Aus der Amazon.de-Redaktion
Es ist eine Reise mit genialischen Zügen, auf die uns das Innerzone Orchestra von Carl Craig hier mitnimmt -- ein spektakulärer Trip durch Stile und Zeiten, der Traditionsbewußtsein von Miles Davis über Coltrane bis Hancock beschwört und Grenzen fliegend hinter sich läßt. Das üppige 14gängige Menu beginnt mit einem flockigen HipHop-Entree, garniert mit fließenden Raps, gefolgt von technoiden Soundscapes, schillernd-bizarr wie Eiskristalle. Rhythmuslose Zwischengänge sorgen für neue Spannung, Zitate aus der Vergangenheit lösen sich unvermittelt in einem futuristischen "Film-Ambiente" auf. Nahtlos fusionieren erlesene Jazzrock- mit psychedelischen Violinensolos und asiatische Erinnerungen mit Klassischer Moderne. Geradezu unausweichlich kommen Funk und ein Soul-Klassiker, in diesem Fall von den Stylistics, auf den Tisch -- mit zartbitterem Gesang zu herbsüßen Flötentönen und fettem Streicherarrangement. Zum Desert serviert Craig zwei alte Hits neu angemacht: "At Les" und "Bug In The Dustbin", dessen Erfolg der Legende nach die Gründung des Orchestras initiiert haben soll. Krönung des ambitionierten Werkes sind die virtuosen, teilweise freien Improvisationen des Jazzpianisten Craig Taborn, des Drummers Francisco Mora (einst bei Sun Ra) und des Bassisten Richie Hawtin (Mudpuppy). Sie machen
Programmed zu einem Meisterwerk, sprühend vor Einfällen und aufgeladenen Spannungsbögen.
--Norbert Krampf
INTRO
Carl Craig ist also endlich niedergekommen mit seinem Innerzone Orchestra-Album. Als der Mann 1992 unter diesem Namen den unkategorisierbaren Meistertrack "Bug In The Bass Bin' veröffentlichte, verstand man erst nicht und wurde dann umgeblasen. Ein Meilenstein; auf 45rpm abgespielt eine Blaupause für Breakbeat (und von "Mo'Wax' re-released). Jetzt also das Album. Gerüchten zufolge sollen dem Projekt heute neben anderen Richie Hawtin, der Mudpuppy-Bassist sowie ein Sun Ra-Mitstreiter angehören. Dieser schließlich wird in den Tracks ebenso wachgerufen wie Fela Kuti, Detroit und alle in unseren Ur-Erinnerungen verankerten Rhythmen, Synkopen und Triolen, die je irgendwer am Lagerfeuer auf einem hohlen Baumstamm getrommelt hat. Ganz große Baustelle also - doch der ganz große Wurf, den etwa Ashley Beedles mit seinen vergleichbaren Black Jazz Chronicles landete, bleibt Craig etwas verwehrt. Das "radikalste musikalische Ereignis des Sommers', das das Jazz-Magazin "Straight No Chaser' proklamierte, sehe ich hier jedenfalls nicht. Dazu ist seine Zukunftsjazz-Vision zu inhomogen (etwa ein Stylistics-Cover, Panflöten, ein mittelmäßiger HipHop-Track und Möchtegern-Sleaze mit Geigen, die New Model Army-mäßige Qual verbreiten), und es fehlt zu vielen Tracks an Eleganz und Erhabenheit (das Titelstück beispielsweise ist technoider BigBeat). Erst in der zweiten Hälfte, wenn Sun Ra per 303 mit einem KI-Programm jammt und Thelonius Monk freischwebend im All Klavier spielt, hält das Ergebnis, was der Anspruch verspricht: zeitlose, organische Zukunftsmusik von der Festplatte. Für Technoheads, die Craig eher von straighten Detroit-Alben wie "Landcruising' kennen, ist "Programmed' sicherlich immer noch eine Sensation. Gemischte Gefühle wegen zu hoher Erwartung.
Florian Sievers / © Intro - Musik & so
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