Aus der Amazon.de-Redaktion
Nein, er hat sich nicht verspielt; eine Schrecksekunde bleibt nicht aus, wenn Maxim Vengerov das Programm dieser CD mit Bachs E-Dur-Partita für Violine solo beginnt und sofort unvermittelt abbricht. Es ist der Violinvirtuose und Komponist Eugène Ysaye, der sich hier einen Spaß erlaubt hat: 1924 schrieb er, angeregt durch Joseph Szigetis Bach-Spiel, sechs Sonaten für Violine solo, die er sechs verschiedenen Geigenvirtuosen seiner Zeit widmete. Vier dieser extraordinären, genial aus der Fülle der eigenen Meisterschaft geschöpften Meisterwerke interpretiert Maxim Vengerov, einer der beeindruckendsten Violinisten der Gegenwart, auf der vorliegenden CD -- man kann sich der Faszination seines souveränen, unmittelbar packenden Spiels nicht entziehen.
Nicht weniger mitreißend ist Rodion Schtschedrins Echosonate: Ihre kraftvollen Schwelltöne muten dem nicht auf solche Energie-Entladungen gefassten Hörer einiges zu. Schtschedrin kommt am Schluss der CD mit einem ohne Bogen zu spielenden reinen Pizzicato-Stück noch einmal zu Wort; dieser Track entstammt als einziger dem Mitschnitt eines Vengerov-Konzertes und enthält neben der überraschenden, etwas klamaukhaften Musik auch die Reaktionen der entsprechend überraschten Zuhörer. Vorher jedoch konfrontiert Vengerov den Hörer jedoch erneut mit Johann Sebastian Bach, und zwar in einem auch musikwissenschaftlich interessanten Kontext: Es gibt die Vermutung, Bachs bekannte d-Moll-Toccata für Orgel sei ursprünglich ein Werk für Violine solo gewesen. Inspiriert davon unternahm Bruce Fox-Lefriche den Versuch einer Rekonstruktion, und das gewöhnungsbedürftige, aber durchaus überzeugende Ergebnis ist auf dieser CD zu hören. --Michael Wersin