Aus der Amazon.de-Redaktion
1986 feuerte die Plattenfirma CBS Johnny Cash nach 28 Jahren Zusammenarbeit. Zwischenzeitlich schien es fast, als sollte der große Mann des Country & Western in Vergessenheit geraten. Selbst damals neu auf den Markt kommende Musikbücher wie zum Beispiel das
Rock Musik Lexikon von Christian Graf übergingen den Man In Black. Der Kult-Produzent Rick Rubin holte Johnny Cash in den Neunzigern auf sein Label American Recordings und hatte maßgeblichen Anteil an einem fulminanten Comeback. Mit den beiden großartigen Alben
American Recordings und
Unchained eroberte ein geistig junger und musikalisch neugieriger Johnny Cash ein neues, sehr junges Publikum, Hillbillies und andere konservative Hörer wandten sich dafür teilweise ab.
Auch auf seinem dritten Album American III: Solitary Man, erneut mit Rick Rubin als Produzenten, sorgt der 1932 als Sohn eines Baumwollfarmers geborene John R. Cash für etliche Überraschungen. Die elektrische Gitarre bleibt genauso unbenutzt wie das Schlagzeug, die Fidel kommt nur selten zum Einsatz, denn Johnny Cash hält sich vom C&W meist fern. Neben den Gastmusikern Tom Petty, Sheryl Crow oder seiner Frau June Carter sorgt insbesondere Benmont Tench an Piano und Orgel für eine wehmütige Atmosphäre. Johnny Cash, der zum Zeitpunkt der Aufnahmen körperlich schwer angeschlagen war, singt mit seiner berühmten Baritonstimme, dass einem das Herz blutet. Insbesondere die Coverversionen, die er so lange bearbeitet, bis sie sich anhören, als stammten sie aus seiner Feder, bilden die vielen Höhepunkte auf Solitary Man.
Den Titelsong schrieb der ewig unterschätzte Neil Diamond, "One" von U2 verliert seinen Pathos und Nick Caves "Mercy Seat" strahlt in neuem Glanz. Wer dachte, dass Will Oldham alias Bonnie Prince Billy mit seinem Lied "I See A Darkness" auf seinem gleichnamigen Album die dunklen Tiefen der Seele ausgeleuchtet hat, den nimmt Cash noch weiter mit. Gerade dieses Coverstück mit Oldham als Backing-Sänger beweist, wie groß die Freude ist, wenn Johnny Cash einen guten Song hört. Dass eine Legende, die Hunderte von Liedern schrieb, überhaupt einen kleinen Undergroundmusiker wie Will Oldham wahr nimmt, zeugt von Respekt und unendlicher Liebe zur Musik. --Sven Niechziol
Blue Rhythm (11/00)
Starke Songs aus eigener Feder, dazu Lieder von Nick Cave, U2 und Tom Petty (welcher wieder mitspielt). Johnny Cash hat für sein drittes Album auf American Recordings gelassene und ruhige Töne gefunden. "I Won't Back Down", diese großartige Ballade von Petty, leitet "Solitary Man" ein und könnte Johnnys Motto sein. Nach allem, was der Man In Black so mitgemacht hat, hält er durch. Das zieht sich durchs Repertoire bis hin zu Nick Caves bitterer Geschichte vom elektrischen Stuhl. Zwischendurch Liebeslieder, Klischees vom Landleben und einfach abgeklärte Stimmung, angereichert durch Gäste wie Sheryl Crow, Merle Haggard oder June Carter Cash. Johnny Cash bleibt auch mit diesem Album der letzte echte Highway Man jenseits all des Mülls, der aus Nashville kommt.
© Blue Rhythm - Werner Griff