Aus der Amazon.de-Redaktion
Das ist wirklich interessant: das Tied & Tickled Trio macht eine Platte, die den Ausdruck "nach vorne gehen" rechtfertigt. Weniger ambitioniert als ihr selbst betiteltes Debüt und
EA1 EA2 ist das dritte Album des Weilheimer Doppeltrios um die Acher-Brüder (hauptberuflich bei The Notwist) beileibe nicht. Nur ist es eine Live-Aufnahme aus dem Hamburger "Westwerk", die teils mit, teils ohne Publikum entstand.
Blumfeld-Produzent Tobias Levin (hier genau genommen Post-Produzent), hat dem Ganzen einen im Zentrum immer leicht dubbigen, warmen Sound gegeben, durch den sich einiges, was zum Beispiel Saxofonist Ulrich Wangenheim an freiheitlichen Improvisationen rausbläst, etwas den Stachel nimmt. Nicht die Intensität allerdings. Markus (Schlagzeug) und Micha Acher (Bass) bauen mit Robert Klinger am Kontrabass und Elektro-Drummer Christoph Brandner lustvollen Grooves in ungeraden Metren, in die sich auch Elektroniker Andreas Gerth einklinkt, wenn er nicht gerade mit Punkt und Fläche beschäftigt ist.
Der Begriff E-Musik wird der Sache nur gerecht, wenn er die ernsthafte Hingabe an das Vergnügen an der Sache bezeichnet, die zurzeit in dieser Mischung wohl einzigartig ist. Die Band mit Miles Davis und John Coltrane zu vergleichen, wie der britische New Musical Express das tat, weil es konzeptionell-stilistische Parallelen zu "In A Silent Way" und "A Love Supreme" gibt, ist jedoch ärgerlich und nichtssagend. Niemand, der sich im Jazz oder in seinen Randgebieten betätigt, kann frei sein vom Einfluss dieser zwei ultimativen Werke. Bewusst oder unbewusst. --Rolf Jäger
INTRO
Wer jetzt gleich: Wie? Schon wieder ein neues Album vom T&TT? denkt, liegt falsch, denn das Album des vergangenen Jahres war ein Remix-Album und seit EA1 EA2 ist doch schon einige Zeit vergangen. Es ist schon ein Kreuz mit dieser Zusammenführung von Remixen zu Alben, die allein dazu dienen, die Warenpalette künstlich zu erweitern. Jetzt folgt also der dritte Streich mit neuer Plattenfirma (dem Label von 22 Pistepirrko, Anywhen, The Sea and Cake oder Mushroom) und neuem Gerät auf dem Cover: eine treated Tonbandmaschine. Ein Live-im-Studio-Album (Electric Avenue) mit Tobias Levin am Tisch. Electric Avenue Tapes: das klingt (mein Problem?) irgendwie nach Bootleg, nach Vervollständigung der Sammlung. Dazu passt: Mit Tusovska Dub Version, Van Brunt und Sevastopol version - immerhin zweieinhalb der fünf Tracks - wird explizit ins eigene Repertoire geblickt. Was nicht stört, denn Version meint hier wirklich Version. Und Jazz impliziert Jazz. Wobei gilt: Jazz ist ja längst ein ziemlich dehnbarer Begriff für Musik von einiger Komplexität, Intensität und Improvisation geworden, der durchaus Platz bietet für experimentelle Zwischenstufen-Projekte wie beispielsweise (assoziative Reihung von favorites) Conjoint, Jan Jelinek, John Zorn, Frank Möbus Der Rote Bereich, Paloma, Bugge Wesseltoft, Supersilent oder Nils Petter Molvaer, wobei sich T&TT in diesem Kontext weniger exzentrisch ausnehmen, sondern vielmehr durchaus im Bereich des Mainstreams der Ernsthaftigkeit einzuordnen sind: komplex verschachtelte Rhythmusschichten werden kombiniert mit Bläsersoli, die ihrerseits ihre Roots in historischen Spielweisen des Free Jazz nicht leugnen. Dennoch ist das T&TT nur bedingt eine Jazzband (zumindest nicht auf Platte, live sind durchaus Jazzkonzerte möglich, wie ihre letztjährige Tour deutlich machte), dazu sind die Interessen an Elektronika und insbesondere an Dub viel zu stark. Dazu ist Electric Avenue Tapes trotz der Präsenz des Saxophonisten Ulrich Wangenheim auch zu nicht-expressiv. Beim wiederholten Hören schwächt sich gerade diese zunächst prägende Stimme immer mehr gegenüber den dubbigen Tiefen und den elektronischen Schlieren ab. Am Ende dieses wirklich sauguten Albums (hört nur, wie die Band bei Konstantinopel in den Track spricht, just like way back!) stehen alle Türen offen: Man kann mit der vergleichbaren, ungleich offensiveren (kein Qualitätsurteil!) Variante von Bugge Wesseltoft ebenso weitermachen wie mit, sagen wir, Live In Greenwich Village von Albert Ayler. Man kann sich aber auch für repeat entscheiden.
Ulrich Kriest / Intro - Musik & so
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