Der theoretische Diskurs, der um die aus dem Underground-Resistance-Detroit-Kosmos hervorgegangenen Drexciya aufgebaut wurde, hat sich inzwischen dermaßen verzweigt, dass es fast schaden würde, ihn noch einmal zu referieren, um für diese Musik zu werben. Er begann mit Kodwo Eshun, der Drexciyas U-Boot-Symbolik als eine Radikalisierung von "Parliament's 70s and Hendrix' 60s Atlantean utopias' deutete, als Deep-Underwater-Statement einer Afro-Diaspora, als ein Abtauchen, bei dem eskapistische Flucht und Subversion (von ganz weit unten her alles untergraben), aber auch strategische Kampfansage (U-Boot als die unbemerkteste, verborgenste aller Waffen) dicht beieinander lagen. Thomas Meinecke hat diese U-Boot-Symbolik in seinem jüngsten Roman "Hellblau' aufgegriffen und mit ihr auch Drexciya zum roten, genauer tiefblauen Faden eines Romans werden lassen, in dem es unter anderem darum geht, zu zeigen, dass Subversion in der Musik inzwischen fast nur noch dort gelingen kann, wo sie sich den Sounds gerade mal als eine Art Geheimsprache eingeschrieben hat. Wie eigenweltlich, schwer nachvollziehbar (aber dadurch noch lange nicht falsch) dieser Diskurs geworden ist, wird beim Hören des neuen Drexciya-Albums deutlich. Diese Musik spricht nicht mehr, will auch gar nicht sprechen. Sie spricht nicht nur nicht, weil sie instrumental bleibt, sondern selbst ihre rein musikalische Sprache bleibt hermetisch. Weiter noch als Jeff Mills hat Drexciya eine futuristische Ästhetik entwickelt, die keinerlei Intention mehr erkennen lässt, sondern in der die "Konstruktion Mensch' im Gestus postapokalyptischer Gelassenheit als misslungen von Bord geworfen wurde. Geblieben sind nur noch rhythmische Gerüste, Bleeps und zerrissen fragmentierte Melodiefetzen, die ihrerseits absolut technologisch unterkühlt eingesetzt werden. In der Tiefsee lässt sich eben nicht mehr wohlig kuscheln. Von den zehn Nummern geht eine Atmosphäre aus, die ganz ohne aggressive Elemente abweisend wirkt, nicht feindselig, sondern von geradezu schmerzhafter Neutralität. Unsere abendländischen Kriterien, bestimmte Melodien und Sounds fast reflexartig bestimmten Gefühlen zuzuordnen, werden hier negiert; jegliche Emotion wirkt wie mit einer Chromschicht überzogen, die deren Falschheit zutage treten lässt. Drexciya ist Gefühls-Demontage und als solche insofern subversiv, als dass diese Musik keinerlei konventionalisiertes Pathos mehr aufkommen lässt. Und wer in diesen Monolithen aus vorgeblicher Neutralität noch so etwas wie einen Ausdruck von Entfremdung interpretieren möchte, sitzt konventionellen Interpretationsmustern auf. Ob "Harnessed The Storm' subversiv ist oder subversiv wirken kann, vermag und will ich nicht beantworten. Rein formal ist es jedoch eine ungemein radikale Veröffentlichung, die eigentlich gerade deshalb, weil sie so irritierend kalt ist, niemanden wirklich kalt lassen kann. Die "Post-Human'-Ästhetik, die ihr zugrunde liegt, ist zugleich weit entfernt von allem faschistoiden Gedonner, sondern geradezu das Gegenteil, nämlich Infragestellung starker und übertriebener Gefühlserzeugung. Drexciyas Musik bleibt noch immer Postulat, ein herkömmliches Verständnis von Musik und alle daran geknüpfte Emotion hinter sich zu lassen, damit auch eine Menschheit, deren ganzes Gefühlsrepertoire auf einer abendländischen, weißen und männlich durchsetzten Tradition aufbaut, endlich zu ihrem Ende findet. Doch, hier geht es nicht zuletzt auch um eine Kampfansage.
Martin Büsser / Intro - Musik & so
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