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Hector Berlioz' Version von Shakespeares
Romeo und Julia: Als großer Verehrer des englischen Dichters verarbeitete Berlioz die Thematik zu einer Art Sinfonie mit Gesang, in der die bekannte Liebesgeschichte allerdings nicht lückenlos erzählt, sondern quasi auszugsweise verarbeitet wird, was beim Hörer die Kenntnis der Handlungszusammenhänge voraussetzt; auch kommen die beiden "Hauptdarsteller" persönlich sängerisch gar nicht zu Wort.
Pierre Boulez nahm dieses musikalische Feuerwerk im Jahre 2000 mit dem Cleveland Orchestra auf und bietet dabei zumindest partiell jene klangfarbliche Brillanz, die man von ihm erwartet: volle, dunkle Farben, kraftvolle Bläserklänge, gestochen scharfe Konturen. Allerdings muss die Präzision im Zusammenspiel der Instrumente als schwankend bezeichnet werden. Erstaunlicherweise gibt es auch verhältnismäßig ungenau musizierte Passagen, beispielsweise im wundervollen Scherzo "La Reine Mab, ou la Fée des songes". Die größere negative Überraschung ist allerdings der Chor des Cleveland Orchestra, der wie eine eher zufällig zusammengewürfelte Gruppe aus wenigen verunsicherten Sängern klingt: Ihr Gesang ist oft inhomogen und flach, und an mindestens einer Stelle hört man den Chor in eine vorausgehende Orchesterpassage hinein seinen Ton ansummen. Warum arbeitet Pierre Boulez mit einem solchen Ensemble?
Der ebenfalls eingespielte Orchesterlieder-Zyklus Les Nuits d'été wurde unter drei Sängern aufgeteilt: Sehr ansprechend, flexibel und locker agiert hier der Tenor Kenneth Tarver; der Bassist Denis Sedov hat erhebliche Probleme mit leiseren Stellen, bringt sein schweres Material aber in größeren, dynamisch ausladenderen Bögen immer wieder zum Erblühen; Melanie Diener schließlich lässt es an gesangstechnischer Souveränität und persönlicher Gestaltungskraft fehlen. --Michael Wersin