Aus der Amazon.de-Redaktion
Tja, das war ein Einstand, der sich gewaschen hatte: Über 16 Millionen Mal ging das Debütalbum von Norah Jones
Come Away With Me über die Ladentheken, sie sammelte rund 80 Platin-Auszeichnungen ein und -- sozusagen als Krönung der jungen Musik-Königin -- überhäufte die amerikanische Schallplattenindustrie die Künstlerin und ihr Erstlingswerk mit insgesamt acht (!) Grammys. Die Welt erlebte die Geburt eines Weltstars -- einer Musikerin, die mit auffallend leisen, akustischen, stilistisch kaum einzuordnenden Klängen höchst erfolgreich gegen den Trend-Strom anschwamm. Was kann da noch kommen? Antwort:
Feels Like Home, ihr zweites Album.
Feels Like Home ist mehr als nur eine Fortsetzung ihrer mit Come Away With Me begonnen künstlerischen Reise; mehr, als eine kreative Bestätigung ihres großen Talents; mehr als eine CD ohne einen einzigen Durchhänger. Feels Like Home ist auch das Reifezeugnis einer scheinbar unbeirrbar gefestigten Musikerin. Denn genau wie ihr Erstlingswerk wird auch dieses zweite, wieder von Arif Mardin produzierte Album zuvorderst von einer faszinierend lässigen, relaxten Atmosphäre geprägt. So hat man beim Durchhören der CD sogar den Eindruck, dass die New Yorkerin im Vergleich zum Debüt noch einen Gang zurück schaltet: Wie kaum eine andere lässt sie die Songs atmen und sich entwickeln, lässt sie Pausen und ganz, ganz ruhige Momente zu, und schafft dadurch Spannungsbögen, die den Hörer mit sanfter Gewalt zu fesseln vermögen. Keine Frage: eine Meisterleistung!
Stilistisch ist die rehäugige Schönheit mit den dunklen Barbie-Locken genauso wenig einzuordnen wie bei ihrem Debüt: Steht bei den Titeln das Klavier oder E-Piano (ein knurrendes Fender Rhodes!) im Vordergrund, überwiegen jazzige Elemente. Spielt in Songs wie "Humble Me" oder "The Long Way Home" die Akustik-Gitarre die erste Geige, sind es auch mal reinrassige Folk-Songs. Ein Schuss Country muss natürlich auch wieder sein: "Creepin' In" heißt der Bluegrass-Feger (mit Abstand der schnellste Song der CD), bei dem sich Norah Jones mit hörbarem Spaß das Mikro mit Country-Queen Dolly Parton teilt.
Trotz der vielen stilistischen Ausritte lässt sich ein gemeinsamen Nenner ausmachen: der Blues. Aus zwei Gründen: Zum einen wegen der latent melancholischen Note in den Kompositionen, zum anderen wegen Norah Jones' bluesig-angerauhter Stimme. So erinnert sie in Timbre, Feeling und Ausdruck an eine sanftere Ausgabe einer Janis Joplin. Beste Beispiele hierfür sind "In The Morning" und "Be Here To Love Me". Hätte die wilde Janis damals nicht flaschenweise Jack Daniels konsumiert und stattdessen nur ab und zu an einem Bud genippt, hätte sie -- wer weiß -- wohl so ähnlich geklungen. Gewiss aber länger gelebt. --Gunther Matejka
Ihr Pianosound ist dunkel wie ein Nachtclub bei Stromausfall. Und sie hat eine einmalige Art, ihre Stimme zum Hauchen werden zu lassen, während ihr Gesang gerade dynamisch anschwillt. Diese Art der Phrasierung ist die letzte Spur Jazz, die uns die achtfache Grammy-Siegerin nach ihrem 16-Millionen-Debüt "Come away with me" noch gönnt. Ihr neues Album ist voller Balladen auf der breiten Basis von Folk und Country; es ist eins, das uns sediert und melancholisch glücklich macht. Der perlende Folk von "Sunrise" oder das Boom- tschicka-boom des Waits-Covers "The long Way home" sind überraschungslos inszeniert, erfüllen aber auch geschickt die Erwartungen. Nur bei "Creepin' in", einem flotten Country-Duett mit Dolly Parton, heben wir einmal irritiert die Braue. Dem Album fehlt die Zauberkraft des Erstlings, doch vielleicht liegt das nicht am Album selbst, sondern daran, dass eine solche Verblüffung nur mit der Sensation selber und nicht mit ihrer Wiederholung zu erzielen ist. Eine Platte für Männer, die gern taktisch den Sensiblen spielen - und für Frauen, die sich in der postfeministischen Rolle der starken Scheuen wohl fühlen. Zusammen gibt es davon global bestimmt mehr als 16 Millionen. (mw)