Aus der Amazon.de-Redaktion
Voci, Stimmen, sind es, die Luciano Berio zu den beiden Kompositionen dieser CD inspirierten: Mit
Voci (1984) und
Naturale (1985) versucht der 1925 geborene Italiener eine höchst ansprechende, mitreißende Annäherung zwischen originaler sizilianischer Volksmusik, die ihm durch einen Musikforscher anhand von archiviertem Tonmaterial nahe gebracht wurde, und klassischer "Kunstmusik". Er beackert damit ein Feld, dass ihn schon lang beschäftigt: Bereits 1963 schrieb er für seine damalige Frau, die Sängerin
Cathy Berberian, faszinierende Bearbeitungen von Volksliedern unterschiedlicher Provenienz; mit dem Untertitel "Folk Songs II" des ersten der beiden Stücke dieser CD nimmt er eindeutig auf diese frühere, freilich noch ganz anders geartete Komposition Bezug.
Es ist eine gute Idee, einige der fraglichen Archivaufnahmen sizilianischer Volksmusik -- sie klingt übrigens weit archaischer, als man zunächst für möglich halten würde -- auf dieser CD mitzuliefern. So werden dem Hörer der direkte Zusammenhang mit den Vorbildern sowie die unterschiedlichen Stufen der Verarbeitung unmittelbar evident. Die Hauptrolle in Berios Stücken spielt die bewährte Bratscherin Kim Kashkashian, die vom Radiosinfonieorchester Wien unter Leitung von Dennis Russell Davies begleitet wird. Ihr intensiver, zu unendlichen Ausdrucksnuancen fähiger Viola-Ton vertritt in diesen neuen Zusammenhängen die menschliche Stimme, wobei die fehlende Sprech-Fähigkeit in Worten kein Mangel darstellt -- im Gegenteil: Die Verobjektivierung, die mit der Adaption der Melodien und ihre Weiterentwicklung durch ein modernes Streichinstrument verbunden ist, bewirkt einen wichtigen Brückenschlag von der uns unbekannten Lebenswirklichkeit der sizilianischen Landbevölkerung zu unserer durch einen musealen Kunstbetrieb geprägten Wahrnehmung.
Ursprüngliches und Hochspezialisiertes berühren sich, treten in einen nachvollziehbaren Dialog miteinander -- ein fesselndes, als gelungen zu bezeichnendes Experiment Luciano Berios und gleichzeitig ein großer Erfolg für das erklärte Bemühen des Komponisten, "eine Einheit zwischen Volksmusik und unserer Musik" zu schaffen. --Michael Wersin