Aus der Amazon.de-Redaktion
"Puccinis Genie der Sentimentalität ist in
La Bohème so prächtig entfaltet, dass sogar ich das Theater mit dem Lied meiner verlorenen Unschuld auf den Lippen verlasse." Schrieb Strawinsky. Benjamin Britten hingegen wurde "ganz übel von der Billigkeit und Leere dieser Musik." Sollten Puccinis Opern tatsächlich so billig und leer sein, wie er sie empfand, dann hätten sie wohl kaum bis heute derartige Erfolge feiern können. Und dann wäre es wohl auch kaum so weit gekommen, dass man sich jetzt ernsthaft um so etwas wie den Urtext seiner wohl beliebtesten Oper bemühte: um einen Urtext, der möglichst frei ist von der Patina interpretatorischer Zusätze und Veränderungen. Seit zwölf (!) Jahren liegt Francesco Degrados kritische Neuausgabe von "La Bohème" mittlerweile vor; unter Riccardo Chaillys Leitung wurde sie hier erstmals im Studio eingespielt.
Dass das klingende Ergebnis ein sehr positives ist, liegt allerdings nicht zuallererst daran, dass hier Degrados 181 Berichtigungen gegenüber der zunächst gedruckten Partitur berücksichtigt wurden. Wohl mag Chailly dem peniblen Augen- merk des Komponisten auf (ein sehr zügiges) Tempo und vor allem auf Tempo-Relationen Rechnung getragen haben, wohl lässt er die Musiker des Scala-Orchesters jene Flötenlinie spielen, die Rodolfos "Che gelida manina" auf (für uns noch) ungewohnte Weise ausschmückt. Philologen mögen des weiteren zahlreiche veränderte Details goutieren und besonders logisch oder auch authentischer finden; alle anderen Zuhörer dürften diese Aufnahme freilich auch einfach deshalb mögen, weil ihr Gesamteindruck ein sehr schlüssiger und weil vor allem ihr Duktus ein sehr theatralischer ist. --Susanne Benda