Festaktes, den der Professor wie abwesend hat über sich ergehen lassen, sinkt er am Abend ins Bett. Sara, Anders und Victor verabschieden sich liebevoll mit einem Lied von ihm; Marianne und Ewald haben ihre vormals angedeuteten Differenzen überwunden und kommen einander wieder näher. Noch einmal ruft Borg Erinnerungen aus seiner Kindheit wach, er träumt sich zurück zum sommerlichen Erdbeerplatz und sieht seine Eltern, die ihm vom Seeufer aus zuwinken. "Wilde Erdbeeren" berichtet über die Ereignisse eines bedeutungsvollen Tages im Leben eines alten "Einsiedlerkrebses". Jahrzehntelang hat der geachtete Professor das Bewusstsein, im Leben versagt zu haben, verdrängt und gleichzeitig unter diesem Selbstbetrug gelitten. Darüber ist er im Alter einsam geworden - ein Mensch, der vom Leben nichts begehrt als Ruhe und die Möglichkeit, sich den Dingen zu widmen, die sein Interesse erwecken. Seine Abschirmung von der Außenwelt ist somit selbst gewählt. Der zu Beginn erwähnte Todestraum bewegt ihn dazu, das Auto - und nicht wie ursprünglich geplant den Zug - zu benutzen: er will die Stätten seiner Vergangenheit wiederentdecken, sich auf die Suche begeben nach der versäumten Zeit, der verlorenen Liebe, dem vernachlässigten Leben. Die Fahrt nach Lund entwickelt sich für ihn zu einer Wiederbegegnungsreise mit der Welt, mit den Menschen - und letzten Endes mit sich selbst. Die äußeren und inneren Ereignisse der Reise wühlen den Bodensatz der Erinnerungen noch einmal auf: Realität und Geträumtes vermischen sich miteinander, Vergangenes wird erstmals selbstkritisch reflektiert. Eine Schlüsselszene des Films ist das "Examen" durch Alman. Dieser bescheinigt dem Professor berufliche Inkompetenz und klagt ihn der Gefühlskälte und Selbstsucht an, die für den Ehebruch von Borgs Frau die bestimmenden Hintergründe waren. Borg erkennt daraufhin nicht nur seine eigene Schuld, sondern begreift auch, dass er dafür mit Einsamkeit gestraft wurde. "Gibt es denn keine Gnade?" entfährt es ihm angesichts seines menschlichen Versagens. Konfrontiert mit enttäuschenden Erlebnissen, mit unbeabsichtigten, aber gerade deswegen umso schwerwiegenderen Fehlern, versteht Borg nun, welches Maß an Schuld er selbst zu verantworten hat. Aus dieser innerlichen Katharsis durch Selbsterkenntnis geht er als neuer Mensch hervor. Die Personen, denen Borg während seiner Fahrt begegnet, stehen vielfach im Widerstreit mit ihren eigenen Nöten. Während die Probleme der drei Studenten noch vergleichsweise "theoretischer" Natur sind, geht es bei Marianne und Ewald sowie beim Ehepaar Alman um die grundsätzliche Frage nach Sinn und Ziel menschlichen Zusammenlebens. In der Darstellung dieser konfliktbehafteten Beziehungen wird Bergmans Beeinflussung durch die Existenzphilosophie am deutlichsten erkennbar. Der Film wendet sich in erster Linie an ein empfängliches, verständnisbereites Publikum. Er stellt, psychologisch vertiefend und unter Einbeziehung der religiösen Dimension, die komplexe Problematik menschlichen Miteinanders und die Schwierigkeit der Lebensbewältigung dar - ohne dass sich Bergman dabei zum Richter aufschwingen würde. Vielmehr legt der Regisseur ein persönliches Bekenntnis zur Notwendigkeit gegenseitigen Verstehens und des Mit- anstatt des Nebeneinanderlebens ab. Unaufdringlich, aber überzeugend für denjenigen, der sich seinen Intentionen öffnet. Der ungemeine Gedankenreichtum, der sich in den komplex angelegten Charakteren widerspiegelt, und die Präzision und Schönheit der optischen Gestaltung machen diesen Film zu einem zeitlosen Meisterwerk ganz besonderer Machart. Ich habe diesen eindrucksvollen Film jetzt schon mehrere Male gesehen und bin nach wie vor von seiner Ausdrucksstärke angetan - auch wenn es sich hierbei nach gängiger Vorstellung um einen "spannungslosen Film" handeln sollte. "Wilde Erdbeeren": Ein feinfühlig inszeniertes Juwel der Filmgeschichte, das in jede Klassikersammlung gehört! Absolute Kaufempfehlung.
