Aus der Amazon.de-Redaktion
Diese ist einer dieser wenigen Aufnahmen, die man nicht en passant rezensiert und gleich weglegt. Denn an ihr ist alles rundum gelungen. Da ist einerseits die spannende Thematik:
Musik für den Herzog von Lerma (1553-1625), einem Günstling von König Philipp II., dem allerlei Mauscheleien und Grausamkeiten nachgesagt wurden, der aber ebenso ein äußerst kunstsinniger und - fördernder Fürst war. Da die imposante Leistung Paul McCreeshs und seines Gabrieli-Ensemble. Hinzu kommt eine sehr ansprechende Gestaltung des Beihefts sowie zwei hochinteressante und wunderbar anschaulich formulierte Essays von Douglas Kirk und Paul Mc Creesh.
Bereits 1601 hatte der Herzog beschlossen, den kleinen Ort Lerma nach seiner christlichen Vorstellung zu formen. Er stiftete sechs Konvente und Klöster und ließ die Kirche des Ortes San Pedro vergrößern. Zwölf Kanoniker, ein Organist, eine siebenköpfige Sängergruppe und ein Ensemble aus fünf Bläsern wurden angeheuert. Der Fürst verschaffte seinen Musikern nicht nur die Instrumente, sondern richtet auch eine Bibliothek mit Musikhandschriften ein, damit die Liturgie das ganze Kirchenjahr angemessen gefeiert werden konnte.
Die Musik auf dieser Aufnahme ertönte womöglich im Oktober 1617 in Anwesenheit von König Philipp II., den der Herzog gleich zu mehreren Gelegenheiten beherbergte. Gleich zu Beginn der Prozession in der "Entrada" eines Anonymus ertönt es bombastisch aus den Schalmeien und Dudelsäcken; man erhält einen Eindruck davon, welch musikalischer Einfallsreichtum, welche Vorstellungskraft, der christliche Glaube dazumal zeitigte. Orgelstücke, Hymnen, Psalm- und Magnificat-Vertonungen und andere Messgesänge reihen sich aneinander: Komponiert wurden sie von Tomás Luis de Victoria, Francisco Guerrero, Antonio de Cabezón und vielen anderen, alles leider heute vergessene oder wenig beachtete Namen. Eine in jederlei Hinsicht horizonterweiternde Produktion. Unbedingt anhören! --Teresa Pieschacón Raphael