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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Der Dirigent Boulez entdeckt sein Meisterwerk neu, 17. Februar 2009
Von der 1957 entstandenen Kantate «Le Marteau sans Maître» nach Gedichten von René Char war kein anderer als Igor Strawinsky tief beeindruckt. Und eben dieses Werk erschloss vor 40 Jahren dem Rezensenten die Welt der Avantgarde Musik! Die vom Komponisten geleitete Aufnahme mit Jeanne Deroubaix als Altistin und den Solisten des Domaine Musical erschien ihm seinerzeit (auch aufnahmetechnisch) schlechthin vollkommen. Entzückend war die kühle Brillanz der Sängerin und das exotische kristallin helle Klangbild, das so gut zu den surrealen Gedichten zu passen schien. Vielleicht wurde damals auch der stachelige Charme der seriellen Schreibweise als erfrischende Herausforderung für das etablierte Musikrepertoire verstanden.
Lässt man sich nun auf diese aktuelle Aufnahme ein, so erlebt man (erneut), wie schon der bloße Zeitverlauf eine musikalische Komposition verändern kann. Es ist schon bezeichnend, dass derselbe Dirigent, nämlich Pierre Boulez, sich für das Werk nun fast sieben Minuten länger Zeit nimmt! Der Ton ist weicher, die Klangbalance besser (besonders bei den Schlaginstrumenten), die Musik atmet freier und gliedert sich nunmehr in klar sprechende Phrasen. Kurz gesagt, das Werk gewinnt an Schönheit ... Im Commentaire III zum Gedicht «Bourreaux de Solitude» etwa gibt es bezaubernde Passagen, wo die Musik ähnlich wie seinerzeit bei Webern ganz in sich selbst versunken ist.
Überhaupt Webern und die Neue Wiener Schule! Ihre Wirkung auf das Boulez'sche Schaffen ist auch hier deutlich auszumachen, neben der Gamelan-Musik aus Indonesien und dem besonders in der Flötenstimme hörbaren Einfluss Debussys (eigentlich ist hier die Flöte die heimliche Solistin). Arnold Schönberg stand Pate bei der Behandlung der Gesangstimme: «L'Artisanat furieux» ist ganz offensichtlich eine Hommage an dessen Liedkunst und der expressionistische Stil des «Pierrot Lunaire» wird besonders von der Altistin dieser Aufnahme, Hillary Summers, beschworen.
Allerdings ist es eine offene Frage, ob ihr dunkler, oftmals sehr pathetischer Ton den surrealistischen Gedichten Chars, die sich doch vom Inhalt der Worte entfernen und sich stattdessen in den Sprachklang einnisten, angemessen ist. Besonders in «Bourreaux de Solitude» ist das Pathos kaum erträglich. Da würde der Rezensent nun doch die distanzierte Eleganz von Jeanne Deroubaix vorziehen.
Der geniale Schluss der Kantate, wenn der Hörer nach dem Verstummen der Singstimme eigentlich nichts mehr erwartet und auf einmal die tiefen Klänge des Gongs und des Tamtams ihn überraschen, wirkte in der frühen Aufnahme wie ein Schock und fast schon bedrohlich. Hier jedoch scheint es, als würde die Musik ganz folgerichtig auf eine tiefere (oder höhere) meditative Ebene steigen und den Hörer ganz gelassen mit sich führen.
Was diesem gewichtigen Werk auf der CD folgt, kann nicht mehr als ein Bonus sein. Zunächst hören wir «Dérive 1» (1984), eine sehr anziehende Miniatur für kleines Kammerensemble. Sie beruht auf einer einfachen Skala (Es-A-C-H-E-D [Re]), mit der Boulez in Bergscher Manier dem Basler Dirigenten und Mäzen Paul Sacher seine Ehre erweist, und zeigt das wieder erwachte Interesse des Komponisten an tonaler Harmonik an. Das Stück hat eine reizvolle Dramaturgie: Es beginnt überaus drängend und dramatisch, beruhigt sich in der Mitte aus rätselhaften Gründen und verhallt schließlich im Offenen, fragend Unbestimmten. - Die zweite längere Zugabe ist «Dérive 2» (2002) für kleines Kammerorchester (das Vibraphon darf auch hier nicht fehlen). Da freilich benötigt der Hörer einige Geduld, um dem Werk auf die Spur zu kommen. Die außerordentliche Dichte der knapp halbstündigen und einsätzigen Komposition, in der die Instrumente solistisch miteinander und gegeneinander spielen, verweist natürlich auf die erste Kammersymphonie von Schönberg, der sie auch klanglich nahesteht. Zu Beginn geht es rastlos und kurzatmig zu, es gibt merkwürdig irreguläre Sforzati-artige Engführungen, dann wiederum entspannt sich das Geschehen in mehr meditativen Episoden, wo sich tonale Harmoniezentren ausmachen lassen. Das emsige Gewusel ist wohl irgendwie (ähnlich wie beim späten Ligeti) nicht mehr ganz ernst gemeint. Gegen Ende ruft eine energische Klavierkadenz im hohen Register das Orchester gewissermaßen zur Raison. Übrigens hat der Komponist «Dérive 2» schon 2006 (erst nach der vorliegenden Aufnahme) wieder überarbeitet und mit einer kühnen Hornsequenz enden lassen («der erste richtige Schluss bei Boulez», wie manche Kritiker anmerkten).
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Spannendes Hörerlebnis, 24. Februar 2006
Von Ein Kunde
Boulez' "Marteau sans Maitre" - ein verblüffendes Werk! Entgegen dem, was manchmal behauptet wird, höre ich deutliche Einflüsse der zweiten Wiener Schule (z.B. in den wild gezackten Gesangs- und Instrumentallinien, ich denke aber auch an Schönbergs "Pierrot lunaire"). Zugleich ist dieses Werk aufgrund seiner subtilen Instrumentierung (fängt an bei der Wahl der Instrumente: Flöte, Viola, Gitarre, Vibraphon ...) klanglich sehr reizvoll und hinterlässt einen stärkeren Höreindruck als die meisten mir bekannten Kompositionen der seriellen Avantgarde der 50er Jahre. Auch die anderen Stücke, Dérive 1 & 2, halte ich für sehr hörenswert, das erste ist beinahe meditativ und sehr knapp, das zweite ausgedehnt und beim Hören irritierend unvorhersehbar.Alles in allem keine leichte Kost, aber sehr interessante Musik, die mich davon überzeugt hat, dass Boulez zu recht einer der angesehensten Komponisten der Moderne ist. Eventuell sollten auch Einsteiger in Sachen neuer Musik mal reinhören --- auch wenn ich denen letztlich doch eher zu den Ligeti-Aufnahmen von Aimard raten würde...
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