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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Naja...gut..., 9. Mai 2009
Die Handlung des Romans beginnt 1903 und endet 1929 bzw. 1943, wenn man den Epilog mitrechnet. In dieser wirren und gefährlichen Zeit in Russland spielt sich die Liebesgeschichte zwischen dem Arzt Juri Schiwago und Lara Antipova ab. Beide eigentlich mit anderen Partnern verheiratet, lernen sie sich während des 1. Weltkrieges kennen (begegnet sind sie sich allerdings schon vorher), in dem Schiwago als Arzt gebraucht wird und Lara freiwillig als Krankenschwester arbeitet. Allerdings trennen sich ihre Wege, als er wieder nach Moskau zu seiner Familie geht und sie mit ihrem Kind zurück nach Sibirien zieht. Im Laufe des Romans werden die beiden sich noch mehrere Male wiederfinden und wieder verlieren. Letztgenanntes irgendwann für immer und das auch fast noch aus freien Stücken. Aber sie kämpfen beide so lange es geht.
Doch Doktor Schiwago ist natürlich mehr als "nur" eine Liebesgeschichte. Vielmehr versuchte Boris Pasternak ein Bild seines Heimatlandes im oben erwähnten Zeitraum zu erschaffen. Die Wirren des Krieges und der Revolution, Entbehrungen, politische Kehrtwendungen und die Unmöglichkeit gegen diesen Strudel anzukämpfen, auch als aufrichtiger Mensch. Aber dazu haben die anderen Rezensenten schon genügend geschrieben und eigentlich dürfte der Inhalt ohnehin den meisten bekannt sein.
Kommen wir also zur Kritik: Es wundert mich immer noch ein bisschen, dass ich diesem Buch nicht mehr Sterne geben kann! Denn eigentlich ist es doch ein typisches Stück russischer Literatur. Wie man es von vielen Landsmännern Pasternaks kennt holt auch er sehr weit aus. Viele Personen mit den verschiedensten (politischen) Ansichten werden eingeführt, die Landschaften und Leute mit all ihren Eigenheiten werden eingehend beschrieben, über viele Seiten werden Gedanken und Begebenheiten erzählt, die im ersten Moment ganz und gar unwichtig erscheinen, es aber überhaupt nicht sind. Ich mag das eigentlich sehr gern, aber "Doktor Schiwago" hat mich schlicht und ergreifend einfach nicht gefesselt. In wirklich guten Büchern, gerade von dieser Dicke, kann man regelrecht versinken, man ist drin, man nimmt Anteil und begleitet die Figuren, man will immer weiter lesen, im besten Falle riecht, schmeckt, fühlt und sieht man alles was beschrieben wird. Dieses Buch hat mich aber weitestgehend kalt gelassen. Es war ganz schön zu lesen, aber es hat mich nicht "reingezogen". Ich las es (und ich habe für meine Verhältnisse sehr lange für die 750 Seiten gebraucht!), ich schlug es zu und das war es dann. Wie gesagt, Pasternak macht eigentlich nicht viel falsch, höchstens diese sehr abrupte Erzählweise, die keinen wirklich schönen Lesefluss zulässt, kann ich ihm vorwerfen (Tolstoi, Dostojewski und auch Solschenizyn waren meiner Meinung nach die deutlich besseren Erzähler!), aber das Buch hat mich einfach nicht begeistert.
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15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Das ist Russland, 2. Januar 2007
Es nicht gelesen zu haben, ist eine jener Bildungslücken gewesen, die
ich ungern offen lasse.
Was für ein Land! Was für Menschen! Dr Schiwago entstammt der
Oberschicht des vorrevolutionieren Russland. Er ist ein sensibler,
universell begabter Mann mit Interesse sowohl an Poesie und
Naturbeobachtung, als auch an den Naturwissenschaften. Sein Verhalten
und sein Charakter wird von ethischen und humanitären Maßstäben
bestimmt. Folgerichtig wird er Arzt.
Die grausame Geschichte Russlands verhindert eine glanzvolle
Karriere, die seinen Begabungen entsprochen hätte. Er wird im ersten
Weltkrieg als Frontarzt zwangsverpflichtet, dann bricht die russische
Revolution aus. Es gibt bittere Hungersnöte in kalten Wintern. Er
flüchtet mit seiner Familie in den Ural, wird von Partisanen
entführt und gezwungen, ihr Feldarzt zu werden und und und ...
Der Roman ist auch ein Liebesgeschichte, aber er ist vor allem eine
Geschichte Russlands. Tragik ist nicht der richtige Ausdruck für das
Geschehen, weil ihm dazu die Unvermeidlichkeit fehlt. Es sind stets
Menschen, die entscheiden, und sie könnten auch anders. In der Weite
langer kalter Winter bewegt sich eine leidgeprüften Volksseele auf
einen Abgrund zu.
Langsam zieht die Revolution herauf, der Bürgerkrieg. Er kündigt sich
erst durch unheilvolle Vorzeichen an, wird dann allmählich stärker,
grausamer allumfassender. Der Krieg verbündet sich mit der Tundra und
ihrer Winterkälte, mit den Eitelkeiten und den Dummheit der Menschen,
er zerstört uralte Traditionen und gewachsene Strukturen.
In alledem versucht Schiwago, sich seine Menschlichkeit zu
bewahren. In einem Güterwaggon reist er nach Sibirien, muss die
Geleise vom Schnee freischaufeln und kann dabei (einer völlig
ungewissen Zukunft entgegensehend) dennoch die Schönheit der
Scheelandschaft genießen und Gedichte schreiben.
