Aus der Amazon.de-Redaktion
Überraschender Ian Bostridge: War bei den letzten Veröffentlichungen des englischen Tenors seine allzu gepflegte, wenig zupackende Stimmgebung zu beklagen gewesen, so erfreut er im
Tagebuch eines Verschollenen von Leos Janácek durch dramatischeren Zugriff und unmittelbar ausdrucksvollen Gesang.
In den Gedichten, die Janácek im Sommer 1917 entdeckte, geht es um einen Bauernburschen, der mit einer Zigeunerin durchbrennt, und um die inneren Kämpfe, die er aufgrund seiner Beziehung zu diesem standesgemäß eigentlich inakzeptablen Mädchen auszustehen hat. In Janáceks Spätwerk ist dieser Liederzyklus singulär; er fasziniert durch seine komprimiert-knappe, aufgewühlte und vielschichtige Faktur und spiegelt nachgewiesenermaßen Janáceks eigenes Gefühlsleben wieder, der in jener Zeit unglücklich verliebt war.
Das Wichtige findet sich, wie so oft, auch hier im Kleingedruckten: Die kleine Partie der jungen Zigeunerin, die in den Liedern ab und an zu Wort kommt, wird von der hervorragenden Mezzosopranistin Ruth Philogene in vollkommener Weise dargeboten; gern würde man von dieser Sängerin, die im Beiheft nur an untergeordneter Stelle aufgeführt ist, mehr hören. Aber nicht nur sie, auch der ebenfalls brillante Thomas Adès am Klavier kann sich über seinen Part im Tagebuch hinaus profilieren: Er ergänzt das interessante Programm mit einigen Klavierstücken, darunter der 1922 abgeschlossene Zyklus Mährische Volkslieder. Insgesamt eine sehr reizvolle CD, die hervorragend dazu geeignet ist, einige sehr gelungene Werke Janáceks einem größerem Publikum nahe zu bringen. --Michael Wersin