Aus der Amazon.de-Redaktion
Wer das Klavierspiel des hauptsächlich mit moderner Musik beschäftigten Pianisten Herbert Henck kennt, der weiß, dass man seine CDs unbesehen kaufen kann, denn Henck versteht es, sein umfassendes Wissen über die Musik des 20. Jahrhunderts mit seiner brillanten spieltechnischen und klanglichen Beherrschung des Instruments zu faszinierender Vermittlungsgenialität zu verbinden. Seine Einspielung von Jean Barraqués
Sonate pour Pinao war dafür ein ebenso schlagender Beweis wie seine Aufnahme des gesamten Klavierwerks von Arnold Schönberg.
Nun legt er auf zwei CDs Musik von John Cage und eigene Improvisationen vor. Ein verbindendes Element zwischen Cages Sonatas and Interludes for prepared piano, komponiert 1946 bis 1948, und Hencks beiden Festeburger Fantasien von 1993 und 2000 ist die Verwendung eines präparierten Klaviers. Sehr gegensätzlich sind die beiden Zyklen hinsichtlich ihrer grundsätzlichen Gestimmtheit: Erlebt der Hörer John Cages Musik zumeist als eher still und introvertiert, so bietet Henck in seinen Improvisationen immer wieder ein hohes Maß an Agilität und Ereignisdichte; in vielen Einzelstücken der beiden Festeburger Zyklen hat Henck sein eigenes Spiel gedoppelt, indem er einer ersten improvisierten Schicht im Playback-Verfahren noch eine zweite Schicht hinzufügte. Dabei verwendete er einen präparierten und einen nicht präparierten Flügel. Hohe Plastizität, schier unerschöpfliche Kreativität und bewundernswerte Konsequenz in der Durchführung seiner musikalischen Ideen zeichnen Hencks Musik aus; John Cages Sonaten und Interludien haben es nicht ganz leicht gegen dieses Feuerwerk des Erfindungsreichtums, auch wenn sie, historisch betrachtet, zu den Urerlebnissen klanglich verfremdeten Klavierspiels gehören.
Die Klangwelt des präparierten Klaviers korrespondiert in unmittelbar einleuchtender Weise mit Ideen indischer Kunstauffassung und Religiosität, die John Cage sich während der 40er-Jahre zu eigen machte. Der Zyklus ist sowohl formal als auch strukturell eher streng konstruiert, obwohl improvisatorischen Elementen ebenfalls Raum zur Entfaltung zugebilligt wird. Diese und andere Rahmenbedingungen fügen sich in all ihrer Komplexität schließlich zu erstaunlich gefälligen, in jeder Hinsicht reizvollen kleinen Gebilden. --Michael Wersin