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23 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Für Nächstenliebe ist es nie zu spät., 31. Dezember 2008
Der 78 jährige schwedische Professor für Medizin Isak Borg (Victor Sjöström) soll anlässlich des 50. Jahrestages seiner Promotion von der Universität in Luna geehrt werden.
Borg ist ein sehr introvertierter Mensch, der sich der Wissenschaft verschrieben hat.
Seinen Mitmenschen gegenüber wirkt er unterkühlt und wenig Anteil nehmend.
In einem Albtraum wird er mit seinem eigenen Tod konfrontiert und in darauf folgenden Tagträumen mit den Erlebnissen seiner jungen Jahre.
Sein Seelenleben hat sich gemeldet.
Auf der Autofahrt nach Luna begleitet ihn seine schöne Schwiegertochter ( Ingrid Thulin), die ihm von ihrer schwierigen Ehe berichtet und ihm verdeutlicht, dass seine Kälte, die gesamte Familie krank und sehr unglücklich gemacht habe.
Er erinnert sich an seine bereits verstorbene Frau, die aufgrund seiner kühlen Art Zuneigung bei einem anderen Mann suchte. Er denkt an seinen Sohn, der ihm sehr ähnlich ist und er trifft seine steinalte Mutter, deren Kälte nicht zu überbieten ist.
Die mangelnde Empathie wird von Generation zu Generation weitergegeben und macht alle sehr einsam.
Durch Mitreisende im Auto wird Borg mit vielen unterschiedlichen Gefühlsexplosionen konfrontiert, die ihm verdeutlichen, dass er bereits gestorben ist.
Borg ist mit diesem Zustand nicht einverstanden und bemüht sich, trotz seines Alters um einen neuen Weg. Es ist der Weg der Nächstenliebe, für die es nicht nur in der Vorstellung des Regisseurs Ingmar Bergmann nie zu spät ist.
Ein künstlerisch sehr beeindruckender Schwarz-Weiß-Film , mit nachdenklichen Dialogen.
Die Ton- und Bildqualität sind zufriedenstellend.
Empfehlenswert.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wilde Erdbeeren: Daseinsanalyse , 13. Oktober 2007
Der Film mutet heute (2007), genau 50 Jahre nach seiner Erstaufführung, altertümlich an, wie ein Film der Vorkriegszeit, nur für Cineasten ein Muß, aber sonst für uns heute? Keine special effects, ein Autounfall und sonst keine Action, alles schwarz- weiß und natürlich alles ohne graphics engine erstellt.
Dabei ist sein Thema zeitlos: es geht um das geglückte Leben, nicht das äußere mit Ruhm und Geld, davon hat die Hauptperson Professor Bork gewiß genug, sondern um seine eigene innere Biographie, der Bewertung der eigenen Existenz. Vielleicht ist das Verstehen heute schwerer, weil der kulturelle Kontext, der Existenzialismus (Heidegger, Sartre), die Bedrohung des Atomkrieges uns weiter entfernt erscheinen, oder auch nur weil wir nach der Einheits- Hollywood- Filmkunst abgestumpfter sind.
