Aus der Amazon.de Redaktion
Nick Caves Wandel vom manischen, drogenfressenden Bühnentier zum disziplinierten Arbeitstier erfährt hat mit
Abattoir Blues / The Lyre Of Orpheus einen neuen Höhepunkt. Es ist das erste Werk nach dem Ausscheiden von Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) bei Caves Band The Bad Seeds. "Die alles entscheidende Frage war, ob wir aus seinem Abgang etwas Positives herausziehen konnten, oder ob wir die nächsten zehn Jahre als trauernde Witwen durchs Leben gehen würden", so der australische Sänger und Songschreiber. Eine Lücke hat Bargeld nicht hinterlassen sondern Freiräume. Während der Vorgänger
Nocturama nach einer Woche aufgenommen war, entstanden die Songs von
Abattoir Blues / The Lyre Of Orpheus in mehreren Schritten. Zuerst ging Cave zum Songwriting mit einem kleinen Bad-Seeds-Team in das winzige Misere-Studio in Paris, dann wurde das Material mit kompletter Mannschaft in den geschichtsträchtigen Ferber-Studios (Serge Gainsbourg, Johnny Halliday) mit einem analogen Vintage-Equipment sowie einem Gospel-Chor eingespielt. Die Menge des Materials führte zu zwei Alben, die sich bis auf den Gospel-Gesang in ihrer Stimmung stark unterscheiden.
Abattoir (Schlachthof Blues) ist das kraftvollere und lebhaftere mit interessanten Elementen. So steht der Song "Nature Boy" eindeutig in der Tradition eines Steve Harley & Cockney Rebel, da bieten Stücke wie "Get Ready For Love" oder "Hiding All Away" mal brodelnden, mal schroffen Swamp-Rock, wie ihn Aussie-Bands wie Beasts Of Bourbon oder die Scientists zelebrierten.
The Lyre Of Orpheus zeigt die andere Seite des Nick Cave. Hier sind die Klagelieder und kleinen Epen zusammen gefasst, hier poltert das Schlagzeug nicht, hier wird der Besen rausgeholt. Die Entscheidung, das unterschiedliche Material aufzuteilen war schlau, denn ansonsten wären die atmosphärischen Schwankungen störend gewesen. So gibt es Stoff für den Tag und die Nacht, je nach persönlichem Befinden.
--Sven Niechziol
Auf dem ersten Album geht es vor allem um Gott, auf dem zweiten zuvörderst um die Frau. Manisch religiös oder panisch verliebt: Cave verdankt diesen beiden Triebkräften seiner Kreativität alles - und lässt nun alles kulminieren in einem wuchtigen Doppelalbum. Musikalisch illustriert Cave das auf der ersten CD mit Stolperdrums und mit Sequenzern, die bedrohlich murmeln wie teufelsbesessene Maultrommeln; mit elektronischem Gebrumm, das die Grobheiten des Kohlenkeller-Rocks noch verstärkt. Eine Klangästhetik, die seinen frühen Berliner Jahren nahe kommt; dabei wurden die Bad Seeds doch just um den Berliner Blixa Bargeld dezimiert. "Abattoir Blues" schwappt böse über uns herein, und manchmal pumpt Cave so viel Chor in den Sound, dass er fast unfreiwillig komisch wirkt in seinem verzweifelten Barmen ("Hiding all away"). Und dann, wie aus dem Nichts, ein unfassbar beschwingter, fast countryrockiger Song wie "Nature Boy", inklusive anzüglicher Erotik: "You played the patriot, you raised the flag/And I stood at full salute" É Textlich bietet dieser Song im bitter ernsten religiösen Schwulst eine Erholungschance. "Orpheus", die zweite CD, huldigt dann der Liebe, tut das weich und versponnen; manch schiefgelegter Flötenchor bringt psychedelisches Flair ins instrumentale Gespinst, und kitschgrenzwertige Frauenchöre sorgen für Gospeltouch ("O Children"). Erstaunlich, wo Cave so viel Inspiration, Energie, Leidenschaft hernimmt. Doch er ist ja mit den beiden größten Mächten im Bunde: Gott und der Liebe - auch wenn nur bei einer von beiden sicher ist, dass es sie gibt. Wenn überhaupt. (mw)