Er liebt Lara, die er von Jugend auf kennt und mit der er erst viel
später zusammenkommt. In dieser Liebe findet der Roman seinen Höhepunkt,
denn sie kann sich in der neuen nachrevolutionären Zeit nicht erfüllen:
Regimeterror und Denunziantentum lassen nicht mehr zu, dass blüht, was
blühen möchte. Seine nicht-proletarische Herkunft und sein lebenslanges
Ringen um Familienglück, ja nur ums nackte Überleben, haben genügt, ihn
zu einer unerwünschten Person werden zu lassen, die jederzeit mit
ihrer Verhaftung rechnen muss.
Lara und Schiwago lieben sich trotzdem. Sie leben den unmöglichen
Traum, flüchten in die Einsamkeit, Wölfe schleichen ums Haus und
es ist klar, es wird nicht gehen. Letztlich ist es Laras Wunsch,
einfach nur zu überleben, der beide wieder auseinandertreibt.
Sie sind noch nicht mal vierzig Jahre alt. Da ist es einfach noch zu
früh zum Sterben.
Lara ist der schöne Engel in diesem Roman, aber sie ist auch ein Opfer
ihrer Weiblichkeit und der Willkür eines Mannes, der sie in jungen
Jahren verführt und manipuliert. Tugendhaftigkeit und Sinnlichkeit
vereinen sich in ihr, ohne zu einem Widerspruch zu führen: Letztlich
strebt auch sie wie Schiwago nur nach Normalität und Liebe. Auch sie
ist ein Spielball der Zeitgeschichte, der immer dann wieder
fortgetragen wird, wenn er gerade einmal zur Ruhe gekommen ist.
Die Hauptfiguren des Romans wollen einfach nur leben, die Betonung
liegt auf einfach. Das korreliert mit der Aussage Pasternaks, der sich
schon früh vorgenommen hatte, ein "ganz einfaches" Buch zu schreiben.
Damit wollte er wohl auch ausdrücken, dass es vom theoretischen
Ballast des Zeitgeistes frei sein sollte. Es sollte ein Buch sein,
dass die Geschichte so erzählt, wie sie gewesen ist, und wie sie
empfunden worden ist, und nicht mehr. Das ist ihm sicher gelungen,
obwohl Pasternaks poetisches Naturell ihn daran hindert, zum
vollkommenen Realisten zu werden.
Trotzdem gibt es Stellen in dem Buch, in denen Weltanschauliches und
explizit Politisches einfließt. Das macht das Buch erst Recht zu einem
russisches Buch, denn es verankert sich dadurch in der Tradition
russischer Romanliteratur: Diese hatte immer schon eine Tendenz, das
menschliche Einzelschicksal in einen geschichtlichen oder
gesellschaftlichen Kontext einzubinden. Man denke nur an Tolstois
"Krieg und Frieden", man denke auch an Dostojewski.
Die großen Romane Russlands sind immer Romane, in denen man
gewissermaßen durch ein mit Eisblumen der Fantasie bewachsenes Fenster
einen Blick auf das dunkle kalte Land und seine warmen Menschen
werfen kann.
Ja, in Doktor Schiwago brennt die Glut des eisernen Ofens im
russischen Haus. Der Sturm der Zeit weht das Dach davon, und darunter
frieren die Menschen. Sie haben es schwer, sie leiden, sie lieben und
kämpfen. Der Ofen brennt weiter und Schneeflocken fliegen darauf. Das
ist für mich Russland.
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18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein halbes Jahrhundert russische Geschichte, 9. Januar 2003
Jeder, der das Buch "Doktor Schiwago" von Boris Pasternak gelesen hat, wird bestätigen, daß es durch die vielen Notizen und Briefe und die damit verbundenen Zeitsprünge nicht gerade leicht zu lesen ist. Es erfordert in jedem Fall die volle Konzentration des Lesers, damit er der Handlung folgen kann. Es ist kein Buch, daß man so nebenbei lesen kann.Ernst Schnabel konnte sich deshalb nicht wortwörtlich an die Romanvorlage halten und hat ein selbständiges Hörspiel geschrieben. Hätte er sich detailgetreu an das Buch gehalten, wäre es zu einem heillosen Durcheinander gekommen und der Mißerfolg vorprogrammiert gewesen. Im Gegensatz zum berühmten Film (mit mit Omar Sharif, Julie Christie und Geraldine Chaplin) hält sich Regisseur Otto Kurth zumindest sinngemäß an den Roman. Die Hauptverantwortung legt Schnabel in die Hände von Gert Westphal, der als Erzähler durch die Handlung führt und die Geschichte chronologisch, für jedermann verständlich, erzählt. Die Sprecher (u.a. Bernhard Minetti, Ludwig Cremer und Klaus-Jürgen Wussow) sind großartig. Das Hörspiel stammt aus dem Jahre 1958; der Klangteppich ist, wie damals üblich, eher etwas gedämpft. In diesem Fall ist es eher vorteilhaft, da das Hörspiel von den Dialogen lebt und der Hörer nicht unnötig abgelenkt wird. Die Hörqualität ist altersbedingt sehr gut. Ein Nachregulierung der Lautstärke ist m.E. nicht erforderlich. Das Hörspiel ist rundum sehr empfehelnswert.
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