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56 von 62 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ganz großes Kino im besten Sinn, 24. Januar 2006
„Last Samurai“ war eines der großen Kinoereignisse des Jahres 2004. Für mich ist es einer der eindruckvollsten Filme der letzten Jahre. All jene, denen es nur darum geht, im Kino eine Orgie von Blut und Gewalt audio-visuell verabreicht zu bekommen mögen andere Filme mehr geben, auch wenn „Last Samurai“ nicht mit Schlachtengetümmel geizt. Ähnlich wie im beeindruckenden „Braveheart“ muss der Betrachter die dargestellte Gewalt nicht als verherrlichte rohe Gewalt missverstehen sondern als das, was sie eigentlich wirklich ist : ein Merkmal ihrer Epoche. Wir dürfen aus unserer heutigen Sicht, die ja nach zwei Weltkriegen und jahrzehntelanger Atomkriegsangst einen völlig veränderten ethisch-moralischen Blickwinkel hervorgebracht hat nicht die damaligen Zeiten als grausam abtun. Die in diesen Zeiten lebenden Menschen empfanden die Zustände zwar sicher als hart aber eben nicht als besonders grausam.Dieser Gegensatz wird in „Last Samurai“ aufgegriffen und meisterhaft dargestellt. Es ist der Gegensatz zwischen der alten und der neuen Welt. Auf der einen Seite stehen die modernen, aufstrebenden USA, in denen der Zeitgeist keinen Platz mehr lässt für das ursprüngliche, naturverbundene, anderen Idealen anhängende Leben, wie es z.B. von den Indianer verkörpert wurde. Und so fegt das Neue das Alte einfach beiseite, nutzt die Überlegenheit neuer Technologien rücksichtslos aus, um unangefochten herrschen zu können. Die Menschen dieses Neuen Weges gehen dabei über Leichen. Im fernen Japan auf der anderen Seite der Erdkugel könnte dieser Gegensatz nicht größer sein. Tradition hat jahrhundertelange Herrschaftsstrukturen entstehen lassen die nun nicht mehr zeitgemäß sind. Aber anders als in den USA, die ja keine gewachsene eigene Geschichte haben sondern ein Schmelztiegel sind von Menschen unterschiedlichster Herkunft lebten in Japan die Menschen über Jahrhunderte in ihren Traditionen, die Ihnen Ordnung, Sicherheit und Halt in ihrem Leben gaben. Der Feudalismus wurde nicht als Feind betrachtet sondern als Bestandteil des Lebens. Die japanische Mentalität, die Religion und das Wertesystem galten als die notwendigen festen Strukturen, die ein Leben im Einklang mit der Natur, den Familien, den Herrschenden erst möglich machten. In diese festen Strukturen bricht nun das aufkommende Industriezeitalter mit Macht und westlich geprägtem Fortschrittsglauben ein. Plötzlich sind die alten Werte nicht nur nicht mehr gefragt sondern sogar ein Feind des Fortschritts, den es zu beseitigen gilt. Wer besser als die Samurai könnte stellvertretend für dieses überkommene Wertesystem stehen. Der Film lässt uns durch die Augen eines Amerikaners den ungleichen, aussichtslosen Kampf des Alten gegen das Neue betrachten. Und weil uns die traditionelle Welt des alten Japan noch fremdartiger erscheint als z.B. die Welt der Indianer in den USA kommt uns auch der Gegensatz noch krasser vor. Die Samurai erscheinen uns ungleich härter, grausamer, brutaler, wenn sie zum ersten Mal auf die schlecht ausgebildeten, mit Musketen bewaffneten ehemaligen Bauern treffen, die nun als Soldaten für den Kaiser und die Neue Zeit in den Kampf geschickt werden. Wir erkennen erst langsam ebenso wie Tom Cruise in seiner bis dahin wohl besten Rolle, wer wirklich grausam ist. Und wie Tom Cruise wechseln auch wir im Verlauf des Films die Seiten, erfahren etwas über „Bushido“ und bekommen eine Ahnung davon, was es bedeutet. Wir beginnen unsere eigenen Wertvorstellungen in Frage zu stellen und – da wir im 21.Jahrhundert leben – wir bedauern die untergehenden Krieger und uns überkommt Traurigkeit, dass es nicht möglich war, durch gesellschaftliche Toleranz ein Nebeneinander des Alten und des Neuen zu ermöglichen. All dies entwickelt der Film anhand der persönlichen Geschichte eines alkoholkranken Offiziers der US-Army, der es nicht verkraften konnte, an einem Massaker an wehrlosen indianischen Frauen, Kindern und Greisen beteiligt gewesen zu sein. Ein einstmals unter ihm dienender Sergeant verschafft ihm einen Job als Ausbilder einer neu aufzustellenden japanischen Armee, die gegen Rebellen zum Einsatz kommen soll. Schon im ersten Scharmützel zwischen der schlecht ausgebildeten jungen Truppe und den Rebellen, bei denen es sich um einen Samuraifürsten nebst seinen Vasallen handelt, entgeht der Amerikaner nur knapp dem Tod, tötet jedoch selbst einen der Anführer der Samurai und gerät daraufhin in Gefangenschaft. In dieser lernt er nach und nach zu verstehen, was diese Menschen bewegt, wie sie leben und denken, welche Werte in ihrem Leben Bedeutung haben. Er erkennt die Sinnlosigkeit seines bisherigen Lebens findet Halt und Sinn in den für ihn neuen traditionellen Werten der Samurai und überwindet seinen Alkoholismus und sein Trauma. Am Ende siegt im Kampf zwar die neue Waffentechnik über den Mut und die Opferbereitschaft der Samurai, tatsächlich aber unterliegt der hohle Pathos des aufkommenden 20.Jahrhunderts der Tradition, die allein in der Lage zu sein scheint, der Seele Heimat zu geben (Tom Cruise) oder der neuen Zeit ein menschliches Antlitz zu verschaffen, so wie es der junge Kaiser am Ende geläutert versuchen wird. Seine Erkenntnis : Fortschritt lässt sich nicht aufhalten, doch ihm blind zu folgen und alles Alte einfach fortzuwischen beraubt die Menschen der Wurzeln ihrer Identität. Und wer wollte bestreiten, dass der blinde Fortschrittsglaube den Menschen in den vergangenen 100 Jahren nicht auch erheblichen Schaden zugefügt hat. Eingebettet wird diese Geschichte in umwerfende Bilder von Landschaften und Kampfszenen, die aufgrund der Gegensätzlichkeit der unterschiedlichen Bewaffnung der Parteien zunächst skurril wirken. Tom Cruise und Ken Watanabe überzeugen in ihren Rollen als alkoholkranker Soldat bzw. Samurai bis zum Schluss. Für mich ist es von der ersten bis zur letzten Minute großes Kino im besten Sinne, ein ganz großartiger Film, der den geneigten, offenen Betrachter in seinen Bann zieht und auch nach seinem Ende lange Zeit nicht los lässt.
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