Die Handlung wurde von anderen Rezensenten schon erzählt: der Medizinprofessor Bork fährt zu seinem 50. Promotionsjubiläum, die Ehrung seines Lebenswerks an der Unversität steht an. In der Nacht davor hat er einen Albtraum. Er hat sich verirrt in einer leeren Stadt, und mehr: er hat die Zeit verloren (Die Zeiger stehen nicht einfach still, sie sind weggefallen). Ein Pferd zieht einen Leichenwagen, verfängt sich an einem Laternenpfahl, der Sarg mit ihm darin fällt herunter, es ist wohl noch nicht die Zeit für seine letzte Fahrt.
So entschließt er sich am morgen nicht den Zug zu nehmen sondern selber das Steuer in die Hand seines Wagens, will Orte der Kindheit noch einmal aufsuchen. Ihm werden dabei Menschen begegnen, die nun in seinen früheren Lebensphasen stehen und er wird in Träumen zurückfallen in die Erinnerung an sein eigenes Leben.
Da sind zwei Studenten (Ingenieur und Theologe) und eine Studentin, die sich noch zwischen beiden Lebenswegen entscheiden muß.
Da ist ein Ehepaar, mit dem Bork in einen Autounfall schudlos verwickelt wird. Der Mann ist wieder Techniker / Ingenieur, rational, klar, ironisch. Seine Frau ist Schauspielerin. Er versteht ihre Wünsche nicht, sieht ihre Gefühle als Schauspielerei. Prof. Bork nimm die beiden mit im Auto, aber das Paar gerät so sehr in Streit, daß sie schließlich aussteigen müssen.
Der Ingenieur wird ihm noch einmal in einem Traum begegnen: da nimmt er dessen Examensprüfung ab und der hoch geehrte Dr. Bork fällt durch. Er erkennt nicht, was er im Mikroskop sieht, er kann den groß geschriebenen Text an der Wand nicht lesen (was die erste Pflicht des Arztes sei), sieht nicht, daß sein Patient gar nicht tot ist. Er ist Seelen- blind. Er hofft auf einen gnädigen Prüfer, aber diese Gnade wird abgelehnt. Er bekommt die, so wie der Prüfer ihm sagt, übliche Strafe, und das ist die Einsamkeit.
Die Einsamkeit hat Borg sich schon lange selbst auferlegt. Ganz zu Beginn drückt er schon sein Desinteresse am Mit- Einander aus, sei doch sein Leben Arbeit gewesen. Auf seiner Fahrt sucht er Orte seiner Kindheit auf. Da ist das Sommerhaus wo die wilden Erdbeeren sind, hier erinnert er sich träumerisch an sein Leben. Er sieht seine Geschwister spielen. Er selbst, älter, steht abseits, gehört nicht dazu.
Er sieht seine schon lang verstorbene Frau mit einem Anderen, 30 Jahre danach, eine Szene, die er nicht verdrängen kann, die wieder in sein bewußtes Leben kommt.
Er sieht im Leben seines Sohnes und der Schwiegertochter sein egoistisches, aus das Formale ausgerichtete Leben wieder. Er beginnt, die Seelenqualen zu spüren, die ihn, wie er der Schwiegertochter zu Beginn der Reise sagte, doch nicht interessieren. Wie sagt er mehr zu sich selber: Trauer überzog die Bilder wie einen Schleier....
Beim Tanken in der Provinz, da wo er vor langer Zeit Kreisarzt war dankt ihm der Tankwart, auch im Namen anderer ehemaliger Patienten. Er sei nicht vergessen und nicht was er gutes getan habe. Dies verunsichert ihn. Ihn überkommt für einem Moment die Phantasie, vielleicht besser dort geblieben zu sein.
Am Ende seiner realen wie biographischen Reise wird sich sein Bild seines Lebens damit noch ändern. In einem Traum wird er seine Eltern im Sommerhaus wiederfinden, sie werden ihm zuwinken, sie ihn und er das innere Kind annehmen.
Wahrhaftig ein großer Film.
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