Aus der Amazon.de-Redaktion
Seitdem ein Kritiker der
New York Times Rosalyn Tureck den Titel "Hohepriesterin von Bach" verlieh, ist diese Bezeichnung mit ihr assoziiert worden. Dieser Titel scheint gleichzeitig auf mehreren Ebenen angemessen zu sein: Nicht nur wegen des Sinns für Rituale, der aus Rosalyn Turecks Interpretationen auftaucht -- was den Eindruck hervorrufen kann, als ob ein Medium Kontakt sucht -- sondern auch die kultartige Verehrung, die die in Chicago geborene Pianistin im Laufe einer sehr langen Karriere, die bereits als Wunderkind in den 30er-Jahren begann, auf sich gezogen hat.
Seltsamerweise war die junge Tureck auch eine Verfechterin moderner Musik, und sie stellte im Jahre 1930 tatsächlich als erste Léon Thérémins elektronisches Keyboard in der Carnegie Hall vor. Aber letztlich wird Rosalyn Tureck mit der Musik von Bach assoziiert, da sie ihre einzigartige Spielweise der Werke dieses Komponisten gegen das Kommen und Gehen von Moden, aber auch gegen das Ungetüm der Bewegung der "historisch aufgeklärten Interpretation" verteidigt hat -- hierzu gehört auch ihre Überzeugung, dass Bachs Werke für Tasteninstrumente auf dem Klavier zu spielen sind (in einem berühmten Carnegie-Hall-Konzert gab sie die gesamten Goldberg-Variationen zweimal, einmal auf Cembalo und dann anschließend auf dem Klavier).
Die Goldberg Variationen sind ganz sicher Rosalyn Turecks endgültiger Prüfstein; von den sechs kommerziellen Aufnahmen, die sie während ihrer gesamten Karriere gemacht hat (die letzte wurde 1997 aufgezeichnet) entstand diese Aufnahme 1957 in den Abbey Road Studios und ist bestimmt die faszinierendste. Trotz der Nebengeräusche dieser Aufnahme sind die späten Fünfziger -- als auch die anderen Aufnahmen hier gemacht wurden -- hervorragende Tureck-Jahre. Die wesentliche Vision -- mit dem Markenzeichen der langsamen Tempi, die den Eindruck vermitteln, dass die Zeit stehen bleibt, die wundersame Klarheit der Linienführung, die tiefe geistige Konzentration -- ist hier zu finden, ebenso wie Turecks sprühende, exquisite Pointierung und erstaunliche Unabhängigkeit der Hände. Es ist weniger überraschend als es auf den ersten Blick erscheinen könnte, dass Turecks absoluter Widerpart Glenn Gould ihre Interpretationen so hoch gelobt hat. Und wenn es auch modernen Zuhörern als zu manieriert oder sogar zu pedantisch vorkommen mag, Turecks Geduld trägt Früchte bei den am stärksten verinnerlichten Variationen und am beeindruckendsten bei der Reprise der Aria -- oder in ihren eigenen Worten ausgedrückt "einen der erhabensten Momente der gesamten Musik". Dieses Set umfasst wunderbar gespielte Interpretationen der Partita BWV 831 und der Partita BWV und Duette aus Klavierübung wie auch eine überschwängliche Wiedergabe des Italian Concerto in F. Dies sind Leistungen, die man immer und immer wieder genießen möchte. --Thomas May