Aus der Amazon.de-Redaktion
Eilig sollte man es nicht haben, wenn man diese CD anhören will, und als Hintergrund für eine andere Tätigkeit ist sie auch nicht geeignet: Toru Takemitsus Musik basiert auf einem anderen Zeitbegriff als dem vertrauten europäischen; hier ist auch der Einzelton als solcher ein Ereignis, während sich der hiesige Klassikhörer gewohnheitsmäßig eher auf der Suche nach motivischen Zusammenhängen befindet. Nun wäre es allerdings völlig falsch zu behaupten, in der Musik des 1996 verstorbenen Japaners entwickle sich nichts: Nein, auch hier gibt es ungeheuer spannungsreiche und vorwärts strebende Passagen, wie schon im ersten Stück dieser CD,
In An Autumn Garden für traditionelles Gagaku-Orchester, eindrucksvoll deutlich wird. Allerdings gilt es, sich in zunächst fremde Klangfarben, Harmonien und Skalen einzuhören, ehe sich die ganze Schönheit dieser Musik entfaltet.
Takemitsu gehört zu einer Generation japanischer Komponisten, die sich völlig neu zu orientieren hatten im Spannungsfeld zwischen einer übermächtigen, aber erst spät in Asien angekommenen westlichen Kunstmusik und der eigenen Tradition; aus dem Zusammenwirken dieser Kräfte entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine musikalische Welt, die sich nicht selten als spannender Drahtseilakt zwischen grundsätzlich verschiedenen Denk- und Empfindungsweisen darstellt.
Bedauerlicherweise verzichtet das Programm dieser CD auf einen besonders spannenden Aspekt im Werk Takemitsus: Die Konfrontation zwischen westlichem klassischen Orchesterklang und japanischen Instrumenten, die bei ihm durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen führte, wird ausgespart, indem aus Autumn und November Steps nur diejenigen Abschnitte musiziert werden, in denen ausschließlich Biwa und Shakuhachi vorkommen. Der Grund für diese Beschränkung wird leider nicht genannt.
Trotz der Konzentration auf die eher japanischen Elemente in den hier vorgestellten Werken Takemitsus sollte der Hörer keinesfalls eine Art musikalischer Meditation erwarten, im Gegenteil: Trotz kleiner Besetzung und zeitweise scheinbar lockerer Struktur ereignet sich viel Aufrüttelndes, ja auch Erschreckendes. Nicht Entspannung, sondern aktive Teilnahme ist gefragt; gelingt dies, dann führt diese Musik zu einer Bereicherung im künstlerischen Erleben des Hörers. --Michael Wersin