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4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Meisterhafte Darstellungen, 18. März 2002
Von Ein Kunde
Die "Sinfonia Pastorale" F-Dur op. 68 entstand etwa gleichzeitig mit der 5. Sinfonie c-moll op. 67 zwischen September 1807 und Juli 1808. Anton Schindler, der treue Adlatus Beethovens, erzählt, wie der Komponist ihm 15 Jahre später bei einem Spaziergang über die Dörfer, zwischen Heiligenstadt und Nußdorf, Einblick in die Entstehung des Werkes gab: "Das anmutige Wiesental durchreitend, das von einem ... sanft murmelnden Bache durchzogen und streckenweise mit hohen Ulmen besetzt war, blieb Beethoven wiederholt stehen und ließ seinen Blick voll von seligem Wonnegefühl in der herrlichen Landschaft umherschweifen. Sich dann auf den Wiesenboden setzend und an eine Ulme lehnend frug er mich, ob in den Wipfeln dieser Bäume keine Goldammer zu hören sei. Es war aber alles stille. Darauf sagte er: 'hier habe ich die Szene am Bach geschrieben und die Goldammer da oben, die Wachteln, die Nachtigallen und Kukuke haben mit komponiert'." Aber nicht nur die Natur war laut Schindler an der Entstehung der F-Dur-Sinfonie beteiligt, sondern auch die vorwiegend kroatischen Dorfmusikanten der Gegend zwischen Wien und Wiener Neustadt: "Im Gasthofe 'zu den drei Raben' in der 'vorderen Brühl' bei Mödling spielte seit langen Jahren eine Gesellschaft von sieben Mann. Diese war eine der ersten, die den vom Rheine gekommenen jungen Musiker die Nationalweisen der neuen Heimat unverfälscht hören ließ. Man machte gegenseitige Bekanntschaft und alsbald wurden für dieselben einige Partien 'Ländler' und andere Tänze komponiert..." Die Form des "Pastorale", des Schäferstückes, erfreute sich besonders im 17. und 18. Jahrhundert in fast allen Kunstarten außerordentlicher Beliebtheit. Auf musikalischem Gebiet sind einige davon in Verbindung mit Beethovens "Pastorale" von besonderem Interesse: Das programmatische Tongemälde von Abbé Vogler "Das vergnügte Hirtenleben, von einem Donnerwetter unterbrochen, welches wegzieht, und sodann die naive Freude darüber." Auch zwei Kompositionen des Stuttgarter Hofkapellmeisters Justinus Heinrich Knecht sind beachtenswert: ein dem Voglerschen Werk ähnliches Orgelstück und eine Sinfonie mit dem Titel "Portrait musical de la Nature" (1784). Beethoven wird mit ziemlicher Sicherheit zumindest diese Sinfonie gekannt haben, denn sie erschien bei Boßler in Speier, demselben Verlag, der ein Jahr zuvor Beethovens Kurfürstensonate veröffentlicht hatte. Beethoven allerdings schätzte solche Werke, wie das Opus des Stuttgarter Komponisten gar nicht. Auch wenn er tonmalerische Mittel keineswegs ausschloß, war ihm die bloße Imitation der Natur durch musikalische Mittel unzureichend. Seine Naturdarstellung sollte stilisierter Ausdruck seelischer Empfindungen beim Erlebnis des Landlebens sein. Sinfonie Nr. 5 c-moll, Opus 67 "So pocht das Schicksal an die Pforte!" Anton Schindler hat vor der Musikwelt die Überlieferung dieser Worte zu verantworten - und die Wirkung, die sie getan haben. War es eine der launig hingeworfenen Bemerkungen des Komponisten, die der wißbegierige Famulus aufgeschnappt hat? War es eine spontan augenblickliche Assoziation? Jedenfalls hat das Werk seither seinen Namen: Schicksalssinfonie. Und damit die "unfehlbare" Leitlinie zur Interpretation. Es dürfte das einzig bedeutsame Werk der Musikgeschichte sein, dessen innerer Gehalt auf Dauer derart von nebulöser Programmatik verschattet worden ist: Mißgedeutet als Begleitmusik zum "O ihr Menschen!" des Heiligenstädter testaments, als musikalischer Griff in den Rachen des Schicksals figuriert diese klassischste aller klassischen Sinfonien, preisgegeben der intentionell stets gleichen Darstellung - durch Nacht zum Licht, durch Kampf zum Sieg. Der kritische Partiturvergleich mit beinahe jeder x-beliebigen Aufführung erhellt das Gemeinte: Es werden ritardandi aufgepfropft, Kadenzen unheilschwer herausgewuchtet, "un poco" mit Vorliebe als "molto" übersetzt. Und Fermaten lesen sich wie die hochgezogenen augenbrauen dessen, der bis ins Unendliche sie auszuhalten sich müht. Man übersieht, daß Beethoven recht penibel bei Bezeichnung und Korrektur seiner Kompositionen verfuhr. Neu, einzigartig, unerhört ist der Ausschließlichkeitsanspruch des Motivs in der Sinfonie. Neu ist die Ausarbeitung eines musikalischen Prozesses "sui generis", der mit dem denkbaren rhythmisch-melodischen Minimum das Werk überspannt, nein: Thema des Werkes an sich ist - bis hin zu jener endlosen C-Dur-Coda, in der sich sämtliche Stadien, die das allgegenwärtige Viertonmotiv durchmessen hat, einfach entladen müssen. So lebt das "schicksalsträchtige" Allegro con brio ganz aus viertaktigen Zellen respektive deren Kompression auf Dreier-, Zweier- und Einer-Perioden. Sich selbst erschöpfend und dennoch die Substanz bereitstellend für drei weitere Prozeß-Abschnitte, ist dieses musikalische Abstraktum ein weit größeres Wunderwerk ordnenden Geistes als es die kompositorische Selbstbespiegelung eines vom Fatum geprüften Menschen je sein könnte - das Erschrecken darüber, daß es möglich ist, aus musikalischem Nichts eine musikalische Totale zu errichten, sitzt tiefer als die Anteilnahme am plakativ-nachvollziehbaren Programm. Günter Wand versteht es auf unnachahmliche Weise, die große Musik der Vergangenheit und Gegenwart spirituell zu durchdringen und ihr eine klingende Gestalt zu geben, die in ihrer Sinnhaftigkeit zugleich auch Gefühl und Sinne anzusprechen vermag.
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