Aus der Amazon.de-Redaktion
Victor de Sabata (1892-1967), heute vor allem als Dirigent einiger legendärer Opernaufnahmen mit Maria Callas im Bewusstsein des Klassikpublikums, begann seine Laufbahn als Komponist, bevor er zum Dirigieren kam. Drei sinfonische Dichtungen aus seiner Feder wurden für die vorliegende CD vom London Philharmonic Orchestra unter Leitung von Aldo Ceccato eingespielt -- und es ist keineswegs übertrieben, hier von einer Entdeckung zu sprechen.
Überraschend sind schon die zu Grunde liegenden Programme dieser Werke: La notte die Plàton orientiert sich, basierend auf einem einschlägigen Buch aus dem theosophischen Umkreis, an dem berühmten Gastmahl des griechischen Philosophen, anlässlich dessen er bekannt gab, zukünftig den weltlichen Freuden zu Gunsten der Beschäftigung mit geistigen Inhalten zu entsagen. Die Musik folgt den Ereignissen dieser Nacht, dem anfänglichen ausgelassenen Feiern und Tanzen, der Empörung und dem Spott vieler Freunde nach Platons Offenbarung, schließlich auch dem Herabsinken einer unendlich friedlichen Stimmung, nachdem alle Gäste gegangen sind. Gethsemani ist eine Meditation über den biblischen Garten Gethsemane und die Bedeutung der hier geschehenen Ereignisse für den Menschen; Juventus schließlich schildert den Idealismus und die ungebrochene Kraft der Jugend, ihr Erlahmen unter dem Eindruck des desillusionierenden Alltags und ihr erneutes, geläutertes Erwachen.
De Sabata bedient sich tonaler kompositorischer Mittel und reichhaltiger instrumentaler Farben, wie sie in der Spätromantik entwickelt worden sind. Seine Musik, die übrigens keineswegs in der bloßen Illustration der zu Grunde liegenden Programme aufgeht, ist einem schwärmerischen Tonfall nicht abhold, der bisweilen eine beinahe filmmusikalische Süffigkeit erreicht. Strukturell sind seine Partituren jedoch höchst durchdacht und auf der Basis strenger motivischer Entwicklung konstruiert. Mühelos schlagen seine bezaubernden orchestralen Farben den Hörer in den Bann, und es fällt schwer, sich von dieser Klangwelt wieder zu lösen.
Während die begrüßenswerte Aufnahme durchaus als gelungen zu bezeichnen ist, lässt das Beiheft einige Mängel erkennen: Die deutsche Übersetzung des Textes ist, wie leider oft bei Hyperion-Produkten, schlampig zu nennen. Das Programm von Gethsemani ist offenbar nur unvollständig wiedergegeben, obwohl es danach als erschließend für das Werk bezeichnet wird; auch die gregorianische Melodie, auf der dieses Werk basiert, ist leider nicht näher bezeichnet. Schade, gerade zum besseren Verständnis dieser selten zu hörenden Werke wären diese Informationen wichtig gewesen. --Michael Wersin